[Rezension] Mel Wallis de Vries: Himmel oder Hölle?

Danielle lernt im Skiurlaub mit ihren Freundinnen den gut aussehenden Dante kennen. Der Student spielt ihrer Meinung nach in einer ganz anderen Liga, und dennoch scheint er sich für sie zu interessieren.

Zurück in Amsterdam kann Danielle ihr Glück kaum fassen, als ihr Dante zufällig wieder über den Weg läuft. Doch gerade als die beiden sich näherkommen, entdeckt sie Dantes dunkles Geheimnis: Seine letzte Freundin Florence wurde ermordet, und ausgerechnet Dante war der Hauptverdächtige. Kann Danielle ihm wirklich vertrauen? (Offizieller Klappentext)


Mel Wallis de Vries. Ein Name wie ein Gedicht – würde ich sagen, wenn ich Ahnung von Gedichten hätte. So ist es einfach nur ein niederländischer Name. De Vries schreibt Thriller für Jugendliche und solche, die es geblieben sind. Ihre Bücher sind alle sehr kurz, keines hat 300 Seiten, und die Titel sind alle sehr verspielt und hören auf Namen wie „Schnick, schnack, tot“, „Mädchen versenken“ oder ihr Aktuelles: „Himmel oder Hölle?“. Die Bücher sind einzeln lesbar, auch wenn die Cover, die alle einen ähnlichen Stil haben, etwas anderes suggerieren“.

Danielle ist ein 17-jähriges Mädchen, das nicht so ganz mit ihrem Leben zufrieden ist. Ihre Eltern lassen sich gerade scheiden, ihre Beziehung mit Stan ging ebenfalls in die Brüche, und Selbstbewusstsein ist auch nicht gerade ihre Paradedisziplin. Zu Beginn des Buches befindet sie sich mit ihren Freundinnen Robin, Loulou und Madelief im österreichischen Kaff Gerlos zum Skifahren. Die ranzige Unterkunft, die Danielle gebucht hat, lässt ihre Freundinnen nicht gerade in Euphorie ausbrechen. Jeder nörgelt herum, nur Madelief dürfte schon etwas reifer sein und glänzt durch Rationalismus. Dann lernt Danielle Dante kennen – und lieben. Allein dafür hasst sie die ach so perfekte Loulou. Danielle versteht selbst nicht, was Dante an ihr findet, sie findet sich nicht besonders hübsch – und fett findet sie sich ebenfalls. Aber der 21-jährige verzaubert sie und zeitweise glaubt sie, dass er in sie hineinblicken kann, weil er genau das ausspricht, was sie denkt. Natürlich verbringt sie lieber Zeit mit ihm als mit ihren Freundinnen, die nur an ihr herumnörgeln.

Ich lese sehr selten Jugendbücher, obwohl ich das Genre eigentlich mag. Ich fühle mich jedes Mal in meine eigene Jugend zurückversetzt, weil ich die meisten Gedanken, die die Charaktere haben, kenne. Aber so unsicher wie Danielle, die keinen geraden Satz herausbekommt und durchgehend stammelt – das hat sie schon sehr unsympathisch gemacht. Aber Teenager sind manchmal eben unsicher, weil Hormone und blöde Eltern und Pickel und… ihr kennt es alle. Und genau das ist der Punkt: Ich glaube, jeder von uns kann mit Danielle connecten, jeder kennt ihre Probleme oder versteht sie zumindest. Und dazu ist der Plot wahnsinnig gut zu lesen, weil er sehr lebendig gestaltet ist, mit vielen Dialogen und kurzweiligen Szenen. Die Kapitel in Gerlos sind dabei nur der aufbauende Teil der Geschichte – danach geht es nach Amsterdam, wo die Geschichte erst so richtig losgeht.

