[Rezension] Romy Hausmann: Marta schläft

Nadja wünscht sich so sehr mehr Aufmerksamkeit von Laura. Früher waren sie Freundinnen, dann hat sie Gero geheiratet. Gero van Hoven, ihren und Nadjas Chef. Staatsanwalt. Erfolgreich. Und was hat Nadja? Nur ihre Vergangenheit, die düsterer nicht sein könnte. So düster, dass sie ihre Auswirkungen noch heute spürt. Und dann kommt tatsächlich der Tag, an dem Laura Nadjas Hilfe braucht. Nadja springt sofort, will helfen – und dann steht sie vor einer Leiche und einer Menge Blut. Egal, sie nimmt die Zügel in die Hand, entwirft einen Plan. Ab mit der Leiche ins Auto und irgendwo hinbringen. Irgendwo, wo Gero bereits wartet – warum? Wie kann er Bescheid wissen? Er packt sie, sperrt sie in ein Zimmer und bereitet ein tödliches Tribunal vor  …


Bereits Romy Hausmanns erster Thriller hat mich angelacht. Nicht unbedingt wegen des Inhalts, sondern primär wegen des Covers. Diese Schlichtheit ist catchy, und findet sich auch bei ihrem neuesten Werk wieder. Obwohl sich die beiden Covers so ähneln, dass man meinen könnte, die beiden Bücher hingen zusammen, muss ich dementieren – beides sind eigenständige Bücher. Und das ist gut so. Oder auch nicht.

Nadja wacht in einer Tankstelle auf; mit einem Cut auf der Stirn. Sie dachte, sie wäre eine Klippe hinabgestürzt – aber so kompliziert ist es dann doch nicht. Aufstehen, alle Versuche, sie in ein Spital zu bringen, abwehren, und weiterfahren. Die Perücke nicht vergessen, die ihr vom Kopf gerutscht ist. Und weiter geht die Fahrt. Mit Leiche im Kofferraum. Laura wird auch bald beim angestrebten Ziel sein. Aber dort angekommen, wartet die gebürtige Polin vergebens auf sie.

In einem zweiten Erzählstrang lernen wir Nelly kennen. Und mit ihr beginnt auch das Verderben im doppelten Sinn, denn einerseits stirbt sie und zweitens ist sie für die Geschichte so irrelevant, dass ich sie fünfzig Seiten vorm Ende des Buches, als ich begonnen habe, diese Rezension zu schreiben, längst vergessen habe. In meinen Notizen steht noch, dass sie mit ihrem Großvater immer Schwarz-Weiß-Filme geschaut hat — geschenkt.

Insgesamt gibt es drei Erzählstränge, die irgendwann verschwimmen. Die Erzählweise ist komplizierter als nötig – mehr Feuilleton als Hollywood. Als einfacher Mensch ist mir Hollywood doch lieber, obwohl ich alles andere als Cineast bin. Hausmann hat zwar einen flotten Schreibstil, und ich war auch recht schnell durch, aber insgesamt war mir „Marta schläft“ zu verkopft. Auch habe ich nicht ganz verstanden, warum Hausmann irgendwann das Rotlichtmilieu in die Geschichte mit einbaut. Vielleicht um der Geschichte einen verruchten Touch zu verpassen. Na ja.

Ich habe mir das Buch übrigens wegen eines Podcast-Interviews mit Romy Hausmann geholt, in dem sie mir sehr sympathisch und vor allem authentisch vorkam. Sie hat dabei auch über den Schreibprozess ihres ersten Psychothrillers — „Liebes Kind“ — erzählt, wo sie sich tagelang nicht gewaschen hat, um den Schreibfluss nicht zu unterbrechen — diese Offenheit hat mir imponiert. Dennoch wird „Marta schläft“ vermutlich das einzige Buch gewesen sein, das ich von ihr gelesen habe.

Daten zum Buch 

Autor: Romy Hausmann
Titel: Marta schläft
Seiten: 400
Kapitel: 73 (+ Epilog)
Erschienen am: 24. April 2020
Verlag: dtv
ISBN: 978-3423262507
Preis Print: 16,90 Euro
Preis Digital: 14,99 Euro
(Preise können abweichen)

[Rezension] Claire Douglas: Vergessen – Nur du kennst das Geheimnis

Kirsty hat den Traum, ein Gästehaus zu führen, also kauft sie sich kurzerhand ein altes Haus in Wales. Doch dann kommt Selena, ihre Cousine, mit der sie sich früher gut verstanden hat. Sie waren fast wie Schwestern – bis ein Vorfall Misstrauen gesät hat. Kirsty ging weg und studierte, Selena hat sie nie wieder gesehen. Hat sie sich verändert oder lügt sie immer noch so schamlos wie damals? Sie ist eine liebende Mutter geworden, kümmert sich rührend um ihre behinderte Tochter. Sie ist von ihrem Mann Nigel geflüchtet, er sei ihr gegenüber gewalttätig, sie müsse weg. Behauptet sie. Als dann Dean auch noch kommt, mit dem Selena früher eine Beziehung hatte, kommt Spannung auf. Kirsty mag ihn nicht, traut ihm nicht mit seinem schelmischen Grinsen, das nie bis zu seinen Augen reicht. Dann beginnt es: welke Blumen liegen vor der Tür, ein Strick hängt eines Tages an der Decke, und dann liegt  plötzlich jemand tot am Fuß der Treppe. Ist dieses Haus verflucht …?


Das dritte Buch von Claire Douglas erschien im April, und ich hätte es fast übersehen. Erst im Mai hab ich mir ihren neuesten Psychothriller geholt, dann lag er noch ein paar Wochen herum, aber dann habe ich mich ins „Vergessen“ gestürzt – ein Titel, der auch als Demenz-Ratgeber funktionieren könnte. Mit Demenz hat dieses Werk aber nichts am Hut; genau genommen auch nichts mit dem Vergessen.

