[Rezension] Alex Michaelides: Die verschwundenen Studentinnen

An Marianas ehemaligem College in Cambridge wird eine Studentin tot aufgefunden, brutal ermordet. Auf dem Campus geht die Angst um. Die Trauma-Therapeutin macht sich auf den Weg, um ihrer dort eingeschriebenen Nichte beizustehen. Kaum angekommen, verschwinden zwei weitere Studentinnen. Ihre Nachforschungen führen Mariana tief in eine ebenso düstere wie unheimliche Parallelwelt am College. Hat der exzentrische Professor, der offenbar nicht nur einem ominösen Geheimbund vorsteht, sondern zudem einen unheimlichen, uralten Kult wiederzubeleben scheint, etwas mit dem Verschwinden der Mädchen zu tun? Oder ist die Wahrheit deutlich komplizierter – und persönlicher?
Während die Polizei den Fall schon abgeschlossen glaubt, öffnen sich für Mariana im wahrsten Sinne des Wortes die Tore zur Unterwelt … (Offizieller Klappentext)


„Die stumme Patientin“ war ein Weltbestseller, eigentlich wollte ich ihn auch lesen, weil ich vergangenes Jahr immer wieder darüber gestolpert bin – irgendwann habe ich nicht mehr daran gedacht. Bis letztens, als der Nachfolger kam – „Die verschwundenen Studentinnen“ – und seit ich ihn gelesen habe, bin ich irgendwie froh, dass ich auf „Die stumme Patientin“ vergessen habe.

Mariana ist Gruppentherapeutin in London. Ihre Therapien leitet sie bei sich daheim, ihre Gruppe ist harmonisch, nur Henry bedrängt sie immer wieder; außerdem bildet sie sich ein, dass er manchmal vor ihrem Haus steht und sie beobachtet. Nur gut, dass ihr ihre Nichte und nach dem Tod ihrer Eltern auch Ziehtochter Zoe eine Chance gibt, dem zu entfliehen, denn die ruft sie an und berichtet ihr, dass ihre beste Freundin Tara seit einigen Tagen verschwunden sei. Also packt sich Mariana zusammen und fährt nach Cambridge, wo sie selbst studiert hat und wo sie ihren Mann Sebastian kennen und lieben gelernt hat. Sebastian starb vor eineinhalb Jahren, als die beiden Urlaub auf der griechischen Insel Naxos gemacht haben, bei einem Schwimmgang. Mariana ist bis heute noch nicht über seinen Tod hinweggekommen, und in Cambridge erinnert sie quasi alles an ihn – beste Voraussetzungen also, um einfach mal Detektiv zu spielen. Nicht. So völlig voreingenommen schießt sie sich gleich auf den schillernden Professor Fosca an, der sich wie ein Pascha scheinbar einen Harem mit seinen Lieblingsstudentinnen, die er „Die Mädchen“ nennt, hält. In diesem erlesenen Kreis befinden sich betuchte Studentinnen, die immer um Fosca herum schwirren und ihm zu Füßen liegen. Nach und nach wird eine von ihnen Tod auf dem Unigelände aufgefunden – was ist da los? Miss Marp … ääh Mariana ermittelt – also mehr oder weniger.

Ich habe bei „Die verschwundenen Studentinnen“ – der Titel ist by the way irgendwas, denn die Studentinnen sind keineswegs verschwunden – lange nach einem sympathischen Charakter gesucht und bis zum Ende keinen gefunden. Vielmehr gibt es ein paar markante Figuren wie Fred, der von sich behauptet, in die Zukunft sehen zu können, und Mariana gleich beim zweiten oder dritten Aufeinandertreffen in Cambridge einen Heiratsantrag macht – das ist das, was dem Wort sympathisch wohl am nächsten kommt. Schrullig würde es eher treffen. Professor Fosca sticht ebenfalls heraus mit seiner exzentrischen bis selbstverliebten Art, um den ständig eine Gruppe blutjunger Studentinnen, die er nur „die Mädchen“ nennt, herumscharwenzeln – sympathisch ist der aber keineswegs. Und dann Mariana – tja –, eine Psychotherapeutin, die selber noch lange nicht den Tod ihres Mannes verwunden hat, eine schwierige Kindheit hatte, aber zu Zoe tröstend „Alles wird gut“ sagt, nachdem die ihre Freundin verliert – Glaubwürdigkeit wo bist du?

Alex Michaelides meint über sich selbst, dass er ein ambivalentes Verhältnis zur Psychotherapie hat: „Ich bin im Laufe der Jahre vielen wunderbaren Therapeuten begegnet, aber auch ebenso vielen, die genauso dysfunktional und beschädigt waren wie ihre Patienten“, sagt er etwa dem „Publishers Weekly“ – tatsächlich habe ich selber schon länger den Eindruck, dass viele Menschen Psychologie – ohnehin und vielleicht gerade deshalb ein überlaufenes Studium – studieren, um Lösungen für ihre höchst eigenen Probleme zu suchen. Psychotherapie kann aber auch etwas Helfendes sein, ich spreche da aus eigener Erfahrung. Ich stimme Michaelides da also durchaus zu.

Eingebettet ist „Die verschwundenen Studentinnen“ in die Welt der griechischen Tragödie, aus der oft zitiert wird – für mich ein Thema, mit dem ich überhaupt nichts anfangen kann. Michaelides kehrt damit zurück in seine frühen Jahre, als er in Jugendjahren viel Zeit mit der griechischen Mythologie verbracht hat und jetzt selbst mit seinem neuen Buch eine griechische Tragöde auf Speed inszeniert und produziert hat — nach seiner eigenen und moderneren Interpretation. Auch wenn der Speed etwas gebraucht hat, um sich vollends zu entfalten – nämlich bei mir fast 200 Seiten. Vielleicht wegen der allgegenwärtig unsympathischen Charaktere, vielleicht wegen der – für mich – hochtrabenden griechischen Mythologie, vielleicht weil das Buch in einem mir völlig fremden Milieu – der Oberschicht – spielt, aber irgendwie hat es mich lange nicht gepackt; obwohl die Machart an Agatha Christie erinnert und das „Stück“ auf kleiner Bühne – eben Cambridge – spielt. Ebenfalls ratlos ließ mich das Ende zurück, denn das Buch endet mehr oder weniger mitten in der Szene. Ihr müsst letztlich selber entscheiden, ob ihr „Die verschwundenen Studentinnen“ lest oder nicht, mein Fall war es nicht wirklich – und nach dem Ende, war ich auch froh, auf „Die stumme Patientin“ vergessen zu haben.

