[Rezension] Alex Michaelides: Die verschwundenen Studentinnen

An Marianas ehemaligem College in Cambridge wird eine Studentin tot aufgefunden, brutal ermordet. Auf dem Campus geht die Angst um. Die Trauma-Therapeutin macht sich auf den Weg, um ihrer dort eingeschriebenen Nichte beizustehen. Kaum angekommen, verschwinden zwei weitere Studentinnen. Ihre Nachforschungen führen Mariana tief in eine ebenso düstere wie unheimliche Parallelwelt am College. Hat der exzentrische Professor, der offenbar nicht nur einem ominösen Geheimbund vorsteht, sondern zudem einen unheimlichen, uralten Kult wiederzubeleben scheint, etwas mit dem Verschwinden der Mädchen zu tun? Oder ist die Wahrheit deutlich komplizierter – und persönlicher?
Während die Polizei den Fall schon abgeschlossen glaubt, öffnen sich für Mariana im wahrsten Sinne des Wortes die Tore zur Unterwelt … (Offizieller Klappentext)


„Die stumme Patientin“ war ein Weltbestseller, eigentlich wollte ich ihn auch lesen, weil ich vergangenes Jahr immer wieder darüber gestolpert bin – irgendwann habe ich nicht mehr daran gedacht. Bis letztens, als der Nachfolger kam – „Die verschwundenen Studentinnen“ – und seit ich ihn gelesen habe, bin ich irgendwie froh, dass ich auf „Die stumme Patientin“ vergessen habe.

Mariana ist Gruppentherapeutin in London. Ihre Therapien leitet sie bei sich daheim, ihre Gruppe ist harmonisch, nur Henry bedrängt sie immer wieder; außerdem bildet sie sich ein, dass er manchmal vor ihrem Haus steht und sie beobachtet. Nur gut, dass ihr ihre Nichte und nach dem Tod ihrer Eltern auch Ziehtochter Zoe eine Chance gibt, dem zu entfliehen, denn die ruft sie an und berichtet ihr, dass ihre beste Freundin Tara seit einigen Tagen verschwunden sei. Also packt sich Mariana zusammen und fährt nach Cambridge, wo sie selbst studiert hat und wo sie ihren Mann Sebastian kennen und lieben gelernt hat. Sebastian starb vor eineinhalb Jahren, als die beiden Urlaub auf der griechischen Insel Naxos gemacht haben, bei einem Schwimmgang. Mariana ist bis heute noch nicht über seinen Tod hinweggekommen, und in Cambridge erinnert sie quasi alles an ihn – beste Voraussetzungen also, um einfach mal Detektiv zu spielen. Nicht. So völlig voreingenommen schießt sie sich gleich auf den schillernden Professor Fosca an, der sich wie ein Pascha scheinbar einen Harem mit seinen Lieblingsstudentinnen, die er „Die Mädchen“ nennt, hält. In diesem erlesenen Kreis befinden sich betuchte Studentinnen, die immer um Fosca herum schwirren und ihm zu Füßen liegen. Nach und nach wird eine von ihnen Tod auf dem Unigelände aufgefunden – was ist da los? Miss Marp … ääh Mariana ermittelt – also mehr oder weniger.

Ich habe bei „Die verschwundenen Studentinnen“ – der Titel ist by the way irgendwas, denn die Studentinnen sind keineswegs verschwunden – lange nach einem sympathischen Charakter gesucht und bis zum Ende keinen gefunden. Vielmehr gibt es ein paar markante Figuren wie Fred, der von sich behauptet, in die Zukunft sehen zu können, und Mariana gleich beim zweiten oder dritten Aufeinandertreffen in Cambridge einen Heiratsantrag macht – das ist das, was dem Wort sympathisch wohl am nächsten kommt. Schrullig würde es eher treffen. Professor Fosca sticht ebenfalls heraus mit seiner exzentrischen bis selbstverliebten Art, um den ständig eine Gruppe blutjunger Studentinnen, die er nur „die Mädchen“ nennt, herumscharwenzeln – sympathisch ist der aber keineswegs. Und dann Mariana – tja –, eine Psychotherapeutin, die selber noch lange nicht den Tod ihres Mannes verwunden hat, eine schwierige Kindheit hatte, aber zu Zoe tröstend „Alles wird gut“ sagt, nachdem die ihre Freundin verliert – Glaubwürdigkeit wo bist du?

Alex Michaelides meint über sich selbst, dass er ein ambivalentes Verhältnis zur Psychotherapie hat: „Ich bin im Laufe der Jahre vielen wunderbaren Therapeuten begegnet, aber auch ebenso vielen, die genauso dysfunktional und beschädigt waren wie ihre Patienten“, sagt er etwa dem „Publishers Weekly“ – tatsächlich habe ich selber schon länger den Eindruck, dass viele Menschen Psychologie – ohnehin und vielleicht gerade deshalb ein überlaufenes Studium – studieren, um Lösungen für ihre höchst eigenen Probleme zu suchen. Psychotherapie kann aber auch etwas Helfendes sein, ich spreche da aus eigener Erfahrung. Ich stimme Michaelides da also durchaus zu.

Eingebettet ist „Die verschwundenen Studentinnen“ in die Welt der griechischen Tragödie, aus der oft zitiert wird – für mich ein Thema, mit dem ich überhaupt nichts anfangen kann. Michaelides kehrt damit zurück in seine frühen Jahre, als er in Jugendjahren viel Zeit mit der griechischen Mythologie verbracht hat und jetzt selbst mit seinem neuen Buch eine griechische Tragöde auf Speed inszeniert und produziert hat — nach seiner eigenen und moderneren Interpretation. Auch wenn der Speed etwas gebraucht hat, um sich vollends zu entfalten – nämlich bei mir fast 200 Seiten. Vielleicht wegen der allgegenwärtig unsympathischen Charaktere, vielleicht wegen der – für mich – hochtrabenden griechischen Mythologie, vielleicht weil das Buch in einem mir völlig fremden Milieu – der Oberschicht – spielt, aber irgendwie hat es mich lange nicht gepackt; obwohl die Machart an Agatha Christie erinnert und das „Stück“ auf kleiner Bühne – eben Cambridge – spielt. Ebenfalls ratlos ließ mich das Ende zurück, denn das Buch endet mehr oder weniger mitten in der Szene. Ihr müsst letztlich selber entscheiden, ob ihr „Die verschwundenen Studentinnen“ lest oder nicht, mein Fall war es nicht wirklich – und nach dem Ende, war ich auch froh, auf „Die stumme Patientin“ vergessen zu haben.

