[Rezension] Alisson Dickson: Die gefährliche Mrs Miller

Phoebe Millers Ehe ist am Ende. Sie verlässt ihr Haus nur noch selten, doch ihr fällt auf, dass seit einer Weile ein alter, rostiger Wagen in ihrer Straße steht. Sie fühlt sich beobachtet, doch warum sollte jemand ausgerechnet sie ausspionieren? Eines Tages zieht nebenan eine neue Familie ein – mit dem achtzehnjährigen Jake, von dem Phoebe sich von Anfang an angezogen fühlt. Die beiden kommen einander näher, und Phoebe achtet nicht mehr auf das verdächtige Auto. Damit aber bringt sie sich in höchste Gefahr …(Offizieller Klappentext)


Phoebe Miller ist das, was man einen klassischen Misanthropen nennt. Sie kann mit anderen Menschen nichts anfangen, ihren Mann Wyatt – seines Zeichens Psychotherapeut – kann sie sowieso nicht ausstehen und rausgehen tut die Tochter des berühmt-berüchtigten Daniel Noble höchst selten. Das alles kommt nicht von ungefähr, denn als Kind hatte sie vier verschiedene Mütter und ihr Vater hat sie vernachlässigt, wo es nur geht. Nur gut, dass er unlängst verstorben ist und ihr ein Millionenerbe hinterlassen hat. Die einzigen Sorgen, die sie hat, ist, dass Wyatt ihr einfach keine Ruhe lässt mit seinem Kinderwunsch – nachdem mehrere In-vitro-Befruchtungen nicht angeschlagen haben, kommt er jetzt mit der Idee, ein Kind zu adoptieren, na Dankeschön. Das ist ja noch besser, wenn jene Frau, die nach dem Frühstück bereits die erste Weinflasche köpft, auch noch ein Kind versorgen muss. Sorge Nummer zwei ist dieses verdammte Auto, das seit Wochen vor ihrem Haus steht. Einfach hingehen und fragen, was los ist? Nö, da müsste sie ja mit anderen Menschen interagieren. Und plötzlich findet sie dann doch gefallen an anderen Menschen, im speziellen an dem jüngst eingezogenen Nachbarsjungen, der bald nach Stanford geht – aber bis dahin ist er eine nette Ablenkung von diesem verdammten Auto.

Das ist bei Weitem nicht die ganze Handlung, denn nach rund 200 Seiten nimmt das Buch erst so richtig an Fahrt auf und die Frau, die im Auto vor dem Haus der Millers sitzt, übernimmt eine tragende Rolle – das muss sie, denn sie hat einen Mord begangen. Und um sich zu tarnen, veranstaltet sie eine Scharade sondergleichen. Denn Phoebe Miller ist am Ende des ersten von insgesamt zwei Teilen plötzlich tot, und Nadia, wie die Frau aus dem Auto heißt, will nicht nur den Täter finden – viel Auswahl bleibt bei insgesamt sechs Charakteren nicht –, sie nutzt die Chance kurzerhand dafür, sich eine neue Identität zuzulegen – nämlich die von Phoebe Miller.

„Die gefährliche Mrs Miller“ ist kein Buch, bei dem einem auf den ersten Seiten gleich eine Leiche entgegenfliegt, nein, es dauert eine Weile, bis hier letztlich ein Hybrid aus Psycho- und Whodunit-Thriller entsteht. Aber die ersten 200 Seiten, in denen wir eher einen Roman in Händen halten, sind eminent wichtig für den ganzen Rest. Wie (die echte) Phoebe sich mit der Mutter von Jake anfreundet, wie sie mit Jake eine Affäre beginnt, wie sie durch den Einzug der neuen Nachbarn endlich wieder zu leben beginnt. Und auch die Geschichte der Nachbarn ist wichtig. Die kriselnde Ehe, Geldprobleme – und den ganz eigenen Problemen von Jake sowieso. Das Buch zeigt auch auf, dass Reichtum nicht alles ist und dass reiche Menschen ganz irdische Probleme haben – nur dass das Bankkonto etwas praller gefüllt ist. Zwischendurch gibt es immer wieder kürzere Intermezzo-Kapitel, im ersten Teil aus der Sicht von Nadia — im zweiten Teil aus Sicht des/der Mörder*in von Phoebe.

Als ich den Klappentext von „Die gefährliche Mrs Miller“ gelesen habe, war ich sofort hin und weg. Und als das Buch dann genau das hielt, was der Klappentext versprochen hat, war ich restlos begeistert. Es ist nicht nur interessant, sondern ab einem gewissen Zeitpunkt auch irrsinnig spannend. Wenn ich nicht noch andere Interessen hätte, hätte ich vermutlich ganzen Tag gelesen. Und auch wenn das Ende nicht allzu befriedigend war, war „Die gefährliche Mrs Miller“ eines meiner Highlights in diesem Jahr. Ich hoffe, von Alisson Dickson kommt bald mehr.