Daten zum Buch 

Autor: Alex Michaelides
Titel: Die verschwundenen Studentinnen
Originaltitel: The Maidens
Übersetzung: Kristina Lake-Zapp
Seiten: 352
Kapitel: 83 (+Epilog)
Erschienen am: 1. Juli 2021
Verlag: Droemer HC
ISBN: 978-3426282151
Preis Print: 14,71 Euro
Preis Digital: 12,99 Euro
(Preise können abweichen)

Rezensionsexemplar

[Rezension] Jürgen Neff: Blutgrätsche (Nina Schätzle – Band #1)

Nie wieder wollte Nina Schätzle ein Stadion betreten. Doch nach einem Pokal-Derby gegen den Erzrivalen wurde Cat Benzeler, eine wichtige Figur der Heidenheim-Ultras, ermordet, und Schätzle und ihr neuer Partner sind mit dem Fall betraut. Sie hat vor Langem mit diesem Kapitel ihres Lebens abgeschlossen, aber die Kripobeamtin verbindet viel mit dem 1. FCH. War sie doch selbst einmal ein Ultra, hat ihre eigene, blutige Geschichte mit dem Fußball und der Fan-Gemeinde. Und: Das Opfer ist ihre frühere beste Freundin. (Offizieller Klappentext)


Man kann die fußballfreie Zeit bis zur ersten Pan-europäischen EM mit einigem Füllen – Netflix, Zocken, Sex, in Urlaub fahren – oder – ganz kreativ – mit einem Buch! Denn ich weiß jetzt schon, dass ich während der EM – also wenn diese Rezension erscheint – nicht viel lesen werde. „Blutgrätsche“ ist der Auftakt von Jürgen Neffs „Nina-Schätzle-Reihe“, die mit dem Attribut „Fußball Krimi“ aufwartet – doch es ist wesentlich mehr als das.

Nina Schätzle ist Kripo-Beamtin. Früher stand sie in der Kurve des 1. FC Heidenheim – Zweitligist, der 2020 nur knapp in der Relegation gegen Bremen am Aufstieg gescheitert ist. Sie war Ultra, also jene Fangruppe, die sich als harter Kern bezeichnet. Die für den Verein leben und ihm alles unterordnen – und für die die Polizei der größte Feind ist. Schätzle hat also die Seiten gewechselt – denkt man. Nun ist ihre ehemalige Freundin tot, mit ihr stand sie früher auf der Ost der Voith-Arena, dem Stadion des 1. FC Heidenheim. Katharina „Cat“ Benzeler wurde nach dem Pokalspiel gegen den Erzrivalen Aalen mit drei Messerstichen niedergestreckt. Schätzle muss diesen Fall lösen und gegen ihre ehemaligen Kumpanen ermitteln. Na dann viel Spaß, Frau Befangenheit.

Das ist nämlich das erste Problem – dass Nina nicht gleich am Anfang von dem Fall abgezogen wird, habe ich bis zum Ende nicht verstanden. Aber irgendwie bringt genau dieser Umstand auch zusätzliche Spannung in den Krimi, der ohnehin voller Spannungen ist. Denn Schätzle ist alles andere als entspannt. Sie wirkt eher wie eine Getriebene, die kurz davor ist, Amok zu laufen. Dass sie einen Dachschaden hat, ist nicht nur medizinisch diagnostiziert, das weiß sie auch selbst und erzählt es der Leser:in, sondern sie zupft auch ständig am Gummiband auf ihrem Handgelenk, um Stress abzubauen. Schätzle ist also nicht nur befangen, sondern auch labil as fuck. Charakterbildung kann Neff schon mal, denn Schätzle ist ein durchaus interessanter Charakter, mir persönlich aber zu kantig, fast zu maskulin. Unsympathisch obendrein.

Der Krimi selbst ist allerdings nur oberflächlich betrachtet ein Fußball Krimi – ich würde eher Philip Kerrs „Wintertransfer“ als Fußball Krimi bezeichnen –, ich würde „Blutgrätsche“ vielmehr als Ultras Krimi bezeichnen, aber beim Wort „Ultra“ denkt der Durchschnittsbürger wahrscheinlich früher an die Steigerungsform von mega.

In dem Buch geht es nämlich so gut wie gar nicht um Fußball, sondern um Fußball-Fankultur, und da ist die eigentliche Stärke des Buches, denn Neff hat sich vorzüglich in die Thematik der Ultras eingearbeitet oder steht selbst regelmäßig in der Kurve. Das zu lesen ist fast interessanter als der Kriminalfall – aber definitiv nichts für Leute, die nur Fußball schauen wenn, WM ist. Schätzles Kollege Schröter repräsentiert zwar gewissermaßen den unbedarften Leser und stellt gerne mal die ein oder andere „blöde“ Frage, das macht das Buch aber noch lange nicht massentauglich. „Blutgrätsche“ ist dadurch (leider) sehr nischig. Dass sich Neff einen Zweitligisten hergenommen hat, ist zwar charmant, macht das Buch aber nur noch nischiger. Vielleicht war aber genau das Neffs Plan, und er wollte seiner Leidenschaft eine Buchreihe widmen.

Daten zum Buch 

Autor: Jürgen Neff
Titel: Blutgrätsche
Seiten: 373
Kapitel: 63
Erschienen am: 10. März 2021
Verlag: Gmeiner Verlag
ISBN: 978-3839227978
Preis Print: 13,73 Euro
Preis Digital: 10,99 Euro
(Preise können abweichen)

Rezensionsexemplar

[Rezension] Theresa Prammer: Lockvogel

Toni hat praktisch keinen Euro mehr in der Tasche. Nicht, weil die Schauspielschülerin ihren Allerwertesten nicht hochbekommt, sondern weil sich ihr Freund Felix mit ihren Ersparnissen auf und davon gemacht hat. Geld weg, Freund weg (Oder Ex-Freund? Betrüger? Was zur Hölle ist er denn nun?), dafür werden die unbezahlten Rechnungen immer mehr. – Toni hat einen riesigen Berg besonders saurer Zitronen vorgesetzt bekommen. Nur: Was macht sie daraus? Zuerst einmal: Durchatmen, Limonade machen auf später verschieben und schleunigst Felix zur Rede stellen. Dafür wendet sie sich an Privatdetektiv Edgar Behm. Der könnte Felix aufspüren. Doch wie soll sie ihn bezahlen?