Daten zum Buch 

Autor: Alex Michaelides
Titel: Die verschwundenen Studentinnen
Originaltitel: The Maidens
Übersetzung: Kristina Lake-Zapp
Seiten: 352
Kapitel: 83 (+Epilog)
Erschienen am: 1. Juli 2021
Verlag: Droemer HC
ISBN: 978-3426282151
Preis Print: 14,71 Euro
Preis Digital: 12,99 Euro
(Preise können abweichen)

Rezensionsexemplar

[Rezension] Jürgen Neff: Blutgrätsche (Nina Schätzle – Band #1)

Nie wieder wollte Nina Schätzle ein Stadion betreten. Doch nach einem Pokal-Derby gegen den Erzrivalen wurde Cat Benzeler, eine wichtige Figur der Heidenheim-Ultras, ermordet, und Schätzle und ihr neuer Partner sind mit dem Fall betraut. Sie hat vor Langem mit diesem Kapitel ihres Lebens abgeschlossen, aber die Kripobeamtin verbindet viel mit dem 1. FCH. War sie doch selbst einmal ein Ultra, hat ihre eigene, blutige Geschichte mit dem Fußball und der Fan-Gemeinde. Und: Das Opfer ist ihre frühere beste Freundin. (Offizieller Klappentext)


Man kann die fußballfreie Zeit bis zur ersten Pan-europäischen EM mit einigem Füllen – Netflix, Zocken, Sex, in Urlaub fahren – oder – ganz kreativ – mit einem Buch! Denn ich weiß jetzt schon, dass ich während der EM – also wenn diese Rezension erscheint – nicht viel lesen werde. „Blutgrätsche“ ist der Auftakt von Jürgen Neffs „Nina-Schätzle-Reihe“, die mit dem Attribut „Fußball Krimi“ aufwartet – doch es ist wesentlich mehr als das.

Nina Schätzle ist Kripo-Beamtin. Früher stand sie in der Kurve des 1. FC Heidenheim – Zweitligist, der 2020 nur knapp in der Relegation gegen Bremen am Aufstieg gescheitert ist. Sie war Ultra, also jene Fangruppe, die sich als harter Kern bezeichnet. Die für den Verein leben und ihm alles unterordnen – und für die die Polizei der größte Feind ist. Schätzle hat also die Seiten gewechselt – denkt man. Nun ist ihre ehemalige Freundin tot, mit ihr stand sie früher auf der Ost der Voith-Arena, dem Stadion des 1. FC Heidenheim. Katharina „Cat“ Benzeler wurde nach dem Pokalspiel gegen den Erzrivalen Aalen mit drei Messerstichen niedergestreckt. Schätzle muss diesen Fall lösen und gegen ihre ehemaligen Kumpanen ermitteln. Na dann viel Spaß, Frau Befangenheit.

Das ist nämlich das erste Problem – dass Nina nicht gleich am Anfang von dem Fall abgezogen wird, habe ich bis zum Ende nicht verstanden. Aber irgendwie bringt genau dieser Umstand auch zusätzliche Spannung in den Krimi, der ohnehin voller Spannungen ist. Denn Schätzle ist alles andere als entspannt. Sie wirkt eher wie eine Getriebene, die kurz davor ist, Amok zu laufen. Dass sie einen Dachschaden hat, ist nicht nur medizinisch diagnostiziert, das weiß sie auch selbst und erzählt es der Leser:in, sondern sie zupft auch ständig am Gummiband auf ihrem Handgelenk, um Stress abzubauen. Schätzle ist also nicht nur befangen, sondern auch labil as fuck. Charakterbildung kann Neff schon mal, denn Schätzle ist ein durchaus interessanter Charakter, mir persönlich aber zu kantig, fast zu maskulin. Unsympathisch obendrein.

Der Krimi selbst ist allerdings nur oberflächlich betrachtet ein Fußball Krimi – ich würde eher Philip Kerrs „Wintertransfer“ als Fußball Krimi bezeichnen –, ich würde „Blutgrätsche“ vielmehr als Ultras Krimi bezeichnen, aber beim Wort „Ultra“ denkt der Durchschnittsbürger wahrscheinlich früher an die Steigerungsform von mega.

In dem Buch geht es nämlich so gut wie gar nicht um Fußball, sondern um Fußball-Fankultur, und da ist die eigentliche Stärke des Buches, denn Neff hat sich vorzüglich in die Thematik der Ultras eingearbeitet oder steht selbst regelmäßig in der Kurve. Das zu lesen ist fast interessanter als der Kriminalfall – aber definitiv nichts für Leute, die nur Fußball schauen wenn, WM ist. Schätzles Kollege Schröter repräsentiert zwar gewissermaßen den unbedarften Leser und stellt gerne mal die ein oder andere „blöde“ Frage, das macht das Buch aber noch lange nicht massentauglich. „Blutgrätsche“ ist dadurch (leider) sehr nischig. Dass sich Neff einen Zweitligisten hergenommen hat, ist zwar charmant, macht das Buch aber nur noch nischiger. Vielleicht war aber genau das Neffs Plan, und er wollte seiner Leidenschaft eine Buchreihe widmen.

Daten zum Buch 

Autor: Jürgen Neff
Titel: Blutgrätsche
Seiten: 373
Kapitel: 63
Erschienen am: 10. März 2021
Verlag: Gmeiner Verlag
ISBN: 978-3839227978
Preis Print: 13,73 Euro
Preis Digital: 10,99 Euro
(Preise können abweichen)

Rezensionsexemplar

[Rezension] Juli Zeh: Über Menschen

Dora ist mit ihrer kleinen Hündin aufs Land gezogen. Sie brauchte dringend einen Tapetenwechsel, mehr Freiheit, Raum zum Atmen. Aber ganz so idyllisch wie gedacht ist Bracken, das kleine Dorf im brandenburgischen Nirgendwo, nicht. In Doras Haus gibt es noch keine Möbel, der Garten gleicht einer Wildnis, und die Busverbindung in die Kreisstadt ist ein Witz. Vor allem aber verbirgt sich hinter der hohen Gartenmauer ein Nachbar, der mit kahlrasiertem Kopf und rechten Sprüchen sämtlichen Vorurteilen zu entsprechen scheint. Geflohen vor dem Lockdown in der Großstadt muss Dora sich fragen, was sie in dieser anarchischen Leere sucht: Abstand von Robert, ihrem Freund, der ihr in seinem verbissenen Klimaaktivismus immer fremder wird? Zuflucht wegen der inneren Unruhe, die sie nachts nicht mehr schlafen lässt? Antwort auf die Frage, wann die Welt eigentlich so durcheinandergeraten ist? Während Dora noch versucht, die eigenen Gedanken und Dämonen in Schach zu halten, geschehen in ihrer unmittelbaren Nähe Dinge, mit denen sie nicht rechnen konnte. Ihr zeigen sich Menschen, die in kein Raster passen, ihre Vorstellungen und ihr bisheriges Leben aufs Massivste herausfordern und sie etwas erfahren lassen, von dem sie niemals gedacht hätte, dass sie es sucht. (Offizieller Klappentext)


Was ist denn da los? Ein Roman auf dem Krimisofa? Ja. Weil ich Lust auf Juli Zehs neues Buch hatte. Da mir 18 Euro für das eBook zu viel waren, habe ich bei Luchterhand ein Rezensionsexemlar angefordert. Aber das ist eine andere Geschichte.