Das Buch beginnt mit dem Tag 0, im Kapitel danach befinden wir uns bei Tag 17 und arbeiten uns sukzessive zu diesem Tag 0 vor, wo ein Mädchen gefesselt auf einem Bett liegt. Wir müssen uns, bedingt dadurch, dass die Handlung aus der Sicht von Danielle – also aus der Ich-Perspektive – erzählt wird, nicht ausmalen, wer dieses Mädchen ist. Es geht eher darum, wie es dazu gekommen ist und wer Danielle ans Bett gefesselt hat. Zwischendurch kehren wir immer wieder in kurzen Kapitel zum Tag 0 und bekommen etwas von dem oder der TäterIn erzählt. Immer wieder spricht er oder sie von einem Schatten, der ihn oder sie immer wieder heimsucht. Das Buch ist insgesamt sehr atmosphärisch und auch als Erwachsener gut lesbar. Warum man die Triggerwarnung allerdings erst am Ende geliefert bekommt, habe ich nicht ganz verstanden. Selbst wenn es Spoilergefahr beherbergt, will ich so etwas als potenziell labiler Jugendlicher nicht erst am Ende lesen, sondern bevor ich beginne, das Buch zu lesen.

Zum Schluss will ich noch kurz auf das Cover eingehen, was eigentlich das Beste am Buch ist, denn ich liebe diese Schlichtheit. Und auch hier komme ich zu dem Punkt, dass sich jeder von uns mit dem Stil – einer schlichten Kreidezeichnung – identifizieren kann, weil wir – oder zumindest ich – automatisch an Schultafeln denken müssen. Großartig.

Daten zum Buch 

Autor: Mel Wallis de Vries
Titel: Himmel oder Hölle?
Originaltitel: Wreed
Übersetzung: Verena Kiefer
Seiten: 256
Kapitel: 46
Erschienen am: 28. Mai 2021
Verlag: ONE
ISBN: 978-3846601235
Preis Print: 11,77 Euro
Preis Digital:8,99 Euro
(Preise können abweichen)

Rezensionsexemplar

[Rezension] Claire Douglas: Beste Freundin – Niemand lügt so gut wie du

Als Kinder waren Jess und Heather die allerbesten Freundinnen. Sie teilten alles miteinander. Bis ein einziger Tag ihre Freundschaft unwiderruflich zerstörte. Jahre später kehrt Jess in ihre idyllische Heimatstadt an der Küste Englands zurück. Dort soll sie die Berichterstattung zu einem brutalen Doppelmord übernehmen. Doch als Jess erfährt, dass Heather die Hauptverdächtige ist, ist sie fassungslos. Kann ihre beste Freundin von damals eine eiskalte Mörderin sein? Jess beginnt zu recherchieren und stellt mit Grauen fest, dass alle Hinweise zu dem Tag führen, den sie für immer aus ihrem Leben streichen wollte. Der Tag, an dem Heathers Schwester spurlos verschwand und sie alle ins Unglück stürzte …(Offizieller Klappentext)


Claire Douglas hat seit ihrem ersten Buch „Missing“ einen Stammplatz auf meiner Leseliste – ihre Bücher sind spannend, gut durchdacht und nie langweilig. Sie erscheinen jährlich, somit hab ich einmal im Jahr einen Jour fixe mit ihr. So auch jetzt wieder – und selten habe ich dieses Meeting mit ihr weniger bereut als dieses Jahr.

Jess ist erst kürzlich mit ihrem Freund Rory von London nach Bristol gezogen. In London hat sie bei einer großen Tageszeitung als Journalistin gearbeitet, bis sie dort gefeuert wurde, weil sie unredliche Dinge getan hat. Jetzt arbeitet sie bei einer Zeitung, die nur zweimal die Woche erscheint. Bristol ist ihr allerdings nicht unbekannt, sie hat ihre Kindheit und Jugend dort verbracht und war zwei Jahre mit der sich nun im Koma befindlichen und mutmaßlichen Doppelmörderin Heather befreundet. Sie war lebhaft und hat die introvertierte Heather damals mitgerissen. Dass sie zwei Menschen ermordet und sich dann selber richten wollte, kann sich Jess nicht vorstellen – andererseits kann in 18 Jahren, in denen sich die zwei nicht gesehen haben, vieles passieren. Und so recherchiert Jess, bis sie irgendwann abwägen muss, ob sie nicht zu befangen ist. Sie muss sich zwischen ehemals bester Freundin und Job entscheiden.