Auch Sybille Steiner findet den Weg in Behms Detektei: Die Ehefrau eines Starregisseurs hat beunruhigende Post erhalten. Einem anonymen Tagebuch zufolge soll ihr Ehemann vor Jahren gegenüber einer jungen Schauspielerin seine Machtposition ausgenutzt haben. Sind die Anschuldigungen wahr? Wer ist die Verfasserin? Hat damit gar der Tod eines Mannes auf einer von Steiners High-Society-Partys etwas zu tun? Möglichst schnell, bevor die Presse Wind davon bekommt, muss Behm genau das herausfinden. Wie praktisch, dass gerade eine Schauspielschülerin bei Behm aufgetaucht ist, die ihn nicht bezahlen kann: Toni wird als Lockvogel engagiert. Welche Gefahren warten auf sie in der Filmbranche, die für Machtgefälle und Intrigen berüchtigt ist? (Offizieller Klappentext)


Theresa Prammer ist vielseitig begabt, egal ob Theater, Film oder Buch – sie kennt sich überall aus. Ich kannte sie weder von dort, noch von da; erst eine Insta-Story von Marc Elsberg machte mich auf sie und ihr neues Buch „Lockvogel“ aufmerksam. Nachdem ich erfahren habe, dass das Buch in Wien spielt, musste ich nicht lange überlegen.

Antonia Lorenz wird von allen eigentlich nur Toni genannt. Sie ist Schauspielstudentin am Wiener Konservatorium. Eigentlich hat sie bedingt durch ihre Großmutter, die sie mangels Eltern großgezogen hat, gar nicht so wenig Geld — Ihr Tresor ist voll damit —, und teurer Schmuck ist auch noch darin. Aber nun ist alles weg. Gestohlen von ihrem Freund Felix, der ebenfalls weg ist. Deshalb steht sie bei Edgar Brehm, seines Zeichens Privatdetektiv, auf der Matte. Der ist gerade knapp bei Kasse und hat obendrein auch noch gröbere gesundheitliche Probleme. Er könnte also einen Auftrag gebrauchen – doch Toni kann nicht zahlen. Da haben wir den Salat. Gut, dass noch eine zahlungskräftige Klientin daherkommt, die ihren Mann des Ehebruchs bezichtigt. Die drückt Brehm ein Kuvert mit etlichen pinken Scheinen (das sind die 500er, ich kenne die auch nur aus Erzählungen) in die Hand und gibt ihm drei Tage, um ihren Mann zu überführen. Als die Ermittlungsarbeit beginnt, in die er Toni einbaut, weil die ja ohnehin nicht zahlen kann, stößt er in ein Wespennest, denn der Fall ist wesentlich größer.

Das ist ganz grob die Handlung. Was mir sofort aufgefallen ist: Toni war mir auf Anhieb sympathisch. Mit wie viel Engagement und Verve sie sich in die Aufgaben stürzt, die ihr Brehm aufträgt bzw. wie viel Eigeninitiative sie auch einbringt, denn sie bietet ihm ihre Dienste ja erst an. Da kann sich der ein oder andere – ja sogar ich – eine Scheibe abschneiden. Brehm hingegen ist der knurrige Detektiv, wie er im Buche steht – ja okay, er ist schwul. Dass man sowas im 21. Jahrhundert noch herausstreichen muss, spricht nicht gerade für unsere Gesellschaft. Das hat Claire Douglas in ihrem Buch „Beste Freundin“ (Rezension folgt) wesentlich besser gelöst; wo zum Arbeitskollegen der Protagonistin lediglich angemerkt wurde,, dass er einen Freund hat ― und damit war alles gesagt. Da muss man kein Fass aufmachen, als wäre ein schwuler Mensch die Sensation des Jahrhunderts, schließlich würde sich vermutlich kein heterosexueller Mensch zu seiner sexuellen Neigung bekennen – eben weil es komplett egal ist, solange es im gesetzlichen Rahmen ist.

#MeToo spielt ebenfalls eine gewisse Rolle, drängt sich aber nicht auf, auch wenn sich ein Großteil der Handlung um die Schauspielerei dreht und ein Regisseur – eben jener vermeintliche Ehebrecher – im Mittelpunkt steht. Das Buch-Cover wirkt zwar unaufgeregt ― der Inhalt ist es aber mitnichten.

„Lockvogel“ ist sehr dialoglastig, was ich sehr gerne mag. Sonst würde ich es als klassischen Whodunit-Krimi kategorisieren. Der Standort Wien spielt dabei aber eine untergeordnete Rolle, vielmehr steht die Interaktion zwischen den Charakteren – allen voran zwischen den Hauptakteuren Toni und Brehm – im Vordergrund. Ob „Lockvogel“ der Auftakt zu einer Reihe ist, ist für mich am Ende nicht ganz klar geworden. Ich würde es mir allerdings wünschen, weil das Duo Toni Lorenz – Brehm außerordentlich sympathisch ist und Toni sichtlich Spaß am Detektieren hat.

Daten zum Buch 

Autor: Theresa Prammer
Titel: Lockvogel
Seiten: 376
Kapitel: 36
Erschienen am: 16. März 2021
Verlag: Haymon Verlag
ISBN: 978-3709981030
Preis Print: 24,43 Euro
Preis Digital: 18,99 Euro
(Preise können abweichen)

Rezensionsexemplar

[Rezension] Bernhard Aichner: Dunkelkammer (David Bronski – Band #1)

Es ist Winter in Innsbruck. Ein Obdachloser rettet sich in eine seit langem leerstehende Wohnung am Waldrand. Im Schlafzimmer findet er eine Leiche, die dort seit zwanzig Jahren unentdeckt geblieben war. Ein gefundenes Fressen für Pressefotograf David Bronski. Gemeinsam mit seiner Journalistenkollegin Svenja Spielmann soll er vom Tatort berichten und die Geschichte der Toten recherchieren. Dass dieser Fall jenseits des Spektakulären aber auch etwas mit ihm zu tun hat, verschweigt er.  Seit er denken kann, fotografiert Bronski das Unglück. Richtet seinen Blick auf das Dunkle in der Welt. Dort wo Menschen sterben, taucht er auf. Er hält das Unheil fest, ist fasziniert von der Stille des Todes. Es ist wie eine Sucht. Bronski ist dem Tod näher als allem anderen, er lebt nur noch für seine Arbeit und seine geheime Leidenschaft. Das Fotografieren, analog. Dafür zieht er sich zurück in seine Dunkelkammer. Es sind Kunstwerke, die er hier schafft. Porträts von toten Menschen. Es ist sein Versuch, wieder Sinn zu finden nach einem schweren Schicksalsschlag.(Offizieller Klappentext)


Bernhard Aichner ist ein Autor, der ständig in meiner Peripherie ist, von dem ich aber noch nie ein Buch gelesen habe. Lange habe ich mit der Totenfrau-Trilogie geliebäugelt, gelesen habe ich sie aber nie. Bei Aichners neuen Reihe habe ich mir schließlich gedacht „Jetzt aber!“ und habe mir den ersten Teil geschnappt – ich habe es nicht bereut.