Mein erstes Buch von Juli Zeh war „Neujahr“, ein beklemmendes Buch, das Urängste in mir wachgerufen haben. Zwei Kinder, deren Eltern plötzlich weg sind und die auf sich selbst gestellt sind. Ein zeitloses Szenario – „Über Menschen“ ist komplett anders. Erschreckend aktuell. Irrsinnig politisch. Es menschelt in „Über Menschen“. Dora, die vor ihrem sich radikalisierenden Freund Robert flüchtet, weil sie seine Corona-Tiraden nicht mehr aushält. Plötzlich ist Corona überall, alles ist schlecht – so wie unser Leben 2020 eben war. Sie flüchtet davor, weil sie nichts mehr mit diesem Scheiß zu tun haben will. Das fühlt sich privilegiert an und ist es wahrscheinlich auch – denn wie viele von uns haben ein Haus am Land in der Hinterhand? Vermutlich die wenigsten.

Doch am Land hat sie eine ganz andere Herausforderung: Ihren Nazi-Nachbarn Gote, der Ausländer hasst und trotzdem ein Herz hat. Oder ihr anderer Nachbar Tom, der AfD wählt, weil er sich alleingelassen fühlt von den Politikern der anderen Parteien. Von der Bundesregierung und deren Politikern, die sich als Übermenschen gerieren und über Menschen regieren. Top-down-Politiker, die sich volksnah geben, aber realitätsfern agieren. Aber muss man deshalb eine menschenverachtende Partei wählen, deren Funktionäre nichts anderes im Sinn haben als ihren eigenen Vorteil? Für Deutschland ist Rechtspopulismus etwas Neues – in Österreich ist man da weiter. Die FPÖ – gewissermaßen das österreichische Pendant zur AfD – war zweimal in der Bundesregierung und ist genau so oft gescheitert. Das aktuelle Reizwort heißt Ibiza. Das Reizwort in „Über Menschen“ hingegen hat ebenfalls etwas Geografisches an sich – es lautet nämlich Raumforderung.

Wie geht man mit Menschen um, die so eine Partei – wenn auch „nur“ aus Protest – wählt? Diese Frage stellt das Buch. Wie geht man mit etwaigen Geschenken von solchen Menschen um? Nimmt man sie an? Bedankt man sich? Dora hadert sichtlich mit diesen Fragen, weil sie mit dieser Ideologie so gar nichts anfangen kann. Sie ist hierher geflüchtet, weg von einem – brutal, aber wahr – Gutmenschen, direkt in die Arme von Nazis zu Schlechtmenschen. Wie geht man damit um? Und dann kommt ein harter Cut, wo es um wesentlich wichtigere Dinge als Politik und Ideologie geht. Es geht um Menschlichkeit, in einer ergreifenden Tonart, die an einen Fredrik Backman erinnern lässt, wo Worte Gänsehaut erzeugen und Tränen fließen lassen. Weil manche Dinge eben wichtiger sind als eine beschissene Weltanschauung.

Gleichzeitig ist „Über Menschen“ herrlich entschleunigt. Zeh malt mit ihren Worten wunderbar-beruhigende Landschaften. Saftige Wiesen. Menschenleere Wege. Kaum Autos. Kaum Menschen. Am liebsten wäre ich ins Buch gestiegen und hätte mich in die Frühlingssonne gesetzt. Ich habe „Über Menschen“ gerne gelesen – dieses Jahr –, letztes Jahr hätte ich es wegen des Corona-Contents vermutlich nicht gelesen. Rückblickend ist dieses Buch 18 Euro wert. Wahrscheinlich sogar mehr.

Daten zum Buch 

Autor: Juli Zeh
Titel: Über Menschen
Seiten: 416
Kapitel: 50
Erschienen am: 22. März 2021
Verlag: Luchterhand
ISBN: 978-3630876672
Preis Print:21,59 Euro
Preis Digital: 17,99 Euro
(Preise können abweichen)

Rezensionsexemplar

[Rezension] Sarah Nisi: Ich will dir nah sein

London, Fundbüro des öffentlichen Nahverkehrs. Lester Sharp kümmert sich um herrenlose Fundsachen: Handys, Schlüssel, Portemonnaies – besonders gern um Kleidungsstücke und medizinische Gerätschaften. Er ist auch privat ein Sammler und Sonderling, der sich schwertut mit Frauen und zwischenmenschlichen Beziehungen. Als er der jungen Erin begegnet, weiß er zunächst nicht, wie er sich verhalten soll – findet aber schon bald eine Möglichkeit, ihr nah zu sein. Näher, als es ihr lieb sein kann… (Offizieller Klappentext)


In jedem von uns steckt ein Stalker oder eine Stalkerin. Jeder von uns hat mal einen Namen gegoogelt; entweder eines Akteurs oder einer Akteur:in einer drittklassigen Trash-TV-Sendung oder den eines ehemaligen Schulkollegen oder einer Kommilitonin. Ich habe mir das tatsächlich weitestgehend abgewöhnt, weil ich es nicht richtig finde, im Privatleben mir nicht (mehr) so nahen Menschen herumzustochern. Weil ich selber nicht wollen würde, dass das irgendwer mit meinem Namen macht. Das Internet bietet da einiges an Möglichkeiten. Das ist Chance und Gefahr gleichermaßen. Sarah Nisi zeigt uns in ihrem Debütroman „Ich will dir nah sein“, wie Stalker:innen ticken. Das ist faszinierend – und beängstigend.

Lester arbeitet in einem Fundbüro, er hat also tagtäglich mit privaten Gegenständen von ihm unbekannten Menschen zu tun. Alleine das würde für mich reichen, um ihm abzunehmen, dass er Stalker ist. Er kennt die Namen derjenigen, die die Dinge im Fundbüro abgeben – und er erfährt die Namen der Menschen, die die Dinge verloren haben. Da ist jeglicher Phantasie Tür und Tor geöffnet. Namen führen zu Google, und im Extremfall weiter. Der Extremfall heißt im Buch Erin und ist die neue Nachbarin von Lester; 28 Jahre alt und Balletttänzerin. Lester begehrt sie seit ihrem Einzug, belauscht sie durch die dünnen Wände seines Badezimmers, dessen Renovierung er seit Jahren aufschiebt. Er betritt ihre Wohnung, wenn sie nicht daheim ist, lässt persönliche Gegenstände mitgehen. Trophäen. Jeden Blick von ihr deutet er als Zuneigung, jedes Wort als potenzielle Liebesbekundung. Kranke Menschen haben kranke Gedanken, und das vorherrschende Gefühl, das ich bei seinen Kapitel hatte, war Fremdscham. Seine Kapitel sind so unangenehm, was vielleicht auch die Authentizität derer untermauert.

