[Rezension] Frank Kodiak: Amissa – Die Verlorenen (Jan und Rica Kantzius – Band #1)

In einer regnerischen Herbstnacht werden die Privatdetektive Rica und Jan Kantzius Zeugen eines grauenhaften Zwischenfalls an einer Autobahn-Raststätte: Ein panisches Mädchen rennt direkt auf die Fahrbahn und wird von einem Auto erfasst, jede Hilfe kommt zu spät. An der Raststätte findet sich die Leiche eines Mannes, der das Mädchen offenbar entführt und sich dann erschossen hat.
Die Privatdetektive stellen Nachforschungen an und finden heraus, dass es weitere Teenager gibt, die auf ähnliche Weise kurz nach einem Umzug verschwunden sind. Eine Spur führt zu „Amissa“, einer Hilfsorganisation, die weltweit nach vermissten Personen sucht und für die Rica arbeitet. Plötzlich ist nichts mehr wie es war, und Rica und Jan kommen Dingen auf die Spur, von denen sie lieber nie gewusst hätten. (Offizieller Klappentext)


Das Ehepaar Kantzius hat sich einer Aufgabe verschrieben: Vermisste Menschen finden und heimbringen. Rica arbeitet deshalb bei Amissa, eine Organisation, die von einem reichen Schweizer ins Leben gerufen wurde, dessen Kind selbst mal als vermisst galt. Rica kommt ursprünglich aus der Karibik und hat ihrerseits eine traumatisierende Vergangenheit, von der sie bis heute Albträume hat. Sie ist eine Frau, die mit dem Computer umgehen kann, ein Nerd ist und sich innerhalb kürzester Zeit in andere PCs hacken kann – dafür hat sie keine Ahnung von Popkultur.

Jan ist das Gegenteil von Rica. Der ehemalige Polizist ist – im Gegensatz zu Rica, die klein und schwarz ist – groß und weiß. Er ist fünfzehn Jahre älter als seine Frau und gilt als Ricas Retter. Seine Nemesis ist Arthur König, genannt King Arthur (sein ehemaliger Kollege bei der Polizei), und seine Frau sagt über ihn, dass er seinen Hund Ragna mehr liebt als sie. Das Paar ist wie Yin und Yang — sie ergänzen sich prima.

Zukünftig nehme ich mir vor, etwas mehr zu recherchieren, bevor ich mir ein Buch besorge, denn hätte ich gewusst, dass Frank Kodiak ein Pseudonym von Andreas Winkelmann ist, hätte ich das Buch nicht genommen, denn ich fand „Death Book“ schon fürchterlich – und das hier ist nicht viel besser.

Insgesamt besteht das Buch aus sieben Kapitel – wobei es eher sieben Teile sind, die dann in abgezählte, relativ kurze Zwischenkapitel unterteilt sind. Kurze Kapitel, das wirkt, als könne man das Buch schnell weglesen – nö, kann man nicht. Wenn man noch nie einen Thriller gelesen hat oder selten welche liest, kann man das vielleicht. Ich hingegen lese fast nichts anderes und deshalb fand ich den ersten Teil der Amissa-Reihe mühsam und langweilig. Warum?

Es ist Einheitsbrei, da ist null Innovation. Das ist dasselbe, was wir schon zum drölftausendsten Mal gelesen haben. Ein Buch nach Schema F. Ich habe schon öfter gehört, man könne nicht für den Markt schreiben – doch, kann man. Es gibt Autoren, die genau das tun, die ein Grundgerüst haben und immer nur Namen, Schauplatz und Thema austauschen. Ohne Herz. Ohne Seele. Ohne Leidenschaft. Ohne Verve. Und Winkelmann gehört dazu. Sorry to say, aber das kotzt mich mittlerweile dermaßen an. Ich respektiere jeden Menschen, der es schafft, ein 300-Seiten-Buch zu schreiben, das ist eine riesige Leistung. Sich hinzusetzen, zu tüfteln, zu recherchieren, zu konstruieren. Aber nicht, wenn man einfach nur das Grundgerüst her nimmt und Bausteine austauscht. Das ist für mich keine elf Euro wert, dieses Buch taugt maximal für den Grabbeltisch. Das ist auch eines Bestseller-Autors, der Winkelmann ist, nicht würdig.

Dazu kommt, dass die zwei Protagonisten — Jan und Rica — alles andere als sympathisch sind, was ihre Arbeitsweise betrifft – aber man muss ja edgy sein, sonst ist man nicht cool. Da wird sich in PCs gehackt bis es kein Morgen mehr gibt; da wird nach dem Motto „Der Zweck heiligt die Mittel“ gefoltert, um Informationen zu kommen. Und wenn ein Gegner nervt, wird er kurzerhand umgebracht – teilweise sind die zwei so skrupellos, dass man nicht mehr weiß, wer die Guten und wer die Bösen sind.

Sorry, das war gar nichts.