Tatsächlich könnte man „Beste Freundin“ fast als Autobiographie bezeichnen. Claire Douglas war früher selber Journalistin und hat in Bristol gelebt. Ihr neuester Psychothriller kann also sowohl mit Know How als auch Ortskenntnissen aufwarten. Nur Tilby, das Örtchen, in dem Heather gemeinsam mit ihrer Mutter Margot – die selber ihre Kapitel bekommt, dazu später mehr – auf einem Campingplatz lebt, den ihre Mutter betreibt, gibt es in der Realität nicht. Zwischen der Kapitel von Jess und Margot gibt es auch immer wieder Rückblicke ins Jahr 1994, als Flora – Heathers um zwei Jahre ältere Schwester – unsterblich in den damals 19-jährigen Schausteller Dylan verliebt war. Heather war damals die überbehütende jüngere Schwester von Flora, die immer auf ihre Schwester acht gegeben hat – bis diese just in dem Sommer 1994 spurlos verschwand. Bis heute ist unklar, wo sie ist, oder ob sie noch lebt.

Das Bemerkenswerte an „Beste Freundin“ ist, dass es nicht in der Jetztzeit spielt, sondern 2012. Unklar ist, warum Claire Douglas gerade dieses Jahr gewählt hat, allerdings ist es auch völlig irrelevant für die Handlung, die durchgehend spannend ist und dessen flotter Schreibstil zum Weiterlesen animiert. Das Buch lädt auch zum miträtseln an, denn es ist keineswegs klar, dass Heather diesen Doppelmord begangen hat. Dazu kommt, dass sich Jess ständig verfolgt fühltund zirka ab der Hälfte auch noch elementaren Zoff mit ihrem Freund Rory hat.

Der Zoff wäre allerdings nicht wirklich notwendig gewesen, vor allem weil er sich wie ein Schatten über den ohnehin düsteren Plot legt. Genau so wenig hätte es meiner Meinung nach den Erzählstrang von Margot gebraucht, der sich mit dem von Jess abwechselt und meiner Meinung nach keinen wirklichen Mehrwert bietet – allerdings schadet er der Handlung auch nicht. Wesentlich interessanter fand ich die kursiven und sehr kurzen Kapitel der komatösen Heather, an der gewissermaßen das Leben vorbeizieht. Claire Douglas bietet mit „Beste Freundin“ gewohnt hohes Niveau, und ich freue mich jetzt schon auf den Jour fixe im nächsten Jahr.

Daten zum Buch 

Autor: Claire Douglas
Titel: Beste Freundin – Niemand lügt so gut wie du
Originaltitel: Then She Vanishes
Übersetzung: kA
Seiten: 496
Kapitel: 53
Erschienen am: 13. April 2021
Verlag: Penguin
ISBN: 978-3328105473
Preis Print: 12,76 Euro
Preis Digital: 9,99 Euro
(Preise können abweichen)

Rezensionsexemplar

[Rezension] Elizabeth Kay: Sieben Lügen

Mit einer Notlüge beginnt es, dem folgen weitere Lügen und ein Mord. Jane mag ihre beste Freundin Marnie – deren Freund allerdings nicht. Jeden Freitag ist sie bei den Zweien zum Essen eingeladen – manchmal kommt sie mit Begleitung, manchmal ohne. Seit sie ihren Ehemann Jonathan bei einem tragischen Autounfall verloren hat, findet sie keinen festen Freund mehr, weshalb sie sich an Marnie klammert. Doch da ist ihr Freund Charles, der sich zwischen sie drängt – also muss er weg. Doch da hat sie die Rechnung ohne Valerie gemacht. Valerie ist Journalistin und betreibt einen reißerischen Blog, um ihre Karriere voranzutreiben – sie stürzt sich auf Charles‘ Tod und kommt Janes Geheimnis immer näher …


Jeder von uns lügt, bewusst oder unbewusst, das kann keiner abstreiten. Elizabeth Kay hat ein Buch übers Lügen geschrieben, das mit einer Notlüge beginnt und weitere, immer größere Lügen nach sich zieht. Es geht aber auch um Freundschaft, und wie man Freundschaften interpretiert.