Kirsty hat sich gemeinsam mit ihrer Mutter Carol ein altes Pfarrhaus gekauft und will ihren Traum von einem Gästehaus, einer Pension, verwirklichen. Generell ist es ein guter Zeitpunkt für einen Neuanfang, denn ihr Mann Adrian hat vor einem Jahr versucht, sich das Leben zu nehmen. Ein guter Anlass also für einen Tapetenwechsel. Nach seinem Zusammenbruch versucht sich der ehemalige Rechtsanwalt als Autor – ein Thriller soll es werden. Die Kinder – Evie und Amelia – müssen mit. Dass keine der beiden damit glücklich ist, ist wurscht – mitgehangen, mitgefangen. Und dann kommt auch noch Selena, Kirstys Cousine, mit ihrem Kind – aber dem nicht genug, denn Kirstys Halbbruder und der Ex von Selena checken ebenfalls ein. Das Geschäft brummt, aber mein erster Gedanke war: Solche Familientreffen gehen selten gut – tut es auch hier nicht.

Vor der Leiche kommt der Grusel, denn nicht nur liegt das Pfarrhaus – logischerweise – neben einem Friedhof, sondern es taucht auch eine sonderbare Puppe auf, in die sich Evie – die jüngere der beiden Töchter – sofort schockverliebt. Dass sich dann auch noch ein Gast als Esotante entpuppt, die etwas von schlechter Energie daherbrabbelt, macht die Gänsehaut-Atmosphäre perfekt. Wir finden also gleich mehrere Genres im 464 Seiten starken Buch – später kommt noch ein Whodunit-Aspekt dazu. Denn natürlich ist die Hauptfrage des Thrillers: Wer hat wen die Treppe hinuntergestoßen? Denn dass es ein Unfall war, wird schnell von der Polizei ausgeschlossen. Da ist auch die Leserschaft eingeladen, mitzuraten – als Preis winkt nichts Geringeres als … okay, es gibt nichts. Aber davon immerhin viel.

Das Buch wird in ein Davor und ein Danach geteilt – vor dem Tod und danach. Hier zählen wir jeweils die Tage. Der Prolog bietet dabei ein schönes Foreshadowing, in dem der vermeintliche Unfall schon mal grob skizziert wird. Später lesen wir dieselbe Szene noch mal, nur erfahren wir dann erst, wer das Opfer ist.

Auch wenn die Geschichte etwas braucht, um in die Gänge zu kommen, entwickelt sich das Buch irgendwann zu einem richtigen Pageturner. Ich habe schon lange nicht mehr so viele Seiten in so wenig Zeit gelesen. Trotzdem bietet „Vergessen“ einen gewissen Tiefgang, Douglas behandelt nämlich ein paar sehr interessante Themen.

Die größte Schwäche sind allerdings die Charaktere, die leider kaum Tiefe bieten, teilweise konnte ich sie nicht mal auseinanderhalten, weil sie sich so ähnlich sind. Auch empfand ich Kirsty als irrsinnig schwachen Charakter und für den Beruf als Pensionsbesitzerin eigentlich ungeeignet. Sie schafft es nicht einmal, einer Gästin zu sagen, dass ihr Hund nicht hierbleiben darf. Abgesehen davon lässt sie ihren Asthmaspray immer irgendwo liegen (das hat zwar auch andere Gründe, aber zumindest gegen Ende fallen diese weg). Ich wurde auch auf dem Buchtitel nicht wirklich schlau, denn mit dem Inhalt hat er recht wenig zu tun.

Gruselfans schlagen zu, aber alles in allem fand ich, dass „Vergessen“ bis dato das schwächste Buch von Claire Douglas ist.

Daten zum Buch 

Autor: Claire Douglas
Titel: VERGESSEN – Nur du kennst das Geheimnis
Originaltitel: Do Not Disturb: Be Careful who You Let Inside
Übersetzung: Ivana Marinović
Seiten: 464
Kapitel: 40
Erschienen am: 27. April 2020
Verlag: Penguin
ISBN: 978-3-328-10546-6
Preis Print: 13 Euro
Preis Digital: 9,99 Euro
(Preise können abweichen)

[Rezension] Beate Maxian: Der Tote im Fiaker (Sarah Pauli – Band #10)

Sarah Pauli ist gerade in den achtzehnten Wiener Gemeindebezirk gezogen und zur Chefredakteurin aufgestiegen. Doch deshalb legt sie nicht die Füße hoch und ruht sich auf ihren Lorbeeren aus – ganz im Gegenteil. In Wien wird ein Mann, der gerade am Weg zu einem Termin ist, aus nächster Nähe erschossen, als er gerade aus einem Fiaker steigen will. Neben der Leiche liegt ein Zettel mit einem aufgemalten Taukreuz und einem Kryptogramm. Tatsächlich werden in letzter Zeit in ganz Wien Taukreuz-Graffitis gesprayed – die Chronik-Redaktion des „Wiener Boten“, die von Sarah geleitet wird, will herausfinden, was dahintersteckt. Nebenbei wird sie von Chefermittler Stein damit beauftragt, das Kryptogramm zu entschlüsseln. Die ernüchternde Lösung dessen lautet: Es wird Tote geben …


Grund zum Feiern: Sarah Pauli wird zehn! Also zumindest in der Reihe von Beate Maxian, „Der Tote im Fiaker“ ist nämlich der zehnte Teil rund um die Journalistin Sarah Pauli, die damals mehr oder minder von der Ermordung der Enthüllungsjournalistin Hilde Jahn profitiert und ihren Arbeitsplatz geerbt hat. Nun ist sie in die Chefredaktion aufgestiegen und bearbeitet nach wie vor mysteriöse Mordfälle.

Nun hat sich Beate Maxian eine Wiener Institution als Tatort hergenommen – nämlich die Wiener Fiaker, die seit dem 17. Jahrhundert durch Wien fahren – höchste Zeit also, dass sie Einzug in den Wien-Krimis rund um Sarah Pauli finden. Pauli füllt neben ihrer Tätigkeit als Chefredakteurin auch eine Kolumne über Bräuche und Mythen, sie wird deshalb auch liebevoll „Hexe vom ‚Wiener Boten’“ genannt. Immer wieder stolpert die immer noch junge Journalistin über mysteriöse Mordfälle, die sie zu lösen versucht. Nicht immer geht es ohne Action aus, vor allem in den ersten Teilen der Sarah-Pauli-Reihe begab sich die Protagonistin in lebensgefährliche Situationen – das lässt Maxian im zehnten Band wieder etwas aufleben.