David Bronski ist Pressefotograf. Einer jener, die vorm Polizeifunk sitzen und innerhalb kürzester Zeit bei Unfall- oder Tatorten sind, um Fotos für die Zeitungen zu machen. Er arbeitet bei einer der größten Zeitungen Deutschlands, doch jetzt verstößt es ihn zurück in seine alte Heimat Innsbruck. Für die Karriere hat er sein Kunststudium in Wien abgebrochen – vielleicht aber auch für die Liebe. Lange war er mit Mona zusammen. Sie sind gemeinsam nach Deutschland gegangen – nach Berlin, um genau zu sein. Mit ihr hat er ein Kind bekommen. Judith. Das Glück schien perfekt – bis Judith verschwand. Kurze Zeit später hat sich Mona das Leben genommen. Bronski hat alles erreicht – und alles verloren. Jetzt hat er nur noch seine Karriere. Und die führt ihn zurück nach Innsbruck. Sein ehemaliger Freund und Kollege Kurt Langer, mittlerweile arbeits- und obdachlos, meldet sich. Er ist da auf etwas gestoßen, was brisant sein könnte. Und das wird es.

David Bronski wird von allen eigentlich nur Bronski genannt – sogar von seiner Schwester Anna. Wird geschrieben. Wenige Seiten später wird Anna Lügen gestraft, als sie ihn beim Vornamen nennt. Anna ist Privatermittlerin und arbeitet auch am Fall mit, der recht schnell persönlich wird, denn am Tatort findet Bronski ein Foto der vor 20 Jahren verschwundenen Judith. Seiner Tochter.

Das Buch ist flott geschrieben. Sehr flott. Normalerweise brauche ich für 50 Seiten etwa 90 Minuten – hier waren es 60. Der Umstand ist dem Stil geschuldet, der sehr speziell ist, als dass das Buch einerseits normale Kapitel hat, andererseits reine Protokollkapitel. Die Protokollkapitel bestehen immer aus Dialogen zwischen zwei Charakteren. Zu Beginn der Kapitel liest man die Namen der zwei Charaktere, danach nur das Gesprochene. Ohne Beschreibungen. Ohne Emotionen. Im ganzen Buch gibt es keine Anführungszeichen, denn falls in den normalen Kapitel gesprochen wird – was selten passiert –, ist die Passage in kursiv gehalten. Die Protokollkapitel verlaufen alternierend zu den normalen Kapitel. Ein Schreibstil, den ich so noch nie gesehen habe, aber definitiv einer der interessantesten.

Es wird auch jedem Charakter Platz gelassen, seine Sicht der Dinge zu präsentieren. Sprich, nahezu jeder Charakter bekommt seine Kapitel. Im Vordergrund steht allerdings Bronski, und ich bin jetzt schon gespannt, worum es im nächsten Teil, der bereits im Juli diesen Jahres erscheint, geht, denn so persönlich wie in „Dunkelkammer“ kann es nicht immer werden, das wäre meiner Meinung nach realitätsfern. Niemand erlebt so viel krasses Zeug.

Überhaupt – und das ist mein größter Kritikpunkt – wirkt die Geschichte sehr konstruiert und selten wirklich organisch. Zum Beispiel gibt es einen Dialog zwischen Charakter X und Charakter Y. Aus dem Nichts sagt Charakter X sinngemäß „Ja dann lass ficken“ – aus dem NICHTS und völlig unromantisch, nur aus dem Grund, weil es immer auch eine Liebeskomponente in einem Kriminalroman geben muss. Das steht so im Handbuch. Dieser Aspekt muss besser werden.

Daten zum Buch 

Autor: Bernhard Aichner
Titel: Dunkelkammer
Seiten: 352
Kapitel: 50
Erschienen am: 22. März 2021
Verlag: btb Verlag
ISBN: 978-3442757848
Preis Print: 16,68 Euro
Preis Digital: 12,99 Euro
(Preise können abweichen)

Rezensionsexemplar

[Rezension] Peter James: Du stirbst für mich (Roy Grace – Band #13)

Lorna Belling hat genug. Genug von ihrer höllischen Ehe und ihrem brutalen Ehemann Corin. Und jetzt auch von ihrem Liebhaber Greg, der sie seit zwei Jahren über seine wahren Absichten belügt. Doch als sie ihm droht, rastet Greg aus.
Als die Leiche einer toten Frau in Brighton gefunden wird, sieht für Detective Superintendent Roy Grace zunächst alles nach einem einfach zu lösenden Fall aus. Zumal ein brutaler Ehemann ein perfekter Hauptverdächtiger ist. Doch diese Ermittlung hat es in sich: Der Fall geht in eine völlig andere Richtung als gedacht, und Roy Grace steckt mitten in einer der schwierigsten Ermittlungen seines Lebens. (Offizieller Klappentext)


Letztens habe ich mich wieder mal an die Roy-Grace-Reihe von Peter James erinnert, von denen ich irgendwann im Jahre Schnee ein paar Teile gelesen habe. Mittlerweile gibt es 13 davon. 13 Teile über diverse Mörder, die das südenglische Brighton unsicher machen – das hat irgendwie etwas von „Der Bulle von Tölz“, denn die Vorstellung, dass eine mittelgroße Kleinstadt regelmäßig von (Serien)Mördern unsicher gemacht wird, ist fern jeglicher Realität. Aber vielleicht ist genau das das Erfolgsrezept der Reihe.

Lorna ist Friseuse, bei der es nicht gerade rundläuft, denn sie wird tagein, tagaus von ihrem Mann Corin geschlagen und misshandelt – erst letztens hat er versucht, ihr Hundekot in den Mund zu stopfen. Neben dem Stylen hat sie nämlich auch begonnen, Hunde zu züchten. Um sich von den Gräueltaten ihres Mannes abzulenken, hat sie eine Affäre in einer Wohnung, die sie extra dafür gemietet hat. Ein Liebesnest. Eine Bumsbude. Jetzt hat sie herausgefunden, dass sie ihr Liebhaber nach Strich und Faden belogen hat. Läuft bei ihr.

