[Rezension] JP Delaney: Tot bist du perfekt

Tim ist Inhaber von Scott Robotics, einem Silicon-Valley-Start-up, das Roboter herstellt. Tim ist Visionär und ein richtiger Nerd. Doch Tim ist alleine, seit seine Frau Abbie verstorben ist. Deshalb hat er sich jetzt einfach ersetzt, indem er einen Roboter gebaut hat, der aussieht wie sie. Er sieht nicht nur aus wie Abbie, er spricht, denkt und fühlt wie sie – denn es ist der erste Roboter mit Empathie. Diesem wurden alle Informationen zu Abbie eingepflanzt, damit er Abbie zum Verwechseln ähnlich ist. Und beide sind glücklich, sogar Tims autistischer Sohn Danny akzeptiert seine neue Mutter, und so leben die drei relativ glücklich beisammen – bis Roboter-Abbie nicht nur ein geheimnisvolles iPad findet, sondern auch mysteriöse SMS von einem „Freund“ bekommt. Sie beginnt daraufhin, über Realo-Abbie nachzuforschen, und fragt sich bald darauf: Ist Abbie vielleicht gar nicht tot …?


JP Delaney hat sich seit seinem ersten Buch zu einer meiner Lieblingsautoren entwickelt. Er liefert konstant gute Unterhaltung. Nun also erschien sein drittes Buch, worin er eine ganz neue Richtung einschlägt – die wird auf den ersten Blick nicht jedem gefallen, aber Delaney macht es dann doch so, dass sie einer breiten Masse gefallen wird. Oder zumindest könnte.

Der Hauptcharakter ist mitnichten Tim, der Visionär aus der Technikschmiede Silicon Valley, dessen Firma mit dem egozentrischen Namen Scott Robotics – Tims Nachname ist Scott – neben Google und Facebook residiert. Der Hauptcharakter von „Tot bist du perfekt“ ist Abbie – sowohl jene Ausführung aus der Vergangenheit, als auch dessen gegenwärtige Version als Roboter. Ihr wurden einige Erinnerungen von der echten – toten – Abbie eingepflanzt – den Rest lernt sie automatisch; es macht klack, und eine weitere Erinnerung ist da. Wie das technisch funktioniert, erklärt uns Delaney nicht – weil er es vermutlich selber nicht weiß. Zumindest lässt die Danksagung das anklingen, in der er einräumt, dass er sich nicht großartig in die Thematik eingelesen hat. Der Thriller passt einfach in die Zeit, also passt das schon, wird er sich gedacht haben – Oberflächlichkeit zieht immer. Das ist opportunistisch, aber clever.

Ein zweites Thema im Buch ist Autismus, und hier wird es nicht nur persönlich, sondern ausgesprochen sympathisch. Auch hier verweise ich auf die Danksagung. Tims autistischer Sohn Danny hat mich anfangs nur genervt. Nach und nach wurde mir der Junge, der fast ausschließlich in Zitaten aus „Thomas, die kleine Lokomotive“ spricht, immer sympathischer, weil er Ecken und Kanten hat und durch seine Andersartigkeit mehr Charakter als alle anderen Figuren hat. Anders als beim Roboter Abbie hat Delaney hier auch recherchiert. Jahrelang vermutlich – sein Sohn ist nämlich selber Autist. Spätestens hier wird das Buch nicht nur lesenswert, sondern auch sympathisch.

Das Buch beginnt wie die erste „Black Mirror“-Folge aus der zweiten Staffel. Da ihr Freund bei einem Autounfall umkam, bestellt sich die Protagonistin aus der Serie kurzerhand einen Roboter, der aussieht wie ihr Freund. Nach und nach muss sie aber einsehen, dass ein Roboter ihren Freund nicht ersetzen kann. Zumindest der Beginn von „Tot bist du perfekt“ ähnelt der Episode sehr, nur dass Tim sich den Roboter nicht bestellt, sondern selber durch seine Firma bauen lässt. Spätestens da hatte mich das Buch, denn die Episode von „Black Mirror“ hat sich nachhaltig in mein Hirn gebrannt. Danach blicken wir immer wieder zurück zur echten Abbie, als sie in Tims Unternehmen begonnen hat, ihre Ideen – Abbie war Künstlerin – umgesetzt und sich nach und nach in Tim verliebt hat – und vice versa.

„Tot bist du perfekt“ ist definitiv anders. Anders als Delaney andere Bücher. Ich habe es auch nicht als Thriller wahrgenommen, auch wenn Delaney einige Elemente eingebaut hat, die dafür sprechen, manche davon wirken regelrecht hineingezwängt, damit man das Label Thriller rechtfertigen kann. Auch die Erzählweise ist interessant, denn im Roboter-Abbies Strang wird aus der Du-Perspektive erzählt, als wollte Delaney mit dem Leser sprechen. In den Rückschauen zur echten Abbie wird aus der Wir-Perspektive erzählt. So als würde die gesamte Belegschaft von Scott Robotics über Abbie erzählen.

„Tot bist du perfekt“ ist eine interessante Reise und meiner Meinung nach nicht nur JP Delaneys bestes, sondern auch persönlichstes Buch.

Am Ende noch ein kleiner Tipp: Googelt mal Bina48 und schaut ein Video von ihr. Richtig gruselig, aber auch faszinierend.