Daten zum Buch 

Autor: Frank Kodiak
Titel: Amiss – Die Verloren
Seiten: 400
Kapitel: 7 (Unterteilt in etlichen Unterkapiteln)
Erschienen am: 2. November 2020
Verlag: Droemer TB
ISBN: 978-3426307632
Preis Print: 10,99 Euro
Preis Digital: 9,99 Euro
(Preise können abweichen)

Rezensionsexemplat

[Rezension] Arno Strobel: Die App – Sie kennen dich. Sie wissen, wo du wohnst

Es klingt fast zu gut, um wahr zu sein. Hamburg-Winterhude, ein Haus mit Smart Home, alles ganz einfach per App steuerbar, jederzeit, von überall. Und dazu absolut sicher. Hendrik und Linda sind begeistert, als sie einziehen. So haben sie sich ihr gemeinsames Zuhause immer vorgestellt.

Aber dann verschwindet Linda eines Nachts. Es gibt keine Nachricht, keinen Hinweis, nicht die geringste Spur. Die Polizei ist ratlos, Hendrik kurz vor dem Durchdrehen. Konnte sich in jener Nacht jemand Zutritt zum Haus verschaffen? Und wenn ja, warum hat die App nicht sofort den Alarm ausgelöst? (Offizieller Klappentext)


Hendrik und Linda leben in einem top-modernen Haus. Man muss keine Türen aufsperren, keine Rollos herunterlassen, keinen Lichtschalter mehr betätigen – alles funktioniert über eine App. Neben dem häuslichen Glück wollen sie jetzt auch das persönliche Glück vervollkommnen, denn in einer Woche will der stellvertretende Chefarzt und Chirurg für Gelenksgedöns (ich hab es mir nicht gemerkt) seine Lebensgefährtin ehelichen. Schnitt: Linda ist irgendwann, als Hendrik zu einem Notfall ins Spital muss, wie vom Erdboden verschluckt. Bei der Polizei wird ihm kein Gehör geschenkt, sie ist der Meinung, dass sie wahrscheinlich einen anderen hat – klingt plausibel, eine Woche vor der Hochzeit. Nicht.

Dieses Buch zu rezensieren, ist nicht einfach – kurzzeitig dachte ich, es wäre einfach, aber hintenraus passieren in „Die App“ doch noch ein paar Dinge, die das Buch in ein freundlicheres Licht tauchen. Positiv hervorzuheben ist, dass Arno Strobel offenbar sein Thema gefunden hat, denn „Die App“ geht thematisch in eine ähnliche Richtung wie „Offline“ – auch die Buchcover sehen seit einem Jahr wesentlich attraktiver aus als die relativ aussagearmen davor. Das Thema Smart-Home ist mehr als interessant, und man kann daraus einiges machen, weil die Thematik an sich schon etwas Gruseliges hat – vor zwanzig Jahren taten wir es noch als Science-Fiction ab, wenn man davon sprach, wie praktisch es nicht wäre, wenn man in die Hände klatsche und das Licht ginge an. Heute sagt man „Alexa, mach das Licht an“ und es werde Licht – allerdings ist es alles andere als neu, aus dem Thema Smart-Home einen Thriller zu machen; Susanne Kliem hat mit „Das Scherbenhaus“ schon ein ähnliches Buch geschrieben. Damals wusste ich noch nicht mal, was Smart-Home überhaupt ist.

Auch das Ende bzw. die Intention von Strobel, das Buch zu schreiben, ist edel und lässt die Taten, die hier passieren, nicht mehr so schlimm erscheinen, weil der Autor ein klares Statement damit setzt. Und auch der Psychothrill ist immens, weil man als Leser irgendwann nicht mehr weiß, was und wem man glauben soll. Das alles ist gut und hat was für sich.

Aber: Es ist langweilig – nicht die Geschichte an sich, aber die Machart. Sie ist viel zu sehr nach Lehrbuch, da ist nichts Außergewöhnliches. Wir haben einen Spannungsbogen, Cliffhanger noch und nöcher, eine Dramaturgie, einen Sidekick und einen Plot-Twist, mit dem ohnehin jeder rechnet. Das war bei „Offline“ ähnlich – das Einzige, was mich überrascht hat, war, dass mich all das nicht überrascht hat. Es kommt zu keiner Zeit Atmosphäre auf, zu keiner Zeit hab ich mir gedacht: „Ich will noch nicht schlafen. Ich will weiterlesen!!“ – es ist leider mehr Reißbrett als Individualität. Auch fehlt mir bei manchen Themen das Hintergrundwissen – zum Beispiel wird öfter der Chaos Computer Club erwähnt, aber nie wird erklärt, was genau dieser tut, was das ist und was er will. Ich kannte den Club zwar vom Namen, das war es dann aber auch. Insgesamt ist „Die App“ ein Thriller mit mindestens einem Thema, aus dem man mehr hätte machen können.

Daten zum Buch 

Autor: Arno Strobel
Titel: Die App – Sie kennen dich. Sie wissen, wo du wohnst.
Seiten: 368
Kapitel: 50 (+ Epilog)
Erschienen am: 23. September 2020
Verlag: Fischer
ISBN: 978-3596703555
Preis Print: 15,99 Euro
Preis Digital: 14,99 Euro
(Preise können abweichen)