Doch die Geschichte beginnt 17 Jahre früher, als Lester Medical History (das wird im Buch nicht eingedeutscht) studiert und Shannon kennenlernt, die in einem Filmstudio arbeitet. Die gehörlose Shannon hat zwei Kinder, aber keinen Mann. Immer wieder treffen sich die zwei, kommunizieren mittels Block, Stift und Lippenlesen — bis er mehr von ihr will. Wir blicken im Buch öfter zurück, doch primär findet der Plot in der Jetzt-Zeit statt. Anfangs bin ich nicht leicht ins Buch hineingekommen; der Prolog ist so kryptisch wie Prologe eben manchmal sind, und die erste Hälfte von Kapitel eins zu technisch, weil sie die Arbeit von Lester im Fundbüro beschreibt. Erst bei Kapitel zwei konnte ich connecten, weil es darin um Alltägliches ging. Alltäglichkeiten sind door opener in einem Buch. Doch ab Kapitel zwei wollte ich das Buch nicht mehr weglegen. Der Plot ist so interessant und schnell geschrieben, dass ich am liebsten alles auf einmal lesen wollte. Man tänzelt geradezu wie ein:e Balletttänzer:in leichtfüßig durch die bedeutungsschwangere Handlung.

Neben der Kapitel um den Stalker Lester, bekommen auch Erin und Rhys ihre Kapitel. Rhys ist der Immobilienmakler, der Erin die Wohnung vermittelt hat. Er hat sein ganz eigenes Interesse an Erin, für das er auch gerne auf den Datenschutz pfeift. Doch die Kapitel von Lester sind am interessantesten, weil sie gut recherchiert wirken, weil sie zeigen, wie Stalker denken. Ich glaube, diese Thematik gibt es bei Krimis und Thriller nicht oft, aber Sarah Nisi hat es geschafft, mich mit ihrem Psychothriller in ihren Bann zu ziehen, auch wenn sie am Ende ein paar Fragen offenlässt.

Dass sie so nah an der Wahrheit ist, beweisen auch Erzählungen von Frauen, die auf Twitch streamen. Frauen, bei denen plötzlich Zuschauer vor ihren Wohnungen standen, Frauen, die wegen solcher Menschen mehrmals umziehen oder sogar auswandern mussten. Es ist bizarr und für mich nicht immer nachvollziehbar, wie Menschen ticken. Aber am Ende ist „Ich will dir nah sein“ zum Glück nur ein Buch, das einem verdammt gut die Zeit vertreibt, und ich freue mich jetzt schon auf Nisis nächstes Buch. Vielleicht schafft sie es wieder, ein Thema, das eher am Rande des Thrillermarktes liegt, in den Fokus zu rücken, um aufzuzeigen, dass es uns alle betreffen könnte. Oder uns den Spiegel vorzuhalten – denn wir alle sind potenzielle Stalker.

Daten zum Buch 

Autor: Sarah Nisi
Titel: Ich will dir nah sein
Seiten: 336
Kapitel: 38
Erschienen am: 10. Mai 2021
Verlag: btb
ISBN: 978-3442718917
Preis Print: 12,46 Euro
Preis Digital: 4,99 Euro
(Preise können abweichen)

Rezensionsexemplar

[Rezension] Mel Wallis de Vries: Himmel oder Hölle?

Danielle lernt im Skiurlaub mit ihren Freundinnen den gut aussehenden Dante kennen. Der Student spielt ihrer Meinung nach in einer ganz anderen Liga, und dennoch scheint er sich für sie zu interessieren.

Zurück in Amsterdam kann Danielle ihr Glück kaum fassen, als ihr Dante zufällig wieder über den Weg läuft. Doch gerade als die beiden sich näherkommen, entdeckt sie Dantes dunkles Geheimnis: Seine letzte Freundin Florence wurde ermordet, und ausgerechnet Dante war der Hauptverdächtige. Kann Danielle ihm wirklich vertrauen? (Offizieller Klappentext)


Mel Wallis de Vries. Ein Name wie ein Gedicht – würde ich sagen, wenn ich Ahnung von Gedichten hätte. So ist es einfach nur ein niederländischer Name. De Vries schreibt Thriller für Jugendliche und solche, die es geblieben sind. Ihre Bücher sind alle sehr kurz, keines hat 300 Seiten, und die Titel sind alle sehr verspielt und hören auf Namen wie „Schnick, schnack, tot“, „Mädchen versenken“ oder ihr Aktuelles: „Himmel oder Hölle?“. Die Bücher sind einzeln lesbar, auch wenn die Cover, die alle einen ähnlichen Stil haben, etwas anderes suggerieren“.

Danielle ist ein 17-jähriges Mädchen, das nicht so ganz mit ihrem Leben zufrieden ist. Ihre Eltern lassen sich gerade scheiden, ihre Beziehung mit Stan ging ebenfalls in die Brüche, und Selbstbewusstsein ist auch nicht gerade ihre Paradedisziplin. Zu Beginn des Buches befindet sie sich mit ihren Freundinnen Robin, Loulou und Madelief im österreichischen Kaff Gerlos zum Skifahren. Die ranzige Unterkunft, die Danielle gebucht hat, lässt ihre Freundinnen nicht gerade in Euphorie ausbrechen. Jeder nörgelt herum, nur Madelief dürfte schon etwas reifer sein und glänzt durch Rationalismus. Dann lernt Danielle Dante kennen – und lieben. Allein dafür hasst sie die ach so perfekte Loulou. Danielle versteht selbst nicht, was Dante an ihr findet, sie findet sich nicht besonders hübsch – und fett findet sie sich ebenfalls. Aber der 21-jährige verzaubert sie und zeitweise glaubt sie, dass er in sie hineinblicken kann, weil er genau das ausspricht, was sie denkt. Natürlich verbringt sie lieber Zeit mit ihm als mit ihren Freundinnen, die nur an ihr herumnörgeln.

Ich lese sehr selten Jugendbücher, obwohl ich das Genre eigentlich mag. Ich fühle mich jedes Mal in meine eigene Jugend zurückversetzt, weil ich die meisten Gedanken, die die Charaktere haben, kenne. Aber so unsicher wie Danielle, die keinen geraden Satz herausbekommt und durchgehend stammelt – das hat sie schon sehr unsympathisch gemacht. Aber Teenager sind manchmal eben unsicher, weil Hormone und blöde Eltern und Pickel und… ihr kennt es alle. Und genau das ist der Punkt: Ich glaube, jeder von uns kann mit Danielle connecten, jeder kennt ihre Probleme oder versteht sie zumindest. Und dazu ist der Plot wahnsinnig gut zu lesen, weil er sehr lebendig gestaltet ist, mit vielen Dialogen und kurzweiligen Szenen. Die Kapitel in Gerlos sind dabei nur der aufbauende Teil der Geschichte – danach geht es nach Amsterdam, wo die Geschichte erst so richtig losgeht.

