[Rezension] Mo Ruby: Abi 95

Auf dem Friedhof einer westerwälder Kleinstadt findet man bei Erdarbeiten die Leiche einer jungen Frau, die seit ihrem Abiball im Jahr 1995 vermisst wird. Clara Friedrichs, Anwältin und kleine Schwester der ehemals besten Freundin der Toten, reist zur Bestattung an den Ort ihrer Jugend, wo sie erstmals seit 25 Jahren wieder auf die ehemaligen Mitschüler trifft. Zusammen mit dem Journalisten Veit Windeck begibt sich Clara auf Spurensuche in der Vergangenheit und muss schnell erkennen, dass ihr eigenes Schicksal eng mit den damaligen Ereignissen verwoben ist.

Was geschah tatsächlich in der Nacht des Abi-Balls? Warum ist das Verhältnis zu ihrer Schwester seit diesem verhängnisvollen Abend so gestört? Und warum scheint keiner der damaligen Mitschüler ein ernsthaftes Interesse an der Aufklärung des rätselhaften Falles zu haben? (Offizieller Klappentext)


1995 war ich die meiste Zeit neun Jahre, also noch keine Rede von Abi. An konkrete Ereignisse aus dem Jahr kann ich mich nicht erinnern. Dennoch habe ich die 1990er in guter Erinnerung, was auch der Grund war, warum ich Mo Rubys Rezensionsanfrage innerhalb kurzer Zeit mit Ja beantwortet habe. Ich habe ein Buch erwartet, in dem man immer wieder ins Jahr 1995 zurückreist, und das passiert auch – zumindest im ersten von insgesamt vier Teilen.

Der Journalist Veit Windeck vom „Westerwälder Tagesboten“ bekommt von seinem Chef das Bild einer Leiche, die ein Friedhofswärter ausgebuddelt hat, als dieser ein Grab ausheben wollte, in die Hand gedrückt. Er soll herausfinden, was es damit auf sich hat, warum sie dort lag, und wer sie ist. Wer das rund 20-jährige Mädel ist, kommt schnell heraus, denn die Tote war stadtbekannt. Susanna war eine Schönheit und konnte jeden haben, und genau das nutzte sie auch aus.

Clara ist die zweite Protagonistin. Sie hat es geschafft. Top-Job, Top-Klamotten, Top-Leben – denkste. Tatsächlich hat sie ihren Job und ihren Mann gerade vor ein paar Tagen verloren. Um sich abzulenken, besucht sie ihre Schwester Frederike, mit der sie früher ziemlich dicke war – bis Frederike sie verraten hat, als sie von Daheim auszog. Seitdem besteht eine gewisse Distanz zwischen ihnen. Tatsächlich ist da noch wesentlich mehr zwischen ihnen.

Ich denke, jeder hatte dieses eine Mädel oder diesen einen Jungen in der Schule, die oder der einfach jeden haben konnte. Deshalb wird sich vermutlich jeder von uns mit dem Setting des Buches identifizieren können. Das allein, plus der Spannungsbogen, der direkt im kurzen Prolog gespannt wird, müsste reichen, um den Leser an das Buch zu fesseln. Abgesehen davon ist das Buch eine Zeitreise, denn dieses Buch atmet die 1990er – auch wenn der Haupt-Plot im coronafreien 2019 spielt. Ich hatte einen unglaublichen Spaß mit dem Buch, vor allem, weil man direkt im Prolog auch den passenden Soundtrack in die Hand gedrückt bekommt – R.E.M. Ich habe ab dann R.E.M rauf und runter gehört und es passt zu diesem Buch wie der viel zitierte Arsch auf den Eimer – zumindest bis zur Hälfte des Buches.

Während es im ersten Teil um das Wie und Warum geht, wird das Buch im zweiten Teil zum Whodunit-Thriller. Denn am Ende des ersten Teils gibt es einen neuen Mord und einen Suizid. Es gibt keine Rückblenden mehr und Clara arbeitet nun mit dem Journalisten Windeck daran, die ganzen Todesfälle aufzuklären  – nachdem sie gemeinsam in der Kiste waren. Der zweite Teil wirkt fast wie ein anderes Buch, die erste Leiche rückt in den Hintergrund. Klar gehört alles irgendwie zusammen und es passt auch irgendwie, aber irgendwie dann auch wieder nicht. Dann gibt es noch einen dritten Teil, den man eigentlich auch in den zweiten integrieren hätte können, und schließlich gibt es noch einen vierten Teil, der überhaupt nur aus einem Kapitel besteht – äh, okay?!

Ruby baut sich im ersten Teil eine wunderbare Handlung mit viel Atmosphäre auf, um es im zweiten, dritten und vierten Teil wieder ein bisschen zu zerstören. Das ist schade, denn der erste ist grandios, damit füttert man Leser für potentielle weitere Bücher an, weil vermutlich nicht nur bei mir eine Menge Erinnerungen aus der Vergangenheit hochkommen; und damit verbundene Emotionen. Und wenn eines ein Türöffner und Quotenbringer ist, dann Emotionen. Ich hatte dennoch Spaß mit dem Buch, weil der Schreibstil zum Weiterlesen animiert, aber die Aufbereitung finde ich etwas unglücklich.