Jane und Marnie kennen sich seit achtzehn Jahren, sie lernten sich kennen, als beide elf waren, studierten gemeinsam und lebten zusammen. Bis Jane Jonathan kennenlernte und von heute auf morgen mit ihm zusammenzog. Jane arbeitet bei einem Online-Versandhandel und Marnie ist Videobloggerin. Sie kocht, backt und dreht Videos darüber. Janes Mutter ist dement und ihre Schwester dürfte magersüchtig sein – genau wird das aber nie erwähnt, und ich kenne mich in dem Metier zu wenig – eigentlich gar nicht – aus, um da eine Diagnose zu treffen. Im Prinzip hat Jane außer Marnie niemanden und sie zeigt auch keine Ambitionen, das zu ändern. Eher das Gegenteil ist der Fall, wie man am Beispiel Charles sieht.

„Sieben Lügen“ ist ein Monolog über sieben Lügen, die die Protagonistin – oder ist sie eher eine Antagonistin? – einem anderen Subjekt oder Objekt erzählt. Wem sie es erzählt, kann man nur mutmaßen – ist es ihr Anwalt, ein Stoffteddy oder ihre demente Mutter? –, es kommt erst am Ende heraus. Auch wenn die Geschichte dann nicht mehr zu hundert Prozent stimmig ist, was die Erzählweise betrifft.

Die Geschichte ist definitiv interessant, aber einen Spannungsbogen sucht man lange, denn außer, dass man wissen will, wem sie diesen ellenlangen Monolog erzählt, ist da zunächst nichts. Man muss schon um die 200 Seiten lesen, bis Kay dann doch eine Idee kommt, um etwas Spannung reinzubringen – warum sie diese irgendwann aber doch wieder verwirft, hab ich nicht ganz verstanden. Generell ist das Ende relativ offen, was mich dann etwas unbefriedigt zurückgelassen hat.

Was mich leider maßlos aufgeregt hat, waren allerdings die vielen Apostrophfehler, für die weniger die Autorin etwas kann, dafür umso mehr der Übersetzer Rainer Schumacher. Ich bin beileibe kein Grammar Nazi, ich könnte euch nicht mal die Grammatikregeln erklären, ich war in der Schule so schlecht in Deutsch, dass ich regelmäßig fast sitzen geblieben wäre. Irgendwann habe ich ein Gefühl für Grammatik entwickelt und beherrsche zumindest drei Dinge perfekt: die das-/dass-Schreibung, die Beistrich-, und die Apostrophsetzung. Man muss aber nicht mal Perfektionist sein, um zu wissen, dass man bei Namen mit einem S am Ende – wie eben jener von Charles – nicht jegliches Apostroph ignorieren kann. Zum Beispiel bei „Charles‘ Schwester“ oder „Charles‘ Kasten“. Leider fällt mir genau das aber in den letzten Jahren immer öfter auf – egal ob in Büchern oder Qualitätszeitungen.

Das kann man penibel nennen, aber solche Fehler kann ich nicht ignorieren, weshalb sie mir ein sonst solides Buch leider etwas madig gemacht haben.

Daten zum Buch 

Autor: Elizabeth Kay
Titel: Sieben Lügen *
Originaltitel: Seven Lies
Übersetzung: Rainer Schumacher
Seiten: 384
Kapitel: 46
Erschienen am: 28. Februar 2020
Verlag: Lübbe
ISBN: 978-3785726693
Preis Print: 15 Euro
Preis Digital: 6,99 Euro
(Preise können abweichen)

 

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[Rezension] Riley Sager: Final Girls

Sie ist ein Final Girl, eine Überlebende. Sie hat das Massaker von Pine Cottage überlebt – als einzige. Heute bäckt sie, denn backen ist Therapie, das ist eine von vielen Regeln, die sie auf ihrem Blog stehen hat. Quincy heißt sie und sie blickt nicht zurück, sie hat das Trauma überwunden – bis Sam auftaucht. Samantha Boyd ist ebenfalls ein Final Girl und ist die letzten Jahre untergetaucht, ist umhergezogen, war da und dort, ohne festem Wohnsitz und ohne viel Geld – wenn überhaupt. Nicht selten gibt sie sich selbst einen Fünffinger-Rabatt und lässt das ein oder andere Kleidungsstück oder anderes Zeug mitgehen, das sie will oder braucht. Nun steht sie vor Quincys Haus. Einfach so. Und weckt in ihr Erinnerungen, die Quincy nie wieder sehen wollte …  Weiterlesen