Daten zum Buch 

Autor: Alisson Dickson
Titel: Die gefährliche Mrs Miller
Originaltitel: The Other Mrs Miller
Übersetzung: Ulrike Seeberger
Seiten: 384
Kapitel: 26 Kapitel exkl. Intermezzi + Epilog
Erschienen am: 8. Dezember 2020
Verlag: Aufbau Taschenbuch
ISBN: 978-3-7466-3616-0
Preis Print: 9,99 Euro
Preis Digital: 3,99 Euro
(Preise können abweichen)

[Rezension] James Patterson / Brendan DuBois: Die Frau des Präsidenten

Der US-Präsident hat eine Affäre. Als der Skandal mitten im Wahlkampf öffentlich wird, stehen Präsident Tucker und sein Regierungsstab im Kreuzfeuer. Um wiedergewählt zu werden, braucht der Staatschef die First Lady an seiner Seite. Grace Tucker aber hat nicht vor, weiter die Vorzeigegattin für ihren untreuen Ehemann zu spielen. Zutiefst verletzt verlässt sie Washington – und verschwindet spurlos. Secret-Service-Agentin Sally Grissom soll die First Lady aufspüren und zurückbringen. Doch ist diese freiwillig untergetaucht? Oder befindet sich die Frau des Präsidenten in viel größerer Gefahr als gedacht? (Offizieller Klappentext)


Mal ein Politthrilller – oder so ähnlich. James Patterson ist sowieso eine Bank, was das Schreiben betrifft. Und trotzdem habe ich eine Ewigkeit nichts mehr von ihm gelesen – da war es jetzt höchste Zeit, vor allem bei dem Titel, dem Cover (dazu später mehr), und dem Klappentext. Der Name Brendan DuBois sagte mir hingegen vorher nichts – er sollte mir in guter Erinnerung bleiben.

Die First Lady der USA ist also fort, weil der Präsident schon seit einiger Zeit  eine andere vögelt. Dass das just vier Wochen vor der Wahl rauskommt, ist natürlich suboptimal für seine Wiederwahl — und für seine Ehe sowieso. Jetzt beauftragen der Präsident und sein Stabschef Parker Hoyt die Secret-Service-Agentin Sally Grissen, die First Lady zu finden. Die weigert sich zunächst – erst nachdem Hoyt ihr persönliche Maßnahmen androht, macht sie sich mit ihrem Team auf die Suche. Unter größtmöglicher Geheimhaltung. Es ist also eher Zwangsarbeit, die sie verrichtet. Aber nicht nur das, Hoyt beauftragt auch noch eine Scharfschützin, die die First Lady töten soll – nur so ist die Wiederwahl von Harrison Tucker gesichert

Die US-Wahl ist ja durchaus ein aktuelles Thema, nur heißt es in „Die Frau des Präsidenten“ nicht STOP THE COUNT, sondern FIND MY WIFE, auch wenn Mr. President lieber mit der jüngeren Tammy Doyle im Bett liegt. Tucker selbst ist das genaue Gegenteil von Trump, er erinnert mich eher an Pete Buttigieg, der dieses Jahr bei den US-Vorwahlen für die Demokraten antrat. Aber ehrlich gesagt steht der Präsident im Buch nicht im Mittelpunkt des Geschehens.

Es gibt drei Handlungsstränge, die sich Sally Grissom, Parker Hoyt und die Scharfschützin Marsha Gray teilen. Die Handlung ist durch und durch spannend, wenn ich nicht gesundheitlich angeschlagen gewesen wäre, wäre ich auch eine Woche früher fertig gewesen – aber egal. Politik spielt in dem Buch eigentlich kaum eine Rolle, man erfährt aber einiges über die First Lady und wie sie sich für Kinder einsetzt. Das ist rührend und macht Grace Fuller Tucker, wie sie mit vollem Namen heißt, menschlich. Auch Sally Grissom und ihre Familiengeschichte weiß durchaus zu rühren. Und Parker Hoyt? Der ist Machiavellist durch und durch, der würde über Leichen gehen für den Erfolg seines direkten Vorgesetzten, dem Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, dessen Stabschef er ist. Damit bildet er einen starken Kontrast zu den zwei Frauen. Die Charaktere stehen somit klar im Vordergrund. Und es sind gut gezeichnete Charaktere, jeder Einzelne ist willensstark und durchsetzungsfähig.

Nur einen Charakter, der im Showdown auftaucht, habe ich nicht verstanden: Einen Hubschrauberpilot, der seinen Auftrag plötzlich abbricht. Den hätte man auch weglassen können, denn die Szene bringt dem Buch keinerlei Mehrwert. Was auch noch Erwähnung finden sollte, ist das Buchcover, das mir persönlich zu martialisch ist, und die Handlung keineswegs widerspiegelt. Auch hat das in Flammen stehende Gebäude darauf – der US-Kongress – nichts mit dem Inhalt zu tun. Der Kongress spielt mit keiner Silbe eine Rolle.

Daten zum Buch 

Autor: James Patterson & Brendan Dubois
Titel: Die Frau des Präsidenten
Originaltitel: The First Lady
Übersetzung: Peter Beyer
Seiten: 416
Kapitel: 90
Erschienen am: 16. November 2020
Verlag: Goldmann
ISBN: 978-3442491124
Preis Print: 10 Euro
Preis Digital: 9,99 Euro
(Preise können abweichen)

[Rezension] Karen Perry: Girl Unknown – Schwester? Tochter? Freundin? Feindin?

Da steht sie in meinem Büro. Bis vor wenigen Tagen dachte ich, sie wäre nur eine Studentin von mir, doch jetzt ist sie wesentlich mehr – nämlich meine Tochter. Das behauptet sie zumindest. Völlig schüchtern und unsicher, so zerbrechlich war sie, als sie es mir in meinem Büro an der Uni eröffnete, die Bombe platzen ließ. Die Druckwelle war enorm, erschütterte alles rund um mich. Doch ich stellte mich der Herausforderung und akzeptierte sie als meine Tochter. Meine Frau nicht.
Ich kann sie nicht leiden, sie spielt ein falsches Spiel, das spüre ich – sie will einen Keil zwischen David und mich treiben. David gegenüber tritt sie immer so schüchtern auf, doch wenn ich mit ihr alleine bin, ist sie eiskalt. Sie muss weg, sonst geht diese Familie zugrunde… Weiterlesen