Man kommt sehr flott durch die 400 Seiten, belebt wird das Ganze durch Dialoge, Fließtexte findet man nicht allzu viele. Ich mag das gerne, denn man kann sich beim Lesen zurücklehnen und entspannen. Das Buch lädt aber auch zum Miträtseln ein, Maxian gibt einem auch das nötige Werkzeug zum Lösen der Kryptogramme in die Hand. Was die Taukreuze betrifft, die an diverse Wiener Orte gesprayed werden, musste ich an jenen Schweizer denken, der vor einigen Jahren auf alle erdenklichen Wände das Fantasiewort „Puber“ sprayte – nur dass der Herr nichts mit Religion und noch weniger mit Mord zu tun hatte. Religion spielt tatsächlich eine größere Rolle in dem Buch, das erste Opfer führte zum Beispiel ein Geschäft, das christliche Devotionalien verkaufte. Auch Kirchen spielen im Buch oft eine Rolle.

Die Handlung spielt nicht nur in Wien, für ein paar Kapitel spielt sie auch in Innsbruck – wenn mich nicht alles täuscht, ist das ein Novum in der Sarah-Pauli-Reihe. Generell fällt es auf, dass sich die Reihe enorm weiterentwickelt hat. Sarah ist Chefredakteurin geworden und von Ottakring nach Währing übersiedelt, ihr Bruder ist mittlerweile Arzt und bezüglich seiner Beziehungen zu Frauen sesshaft geworden, und genau deshalb habe ich exakt einen Kritikpunkt am „Toten im Fiaker“: Sarah Pauli hätte im zehnten Teil ihrer Reihe zumindest für einen kurzen Absatz innehalten und an die Frau denken können, der sie das alles zu verdanken hat: Hilde Jahn. Das ist vielleicht ein etwas seltsamer Kritikpunk, aber das hätte ich schön gefunden.

Daten zum Buch 

Autor: Beate Maxian
Titel: Der Tote im Fiaker
Seiten: 400
Kapitel: 38 (+ Epilog)
Erschienen am: 16. März 2020
Verlag: Goldmann
ISBN: 978-3499001444
Preis Print: 10 Euro
Preis Digital: 9,99 Euro
(Preise können abweichen)

[Rezension] Chandler Baker: Whisper Network

Sloane arbeitet mit ihren Kolleginnen bei Truviv, einem Weltkonzern in Sachen Sportbekleidung. Wie ihre Kolleginnen Grace und Ardie ist auch Sloane Justiziarin. Als der CEO des Unternehmens, Desmond Bankole, überraschend an einem Herzinfarkt stirbt, verdichten sich die Gerüchte, dass der unmittelbare Chef der drei, Chefjustiziar Ames, neuer CEO werden soll. Da wissen die drei Frauen, dass sie das verhindern müssen. Denn ihr unmittelbarer Chef hat einen Hang dazu, Frauen sexuell zu belästigen – vor allem Sloane weiß, wovon sie spricht, er hat es bei ihr selbst getan; und nun schmeißt er sich an die neue in ihrer Abteilung ran, die junge und gut aussehende Kathrine – höchste Zeit, die Reißleine zu ziehen …


Dass sexuelle Belästigung keine Kleinigkeit ist, hat man spätestens am #metoo-Diskurs gemerkt. Schon davor sorgte die #Aufschrei-Debatte, in der Rainer Brüderle – der ehemalige FDP-Minister  – quasi eine Vorreiterrolle einnahm, für Aufsehen. Chandler Baker hat nun ein Buch geschrieben, in dem das Thema wieder aufgegriffen wird – rundherum hat sie einen Thriller gestrickt.

Sloane ist mitnichten der einzige Hauptcharakter der Geschichte, aber man lernt sie am besten kennen. Sie arbeitet schon etliche Jahre bei Truviv und ist mittlerweile Semi Vice President der Rechtsabteilung. Sie ist es auch, die die BAD-Liste organisiert. BAD steht für Begrapscher aus Dallas; darauf befinden sich die Namen jener Menschen, die ihre Finger nicht bei sich lassen können. Ob es nur Menschen in höheren Positionen sind, verrät uns Baker nicht. Sloane schreibt jedenfalls den Namen ihres Chefs Ames drauf und löst damit etwas aus, mit dem sie selber vermutlich nicht gerechnet hat. Wenige Wochen, nachdem sie den Namen auf die Liste platziert hat, fliegt ihr Chef und kommende CEO von Truviv aus dem siebzehnten Stock des Truviv-Gebäudes.

Das Buch beginnt mit dem kürzesten Prolog, an den ich mich erinnern kann; er besteht aus nur einem Satz, der wie folgt lautet: „Hättet ihr doch nur auf uns gehört, dann wäre das alles nicht passiert.“ – kurz und prägnant. Und er macht direkt Lust auf mehr, man freut sich auf das, was da kommen mag – allein, da kommt dann lange nicht viel. Nach einer Weile hab ich mich gefragt, ob da überhaupt noch so etwas wie eine Handlung kommt, denn so etwas wie einen roten Faden findet man lange nicht. Auch das Thema sexuelle Belästigung, um das es ja eigentlich geht, drängt nicht unbedingt in den Vordergrund. Am ehesten merkt man es noch an Sloanes Tochter, die in der Schule von Jungs schikaniert und gemobbt wird. Baker zeigt damit auf, dass nicht mal die Jüngsten von uns vor Sexismus gefeit sind und das Frauenbild quasi vererbt wird und sich im Hirn festsetzt. Dass man das später nur mehr schwer ablegen kann, liegt damit auf der Hand.

Zwischendurch liest man immer wieder Zeugenbefragungen, die uns zumindest darauf hinweisen, dass das auch ein Spannungsroman ist. Und das ist der springende Punkt: „Whisper Network“ ist ein Roman und kein klassischer Thriller – vielmehr ist es irgendwas zwischen feministischem Manifest und Justizthriller.

