[Rezension] Claire Douglas: Beste Freundin – Niemand lügt so gut wie du

Als Kinder waren Jess und Heather die allerbesten Freundinnen. Sie teilten alles miteinander. Bis ein einziger Tag ihre Freundschaft unwiderruflich zerstörte. Jahre später kehrt Jess in ihre idyllische Heimatstadt an der Küste Englands zurück. Dort soll sie die Berichterstattung zu einem brutalen Doppelmord übernehmen. Doch als Jess erfährt, dass Heather die Hauptverdächtige ist, ist sie fassungslos. Kann ihre beste Freundin von damals eine eiskalte Mörderin sein? Jess beginnt zu recherchieren und stellt mit Grauen fest, dass alle Hinweise zu dem Tag führen, den sie für immer aus ihrem Leben streichen wollte. Der Tag, an dem Heathers Schwester spurlos verschwand und sie alle ins Unglück stürzte …(Offizieller Klappentext)


Claire Douglas hat seit ihrem ersten Buch „Missing“ einen Stammplatz auf meiner Leseliste – ihre Bücher sind spannend, gut durchdacht und nie langweilig. Sie erscheinen jährlich, somit hab ich einmal im Jahr einen Jour fixe mit ihr. So auch jetzt wieder – und selten habe ich dieses Meeting mit ihr weniger bereut als dieses Jahr.

Jess ist erst kürzlich mit ihrem Freund Rory von London nach Bristol gezogen. In London hat sie bei einer großen Tageszeitung als Journalistin gearbeitet, bis sie dort gefeuert wurde, weil sie unredliche Dinge getan hat. Jetzt arbeitet sie bei einer Zeitung, die nur zweimal die Woche erscheint. Bristol ist ihr allerdings nicht unbekannt, sie hat ihre Kindheit und Jugend dort verbracht und war zwei Jahre mit der sich nun im Koma befindlichen und mutmaßlichen Doppelmörderin Heather befreundet. Sie war lebhaft und hat die introvertierte Heather damals mitgerissen. Dass sie zwei Menschen ermordet und sich dann selber richten wollte, kann sich Jess nicht vorstellen – andererseits kann in 18 Jahren, in denen sich die zwei nicht gesehen haben, vieles passieren. Und so recherchiert Jess, bis sie irgendwann abwägen muss, ob sie nicht zu befangen ist. Sie muss sich zwischen ehemals bester Freundin und Job entscheiden.

Tatsächlich könnte man „Beste Freundin“ fast als Autobiographie bezeichnen. Claire Douglas war früher selber Journalistin und hat in Bristol gelebt. Ihr neuester Psychothriller kann also sowohl mit Know How als auch Ortskenntnissen aufwarten. Nur Tilby, das Örtchen, in dem Heather gemeinsam mit ihrer Mutter Margot – die selber ihre Kapitel bekommt, dazu später mehr – auf einem Campingplatz lebt, den ihre Mutter betreibt, gibt es in der Realität nicht. Zwischen der Kapitel von Jess und Margot gibt es auch immer wieder Rückblicke ins Jahr 1994, als Flora – Heathers um zwei Jahre ältere Schwester – unsterblich in den damals 19-jährigen Schausteller Dylan verliebt war. Heather war damals die überbehütende jüngere Schwester von Flora, die immer auf ihre Schwester acht gegeben hat – bis diese just in dem Sommer 1994 spurlos verschwand. Bis heute ist unklar, wo sie ist, oder ob sie noch lebt.

Das Bemerkenswerte an „Beste Freundin“ ist, dass es nicht in der Jetztzeit spielt, sondern 2012. Unklar ist, warum Claire Douglas gerade dieses Jahr gewählt hat, allerdings ist es auch völlig irrelevant für die Handlung, die durchgehend spannend ist und dessen flotter Schreibstil zum Weiterlesen animiert. Das Buch lädt auch zum miträtseln an, denn es ist keineswegs klar, dass Heather diesen Doppelmord begangen hat. Dazu kommt, dass sich Jess ständig verfolgt fühltund zirka ab der Hälfte auch noch elementaren Zoff mit ihrem Freund Rory hat.

Der Zoff wäre allerdings nicht wirklich notwendig gewesen, vor allem weil er sich wie ein Schatten über den ohnehin düsteren Plot legt. Genau so wenig hätte es meiner Meinung nach den Erzählstrang von Margot gebraucht, der sich mit dem von Jess abwechselt und meiner Meinung nach keinen wirklichen Mehrwert bietet – allerdings schadet er der Handlung auch nicht. Wesentlich interessanter fand ich die kursiven und sehr kurzen Kapitel der komatösen Heather, an der gewissermaßen das Leben vorbeizieht. Claire Douglas bietet mit „Beste Freundin“ gewohnt hohes Niveau, und ich freue mich jetzt schon auf den Jour fixe im nächsten Jahr.

Daten zum Buch 

Autor: Claire Douglas
Titel: Beste Freundin – Niemand lügt so gut wie du
Originaltitel: Then She Vanishes
Übersetzung: kA
Seiten: 496
Kapitel: 53
Erschienen am: 13. April 2021
Verlag: Penguin
ISBN: 978-3328105473
Preis Print: 12,76 Euro
Preis Digital: 9,99 Euro
(Preise können abweichen)

Rezensionsexemplar

[Rezension] Julie Clark: Der Tausch – Zwei Frauen. Zwei Tickets. Und nur ein Ausweg.