Das Buch beginnt mit dem Tag 0, im Kapitel danach befinden wir uns bei Tag 17 und arbeiten uns sukzessive zu diesem Tag 0 vor, wo ein Mädchen gefesselt auf einem Bett liegt. Wir müssen uns, bedingt dadurch, dass die Handlung aus der Sicht von Danielle – also aus der Ich-Perspektive – erzählt wird, nicht ausmalen, wer dieses Mädchen ist. Es geht eher darum, wie es dazu gekommen ist und wer Danielle ans Bett gefesselt hat. Zwischendurch kehren wir immer wieder in kurzen Kapitel zum Tag 0 und bekommen etwas von dem oder der TäterIn erzählt. Immer wieder spricht er oder sie von einem Schatten, der ihn oder sie immer wieder heimsucht. Das Buch ist insgesamt sehr atmosphärisch und auch als Erwachsener gut lesbar. Warum man die Triggerwarnung allerdings erst am Ende geliefert bekommt, habe ich nicht ganz verstanden. Selbst wenn es Spoilergefahr beherbergt, will ich so etwas als potenziell labiler Jugendlicher nicht erst am Ende lesen, sondern bevor ich beginne, das Buch zu lesen.

Zum Schluss will ich noch kurz auf das Cover eingehen, was eigentlich das Beste am Buch ist, denn ich liebe diese Schlichtheit. Und auch hier komme ich zu dem Punkt, dass sich jeder von uns mit dem Stil – einer schlichten Kreidezeichnung – identifizieren kann, weil wir – oder zumindest ich – automatisch an Schultafeln denken müssen. Großartig.

Daten zum Buch 

Autor: Mel Wallis de Vries
Titel: Himmel oder Hölle?
Originaltitel: Wreed
Übersetzung: Verena Kiefer
Seiten: 256
Kapitel: 46
Erschienen am: 28. Mai 2021
Verlag: ONE
ISBN: 978-3846601235
Preis Print: 11,77 Euro
Preis Digital:8,99 Euro
(Preise können abweichen)

Rezensionsexemplar

[Rezension] Claire Douglas: Beste Freundin – Niemand lügt so gut wie du

Als Kinder waren Jess und Heather die allerbesten Freundinnen. Sie teilten alles miteinander. Bis ein einziger Tag ihre Freundschaft unwiderruflich zerstörte. Jahre später kehrt Jess in ihre idyllische Heimatstadt an der Küste Englands zurück. Dort soll sie die Berichterstattung zu einem brutalen Doppelmord übernehmen. Doch als Jess erfährt, dass Heather die Hauptverdächtige ist, ist sie fassungslos. Kann ihre beste Freundin von damals eine eiskalte Mörderin sein? Jess beginnt zu recherchieren und stellt mit Grauen fest, dass alle Hinweise zu dem Tag führen, den sie für immer aus ihrem Leben streichen wollte. Der Tag, an dem Heathers Schwester spurlos verschwand und sie alle ins Unglück stürzte …(Offizieller Klappentext)


Claire Douglas hat seit ihrem ersten Buch „Missing“ einen Stammplatz auf meiner Leseliste – ihre Bücher sind spannend, gut durchdacht und nie langweilig. Sie erscheinen jährlich, somit hab ich einmal im Jahr einen Jour fixe mit ihr. So auch jetzt wieder – und selten habe ich dieses Meeting mit ihr weniger bereut als dieses Jahr.

Jess ist erst kürzlich mit ihrem Freund Rory von London nach Bristol gezogen. In London hat sie bei einer großen Tageszeitung als Journalistin gearbeitet, bis sie dort gefeuert wurde, weil sie unredliche Dinge getan hat. Jetzt arbeitet sie bei einer Zeitung, die nur zweimal die Woche erscheint. Bristol ist ihr allerdings nicht unbekannt, sie hat ihre Kindheit und Jugend dort verbracht und war zwei Jahre mit der sich nun im Koma befindlichen und mutmaßlichen Doppelmörderin Heather befreundet. Sie war lebhaft und hat die introvertierte Heather damals mitgerissen. Dass sie zwei Menschen ermordet und sich dann selber richten wollte, kann sich Jess nicht vorstellen – andererseits kann in 18 Jahren, in denen sich die zwei nicht gesehen haben, vieles passieren. Und so recherchiert Jess, bis sie irgendwann abwägen muss, ob sie nicht zu befangen ist. Sie muss sich zwischen ehemals bester Freundin und Job entscheiden.

Tatsächlich könnte man „Beste Freundin“ fast als Autobiographie bezeichnen. Claire Douglas war früher selber Journalistin und hat in Bristol gelebt. Ihr neuester Psychothriller kann also sowohl mit Know How als auch Ortskenntnissen aufwarten. Nur Tilby, das Örtchen, in dem Heather gemeinsam mit ihrer Mutter Margot – die selber ihre Kapitel bekommt, dazu später mehr – auf einem Campingplatz lebt, den ihre Mutter betreibt, gibt es in der Realität nicht. Zwischen der Kapitel von Jess und Margot gibt es auch immer wieder Rückblicke ins Jahr 1994, als Flora – Heathers um zwei Jahre ältere Schwester – unsterblich in den damals 19-jährigen Schausteller Dylan verliebt war. Heather war damals die überbehütende jüngere Schwester von Flora, die immer auf ihre Schwester acht gegeben hat – bis diese just in dem Sommer 1994 spurlos verschwand. Bis heute ist unklar, wo sie ist, oder ob sie noch lebt.

Das Bemerkenswerte an „Beste Freundin“ ist, dass es nicht in der Jetztzeit spielt, sondern 2012. Unklar ist, warum Claire Douglas gerade dieses Jahr gewählt hat, allerdings ist es auch völlig irrelevant für die Handlung, die durchgehend spannend ist und dessen flotter Schreibstil zum Weiterlesen animiert. Das Buch lädt auch zum miträtseln an, denn es ist keineswegs klar, dass Heather diesen Doppelmord begangen hat. Dazu kommt, dass sich Jess ständig verfolgt fühltund zirka ab der Hälfte auch noch elementaren Zoff mit ihrem Freund Rory hat.

Der Zoff wäre allerdings nicht wirklich notwendig gewesen, vor allem weil er sich wie ein Schatten über den ohnehin düsteren Plot legt. Genau so wenig hätte es meiner Meinung nach den Erzählstrang von Margot gebraucht, der sich mit dem von Jess abwechselt und meiner Meinung nach keinen wirklichen Mehrwert bietet – allerdings schadet er der Handlung auch nicht. Wesentlich interessanter fand ich die kursiven und sehr kurzen Kapitel der komatösen Heather, an der gewissermaßen das Leben vorbeizieht. Claire Douglas bietet mit „Beste Freundin“ gewohnt hohes Niveau, und ich freue mich jetzt schon auf den Jour fixe im nächsten Jahr.