Wobei feministisches Manifest fast abwertend klingt – so ist es nicht gemeint. Man merkt, dass Chandler Baker das Thema Feminismus und weibliche Emanzipation wichtig ist, das merkt man vor allem hintenraus, wenn die Autorin über die Motive dieses Buches schreibt. Letztendlich ist „Whisper Network“ ein zutiefst persönlicher Roman – und gleichzeitig spricht sie in der Geschichte immer wieder für alle Frauen. Genau aus diesem Grund weiß ich nicht, ob man daraus einen Thriller machen hätte sollen, denn bis hundert Seiten vor Ende ist da recht wenig, was einen packt. Aber vermutlich hat sie sich gedacht, dass man mit einem Thriller wesentlich mehr Leute – vor allem mehr Frauen – erreicht. Auch wenn man die Auflösung der Geschichte als moralisch zumindest zweifelhaft bezeichnen kann.

Daten zum Buch 

Autor: Chandler Baker
Titel:  Whisper Network 
Originaltitel: The Whisper Network
Übersetzung: Astrid Finke
Seiten: 480
Kapitel: 58 (+ Epilog)
Erschienen am: 30. März 2020
Verlag: Heyne
ISBN: 978-3-453-27288-0
Preis Print: 20 Euro
Preis Digital: 15,99 Euro
(Preise können abweichen)

[Rezension] Megan Goldin: The Escape Game – Wer wird überleben?

Vier Menschen, ein Aufzug, kein Entkommen. Vincent ruft sein Team zu einer Teambuildingmaßnahme. Die vier Wall-Street-Banker – Sylvia, Sam, Jules und er selbst – müssen innerhalb einer Stunde versuchen, mithilfe von Rätseln, die sie lösen müssen, aus dem Aufzug zu kommen – der klassische Escaperoom. Die ersten Rätsel sind einfach, die vier sind optimistisch, der klaustrophobischen Atmosphäre bald zu entkommen. Doch dann geht das Licht aus, die Temperatur steigt, und die Stimmung schlägt um. Nach einer Stunde erkennen die vier Banker, dass das kein Spiel ist, sondern eine tödliche Falle …


Für die meisten von uns sind Zahlen ein Buch mit sieben Siegeln, Mathe ein Graus und die Bankenwelt undurchschaubar. Eine Welt, die von alten weißen Männern in Einreihern dominiert wird. Genau dieses Bild zeichnet auch Megan Goldin in ihrem neuestem Thriller, in dem die Wall Street mit all ihren Wirren die Hauptrolle spielt.

Sara Hall ist Teil der Wall Street, sie hat einen der begehrten Arbeitsplätze im Epizentrum der Weltwirtschaft ergattert. Sie wollte ursprünglich Medizin studieren, um ihrem Vater, der sein halbes Leben gesundheitliche Probleme hat, sein Leben voller Arztrechnungen zu erleichtern. Doch das Studium dauert zu lange, und da ihre Mutter plötzlich auch Probleme bekommt und das Geld hinten und vorne nicht mehr reicht, studiert sie Wirtschaftswissenschaften und BWL und heuert an der Wall Street an. Das erste Vorstellungsgespräch ist gelinde gesagt eine Katastrophe, der Personalchef ein sexistisches Arschloch, der nur versucht, seine Quote zu erfüllen. Am Heimweg trifft sie dann Vincent von Stanhope – dem begehrtesten Unternehmen an der Wall Street. Er leitet dort ein Team aus fünf Leuten, Sylvia, Sam, Jules, Lucy und jetzt auch Sara. Sara verdient jetzt richtig viel Geld, reist um die Welt – sie ist eine gemachte Frau. Doch der Preis ist hoch, genau wie der Druck. Freizeit wird zur Mangelware.

Megan Goldin zeichnet ein sehr klares Bild der Wall Street: androzentristisch, geldgeil, sexistisch. Eine Welt, in der auf Vitamin B gesetzt und auf den Gender Pay Gap geschissen wird. Sie bestätigt damit alle Klischees, die wir von der freien Wirtschaft kennen. Und dann – ach ja, da war ja noch was – ist da noch der Thriller. Ein Thriller, der zunächst an alle Dan Browns erinnert – eine Schnitzeljagd ohne Jagd. Und ohne – sind wir ehrlich – Schnitzel. Denn die Rätselrallye endet in einem Gemetzel, das verrät uns schon der Prolog.

Zwischen der Kapitel im Lift lesen wir immer wieder über Sara Hall in der ersten Person. Wir lesen über ihr Leben und ihrem Werdegang. Neben Sara, Sylvia, Sam, Jules und Vincent lernen wir auch noch Lucy kennen. Sie ist Analystin und hat Asperger – einer Form von Autismus. Und das fand ich interessant, denn auch JP Delaney thematisiert Autismus in seinem aktuellen Buch „Tot bist du perfekt“ sehr stark. Ich frage mich öfter, ob es im Internet ein Bestseller-Forum gibt, in dem sich Autoren über die Themen beraten, die sie in ihren Büchern besprechen wollen. Es ist nicht das erste Mal, dass in aktuellen und mittlerweile nicht mehr so aktuellen Büchern dieselben Themen von verschiedenen Autoren in Szene gesetzt werden.

„The Escape Game“ ist aber nicht nur interessant, sondern auch verdammt spannend. Als Leser will man nicht nur wissen, ob es die vier aus dem Lift schaffen, sondern auch, was dahintersteckt. Ein lesenswertes Buch.

Daten zum Buch 

Autor: Megan Goldin
Titel: The Escape Game – Wer wird überleben?*
Originaltitel: The Escape Game
Übersetzung: Elvira Willems
Seiten: 432
Kapitel: 51
Erschienen am: 2. März 2020
Verlag: Piper
ISBN: 978-3492314794
Preis Print: 8 Euro
Preis Digital: 8,99 Euro
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[Rezension] Elizabeth Kay: Sieben Lügen

Mit einer Notlüge beginnt es, dem folgen weitere Lügen und ein Mord. Jane mag ihre beste Freundin Marnie – deren Freund allerdings nicht. Jeden Freitag ist sie bei den Zweien zum Essen eingeladen – manchmal kommt sie mit Begleitung, manchmal ohne. Seit sie ihren Ehemann Jonathan bei einem tragischen Autounfall verloren hat, findet sie keinen festen Freund mehr, weshalb sie sich an Marnie klammert. Doch da ist ihr Freund Charles, der sich zwischen sie drängt – also muss er weg. Doch da hat sie die Rechnung ohne Valerie gemacht. Valerie ist Journalistin und betreibt einen reißerischen Blog, um ihre Karriere voranzutreiben – sie stürzt sich auf Charles‘ Tod und kommt Janes Geheimnis immer näher …


Jeder von uns lügt, bewusst oder unbewusst, das kann keiner abstreiten. Elizabeth Kay hat ein Buch übers Lügen geschrieben, das mit einer Notlüge beginnt und weitere, immer größere Lügen nach sich zieht. Es geht aber auch um Freundschaft, und wie man Freundschaften interpretiert.

