[Rezension] Chevy Stevens: Still Missing – Kein Entkommen

Ein ganz normaler Tag, ein ganz normaler Kunde mit einem freundlichen Lächeln. Doch im nächsten Moment liegt die junge Maklerin Annie O’Sullivan betäubt und gefesselt in einem Lastwagen. Als sie erwacht, findet sie sich in einer abgelegenen, schallisolierten Blockhütte wieder. Ihr Entführer übt die absolute Kontrolle über sie aus. Ein endloser Albtraum beginnt, hinter dem ein noch schlimmerer auf sie wartet … (Offizieller Klappentext)


Annie O’Sullivan ist Anfang 30 und steht mitten im Leben – oder stand. Bis ein Mann sie entführt hat. Den Mann nennt sie in ihrer Erzählung nur Psycho, er selbst nennt sich David, denselben Namen, den Annies Vater bis zu seinem Tod trug. Der Psyco hat Annies Leben nachhaltig zerstört, und die Chancen, dass sie wieder ein normales Leben leben kann – von einer erfolgreichen Karriere, die sie davor hatte, ganz zu schweigen – stehen eher schlecht.

Annie wurde nach einer Open-House-Besichtigung, die sie als Immobilienmaklerin veranstaltet hat, entführt und in eine Hütte im kanadischen Nirgendwo verschleppt. Ihr Leben war ab dann streng reglementiert. Es gab fixe Zeiten zum Baden, Klogehen, Kochen und Geschlechtsverkehr mit dem Psycho. Sie wurde von ihm jeden Tag gebadet und rasiert. Einen Ständer bekam der Psycho nur, wenn Annie ihm ihre Angst zeigte.

Heute kann sie ohne diese Regeln nicht mehr leben – immerhin lebte sie ein ganzes Jahr nach diesen. Sie kann ihren Beruf nicht mehr ausüben – sie kann gar keinen Beruf mehr ausüben – und die Filmproduzenten rennen ihr die Bude ein, weil sie ihr Leben verfilmen wollen. Abgesehen davon schläft sie in ihrem Schrank, weil sie sich da sicherer fühlt.

„Still Missing“ war ein Buch, das ich schon länger lesen wollte. Mit Chevy Stevens Bücher habe ich schon einige schöne Stunden verbracht – „Ich beobachte dich“ mal ausgeklammert. Und nach Kapitel eins wusste ich, dass „Still Missing“ ein gutes Buch wird. Psychothriller – Ich-Erzählung – perfekt. Auch wenn das Buch ein paar Schönheitsfehler hat – dazu aber später. Die Kapitel werden in Therapiesitzungen unterteilt, zu Beginn einer jeder Therapiesitzung erzählt Annie von ihrem jetzigen Leben – dem Leben nach einem Jahr Martyrium –, ihrem Alltag, um dann überzugehen in das Leben mit dem Psycho. Diese Erzählung ist so intensiv und so hautnah, dass ich sagen würde, dass es einer der heftigsten Psychothriller war, die ich je gelesen habe. Was Annie hier widerfahren ist, wünscht man nicht mal seinem schlimmsten Feind. An dieser Erzählung erkennt man, wie sehr man Menschenleben beeinflussen – ja, zerstören – kann. Und als ich dann das Motiv erfahren habe, war ich nur noch wütend, denn was zur Hölle…

Zum negativen Aspekt, der angesichts des Gesamtwerkes aber marginal ist: Dass Annie darauf besteht, dass die Psychotherapeutin keine Fragen stellt, widerspricht einer Therapie komplett – da kann sie sich auch mit einem Meerschweinchen oder einer Wand unterhalten. Außer sie macht eine Psychoanalyse, was natürlich möglich ist, weil sie die Therapeutin durchgehend Doc nennt. Aber das kommt nicht klar heraus.

Wer Psychothriller mit intensiven und detaillierten Erzählungen mag, sollte sich „Still Missing“ trotz seines Alters von fast zehn Jahren nicht entgehen lassen.

Daten zum Buch 

Autor: Chevy Stevens
Titel: Still Missing – Kein Entkommen
Originaltitel: Still ;Missing
Übersetzung: Maria Poets
Seiten: 416
Kapitel: 26
Erschienen am: 28. Januar 2011
Verlag: Fischer
ISBN: 978-3596187164
Preis Print: 9,99 Euro
Preis Digital: 8,99 Euro
(Preise können abweichen)

[Rezension] Vincent Kliesch / Sebastian Fitzek: Die Frequenz des Todes (Jula und Hegel – Band #2)