New York, Flughafen JFK: Claire soll nach Puerto Rico reisen, um ihren Mann, einen ehrgeizigen Politiker, beim Wahlkampf zu unterstützen. Doch in Wahrheit will sie nichts als fliehen – vor seinen gewalttätigen Übergriffen und der lückenlosen Kontrolle, die er über sie ausübt. Sie kommt mit Eva ins Gespräch, die bei ihrem schwerkranken Mann Sterbehilfe geleistet hat. Zu Hause in Kalifornien erwartet sie die Polizei. Innerhalb weniger Sekunden beschließen sie, die Bordkarten zu tauschen und sich gegenseitig ein neues Leben zu schenken.

Erleichtert landet Claire in Kalifornien. In Evas Haus gibt es allerdings keine Hinweise auf einen Ehemann. Dann erfährt sie, dass das Flugzeug nach Puerto Rico abgestürzt ist. Und kurz darauf entdeckt sie die vermeintlich abgestürzte Eva in einer Fernsehreportage über das Unglück. Lebendig. Hat sie die Flucht in das Leben einer Anderen am Ende doch nur in eine Falle gelockt? (Offizieller Klappentext)


Claire hat in die Cook-Familie eingeheiratet, eine Familie, die mit den JFKs vergleichbar ist. Sie hat einen Abschluss in Kunstgeschichte und hat bei traditionsreichen Auktionshaus Christie’s gearbeitet. Heute will sie nur noch weg, sie hält die Tyrannei ihres Mannes Rory, der die Tage seine Kandidatur für den Senat bekannt geben will, nicht mehr aus. Sie hat alles organisiert, um sich ein neues Leben aufzubauen – neuer Pass, neuer Führerschein, neue Sozialversicherungsnummer –, doch dann kommt alles anders und sie muss alle Pläne umschmeißen und neu disponieren, denn plötzlich heißt ihr Ziel nicht mehr Detroit, sondern Puerto Rico. Als sie am Flughafen von Eva angesprochen wird, die ihr von ihrem Mann, dem sie vom Leiden erlöst und Sterbehilfe geleistet hat, ändern sich die Pläne noch mal – sie tauschen kurzerhand die Flugtickets und Claire nimmt Evas Identität an. Nun lebt sie in Berkeley, Kalifornien. Doch Eva hat ihr eine falsche Geschichte erzählt, und möglicherweise ist Claire vom Regen in die Traufe gekommen.

Das Cover von „Der Tausch“ erinnert schwer an das von Karen Hamiltons „Perfect Girlfriend“ – der Inhalt wiederum hat mich an „Golden Cage“ von Camilla Läckberg erinnert. Ich will nicht sagen, dass „Der Tausch“ ein feministischer Thriller ist, aber Männer kommen darin nicht wirklich gut weg. Sie werden entweder als dominant, brutal oder einfach als vernachlässigend bzw. überflüssig dargestellt. Das könnte mich als Mann jetzt ärgern, ich könnte eine Hasstirade gegen die Autorin starten – das tue ich aber nicht, weil Clark das alles sehr gut und nachvollziehbar darstellt. Ich bin mir sicher, dass bei den oberen Zehntausend häusliche Gewalt oft vorherrscht. Genau wie bei den unteren Zehntausend und den mittleren Zehntausend und allen anderen Gesellschaftsschichten. Gerade momentan, seit Corona und den ganzen Lockdowns ist das ein Thema. Das Buch ist also dahingehend am Puls der Zeit.

Nicht so am Puls der Zeit ist die Lösung, die die Autorin anbietet, denn einfach abhauen und sich ein neues Leben aufbauen, ist momentan nur schwer drin. Und auch sonst wäre es schwer. Wer würde schon alle Zelte abreißen, seine Freunde, Familie zurücklassen und seinen Tod vortäuschen? Ich wüsste nicht mal, wie man sich einen neuen Pass organisiert. Aber die Thematik ist definitiv eine interessante.

Dazu kommt, dass Julie Clark die Geschichte gut konstruiert und nicht nur Claires Sicht zeigt – Sie gibt auch Eva genügend Raum und erzählt, warum sie eigentlich untertauchen will. Dafür reisen wir in ihren Kapitel in der Zeit ein paar Monate zurück und erfahren, dass sie Drogen hergestellt und verkauft hat. Während Claires Kapitel im Präsens spielen, spielen Evas im Präteritum. Und diese Kapitel, die immer im Wechsel zwischen Eva und Claire spielen, sind so rasant und interessant, dass man kaum aufhören kann zu lesen. Dieses Buch wird völlig zurecht gehyped.

Daten zum Buch 

Autor: Julie Clark
Titel: Der Tausch – Zwei Frauen. Zwei Tickets. Und nur ein Ausweg
Originaltitel: The Flight
Übersetzung: Gabriele Burkhardt
Seiten: 400
Kapitel: 45
Erschienen am: 11. Januar 2021
Verlag: Heyne
ISBN: 978-3453424975
Preis Print: 12,75 Euro
Preis Digital: 9,99 Euro
(Preise können abweichen)

Rezensionsexemplar

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