Jane und Marnie kennen sich seit achtzehn Jahren, sie lernten sich kennen, als beide elf waren, studierten gemeinsam und lebten zusammen. Bis Jane Jonathan kennenlernte und von heute auf morgen mit ihm zusammenzog. Jane arbeitet bei einem Online-Versandhandel und Marnie ist Videobloggerin. Sie kocht, backt und dreht Videos darüber. Janes Mutter ist dement und ihre Schwester dürfte magersüchtig sein – genau wird das aber nie erwähnt, und ich kenne mich in dem Metier zu wenig – eigentlich gar nicht – aus, um da eine Diagnose zu treffen. Im Prinzip hat Jane außer Marnie niemanden und sie zeigt auch keine Ambitionen, das zu ändern. Eher das Gegenteil ist der Fall, wie man am Beispiel Charles sieht.

„Sieben Lügen“ ist ein Monolog über sieben Lügen, die die Protagonistin – oder ist sie eher eine Antagonistin? – einem anderen Subjekt oder Objekt erzählt. Wem sie es erzählt, kann man nur mutmaßen – ist es ihr Anwalt, ein Stoffteddy oder ihre demente Mutter? –, es kommt erst am Ende heraus. Auch wenn die Geschichte dann nicht mehr zu hundert Prozent stimmig ist, was die Erzählweise betrifft.

Die Geschichte ist definitiv interessant, aber einen Spannungsbogen sucht man lange, denn außer, dass man wissen will, wem sie diesen ellenlangen Monolog erzählt, ist da zunächst nichts. Man muss schon um die 200 Seiten lesen, bis Kay dann doch eine Idee kommt, um etwas Spannung reinzubringen – warum sie diese irgendwann aber doch wieder verwirft, hab ich nicht ganz verstanden. Generell ist das Ende relativ offen, was mich dann etwas unbefriedigt zurückgelassen hat.

Was mich leider maßlos aufgeregt hat, waren allerdings die vielen Apostrophfehler, für die weniger die Autorin etwas kann, dafür umso mehr der Übersetzer Rainer Schumacher. Ich bin beileibe kein Grammar Nazi, ich könnte euch nicht mal die Grammatikregeln erklären, ich war in der Schule so schlecht in Deutsch, dass ich regelmäßig fast sitzen geblieben wäre. Irgendwann habe ich ein Gefühl für Grammatik entwickelt und beherrsche zumindest drei Dinge perfekt: die das-/dass-Schreibung, die Beistrich-, und die Apostrophsetzung. Man muss aber nicht mal Perfektionist sein, um zu wissen, dass man bei Namen mit einem S am Ende – wie eben jener von Charles – nicht jegliches Apostroph ignorieren kann. Zum Beispiel bei „Charles‘ Schwester“ oder „Charles‘ Kasten“. Leider fällt mir genau das aber in den letzten Jahren immer öfter auf – egal ob in Büchern oder Qualitätszeitungen.

Das kann man penibel nennen, aber solche Fehler kann ich nicht ignorieren, weshalb sie mir ein sonst solides Buch leider etwas madig gemacht haben.

Daten zum Buch 

Autor: Elizabeth Kay
Titel: Sieben Lügen *
Originaltitel: Seven Lies
Übersetzung: Rainer Schumacher
Seiten: 384
Kapitel: 46
Erschienen am: 28. Februar 2020
Verlag: Lübbe
ISBN: 978-3785726693
Preis Print: 15 Euro
Preis Digital: 6,99 Euro
(Preise können abweichen)

 

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[Rezension] JP Delaney: Tot bist du perfekt

Tim ist Inhaber von Scott Robotics, einem Silicon-Valley-Start-up, das Roboter herstellt. Tim ist Visionär und ein richtiger Nerd. Doch Tim ist alleine, seit seine Frau Abbie verstorben ist. Deshalb hat er sich jetzt einfach ersetzt, indem er einen Roboter gebaut hat, der aussieht wie sie. Er sieht nicht nur aus wie Abbie, er spricht, denkt und fühlt wie sie – denn es ist der erste Roboter mit Empathie. Diesem wurden alle Informationen zu Abbie eingepflanzt, damit er Abbie zum Verwechseln ähnlich ist. Und beide sind glücklich, sogar Tims autistischer Sohn Danny akzeptiert seine neue Mutter, und so leben die drei relativ glücklich beisammen – bis Roboter-Abbie nicht nur ein geheimnisvolles iPad findet, sondern auch mysteriöse SMS von einem „Freund“ bekommt. Sie beginnt daraufhin, über Realo-Abbie nachzuforschen, und fragt sich bald darauf: Ist Abbie vielleicht gar nicht tot …?


JP Delaney hat sich seit seinem ersten Buch zu einer meiner Lieblingsautoren entwickelt. Er liefert konstant gute Unterhaltung. Nun also erschien sein drittes Buch, worin er eine ganz neue Richtung einschlägt – die wird auf den ersten Blick nicht jedem gefallen, aber Delaney macht es dann doch so, dass sie einer breiten Masse gefallen wird. Oder zumindest könnte.