Daten zum Buch 

Autor: Claire Douglas
Titel: Beste Freundin – Niemand lügt so gut wie du
Originaltitel: Then She Vanishes
Übersetzung: kA
Seiten: 496
Kapitel: 53
Erschienen am: 13. April 2021
Verlag: Penguin
ISBN: 978-3328105473
Preis Print: 12,76 Euro
Preis Digital: 9,99 Euro
(Preise können abweichen)

Rezensionsexemplar

[Rezension] Beate Maxian: Die Tote im Kaffeehaus (Sarah Pauli – Band #11)

Wien, wenige Tage vor dem berühmten Kaffeesiederball in der Hofburg: Für ihre erste große Ausgabe als neue Chefredakteurin des Wiener Boten trifft Sarah Pauli Marianne Böhm, Grande Dame der Kaffeehausdynastie Böhm, zu einem exklusiven Interview. Dann der Schock: Mitten im Gespräch sackt die alte Dame leblos in sich zusammen. Ist die Frau bloß an Altersschwäche gestorben? Sarah ist argwöhnisch, denn kurz vor ihrem Tod vertraute Böhm ihr eine rätselhafte Botschaft an. Die Journalistin beginnt zu recherchieren und stößt in der feinen Wiener Kaffeehausgesellschaft schon bald auf Geheimnisse, für die jemand über Leichen geht … (Offizieller Klappentext)


Es ist bereits der elfte Teil der Sarah-Pauli-Reihe, in den Teilen davor durften bereits etliche Wiener Sehenswürdigkeiten als Tatort herhalten – jetzt also ein Kaffeehaus. Ich muss sagen, ich persönlich war in meinem Leben so oft in einem Kaffeehaus, dass ich es wohl an einer Hand abzählen könnte. Dabei ist die Vorstellung, regelmäßig im Kaffeehaus zu sitzen, eine sehr positive, beruhigende, und vor allem eine leckere – wenn nicht gerade ein Mensch am Nebentisch stirbt wie in Beate Maxians neuestem Buch.

Sarah Pauli müsste mittlerweile auf die 40 zugehen, sie hat sich bei der fiktiven Tageszeitung „Wiener Bote“ von der Praktikantin zur Chefredakteurin hochgearbeitet und hat mit Mythen und Bräuchen ihr Leibthema gefunden – doch dann und wann mutiert sie zur Ermittlerin, und auch Chefinspektor Stein, der regelmäßig am Rande in der Reihe auftaucht, sagt ihr öfter, dass sie eine gute Polizistin abgegeben würde. Doch sie ist Journalistin mit Leib und Seele, was man ihr auch als Lesender anmerkt.

Die Sarah-Pauli-Reihe ist definitiv eine meiner Lieblingsreihen – weil ich darin einiges über Wien erfahre, und weil mich das Thema Journalismus interessiert. Und auch das Thema Mythen und Bräuche ist ein interessantes, auch wenn ich selbst kein besonders abergläubiger Mensch bin – aber irgendwelche Ticks haben wir ja alle. „Die Tote im Kaffeehaus“ verrät uns einiges über die Wiener Kaffeehauskultur, die durch die Türkenbelagerung Einzug gehalten hat, als ein Sack mit Kaffeebohnen – die zunächst fälschlicherweise für Kamelfutter gehalten wurde – gefunden wurde. Allein für dieses Wissen danke ich dem Buch, denn ich weiß schon jetzt, dass ich das nie wieder vergessen werde – unnützes Wissen ist mein Spezialgebiet.

Das Buch spielt kurz vor Corona, als der Sturm Sabine durch Europa fegte. Den habe ich tatsächlich komplett verdrängt, weil danach mit Covid19 eine noch viel größere Katastrophe durch die Welt bretterte und immer noch brettert. Sabine war quasi der Sturm vor dem Orkan. Man erfährt wie gesagt vieles über die Wiener Kaffeehauskultur, aber auch generell viel über Kaffeeanbau, und Maxian setzt sich sehr – so habe ich es zumindest aufgefasst – für Biokaffee ein. Und irgendwie habe ich seitdem Lust auf Biokaffee – keine Ahnung warum. Ich bin nicht einmal ein großartiger Kaffeetrinker, aber Beate Maxian schafft es gut, dieses Thema dezent in die Handlung einzubauen. Gegen Ende gehen wir gewissermaßen back to the roots, denn in den ersten Teilen der Reihe begab sich Sarah Pauli immer wieder in Lebensgefahr, bis es ihr ihr jüngerer Bruder Chris ausgetrieben hat. Gefällt mir sehr gut, dass Maxian ihre Leserschaft wieder ein bisschen zittern lässt.

Der Plot ist – wie gewohnt bei der Sarah-Pauli-Reihe – sehr flott – manchmal etwas zu flott, denn das Zeitgefühl ist an manchen Stellen nicht wirklich authentisch. Da ist die Rede von „ich bin in 20 Minuten da“ und fünf Zeilen später und ohne Absatz klingelt es an der Tür. Das ist mir davor nie aufgefallen und es ist auch nichts Großartiges – ich habe beim Lesen aber schon etwas gestutzt. Generell habe ich seit dem Lesen Lust, mich vielleicht ab und zu in ein traditionelles Kaffeehaus zu setzen – nach Corona.

Daten zum Buch 

Autor: Beate Maxian
Titel: Die Tote im Kaffeehaus
Seiten: 416
Kapitel: 34
Erschienen am: 19. April 2021
Verlag: Goldmann
ISBN: 978-3442490165
Preis Print: 10,79 Euro
Preis Digital: 9,99 Euro
(Preise können abweichen)

Rezensionsexemplar

[Rezension] Theresa Prammer: Lockvogel

Toni hat praktisch keinen Euro mehr in der Tasche. Nicht, weil die Schauspielschülerin ihren Allerwertesten nicht hochbekommt, sondern weil sich ihr Freund Felix mit ihren Ersparnissen auf und davon gemacht hat. Geld weg, Freund weg (Oder Ex-Freund? Betrüger? Was zur Hölle ist er denn nun?), dafür werden die unbezahlten Rechnungen immer mehr. – Toni hat einen riesigen Berg besonders saurer Zitronen vorgesetzt bekommen. Nur: Was macht sie daraus? Zuerst einmal: Durchatmen, Limonade machen auf später verschieben und schleunigst Felix zur Rede stellen. Dafür wendet sie sich an Privatdetektiv Edgar Behm. Der könnte Felix aufspüren. Doch wie soll sie ihn bezahlen?

Auch Sybille Steiner findet den Weg in Behms Detektei: Die Ehefrau eines Starregisseurs hat beunruhigende Post erhalten. Einem anonymen Tagebuch zufolge soll ihr Ehemann vor Jahren gegenüber einer jungen Schauspielerin seine Machtposition ausgenutzt haben. Sind die Anschuldigungen wahr? Wer ist die Verfasserin? Hat damit gar der Tod eines Mannes auf einer von Steiners High-Society-Partys etwas zu tun? Möglichst schnell, bevor die Presse Wind davon bekommt, muss Behm genau das herausfinden. Wie praktisch, dass gerade eine Schauspielschülerin bei Behm aufgetaucht ist, die ihn nicht bezahlen kann: Toni wird als Lockvogel engagiert. Welche Gefahren warten auf sie in der Filmbranche, die für Machtgefälle und Intrigen berüchtigt ist? (Offizieller Klappentext)


Theresa Prammer ist vielseitig begabt, egal ob Theater, Film oder Buch – sie kennt sich überall aus. Ich kannte sie weder von dort, noch von da; erst eine Insta-Story von Marc Elsberg machte mich auf sie und ihr neues Buch „Lockvogel“ aufmerksam. Nachdem ich erfahren habe, dass das Buch in Wien spielt, musste ich nicht lange überlegen.