Roy Grace ist plötzlich Vater geworden. Nachdem seine Ex-Frau Sandy zehn Jahre wie vom Erdboden verschluckt war, ist sie nach einem Unfall – sie wurde von einem Auto angefahren – wie aus dem Nichts aufgetaucht. Da sie den Unfall nicht gut verwunden hat, hat sie sich kurzerhand das Leben genommen. In ihrem Testament eröffnet sie Roy Grace, dass ihr zehnjähriger Sohn Bruno von ihm sei. Um die Formalitäten zu klären, reist Grace nach München, wo Sandy die letzten Jahre gelebt hat, und holt Bruno – der zum Glück tadellos Englisch spricht – zu sich nach Brighton. Für mich eine Horror-Vorstellung, wenn mir plötzlich ein fremder Mensch vorgesetzt wird, der mich in ein mir fremdes Land bringt. Aber Bruno verdaut es ganz gut, auch wenn er gewisse Probleme haben dürfte, wie Sandy im Testament schreibt.

Ich habe lange überlegt, ob ich dieses Buch rezensieren soll, da die Handlung zwischendrin nur schwer nachvollziehbar war, es oft Rückgriffe in vergangene Teile gab, die ich nicht verstanden habe, weil ich sie nicht gelesen habe. Graces Geschichte mit Sandy zum Beispiel – oder die mit seiner neuen Frau Cleo. Davon ausgehend würde ich nicht empfehlen, mit diesem Teil in die Reihe einzusteigen.

Der Kriminalfall – die Binnenhandlung sozusagen – ist aber durchaus okay – allerdings nichts, was outstanding ist. Man kann als Leser miträtseln, wer der Täter ist (was man spätestens im letzten Drittel des Buches heraus hat) und man bekommt immer wieder kurze Kapitel serviert, die die Sicht des Täters zeigen. Beziehungsweise ist lange gar nicht klar, ob es überhaupt Mord war – und das wirft eine interessante Frage auf: Wie viele Morde werden eigentlich als solche entdeckt? Oftmals – vor allem bei älteren Personen – geht man meistens von einem natürlichen Tod aus, wenn es nicht gerade offensichtlich ist – sprich: wenn das Opfer nicht gerade ein Loch im Kopf hat. Ich habe dann mal gegoogelt, wie viele Morde unentdeckt bleiben, und die Antwort ist schockierend, denn es sind 50 Prozent.

Na ja, zurück zum Buch: Kann man lesen, und es wird auch nie langweilig – aber man verpasst auch nichts, wenn man „Du stirbst für mich“ nicht liest. Ein zeitloser Thriller, der auch in fünf Jahren noch seine Aktualität hat.

Daten zum Buch 

Autor: Peter James
Titel: Du stirbst für mich
Originaltitel: Need you dead
Übersetzung: Irmengard Gabler
Seiten: 464
Kapitel: 115
Erschienen am: 24. Februar 2021 (als TB)
Verlag: FISCHER Taschenbuch
ISBN: 978-3596701537
Preis Print: 10,79 Euro
Preis Digital: 9,99 Euro
(Preise können abweichen)

Rezensionsexemplar

[Rezension] Mo Ruby: Abi 95

Auf dem Friedhof einer westerwälder Kleinstadt findet man bei Erdarbeiten die Leiche einer jungen Frau, die seit ihrem Abiball im Jahr 1995 vermisst wird. Clara Friedrichs, Anwältin und kleine Schwester der ehemals besten Freundin der Toten, reist zur Bestattung an den Ort ihrer Jugend, wo sie erstmals seit 25 Jahren wieder auf die ehemaligen Mitschüler trifft. Zusammen mit dem Journalisten Veit Windeck begibt sich Clara auf Spurensuche in der Vergangenheit und muss schnell erkennen, dass ihr eigenes Schicksal eng mit den damaligen Ereignissen verwoben ist.

Was geschah tatsächlich in der Nacht des Abi-Balls? Warum ist das Verhältnis zu ihrer Schwester seit diesem verhängnisvollen Abend so gestört? Und warum scheint keiner der damaligen Mitschüler ein ernsthaftes Interesse an der Aufklärung des rätselhaften Falles zu haben? (Offizieller Klappentext)


1995 war ich die meiste Zeit neun Jahre, also noch keine Rede von Abi. An konkrete Ereignisse aus dem Jahr kann ich mich nicht erinnern. Dennoch habe ich die 1990er in guter Erinnerung, was auch der Grund war, warum ich Mo Rubys Rezensionsanfrage innerhalb kurzer Zeit mit Ja beantwortet habe. Ich habe ein Buch erwartet, in dem man immer wieder ins Jahr 1995 zurückreist, und das passiert auch – zumindest im ersten von insgesamt vier Teilen.

Der Journalist Veit Windeck vom „Westerwälder Tagesboten“ bekommt von seinem Chef das Bild einer Leiche, die ein Friedhofswärter ausgebuddelt hat, als dieser ein Grab ausheben wollte, in die Hand gedrückt. Er soll herausfinden, was es damit auf sich hat, warum sie dort lag, und wer sie ist. Wer das rund 20-jährige Mädel ist, kommt schnell heraus, denn die Tote war stadtbekannt. Susanna war eine Schönheit und konnte jeden haben, und genau das nutzte sie auch aus.

Clara ist die zweite Protagonistin. Sie hat es geschafft. Top-Job, Top-Klamotten, Top-Leben – denkste. Tatsächlich hat sie ihren Job und ihren Mann gerade vor ein paar Tagen verloren. Um sich abzulenken, besucht sie ihre Schwester Frederike, mit der sie früher ziemlich dicke war – bis Frederike sie verraten hat, als sie von Daheim auszog. Seitdem besteht eine gewisse Distanz zwischen ihnen. Tatsächlich ist da noch wesentlich mehr zwischen ihnen.

Ich denke, jeder hatte dieses eine Mädel oder diesen einen Jungen in der Schule, die oder der einfach jeden haben konnte. Deshalb wird sich vermutlich jeder von uns mit dem Setting des Buches identifizieren können. Das allein, plus der Spannungsbogen, der direkt im kurzen Prolog gespannt wird, müsste reichen, um den Leser an das Buch zu fesseln. Abgesehen davon ist das Buch eine Zeitreise, denn dieses Buch atmet die 1990er – auch wenn der Haupt-Plot im coronafreien 2019 spielt. Ich hatte einen unglaublichen Spaß mit dem Buch, vor allem, weil man direkt im Prolog auch den passenden Soundtrack in die Hand gedrückt bekommt – R.E.M. Ich habe ab dann R.E.M rauf und runter gehört und es passt zu diesem Buch wie der viel zitierte Arsch auf den Eimer – zumindest bis zur Hälfte des Buches.