Daten zum Buch 

Autor: Mo Ruby
Titel: Abi 95
Seiten: 377
Kapitel: 114
Erschienen am: 17. Januar 2021
Verlag: –;
ASIN :B08T9S4CJ5

Rezensionsexemplar

[Rezension] Kendra Elliot: Die verschollene Schwester (Columbia River – Band #1)

Vor zwanzig Jahren wurde Emily Mills’ Vater brutal ermordet. Dass der Mörder gefasst wurde, ist kaum ein Trost, denn die Tragödie trieb Emilys Mutter in den Selbstmord und ihre ältere Schwester Tara verschwand über Nacht aus der Stadt.
Als ein Mord mit ganz ähnlicher Handschrift geschieht, ist Emily wieder die Erste am Tatort. Zufall? Agent Zander Wells vom FBI ermittelt. Fasziniert von der zerbrechlichen Emily, taucht er tief in die Geschichte ihrer Familie und die dunklen Geheimnisse der kleinen Stadt ein. Mit lebensgefährlichen Folgen … (Offizieller Klappentext)


Zander Wells ist FBI-Agent in Portland, USA. Gemeinsam mit seiner Kollegin, von der er einmal etwas wollte, die aber demnächst jemand anderen heiraten wird, wird er in ein kleines Kaff gerufen, in dem schon vor 20 Jahren jemand aufgehängt wurde. Jepp, aufgehängt, das klingt nach grauer Vorzeit, in denen Menschen öffentlichkeitswirksam am Galgen ihren Tod fanden. Vor 20 Jahren fand Emilys Vater so seinen Tod, kurz später suizidierte sich auch noch ihre Mutter – und um die Tragödie perfekt zu machen, verschwand ihre ältere Schwester Tara auch noch spurlos. Seitdem wohnt Emily mit ihrer Schwester Madison bei ihren drei Großtanten, die so chaotisch wie Tick, Trick und Track sind – aber ebenso liebenswert. Emily fand das nun getötete Ehepaar Sean und Lindsay. Sean war schwarz und hat ein bekanntes Zeichen des Ku-Klux-Klan in die Stirn geritzt. Ein Mord mit rassistischem Hintergrund oder lediglich ein Ablenkungsmanöver? Zander Wells und seine Kollegin Ava McLane stehen vor einer kniffligen Aufgabe.

Diese – zumindest im deutschsprachigen Raum – neue Reihe von Kendra Elliot ist ein Spin-off der sehr erfolgreichen und mir trotzdem unbekannten Callahan-&-McLane-Reihe, in der Zander Wells offenbar ein paar Auftritte hat. Und ich habe mich während des Lesens gefragt, warum man fast nichts über Ava erfährt – dafür muss man wohl die oben genannte Reihe lesen. Das ist clever gedacht von Elliot und ihre Stammleser werden dem bestimmt nachkommen – ich allerdings mit ziemlicher Sicherheit nicht.

Das Buch fängt zwar flott und spannend an, und die Familiengeschichte von Emily, Madison und deren Großtanten ist auch interessant – aber die Geschichte wird irgendwann träge und beliebig. Austauschbar. Man kann das Buch schon lesen und es wird durch eine ausgeklügelte Denkweise seitens Kendra Elliot, die auch Psychothriller-Elemente einbaut, nahezu unmöglich, diesen Fall als Leser zu lösen. Das ist schon stark gemacht von der Autorin, aber die Geschichte an sich bietet durch die Charaktere und die Machart abseits von der Auflösung nicht viel Neues.

Was mir ebenfalls etwas sauer aufgestoßen ist, ist, dass die ganzen jüngeren Frauen im Buch alle durchgängig attraktiv und hübsch sind – über die Männer und deren Optik äußert sich Elliot gar nicht. Geschlechtergerechtigkeit perdu, und das im 21. Jahrhundert. Das erinnert schwer an Honeymoon von Harlan Coben, nur dass dessen Buch aus den 1980ern stammt. Das hätte man durchaus moderner gestalten können.

Die Dorfidylle hat allerdings etwas für sich, Gerüchte über einen rassistisch motivierten Mord passen perfekt in solch ein Setting. Auch das Diner, das Emily mit ihrer Schwester betreibt, ist durchaus stimmig und die Familiengeschichte mit der riesigen Villa, in der die drei Großtanten mit ihren Großnichten wohnen und um die sich einige Mythen ranken, verströmt etwas Gruseliges. Das passt alles ganz gut, und trotzdem will nie wirklich eine richtige Atmosphäre aufkommen. Vielleicht kommt die in den nächsten Teilen – es gibt bereits vier, allerdings wurde bis jetzt nur der erste ins Deutsche übersetzt –, hier will es nicht wirklich gelingen.

Daten zum Buch 

Autor: Kendra Elliot
Titel: Die verschollene Schwester
Originaltitel: The Last Sister
Übersetzung: Astrid Becker
Seiten: 373
Kapitel: 39
Erschienen am: 9. Februar 2021
Verlag: Edition M
ISBN: 978-2496705041
Preis Print: 7,99 Euro
Preis Digital: 2,49 Euro
(Preise können abweichen)

Rezensionsexemplar