Antonia Lorenz wird von allen eigentlich nur Toni genannt. Sie ist Schauspielstudentin am Wiener Konservatorium. Eigentlich hat sie bedingt durch ihre Großmutter, die sie mangels Eltern großgezogen hat, gar nicht so wenig Geld — Ihr Tresor ist voll damit —, und teurer Schmuck ist auch noch darin. Aber nun ist alles weg. Gestohlen von ihrem Freund Felix, der ebenfalls weg ist. Deshalb steht sie bei Edgar Brehm, seines Zeichens Privatdetektiv, auf der Matte. Der ist gerade knapp bei Kasse und hat obendrein auch noch gröbere gesundheitliche Probleme. Er könnte also einen Auftrag gebrauchen – doch Toni kann nicht zahlen. Da haben wir den Salat. Gut, dass noch eine zahlungskräftige Klientin daherkommt, die ihren Mann des Ehebruchs bezichtigt. Die drückt Brehm ein Kuvert mit etlichen pinken Scheinen (das sind die 500er, ich kenne die auch nur aus Erzählungen) in die Hand und gibt ihm drei Tage, um ihren Mann zu überführen. Als die Ermittlungsarbeit beginnt, in die er Toni einbaut, weil die ja ohnehin nicht zahlen kann, stößt er in ein Wespennest, denn der Fall ist wesentlich größer.

Das ist ganz grob die Handlung. Was mir sofort aufgefallen ist: Toni war mir auf Anhieb sympathisch. Mit wie viel Engagement und Verve sie sich in die Aufgaben stürzt, die ihr Brehm aufträgt bzw. wie viel Eigeninitiative sie auch einbringt, denn sie bietet ihm ihre Dienste ja erst an. Da kann sich der ein oder andere – ja sogar ich – eine Scheibe abschneiden. Brehm hingegen ist der knurrige Detektiv, wie er im Buche steht – ja okay, er ist schwul. Dass man sowas im 21. Jahrhundert noch herausstreichen muss, spricht nicht gerade für unsere Gesellschaft. Das hat Claire Douglas in ihrem Buch „Beste Freundin“ (Rezension folgt) wesentlich besser gelöst; wo zum Arbeitskollegen der Protagonistin lediglich angemerkt wurde,, dass er einen Freund hat ― und damit war alles gesagt. Da muss man kein Fass aufmachen, als wäre ein schwuler Mensch die Sensation des Jahrhunderts, schließlich würde sich vermutlich kein heterosexueller Mensch zu seiner sexuellen Neigung bekennen – eben weil es komplett egal ist, solange es im gesetzlichen Rahmen ist.

#MeToo spielt ebenfalls eine gewisse Rolle, drängt sich aber nicht auf, auch wenn sich ein Großteil der Handlung um die Schauspielerei dreht und ein Regisseur – eben jener vermeintliche Ehebrecher – im Mittelpunkt steht. Das Buch-Cover wirkt zwar unaufgeregt ― der Inhalt ist es aber mitnichten.

„Lockvogel“ ist sehr dialoglastig, was ich sehr gerne mag. Sonst würde ich es als klassischen Whodunit-Krimi kategorisieren. Der Standort Wien spielt dabei aber eine untergeordnete Rolle, vielmehr steht die Interaktion zwischen den Charakteren – allen voran zwischen den Hauptakteuren Toni und Brehm – im Vordergrund. Ob „Lockvogel“ der Auftakt zu einer Reihe ist, ist für mich am Ende nicht ganz klar geworden. Ich würde es mir allerdings wünschen, weil das Duo Toni Lorenz – Brehm außerordentlich sympathisch ist und Toni sichtlich Spaß am Detektieren hat.

Daten zum Buch 

Autor: Theresa Prammer
Titel: Lockvogel
Seiten: 376
Kapitel: 36
Erschienen am: 16. März 2021
Verlag: Haymon Verlag
ISBN: 978-3709981030
Preis Print: 24,43 Euro
Preis Digital: 18,99 Euro
(Preise können abweichen)

Rezensionsexemplar

[Rezension] Bernhard Aichner: Dunkelkammer (David Bronski – Band #1)

Es ist Winter in Innsbruck. Ein Obdachloser rettet sich in eine seit langem leerstehende Wohnung am Waldrand. Im Schlafzimmer findet er eine Leiche, die dort seit zwanzig Jahren unentdeckt geblieben war. Ein gefundenes Fressen für Pressefotograf David Bronski. Gemeinsam mit seiner Journalistenkollegin Svenja Spielmann soll er vom Tatort berichten und die Geschichte der Toten recherchieren. Dass dieser Fall jenseits des Spektakulären aber auch etwas mit ihm zu tun hat, verschweigt er.  Seit er denken kann, fotografiert Bronski das Unglück. Richtet seinen Blick auf das Dunkle in der Welt. Dort wo Menschen sterben, taucht er auf. Er hält das Unheil fest, ist fasziniert von der Stille des Todes. Es ist wie eine Sucht. Bronski ist dem Tod näher als allem anderen, er lebt nur noch für seine Arbeit und seine geheime Leidenschaft. Das Fotografieren, analog. Dafür zieht er sich zurück in seine Dunkelkammer. Es sind Kunstwerke, die er hier schafft. Porträts von toten Menschen. Es ist sein Versuch, wieder Sinn zu finden nach einem schweren Schicksalsschlag.(Offizieller Klappentext)


Bernhard Aichner ist ein Autor, der ständig in meiner Peripherie ist, von dem ich aber noch nie ein Buch gelesen habe. Lange habe ich mit der Totenfrau-Trilogie geliebäugelt, gelesen habe ich sie aber nie. Bei Aichners neuen Reihe habe ich mir schließlich gedacht „Jetzt aber!“ und habe mir den ersten Teil geschnappt – ich habe es nicht bereut.

David Bronski ist Pressefotograf. Einer jener, die vorm Polizeifunk sitzen und innerhalb kürzester Zeit bei Unfall- oder Tatorten sind, um Fotos für die Zeitungen zu machen. Er arbeitet bei einer der größten Zeitungen Deutschlands, doch jetzt verstößt es ihn zurück in seine alte Heimat Innsbruck. Für die Karriere hat er sein Kunststudium in Wien abgebrochen – vielleicht aber auch für die Liebe. Lange war er mit Mona zusammen. Sie sind gemeinsam nach Deutschland gegangen – nach Berlin, um genau zu sein. Mit ihr hat er ein Kind bekommen. Judith. Das Glück schien perfekt – bis Judith verschwand. Kurze Zeit später hat sich Mona das Leben genommen. Bronski hat alles erreicht – und alles verloren. Jetzt hat er nur noch seine Karriere. Und die führt ihn zurück nach Innsbruck. Sein ehemaliger Freund und Kollege Kurt Langer, mittlerweile arbeits- und obdachlos, meldet sich. Er ist da auf etwas gestoßen, was brisant sein könnte. Und das wird es.