Während es im ersten Teil um das Wie und Warum geht, wird das Buch im zweiten Teil zum Whodunit-Thriller. Denn am Ende des ersten Teils gibt es einen neuen Mord und einen Suizid. Es gibt keine Rückblenden mehr und Clara arbeitet nun mit dem Journalisten Windeck daran, die ganzen Todesfälle aufzuklären  – nachdem sie gemeinsam in der Kiste waren. Der zweite Teil wirkt fast wie ein anderes Buch, die erste Leiche rückt in den Hintergrund. Klar gehört alles irgendwie zusammen und es passt auch irgendwie, aber irgendwie dann auch wieder nicht. Dann gibt es noch einen dritten Teil, den man eigentlich auch in den zweiten integrieren hätte können, und schließlich gibt es noch einen vierten Teil, der überhaupt nur aus einem Kapitel besteht – äh, okay?!

Ruby baut sich im ersten Teil eine wunderbare Handlung mit viel Atmosphäre auf, um es im zweiten, dritten und vierten Teil wieder ein bisschen zu zerstören. Das ist schade, denn der erste ist grandios, damit füttert man Leser für potentielle weitere Bücher an, weil vermutlich nicht nur bei mir eine Menge Erinnerungen aus der Vergangenheit hochkommen; und damit verbundene Emotionen. Und wenn eines ein Türöffner und Quotenbringer ist, dann Emotionen. Ich hatte dennoch Spaß mit dem Buch, weil der Schreibstil zum Weiterlesen animiert, aber die Aufbereitung finde ich etwas unglücklich.

Daten zum Buch 

Autor: Mo Ruby
Titel: Abi 95
Seiten: 377
Kapitel: 114
Erschienen am: 17. Januar 2021
Verlag: –;
ASIN :B08T9S4CJ5

Rezensionsexemplar

[Rezension] Kendra Elliot: Die verschollene Schwester (Columbia River – Band #1)

Vor zwanzig Jahren wurde Emily Mills’ Vater brutal ermordet. Dass der Mörder gefasst wurde, ist kaum ein Trost, denn die Tragödie trieb Emilys Mutter in den Selbstmord und ihre ältere Schwester Tara verschwand über Nacht aus der Stadt.
Als ein Mord mit ganz ähnlicher Handschrift geschieht, ist Emily wieder die Erste am Tatort. Zufall? Agent Zander Wells vom FBI ermittelt. Fasziniert von der zerbrechlichen Emily, taucht er tief in die Geschichte ihrer Familie und die dunklen Geheimnisse der kleinen Stadt ein. Mit lebensgefährlichen Folgen … (Offizieller Klappentext)


Zander Wells ist FBI-Agent in Portland, USA. Gemeinsam mit seiner Kollegin, von der er einmal etwas wollte, die aber demnächst jemand anderen heiraten wird, wird er in ein kleines Kaff gerufen, in dem schon vor 20 Jahren jemand aufgehängt wurde. Jepp, aufgehängt, das klingt nach grauer Vorzeit, in denen Menschen öffentlichkeitswirksam am Galgen ihren Tod fanden. Vor 20 Jahren fand Emilys Vater so seinen Tod, kurz später suizidierte sich auch noch ihre Mutter – und um die Tragödie perfekt zu machen, verschwand ihre ältere Schwester Tara auch noch spurlos. Seitdem wohnt Emily mit ihrer Schwester Madison bei ihren drei Großtanten, die so chaotisch wie Tick, Trick und Track sind – aber ebenso liebenswert. Emily fand das nun getötete Ehepaar Sean und Lindsay. Sean war schwarz und hat ein bekanntes Zeichen des Ku-Klux-Klan in die Stirn geritzt. Ein Mord mit rassistischem Hintergrund oder lediglich ein Ablenkungsmanöver? Zander Wells und seine Kollegin Ava McLane stehen vor einer kniffligen Aufgabe.

Diese – zumindest im deutschsprachigen Raum – neue Reihe von Kendra Elliot ist ein Spin-off der sehr erfolgreichen und mir trotzdem unbekannten Callahan-&-McLane-Reihe, in der Zander Wells offenbar ein paar Auftritte hat. Und ich habe mich während des Lesens gefragt, warum man fast nichts über Ava erfährt – dafür muss man wohl die oben genannte Reihe lesen. Das ist clever gedacht von Elliot und ihre Stammleser werden dem bestimmt nachkommen – ich allerdings mit ziemlicher Sicherheit nicht.

Das Buch fängt zwar flott und spannend an, und die Familiengeschichte von Emily, Madison und deren Großtanten ist auch interessant – aber die Geschichte wird irgendwann träge und beliebig. Austauschbar. Man kann das Buch schon lesen und es wird durch eine ausgeklügelte Denkweise seitens Kendra Elliot, die auch Psychothriller-Elemente einbaut, nahezu unmöglich, diesen Fall als Leser zu lösen. Das ist schon stark gemacht von der Autorin, aber die Geschichte an sich bietet durch die Charaktere und die Machart abseits von der Auflösung nicht viel Neues.

Was mir ebenfalls etwas sauer aufgestoßen ist, ist, dass die ganzen jüngeren Frauen im Buch alle durchgängig attraktiv und hübsch sind – über die Männer und deren Optik äußert sich Elliot gar nicht. Geschlechtergerechtigkeit perdu, und das im 21. Jahrhundert. Das erinnert schwer an Honeymoon von Harlan Coben, nur dass dessen Buch aus den 1980ern stammt. Das hätte man durchaus moderner gestalten können.

Die Dorfidylle hat allerdings etwas für sich, Gerüchte über einen rassistisch motivierten Mord passen perfekt in solch ein Setting. Auch das Diner, das Emily mit ihrer Schwester betreibt, ist durchaus stimmig und die Familiengeschichte mit der riesigen Villa, in der die drei Großtanten mit ihren Großnichten wohnen und um die sich einige Mythen ranken, verströmt etwas Gruseliges. Das passt alles ganz gut, und trotzdem will nie wirklich eine richtige Atmosphäre aufkommen. Vielleicht kommt die in den nächsten Teilen – es gibt bereits vier, allerdings wurde bis jetzt nur der erste ins Deutsche übersetzt –, hier will es nicht wirklich gelingen.