Der Hauptcharakter ist mitnichten Tim, der Visionär aus der Technikschmiede Silicon Valley, dessen Firma mit dem egozentrischen Namen Scott Robotics – Tims Nachname ist Scott – neben Google und Facebook residiert. Der Hauptcharakter von „Tot bist du perfekt“ ist Abbie – sowohl jene Ausführung aus der Vergangenheit, als auch dessen gegenwärtige Version als Roboter. Ihr wurden einige Erinnerungen von der echten – toten – Abbie eingepflanzt – den Rest lernt sie automatisch; es macht klack, und eine weitere Erinnerung ist da. Wie das technisch funktioniert, erklärt uns Delaney nicht – weil er es vermutlich selber nicht weiß. Zumindest lässt die Danksagung das anklingen, in der er einräumt, dass er sich nicht großartig in die Thematik eingelesen hat. Der Thriller passt einfach in die Zeit, also passt das schon, wird er sich gedacht haben – Oberflächlichkeit zieht immer. Das ist opportunistisch, aber clever.

Ein zweites Thema im Buch ist Autismus, und hier wird es nicht nur persönlich, sondern ausgesprochen sympathisch. Auch hier verweise ich auf die Danksagung. Tims autistischer Sohn Danny hat mich anfangs nur genervt. Nach und nach wurde mir der Junge, der fast ausschließlich in Zitaten aus „Thomas, die kleine Lokomotive“ spricht, immer sympathischer, weil er Ecken und Kanten hat und durch seine Andersartigkeit mehr Charakter als alle anderen Figuren hat. Anders als beim Roboter Abbie hat Delaney hier auch recherchiert. Jahrelang vermutlich – sein Sohn ist nämlich selber Autist. Spätestens hier wird das Buch nicht nur lesenswert, sondern auch sympathisch.

Das Buch beginnt wie die erste „Black Mirror“-Folge aus der zweiten Staffel. Da ihr Freund bei einem Autounfall umkam, bestellt sich die Protagonistin aus der Serie kurzerhand einen Roboter, der aussieht wie ihr Freund. Nach und nach muss sie aber einsehen, dass ein Roboter ihren Freund nicht ersetzen kann. Zumindest der Beginn von „Tot bist du perfekt“ ähnelt der Episode sehr, nur dass Tim sich den Roboter nicht bestellt, sondern selber durch seine Firma bauen lässt. Spätestens da hatte mich das Buch, denn die Episode von „Black Mirror“ hat sich nachhaltig in mein Hirn gebrannt. Danach blicken wir immer wieder zurück zur echten Abbie, als sie in Tims Unternehmen begonnen hat, ihre Ideen – Abbie war Künstlerin – umgesetzt und sich nach und nach in Tim verliebt hat – und vice versa.

„Tot bist du perfekt“ ist definitiv anders. Anders als Delaney andere Bücher. Ich habe es auch nicht als Thriller wahrgenommen, auch wenn Delaney einige Elemente eingebaut hat, die dafür sprechen, manche davon wirken regelrecht hineingezwängt, damit man das Label Thriller rechtfertigen kann. Auch die Erzählweise ist interessant, denn im Roboter-Abbies Strang wird aus der Du-Perspektive erzählt, als wollte Delaney mit dem Leser sprechen. In den Rückschauen zur echten Abbie wird aus der Wir-Perspektive erzählt. So als würde die gesamte Belegschaft von Scott Robotics über Abbie erzählen.

„Tot bist du perfekt“ ist eine interessante Reise und meiner Meinung nach nicht nur JP Delaneys bestes, sondern auch persönlichstes Buch.

Am Ende noch ein kleiner Tipp: Googelt mal Bina48 und schaut ein Video von ihr. Richtig gruselig, aber auch faszinierend.

Daten zum Buch 

Autor: JP Delaney
Titel: Tot bist du perfekt
Originaltitel: The Perfect Wife
Übersetzung: Sibylle Schmidt
Seiten: 448
Erschienen am: 9. März 2020*
Verlag: Penguin
ISBN: 978-3-328-10459-9
Preis Print: 13 Euro
Preis Digital: 3,99 Euro
(Preise können abweichen)

*eBook-Release war ein Monat früher

[Rezension] VANITAS – Grau wie Asche (Vanitas-Reihe – Band #2)

Carolin ist wieder in Wien, wieder in der Blumenhandlung am Zentralfriedhof. Sie glaubt, sie hätte nun etwas Ruhe nach den Vorkommnissen in München – doch weit gefehlt. Denn eines Tages liegt eine exhumierte Leiche auf einem Grab, der Grabstein ist beschmiert mit satanischen Zeichen: 666, Omega, und ein Zeichen, das keiner so richtig zuordnen kann. Und dann taucht eine frische Leiche auf. Wie passt das alles zusammen? Carolin interessiert sich für den Fall, forscht selber und gerät dann selbst ins Visier der Polizei. An einer anderen Front ist ein wunderlicher Mann, der vorgibt, sich für Carolins Kollegin Eileen zu interessieren, doch Carolin spürt, dass er sich viel eher für sie interessiert. Für Carolin steht fest: Der Mann wurde vom russischen Clan geschickt, der sie verfolgt …


Ich verbinde Ursula Poznanski eher mit Jugendliteratur: „Erebos“, „Saeculum“; beides Bücher, die ich vor Ewigkeiten gelesen habe. Mit „Vanitas – Schwarz wie Erde“ geriet Poznanski wieder in mein engeres Blickfeld und ich hatte das Buch lange auf meiner to-read-Liste – bis ich dann eine Rezension gelesen habe, die beschrieb, dass das Buch gar nicht so der Knaller sein soll. Band Nummer zwei hab ich mir jetzt dann doch geholt, das Cover fand ich wesentlich ansprechender als das des ersten Teils. Und die Location, der Wiener Zentralfriedhof, ist quasi bei mir ums Eck. Für mich Grund genug, dem Buch eine Chance zu geben.

Wer ist eigentlich Carolin Bauer? Oberflächlich betrachtet ist sie Blumenhändlerin, alleinstehend, fast eigenbrötlerisch, źurückgezogen. Weder sympathisch, noch unsympathisch – unauffällig. Das sollte sie auch sein, denn sie wird gesucht; zumindest glaubt sie das. Carolin ist nämlich Polizeispitzel, und hat sich bei einem russischen Clan infiltrieren lassen. Zumindest reime ich mir das aus dem Klappentext von „Schwarz wie Erde“ und dem, was ich im zweiten Teil gelesen habe, zusammen. Dass sie in der Sache der Exhumierungen selber nachforscht, ist kontraproduktiv. Sie verbittet es sich selbst und kann es trotzdem nicht lassen. Und dann entführt sie noch Alex, weil sie glaubt, dass er von den Karpins geschickt wurde – jene Männer vom russischen Clan. Sicher ist sie sich dessen allerdings nicht.