Daten zum Buch 

Autor: JP Delaney
Titel: Tot bist du perfekt
Originaltitel: The Perfect Wife
Übersetzung: Sibylle Schmidt
Seiten: 448
Erschienen am: 9. März 2020*
Verlag: Penguin
ISBN: 978-3-328-10459-9
Preis Print: 13 Euro
Preis Digital: 3,99 Euro
(Preise können abweichen)

*eBook-Release war ein Monat früher

[Rezension] Jean-Christophe Grangé: Die Fesseln des Bösen

In einem Pariser Striplokal wird eine Leiche gefunden, mit der eigenen Unterwäsche erdrosselt und die Mundwinkel sind bis zu den Ohren aufgeschlitzt. Im Rachen wurde ein Stein platziert. Ein Verdächtiger ist mit dem ältlichen Maler Sobieski schnell gefunden – aber der hat ein hieb- und stichfestes Alibi. Da Kommissar Corso aber keinen anderen Verdächtigen findet, hält er an Sobieski als Täter fest – vor allem, weil er eine kriminelle Vergangenheit hat und 17 Jahre im Gefängnis verbracht hat.
Corso hat noch einen anderen Kampf zu bestreiten, nämlich den um seinen Sohn Thaddée – wenn er den Fall löst, stehen die Chancen gut, dass er das alleinige Sorgerecht erhält. Corso kämpft gegen die Zeit, zumal es nicht bei dem einen Opfer bleibt …


Stéphane Corso ist Leiter von Team 1 der Pariser Kriminalpolizei, er selbst ist einer der besten Ermittler der Stadt. Dabei hat er selber eine dunkle Vergangenheit, wuchs im Heim auf, lebte auf der Straße, war drogensüchtig und hat nicht zuletzt einen Mord begangen – bis Catherine Bompart kam, seine heutige Chefin. Sie holte Corso von der Straße, zwang ihn, das Abi zu machen und schickte ihn auf die Polizeischule; im Gegenzug sorgte sie dafür, dass er nicht für den Mord belangt wird. Während es beruflich ziemlich glatt läuft, tut es das privat so gar nicht, denn Corso steckt gerade mitten im Scheidungsprozess mit seiner Frau. Er will das Sorgerecht für seinen Sohn, weil er seine zukünftige Ex-Frau aufgrund ihrer Sadomaso-Neigungen als eine Gefahr für den Zehnjährigen hält.

Wo wir auch schon beim Thema wären, denn Sex im Allgemeinen und SM bzw. Bondage im Speziellen, spielen die Hauptrolle im titelgebenden Fesselspiel. Man erfährt so einiges über die Szene, manches davon will man vielleicht gar nicht so genau wissen. Dabei hat Corso selbst bei den – nennen wir es lusterweiternden – Spielen mit seiner Frau mitgemacht – heute verurteilt er sie dafür. Aber nicht nur das, sondern auch die Kunst ist ein großes Thema im Buch, hier steht der Hauptverdächtige Sobieski im Mittelpunkt, der die Mal- und Fesselkunst gewissermaßen in einer Melange vereint. Für Corso ist der Mann mit dem geschichtsträchtigen Namen von Anfang an schuldig. Beweise? Na ja, nicht so wirklich. Zwar hat der Maler schon vor etlichen Jahren getötet und der Modus Operandi ist ähnlich, aber nicht derselbe. Egal, denkt sich Corso, einmal Mörder, immer Mörder. Vielleicht ist Corso ja doch kein so guter Ermittler.

Ohnehin war er bei dem Fall nur zweite Wahl, denn das Buch steigt erst zwölf Tage nach dem Mord ein, bis dahin hat sich ein anderer die Fingernägel an dem Fall abgebissen und hat schnell gemerkt, dass er ansteht. Dabei sind zwölf Tage ein Klacks, wenn man merkt, wie lange Corso daran arbeitet – die Handlung zieht sich nämlich über fast zwei Jahre. Zwei Jahre in denen wir einiges mit dem Protagonisten erleben, das Konzept des Buches ist nämlich kein schlechtes. Insgesamt ist das Buch in drei Teile unterteilt, sowohl faktisch als auch erzählerisch. Zuerst haben wir einen klassischen Whodunit-Thriller, danach einen Justizthriller, um später wieder einen Whodunit-Thriller zu lesen.

Der stärkste Charakter im Buch tritt für mich erst im zweiten Teil, also nach grob 200 Seiten auf. Claudia Müller ist gebürtige Österreicherin und dreht die nach dem ersten Teil etwas eingeschlafene Handlung mal komplett auf links, um im dritten Teil noch einen viel größeren Plot-Twist einzubauen. Zwischendurch hab ich mir schon gedacht, dass die Handlung vielleicht etwas zu sehr in die Länge gezogen wird und hab dies in einem Update auf Goodreads auch kundgetan, aber in der Nachbetrachtung macht das alles schon Sinn. Als eher schwach hab ich den Hauptcharakter Corso empfunden. Er hatte für mich überhaupt kein Charisma und nichts, was mir längerfristig im Gedächtnis bleiben wird.

Auch wenn die Handlung zwischendrin einen ziemlichen Durchhänger hat und nur dahinplätschert, war ich froh, bis zum Ende durchgehalten zu haben. Zumal das Ende und die Auflösung äußerst interessant sind.

Daten zum Buch 

Autor: Jean-Christophe Grangé
Titel: Die Fesseln des Bösen
Originaltitel: La terre des morts
Übersetzung: Ulrike Werner-Richter
Seiten: 608
Kapitel: 104
Erschienen am: 31. Januar 2020
Verlag: Lübbe
ISBN: 978-3431041293
Preis Print: 16,90 Euro
Preis Digital: 11,99 Euro
(Preise können abweichen)

[Rezension] Natasha Bell: Alexandra

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