Daten zum Buch 

Autor: Kendra Elliot
Titel: Die verschollene Schwester
Originaltitel: The Last Sister
Übersetzung: Astrid Becker
Seiten: 373
Kapitel: 39
Erschienen am: 9. Februar 2021
Verlag: Edition M
ISBN: 978-2496705041
Preis Print: 7,99 Euro
Preis Digital: 2,49 Euro
(Preise können abweichen)

Rezensionsexemplar

[Rezension] Alisson Dickson: Die gefährliche Mrs Miller

Phoebe Millers Ehe ist am Ende. Sie verlässt ihr Haus nur noch selten, doch ihr fällt auf, dass seit einer Weile ein alter, rostiger Wagen in ihrer Straße steht. Sie fühlt sich beobachtet, doch warum sollte jemand ausgerechnet sie ausspionieren? Eines Tages zieht nebenan eine neue Familie ein – mit dem achtzehnjährigen Jake, von dem Phoebe sich von Anfang an angezogen fühlt. Die beiden kommen einander näher, und Phoebe achtet nicht mehr auf das verdächtige Auto. Damit aber bringt sie sich in höchste Gefahr …(Offizieller Klappentext)


Phoebe Miller ist das, was man einen klassischen Misanthropen nennt. Sie kann mit anderen Menschen nichts anfangen, ihren Mann Wyatt – seines Zeichens Psychotherapeut – kann sie sowieso nicht ausstehen und rausgehen tut die Tochter des berühmt-berüchtigten Daniel Noble höchst selten. Das alles kommt nicht von ungefähr, denn als Kind hatte sie vier verschiedene Mütter und ihr Vater hat sie vernachlässigt, wo es nur geht. Nur gut, dass er unlängst verstorben ist und ihr ein Millionenerbe hinterlassen hat. Die einzigen Sorgen, die sie hat, ist, dass Wyatt ihr einfach keine Ruhe lässt mit seinem Kinderwunsch – nachdem mehrere In-vitro-Befruchtungen nicht angeschlagen haben, kommt er jetzt mit der Idee, ein Kind zu adoptieren, na Dankeschön. Das ist ja noch besser, wenn jene Frau, die nach dem Frühstück bereits die erste Weinflasche köpft, auch noch ein Kind versorgen muss. Sorge Nummer zwei ist dieses verdammte Auto, das seit Wochen vor ihrem Haus steht. Einfach hingehen und fragen, was los ist? Nö, da müsste sie ja mit anderen Menschen interagieren. Und plötzlich findet sie dann doch gefallen an anderen Menschen, im speziellen an dem jüngst eingezogenen Nachbarsjungen, der bald nach Stanford geht – aber bis dahin ist er eine nette Ablenkung von diesem verdammten Auto.

Das ist bei Weitem nicht die ganze Handlung, denn nach rund 200 Seiten nimmt das Buch erst so richtig an Fahrt auf und die Frau, die im Auto vor dem Haus der Millers sitzt, übernimmt eine tragende Rolle – das muss sie, denn sie hat einen Mord begangen. Und um sich zu tarnen, veranstaltet sie eine Scharade sondergleichen. Denn Phoebe Miller ist am Ende des ersten von insgesamt zwei Teilen plötzlich tot, und Nadia, wie die Frau aus dem Auto heißt, will nicht nur den Täter finden – viel Auswahl bleibt bei insgesamt sechs Charakteren nicht –, sie nutzt die Chance kurzerhand dafür, sich eine neue Identität zuzulegen – nämlich die von Phoebe Miller.

„Die gefährliche Mrs Miller“ ist kein Buch, bei dem einem auf den ersten Seiten gleich eine Leiche entgegenfliegt, nein, es dauert eine Weile, bis hier letztlich ein Hybrid aus Psycho- und Whodunit-Thriller entsteht. Aber die ersten 200 Seiten, in denen wir eher einen Roman in Händen halten, sind eminent wichtig für den ganzen Rest. Wie (die echte) Phoebe sich mit der Mutter von Jake anfreundet, wie sie mit Jake eine Affäre beginnt, wie sie durch den Einzug der neuen Nachbarn endlich wieder zu leben beginnt. Und auch die Geschichte der Nachbarn ist wichtig. Die kriselnde Ehe, Geldprobleme – und den ganz eigenen Problemen von Jake sowieso. Das Buch zeigt auch auf, dass Reichtum nicht alles ist und dass reiche Menschen ganz irdische Probleme haben – nur dass das Bankkonto etwas praller gefüllt ist. Zwischendurch gibt es immer wieder kürzere Intermezzo-Kapitel, im ersten Teil aus der Sicht von Nadia — im zweiten Teil aus Sicht des/der Mörder*in von Phoebe.

Als ich den Klappentext von „Die gefährliche Mrs Miller“ gelesen habe, war ich sofort hin und weg. Und als das Buch dann genau das hielt, was der Klappentext versprochen hat, war ich restlos begeistert. Es ist nicht nur interessant, sondern ab einem gewissen Zeitpunkt auch irrsinnig spannend. Wenn ich nicht noch andere Interessen hätte, hätte ich vermutlich ganzen Tag gelesen. Und auch wenn das Ende nicht allzu befriedigend war, war „Die gefährliche Mrs Miller“ eines meiner Highlights in diesem Jahr. Ich hoffe, von Alisson Dickson kommt bald mehr.

Daten zum Buch 

Autor: Alisson Dickson
Titel: Die gefährliche Mrs Miller
Originaltitel: The Other Mrs Miller
Übersetzung: Ulrike Seeberger
Seiten: 384
Kapitel: 26 Kapitel exkl. Intermezzi + Epilog
Erschienen am: 8. Dezember 2020
Verlag: Aufbau Taschenbuch
ISBN: 978-3-7466-3616-0
Preis Print: 9,99 Euro
Preis Digital: 3,99 Euro
(Preise können abweichen)

[Rezension] Wendy Walker: Die Nacht zuvor

Rosie und Laura sind so verschieden, wie zwei Schwestern nur sein können. Doch sie haben sich ihr Leben lang aufeinander verlassen können. Als Laura nach einem Blind Date spurlos verschwindet, setzt Rosie alles daran, sie zu finden. Irgendetwas muss bei diesem Date furchtbar schiefgegangen sein. Ist Laura in Gefahr – oder auf der Flucht, weil sie selbst etwas Schreckliches getan hat? Denn Laura stand schon einmal unter Verdacht, einen Mord begangen zu haben. Damals fand man keine Beweise gegen sie. Aber die Zweifel blieben. Auch bei Rosie. (Offizieller Klappentext)


Endlich ein neues Buch von Wendy Walker, die mich mit „Kalte Seele. Dunkles Herz:“ schier umgehauen hat. Drei Jahre hab ich nun gewartet, hab immer wieder geschaut, ob ein neues Buch von ihr kommt, wann es kommt. Und jetzt ist es da. Den Klappentext habe ich gar nicht gelesen, war mir egal, denn ich habe ein Urvertrauen in Wendy Walker – und das zurecht.