Cecile ist glücklich mit Jonathan verheiratet, das Glück vollkommen hat ihre gemeinsames Kind Selma, die gerade mal ein paar Wochen alt ist. Jonathan ist Psychiater und vor ein paar Monaten von seiner hauseigenen Praxis im Dachgeschoss ins Souterrain gezogen; das Dach hat er zu einem Kinderzimmer für Selma umgebaut – glaubt zumindest Cecile. Eines Tages wundert sie sich, warum Selma keinen Ton von sich – seltsam, sonst hört man immer etwas von ihr, selbst wenn sie schläft. Als sie in die Wiege blickt, ist da nichts außer Blut. Ein Schock! Wo ist Selma? Sie muss Hilfe rufen, so schnell wie möglich! Also schnappt sie sich Jonathans iPhone und ruft die Feuerwehr, doch ihr Mann reißt ihr das Smartphone aus der Hand und sperrt Cecile oben im Dach ein. Cecile erkennt, dass das Zimmer keineswegs für Selma bestimmt war – es war als Gefängnis für Cecile gedacht …


Endlich ist er da, der von mir heiß erwartete zweite Teil der Auris-Reihe. Was darin passiert, war mir, bevor ich begonnen habe, es zu lesen, eigentlich herzlich egal. Den Klappentext habe ich maximal überflogen. Vincent Kliesch bedeutet high quality – aber irgendwie war in „Die Frequenz des Todes“ der Wurm drin.

Als Protagonistin agiert auch im zweiten Teil wieder die True-Crime-Podcasterin Jula, und irgendwie beschleicht mich das Gefühl, dass Kliesch und Fitzek dieser Art von Podcast zu ungeahnter Popularität verholfen haben – seitdem schießen True-Crime-Podcasts wie Pilze aus dem Boden. Jula ist nach wie vor dabei, das Geheimnis ihres Bruders zu lösen – offiziell ist er tot, am Ende von „Auris“ haben wir allerdings anderes erfahren. Um mehr über den Verbleib von Moritz zu erfahren, muss sie nach wie vor nach Matthias Hegels Pfeife tanzen und soll nachforschen, wo Ceciles Baby hingekommen ist – und das macht sie natürlich bereitwillig.

Eine weitere prägende Rolle spielt Jonathan Dorm, der anfangs einen ziemlich gewieften Eindruck macht, als er einen Polizisten, der zur Psychotherapie verdonnert wurde, zu einem Boxduell herausfordert. Wenn der Polizist Dorm einen Schlag versetzen kann, kann er mit der Therapie aufhören. Allerdings weiß man bei Dorm zunächst nicht, woran man als Leser ist. Er weist so viele Facetten auf, dass man meinen könnte, er sei selbst Opfer einer gespaltenen Persönlichkeit und damit geeigneter Patient für einen Kollegen seiner Zunft. Und das macht ihn interessant.

Wie so viele Fitzeks spielt auch „Die Frequenz des Todes“ in Berlin – klar, Fitzek ist nicht der Autor, aber er hat an dem Buch, wie schon an „Auris“, mitgewirkt. Und Vincent Kliesch ist ja ebenfalls Berliner. Wer mehr über die Schauplätze von Fitzeks Berlin erfahren möchte findet einen spannenden Beitrag darüber im Magazin von Audible.

„Die Frequenz des Todes“ ist abwechslungsreich, aber irgendwie fehlt mir der Flow etwas. Es ist zwar spannend und wenn es darum geht, dass Matthias Hegel anfängt, über Phonetik zu referieren, wird es – trotz trockener Theorie – auch interessant, aber ich vermisse das Verspielte, das Gewitzte, das man aus Klieschs früheren Reihen kennt. Auch den Titel des Buches kann ich nicht ganz nachvollziehen, denn das „Frequenz“ im Titel deutet natürlich einerseits auf die Phonetik hin, aber man könnte es auch so deuten, dass im Buch reihenweise Menschen getötet werden – dem ist nicht so. In Teilen wirkt das Buch wie lieblos hingeklatschte Auftragsarbeit, der jegliche Atmosphäre wie auch Tiefe in der Story fehlt. Erst in den letzten hundert Seiten habe ich eine gewisse Rasanz, die man von Kliesch kennt, vernommen.

Trotz der Rasanz hat es auf mich dennoch etwas kurios gewirkt, dass Jula gegen Ende, als es gerade um Leben und Tod geht, tatsächlich noch Zeit findet, eine längere Sprachnotiz für ihren Podcast aufzunehmen – das ist alles, nur nicht realistisch. Vielleicht schneidet das Hörspiel, das parallel bei Audible erscheint, ja besser ab, aber das Buch war jetzt eher semi. Und dennoch werde ich vermutlich auch den dritten Teil lesen. Mal schauen.

Dieser Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit Audible.

Daten zum Buch 

Autor: Vincent Kliesch
Idee: Sebastian Fitzek
Titel: Die Frequenz des Todes
Seiten: 352
Kapitel: 63
Erschienen am: 4. Mai 2020
Verlag: Droemer TB
ISBN: 978-3426307601
Preis Print: 12,99 Euro
Preis Digital: 9,99 Euro
(Preise können abweichen)

Rezensionsexemplar

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