Direkt am Anfang jagt eine Andeutung die nächste und ich hab mich schnell gefragt, ob es Sinn macht, weiterzulesen, weil ich mit keiner der Andeutungen etwas anfangen konnte – „das kann ja lustig werden“ habe ich mir gedacht. Doch ich habe weitergelesen und es ging. Man kommt ganz gut zurecht, wenn man Teil eins der Reihe nicht gelesen hat. Vieles erschließt sich von selbst und manches wird möglicherweise zum ersten Mal erwähnt – zum Beispiel, dass Carolin – die natürlich nicht wirklich so heißt – Grafikerin ist und perfekt Dokumente fälschen kann. Carolin ist ein ziemlich interessanter Charakter, der facettenreich ist und bestimmt noch einige Geheimnisse hat, die im Laufe der Reihe noch gelüftet werden.

Das Buch hat mich sehr stark an die Jane-Hawk-Trilogie von Dean Koontz erinnert, eine Reihe mit einer ähnlich starken Frau als Hauptcharakter und einer ähnlich düsteren Atmosphäre – nur, dass sie bei Koontz unangenehm düster war, sodass das Lesen zeitweise eine Belastung für mich war. Bei Poznanski hingegen macht es Spaß, mit der Protagonistin mitzufiebern – dass die Kapitel überdurchschnittlich lang sind, hat mich nur dazu motiviert, weiterzulesen, weil ich wissen wollte, wie sie das nächste Problem, das ihr vor die Füße geworfen wird, löst. Langeweile gibt es hier nicht.

Die „Vanitas“-Reihe hat definitiv Potenzial, eine meiner Lieblingsreihen zu werden. Vor allem, weil der Nachhall am Ende enorm war. Das letzte Kapitel ist ganz großes Tennis, da steckt einiges an Emotion drin.

Daten zum Buch 

Autor: Ursula Poznanski
Titel: VANITAS – Grau wie Asche
Seiten: 400
Erschienen am: 2. März 2020
Verlag: Knaur HC
ISBN: 978-3426226872
Preis Print: 16,99 Euro
Preis Digital: 12,99 Euro
(Preise können abweichen)

[Rezension] Jean-Christophe Grangé: Die Fesseln des Bösen

In einem Pariser Striplokal wird eine Leiche gefunden, mit der eigenen Unterwäsche erdrosselt und die Mundwinkel sind bis zu den Ohren aufgeschlitzt. Im Rachen wurde ein Stein platziert. Ein Verdächtiger ist mit dem ältlichen Maler Sobieski schnell gefunden – aber der hat ein hieb- und stichfestes Alibi. Da Kommissar Corso aber keinen anderen Verdächtigen findet, hält er an Sobieski als Täter fest – vor allem, weil er eine kriminelle Vergangenheit hat und 17 Jahre im Gefängnis verbracht hat.
Corso hat noch einen anderen Kampf zu bestreiten, nämlich den um seinen Sohn Thaddée – wenn er den Fall löst, stehen die Chancen gut, dass er das alleinige Sorgerecht erhält. Corso kämpft gegen die Zeit, zumal es nicht bei dem einen Opfer bleibt …


Stéphane Corso ist Leiter von Team 1 der Pariser Kriminalpolizei, er selbst ist einer der besten Ermittler der Stadt. Dabei hat er selber eine dunkle Vergangenheit, wuchs im Heim auf, lebte auf der Straße, war drogensüchtig und hat nicht zuletzt einen Mord begangen – bis Catherine Bompart kam, seine heutige Chefin. Sie holte Corso von der Straße, zwang ihn, das Abi zu machen und schickte ihn auf die Polizeischule; im Gegenzug sorgte sie dafür, dass er nicht für den Mord belangt wird. Während es beruflich ziemlich glatt läuft, tut es das privat so gar nicht, denn Corso steckt gerade mitten im Scheidungsprozess mit seiner Frau. Er will das Sorgerecht für seinen Sohn, weil er seine zukünftige Ex-Frau aufgrund ihrer Sadomaso-Neigungen als eine Gefahr für den Zehnjährigen hält.

Wo wir auch schon beim Thema wären, denn Sex im Allgemeinen und SM bzw. Bondage im Speziellen, spielen die Hauptrolle im titelgebenden Fesselspiel. Man erfährt so einiges über die Szene, manches davon will man vielleicht gar nicht so genau wissen. Dabei hat Corso selbst bei den – nennen wir es lusterweiternden – Spielen mit seiner Frau mitgemacht – heute verurteilt er sie dafür. Aber nicht nur das, sondern auch die Kunst ist ein großes Thema im Buch, hier steht der Hauptverdächtige Sobieski im Mittelpunkt, der die Mal- und Fesselkunst gewissermaßen in einer Melange vereint. Für Corso ist der Mann mit dem geschichtsträchtigen Namen von Anfang an schuldig. Beweise? Na ja, nicht so wirklich. Zwar hat der Maler schon vor etlichen Jahren getötet und der Modus Operandi ist ähnlich, aber nicht derselbe. Egal, denkt sich Corso, einmal Mörder, immer Mörder. Vielleicht ist Corso ja doch kein so guter Ermittler.

Ohnehin war er bei dem Fall nur zweite Wahl, denn das Buch steigt erst zwölf Tage nach dem Mord ein, bis dahin hat sich ein anderer die Fingernägel an dem Fall abgebissen und hat schnell gemerkt, dass er ansteht. Dabei sind zwölf Tage ein Klacks, wenn man merkt, wie lange Corso daran arbeitet – die Handlung zieht sich nämlich über fast zwei Jahre. Zwei Jahre in denen wir einiges mit dem Protagonisten erleben, das Konzept des Buches ist nämlich kein schlechtes. Insgesamt ist das Buch in drei Teile unterteilt, sowohl faktisch als auch erzählerisch. Zuerst haben wir einen klassischen Whodunit-Thriller, danach einen Justizthriller, um später wieder einen Whodunit-Thriller zu lesen.

