[Rezension] Juli Zeh: Über Menschen

Dora ist mit ihrer kleinen Hündin aufs Land gezogen. Sie brauchte dringend einen Tapetenwechsel, mehr Freiheit, Raum zum Atmen. Aber ganz so idyllisch wie gedacht ist Bracken, das kleine Dorf im brandenburgischen Nirgendwo, nicht. In Doras Haus gibt es noch keine Möbel, der Garten gleicht einer Wildnis, und die Busverbindung in die Kreisstadt ist ein Witz. Vor allem aber verbirgt sich hinter der hohen Gartenmauer ein Nachbar, der mit kahlrasiertem Kopf und rechten Sprüchen sämtlichen Vorurteilen zu entsprechen scheint. Geflohen vor dem Lockdown in der Großstadt muss Dora sich fragen, was sie in dieser anarchischen Leere sucht: Abstand von Robert, ihrem Freund, der ihr in seinem verbissenen Klimaaktivismus immer fremder wird? Zuflucht wegen der inneren Unruhe, die sie nachts nicht mehr schlafen lässt? Antwort auf die Frage, wann die Welt eigentlich so durcheinandergeraten ist? Während Dora noch versucht, die eigenen Gedanken und Dämonen in Schach zu halten, geschehen in ihrer unmittelbaren Nähe Dinge, mit denen sie nicht rechnen konnte. Ihr zeigen sich Menschen, die in kein Raster passen, ihre Vorstellungen und ihr bisheriges Leben aufs Massivste herausfordern und sie etwas erfahren lassen, von dem sie niemals gedacht hätte, dass sie es sucht. (Offizieller Klappentext)


Was ist denn da los? Ein Roman auf dem Krimisofa? Ja. Weil ich Lust auf Juli Zehs neues Buch hatte. Da mir 18 Euro für das eBook zu viel waren, habe ich bei Luchterhand ein Rezensionsexemlar angefordert. Aber das ist eine andere Geschichte.

Mein erstes Buch von Juli Zeh war „Neujahr“, ein beklemmendes Buch, das Urängste in mir wachgerufen haben. Zwei Kinder, deren Eltern plötzlich weg sind und die auf sich selbst gestellt sind. Ein zeitloses Szenario – „Über Menschen“ ist komplett anders. Erschreckend aktuell. Irrsinnig politisch. Es menschelt in „Über Menschen“. Dora, die vor ihrem sich radikalisierenden Freund Robert flüchtet, weil sie seine Corona-Tiraden nicht mehr aushält. Plötzlich ist Corona überall, alles ist schlecht – so wie unser Leben 2020 eben war. Sie flüchtet davor, weil sie nichts mehr mit diesem Scheiß zu tun haben will. Das fühlt sich privilegiert an und ist es wahrscheinlich auch – denn wie viele von uns haben ein Haus am Land in der Hinterhand? Vermutlich die wenigsten.

Doch am Land hat sie eine ganz andere Herausforderung: Ihren Nazi-Nachbarn Gote, der Ausländer hasst und trotzdem ein Herz hat. Oder ihr anderer Nachbar Tom, der AfD wählt, weil er sich alleingelassen fühlt von den Politikern der anderen Parteien. Von der Bundesregierung und deren Politikern, die sich als Übermenschen gerieren und über Menschen regieren. Top-down-Politiker, die sich volksnah geben, aber realitätsfern agieren. Aber muss man deshalb eine menschenverachtende Partei wählen, deren Funktionäre nichts anderes im Sinn haben als ihren eigenen Vorteil? Für Deutschland ist Rechtspopulismus etwas Neues – in Österreich ist man da weiter. Die FPÖ – gewissermaßen das österreichische Pendant zur AfD – war zweimal in der Bundesregierung und ist genau so oft gescheitert. Das aktuelle Reizwort heißt Ibiza. Das Reizwort in „Über Menschen“ hingegen hat ebenfalls etwas Geografisches an sich – es lautet nämlich Raumforderung.

Wie geht man mit Menschen um, die so eine Partei – wenn auch „nur“ aus Protest – wählt? Diese Frage stellt das Buch. Wie geht man mit etwaigen Geschenken von solchen Menschen um? Nimmt man sie an? Bedankt man sich? Dora hadert sichtlich mit diesen Fragen, weil sie mit dieser Ideologie so gar nichts anfangen kann. Sie ist hierher geflüchtet, weg von einem – brutal, aber wahr – Gutmenschen, direkt in die Arme von Nazis zu Schlechtmenschen. Wie geht man damit um? Und dann kommt ein harter Cut, wo es um wesentlich wichtigere Dinge als Politik und Ideologie geht. Es geht um Menschlichkeit, in einer ergreifenden Tonart, die an einen Fredrik Backman erinnern lässt, wo Worte Gänsehaut erzeugen und Tränen fließen lassen. Weil manche Dinge eben wichtiger sind als eine beschissene Weltanschauung.

Gleichzeitig ist „Über Menschen“ herrlich entschleunigt. Zeh malt mit ihren Worten wunderbar-beruhigende Landschaften. Saftige Wiesen. Menschenleere Wege. Kaum Autos. Kaum Menschen. Am liebsten wäre ich ins Buch gestiegen und hätte mich in die Frühlingssonne gesetzt. Ich habe „Über Menschen“ gerne gelesen – dieses Jahr –, letztes Jahr hätte ich es wegen des Corona-Contents vermutlich nicht gelesen. Rückblickend ist dieses Buch 18 Euro wert. Wahrscheinlich sogar mehr.

Daten zum Buch 

Autor: Juli Zeh
Titel: Über Menschen
Seiten: 416
Kapitel: 50
Erschienen am: 22. März 2021
Verlag: Luchterhand
ISBN: 978-3630876672
Preis Print:21,59 Euro
Preis Digital: 17,99 Euro
(Preise können abweichen)

Rezensionsexemplar

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