David Bronski wird von allen eigentlich nur Bronski genannt – sogar von seiner Schwester Anna. Wird geschrieben. Wenige Seiten später wird Anna Lügen gestraft, als sie ihn beim Vornamen nennt. Anna ist Privatermittlerin und arbeitet auch am Fall mit, der recht schnell persönlich wird, denn am Tatort findet Bronski ein Foto der vor 20 Jahren verschwundenen Judith. Seiner Tochter.

Das Buch ist flott geschrieben. Sehr flott. Normalerweise brauche ich für 50 Seiten etwa 90 Minuten – hier waren es 60. Der Umstand ist dem Stil geschuldet, der sehr speziell ist, als dass das Buch einerseits normale Kapitel hat, andererseits reine Protokollkapitel. Die Protokollkapitel bestehen immer aus Dialogen zwischen zwei Charakteren. Zu Beginn der Kapitel liest man die Namen der zwei Charaktere, danach nur das Gesprochene. Ohne Beschreibungen. Ohne Emotionen. Im ganzen Buch gibt es keine Anführungszeichen, denn falls in den normalen Kapitel gesprochen wird – was selten passiert –, ist die Passage in kursiv gehalten. Die Protokollkapitel verlaufen alternierend zu den normalen Kapitel. Ein Schreibstil, den ich so noch nie gesehen habe, aber definitiv einer der interessantesten.

Es wird auch jedem Charakter Platz gelassen, seine Sicht der Dinge zu präsentieren. Sprich, nahezu jeder Charakter bekommt seine Kapitel. Im Vordergrund steht allerdings Bronski, und ich bin jetzt schon gespannt, worum es im nächsten Teil, der bereits im Juli diesen Jahres erscheint, geht, denn so persönlich wie in „Dunkelkammer“ kann es nicht immer werden, das wäre meiner Meinung nach realitätsfern. Niemand erlebt so viel krasses Zeug.

Überhaupt – und das ist mein größter Kritikpunkt – wirkt die Geschichte sehr konstruiert und selten wirklich organisch. Zum Beispiel gibt es einen Dialog zwischen Charakter X und Charakter Y. Aus dem Nichts sagt Charakter X sinngemäß „Ja dann lass ficken“ – aus dem NICHTS und völlig unromantisch, nur aus dem Grund, weil es immer auch eine Liebeskomponente in einem Kriminalroman geben muss. Das steht so im Handbuch. Dieser Aspekt muss besser werden.

Daten zum Buch 

Autor: Bernhard Aichner
Titel: Dunkelkammer
Seiten: 352
Kapitel: 50
Erschienen am: 22. März 2021
Verlag: btb Verlag
ISBN: 978-3442757848
Preis Print: 16,68 Euro
Preis Digital: 12,99 Euro
(Preise können abweichen)

Rezensionsexemplar

[Rezension: Stephen King: Später

Jamie Conklin wächst in Manhattan auf und wirkt wie ein normaler neunjähriger Junge. Seinen Vater hat er nie kennengelernt, aber er steht seiner Mutter Tia, einer Literaturagentin, sehr nahe. Die beiden haben ein Geheimnis: Jamie kann von klein auf die Geister kürzlich Verstorbener sehen und sogar mit ihnen reden. Und sie müssen alle seine Fragen wahrheitsgemäß beantworten. Tia hat sich gerade aus großer finanzieller Not gekämpft, da stirbt ihr lukrativster Autor. Der langersehnte Abschlussband seiner großen Bestsellersaga bleibt leider unvollendet – wäre da nicht Jamies Gabe … Die beiden treten eine Reihe von unabsehbaren Ereignissen los, und schließlich geht es um, nun ja, Leben und Tod. (Offizieller Klappentext)


Stellt euch vor, ihr könntet mit toten Menschen reden, ihr könntet sie posthum alles fragen und sie müssten immer die Wahrheit sagen – eine gruselige Vorstellung. Aber eine nette Idee, in die wir uns alle hineinversetzen können. Aber da „nett“ bekanntlich der kleine Bruder von „scheiße“ ist, könnt ihr euch ausmalen, wie ich den aktuellen Stephen King fand.

Das Buch beginnt in der Jetzt-Zeit mit einer Rechtfertigung vom Gegenwarts-Jamie. Er rechtfertigt sich gleich mal für den häufigen Gebrauch des Wortes „später“. Der Prolog endet damit, dass er einräumt, dass dies wohl eine Horrorstory sei – um es kurz zu machen: Es ist vielleicht etwas gruselig, aber „Später“ entspricht nicht meiner Vorstellung von Horror. Damit, dass dies eine Story sei, hat er aber recht – dazu aber – ähm – später (hihi).

Nach dem Prolog reisen wir in die Vergangenheit zum sechsjährigen Jamie Conklin, der seine Fähigkeit, mit Toten zu reden, entdeckt, als seine Nachbarin stirbt. Das erzählt er – wie es Kinder in diesem Alter naturgemäß tun – seiner Mutter, welche recht bald erkennt, dass ihr Sohn sich das nicht ausgedacht hat. Als dann einer der größten Autoren, die sie als Literaturagentin betreut, stirbt, nutzt Jamies übersinnliche Fähigkeit aus, denn mittlerweile haben die Conklins einiges an Geld verloren, weil sie durch einen dubiosen Fonds übers Ohr gehaut wurden und von der New Yorker Park Avenue in eine billigere Wohnung ziehen mussten.

Danach geht das Buch aber erst richtig los, allerdings fehlt mir dann doch irgendwie ein roter Faden. Ein Anker. Ein Ziel. Stattdessen schlendern wir durch die Handlung und reden mit einem Toten nach dem Anderen: Das Buch ist zweifelsohne gut geschrieben, aber es ist eben nicht mehr als eine Story mit einer netten Idee – für ein vollwertiges Buch, für das man 20 Euro aufwärts zahlt, reicht es, meiner Meinung nach, nicht.

Auch das Ende ist vorhersehbar und völlig uninspiriert – und der Showdown hat die Bezeichnung Showdown eigentlich gar nicht verdient, denn mittendrin sagen sich Pro- und Antagonist „Nö, keinen Bock, lassen wir es bleiben“ – im übertragenem Sinne. Nachdem mich „Mind Control“ schon massiv enttäuscht hat, wurde ich mit „Später“ in meiner Meinung bestätigt: Stephen King wird absolut überbewertet.

Daten zum Buch 

Autor: Stephen King
Titel: Später
Originaltitel: Later
Übersetzung: Bernhard Kleinschmidt
Seiten: 306
Kapitel: 69
Erschienen am: 15. März 2021
Verlag: Heyne
ISBN: 978-3453273351
Preis Print: 21,59 Euro
Preis Digital: 17,99 Euro
(Preise können abweichen)

Rezensionsexemplar