Der stärkste Charakter im Buch tritt für mich erst im zweiten Teil, also nach grob 200 Seiten auf. Claudia Müller ist gebürtige Österreicherin und dreht die nach dem ersten Teil etwas eingeschlafene Handlung mal komplett auf links, um im dritten Teil noch einen viel größeren Plot-Twist einzubauen. Zwischendurch hab ich mir schon gedacht, dass die Handlung vielleicht etwas zu sehr in die Länge gezogen wird und hab dies in einem Update auf Goodreads auch kundgetan, aber in der Nachbetrachtung macht das alles schon Sinn. Als eher schwach hab ich den Hauptcharakter Corso empfunden. Er hatte für mich überhaupt kein Charisma und nichts, was mir längerfristig im Gedächtnis bleiben wird.

Auch wenn die Handlung zwischendrin einen ziemlichen Durchhänger hat und nur dahinplätschert, war ich froh, bis zum Ende durchgehalten zu haben. Zumal das Ende und die Auflösung äußerst interessant sind.

Daten zum Buch 

Autor: Jean-Christophe Grangé
Titel: Die Fesseln des Bösen
Originaltitel: La terre des morts
Übersetzung: Ulrike Werner-Richter
Seiten: 608
Kapitel: 104
Erschienen am: 31. Januar 2020
Verlag: Lübbe
ISBN: 978-3431041293
Preis Print: 16,90 Euro
Preis Digital: 11,99 Euro
(Preise können abweichen)

[Rezension] Michael Robotham: Schweige still (Cyrus Haven – Band #1)

Cyrus Haven ist Psychologe und soll sich einen Langzeitpatienten in einer psychiatrischen Einrichtung ansehen. Evie ist seit sechs Jahren dort, keiner weiß, wie ihr richtiger Name ist und wie alt sie wirklich ist – und was genau ihr eigentlich zugestoßen ist, denn über all das spricht sie nicht. Cyrus wird gebeten, mit ihr zu sprechen, doch selbst er stößt an seine Grenzen.
Außerdem arbeitet er an einem anderen Fall, denn ein 15-jähriges Mädchen wurde getötet – ein Täter wird schnell gefunden, doch die Ermittler sind unsicher, ob der mutmaßliche Täter den Mord begangen hat, obwohl er sogar ein Geständnis abgelegt hat. Cyrus kennt jemanden, der erkennt, ob ein Mensch lügt oder nicht – nämlich Evie …


Ich habe mir eigentlich einiges vorgenommen. Eigentlich wollte ich nicht mehr rezensieren und weniger Krimis und Thriller lesen, wollte auch den neuen Robotham zumindest vorerst nicht lesen. Das hielt an, bis ich einen Tweet über das Buch gelesen habe. Interessantes Konzept und interessante Charaktere stand da – der Tweet nagte einige Tage an mir, doch dann war die Neugier zu groß. Und während ich las und nicht mehr damit aufhören konnte, stieg die Lust, ein paar Zeilen über das Buch zu verlieren.

Das Konzept von „Schweige still“ ist ein irrsinnig interessantes, und die Charaktere sind noch interessanter. Das Konzept sieht folgendermaßen aus: Wir haben eine Rahmenhandlung, die sich über die gesamte Cyrus-Haven-Reihe zieht, darin geht es um Evie. Evie ist eine junge Frau, die – so nimmt man es an – entführt, festgehalten und sexuell missbraucht wurde. Das Modell Natascha Kampusch quasi. Jetzt sitzt sie seit sechs Jahren in der psychiatrischen Anstalt, keiner weiß, wie sie heißt, wie alt sie ist und was tatsächlich ihre Geschichte ist; möglicherweise weiß Robotham es selbst noch nicht. Evie ist aufsässig und willensstark, bei Pflegefamilien hat sie es nicht ausgehalten, die psychiatrische Klinik ist nur marginal besser. Evie ist mit Abstand der interessanteste Charakter im ersten Teil der Reihe, man will mehr von ihr lesen und erfahren.

Und Cyrus? Auch er hat seine Geschichte – seine Familie wurde ausgelöscht, als er dreizehn war. Nicht von irgendeinem Serienkiller, nicht von einem Attentäter und auch nicht von einer Naturkatastrophe, sondern von seinem Bruder – BAM, das sitzt. Aber scheinbar hat er das gut weggesteckt, er hat ein paar Macken, beispielsweise besitzt er kein Telefon – weder Handy noch Festnetz –, aber einen erkennbar psychischen Knacks hat er nicht, was mir dann doch etwas unglaubwürdig vorkommt, aber vielleicht kristallisiert sich hier in den folgenden Teilen ja noch etwas heraus. Insgesamt hat mich Haven aber dann doch etwas zu sehr an Joe O‘loughlin erinnert, jenem Protagonisten aus Robothams zweiter Reihe. Am Ende des Buches erfährt man auch, warum das so ist.

Neben der Rahmenhandlung gibt es dann noch eine Binnenhandlung, und die ist dann doch eher more of the same. Totes Mädel, Ermittlung, Rätselraten. Alles schon gesehen. Klar, gut zu lesen ist auch das und langweilig wirds auch hier nicht, aber im Prinzip sind wir hier eben doch wieder bei Joe O‘loughlin. Mir war der Handlungsstrang rund um Evie dann doch lieber und ich bin gespannt, wie es mit ihr weitergeht. Auch, ob Robotham wieder einen Mordfall mit einbaut oder ob er sich etwas anderes einfallen lässt. Ich hoffe auf zweiteres.

Insgesamt ist „Schweige still“ aber ein Reihenauftakt mit Potenzial.

Daten zum Buch 

Autor: Michael Robotham
Titel: Schweige still
Originaltitel: Good Girl, Bad Girl
Übersetzung: Kristian Lutze
Seiten: 512
Erschienen am: 27. Dezember 2019
Verlag: Goldmann
ISBN: 978-3-442-31505-5
Preis Print: 15,90 Euro
Preis Digital: 12,99 Euro
(Preise können abweichen)