Laura wohnt seit einigen Wochen bei ihrer Schwester Rosie, deren Sohn Mason sie nur Lala nennt. Tante Lala. Laura ist aus New York geflüchtet, hat alle Zelte abgerissen, ihren Job als Analystin aufgegeben. Grund war ihr Freund, den sie nur Arschloch nennt, oder A-Loch, wenn Mason in der Nähe ist. Sie scheint immer an die falschen Männer zu geraten, vor elf Jahre – da war sie 17 – lag ihr Freund plötzlich tot neben ihr. Mit einem Baseball-Schläger erschlagen. Was passiert ist, wer der Täter war, weiß sie nicht – vielleicht war es sogar sie? Nun hat sie ein Date. Mit Jonathan Fields. Als Analystin analysiert sie naturgemäß nicht nur Daten, sondern auch Menschen. Nicht gut. Gar nicht gut. Denn als Laura am nächsten Morgen noch nicht wieder Daheim ist, macht sich ihre Schwester Sorgen.

Ich habe mich durchaus mit Laura identifizieren können, ich glaube, jeder kann das, denn Menschen zu durchschauen ist schwierig. Können wir Menschen vertrauen, selbst wenn man sie jahrelang kennt? Und wenn ja, können wir uns wirklich sicher sein? Vor allem Jonathan Fields war mir unheimlich, es scheint fast so, als könnte er Lauras Gedanken lesen, als würde er Lauras Vergangenheit bereits kennen. Dabei ist er selbst so geheimnisvoll. Alleine damit baut Walker eine Atmosphäre und Spannung auf, die es wert sind, das Buch zu lesen.

Aber auch Rosie bekommt Platz in dem Buch, ihre Kapitel wechseln sich mit denen Lauras ab, dazwischen erleben wir Laura in sehr kurzen Kapitel bei ihrem Psychiater Dr. Brody. Die Kapitel lesen sich wie ein Theaterstück. Rosie ist natürlich verzweifelt, will wissen, wo Laura ist, sucht sie, schaltet die Polizei ein, sucht weiter. Was, wenn ihr etwas zugestoßen ist – oder wenn sie wem etwas angetan hat? Ungewissheit ist grauenhaft.

Und so galoppieren wir durch diesen packenden Psychothriller, denn wir wollen ja selber wissen, was da los ist, was vor elf Jahren passiert ist, wer Jonathan Fields – den Laura in ihren Gedanken übrigens durchgängig beim Vor- und Zunamen nennt – ist, und was da jetzt los ist. Um am Ende zu merken, dass das Buch viel zu schnell ausgelesen ist.

Daten zum Buch 

Autor: Wendy Walker
Titel: Die Nacht zuvor
Originaltitel: The Night Before
Übersetzung: Susanne Goga-Klinkenberg
Seiten: 336
Kapitel: 56
Erschienen am: 18. September 2020
Verlag: dtv
ISBN: 978-3423262538
Preis Print: 15,90 Euro
Preis Digital: 12,99 Euro
(Preise können abweichen)

[Rezension] Roman Klementovic: Wenn das Licht gefriert

Seit 40 Jahren schon ist Elisabeth mit Friedrich verheiratet – glücklich, trotz einiger Schicksalsschläge. Auch seine Alzheimererkrankung kann ihre Liebe nicht erschüttern. Doch eines Abends ist er besonders verwirrt. Während eines TV-Beitrags über den seit 22 Jahren ungeklärten Mord an der besten Freundin ihrer Tochter gibt er Verstörendes von sich. Er erwähnt Details, die er gar nicht kennen dürfte. In Elisabeth regt sich ein schlimmer Verdacht … (Offizieller Klappentext)


Roman Klementovic kannte ich bis jetzt noch nicht. Ein österreichischer Autor, der beim Gmeiner Verlag publiziert. Jener Verlag, bei dem man die Bücher bereits am Buchcover erkennt – der Stil ist immer derselbe –, nur nicht bei diesem Buch, dessen Cover mehr nach Mainstream aussieht – und das völlig zurecht.

„Wenn das Licht gefriert“ beginnt im Jahr 1997, Anna will in ihren achtzehnten Geburtstag hineinfeiern, aber ihr Tod kommt ihr dazwischen, denn sie wird ihre Volljährigkeit nicht mehr erleben. Ihre Eltern, Thomas und Monika, sind verzweifelt, zerbrechen daran, denn selbst 22 Jahre später läuft der Mörder frei herum. Tyrannisiert die Stadt immer noch. Immer wieder greift er Menschen an – auch Elisabeth, Mutter von Annas bester Freundin Valerie, die nach Annas Tod nach London ausgewandert ist.

Die Geschichte spielt aus der Perspektive von Elisabeth, die früher Schauspielerin im Theater war. Ihre Imitationen diverser Menschen waren legendär, aber seit das Theater schließen musste, hat sie selbst darauf keine Lust mehr. Sie hat eigentlich alles verloren seit Annas Tod. Valerie weg, Job weg, und ihr Mann Friedrich verfällt seit seiner Alzheimer-Erkrankung zusehends.

Klementovic skizziert den Verfall von Friedrich über mehrere Seiten, ich nehme ihm ab, dass er sich intensiv mit dem Thema Alzheimer auseinandergesetzt hat – es wirkt fundiert. Generell mag ich den Schreibstil des Autors, ich mag, wie er die Story behutsam aufbaut und alles so präpariert, dass am Ende alle Zahnräder ineinandergreifen. Das passt alles, es ist nicht zu viel, und auf gar keinen Fall zu wenig. Er lässt die Geschichte auf einer kleinen Bühne spielen, so klein, dass es hilft, etwas Beklemmung beim Leser aufkommen zu lassen – gleichzeitig gibt er der Geschichte genug Raum zum Atmen. Aber nicht zu viel, denn zum Luftholen ist nicht viel Zeit. Man wird in kurzen Kapiteln durch die Handlung gejagt, man hetzt von einem Cliffhanger zum nächsten, manchmal nützt der Autor sie auch für einen Scherz danach. Man kann lachen, oder einfach weiterlesen. Manchmal habe ich beim Lesen gar nicht alle Wörter mitbekommen, weil ich weiter gehetzt bin. Weiter, immer weiter – Oliver Kahn hätte eine Freude. Und dann ist man am Ende und findet es schade, dass es schon vorbei ist. Das war mein erster Klementovic – aber sicher nicht der letzte.

Daten zum Buch 

Autor: Roman Klementovic
Titel: Wenn das Licht gefriert
Seiten: 349
Kapitel: 79 (+ Epilog)
Erschienen am: 9. September 2020
Verlag: Gmeiner Verlag
ISBN: 978-3839227701
Preis Print: 16 Euro
Preis Digital: 11,99 Euro
(Preise können abweichen)

Rezensionsexemplar