[Rezension] Alex Michaelides: Die verschwundenen Studentinnen

An Marianas ehemaligem College in Cambridge wird eine Studentin tot aufgefunden, brutal ermordet. Auf dem Campus geht die Angst um. Die Trauma-Therapeutin macht sich auf den Weg, um ihrer dort eingeschriebenen Nichte beizustehen. Kaum angekommen, verschwinden zwei weitere Studentinnen. Ihre Nachforschungen führen Mariana tief in eine ebenso düstere wie unheimliche Parallelwelt am College. Hat der exzentrische Professor, der offenbar nicht nur einem ominösen Geheimbund vorsteht, sondern zudem einen unheimlichen, uralten Kult wiederzubeleben scheint, etwas mit dem Verschwinden der Mädchen zu tun? Oder ist die Wahrheit deutlich komplizierter – und persönlicher?
Während die Polizei den Fall schon abgeschlossen glaubt, öffnen sich für Mariana im wahrsten Sinne des Wortes die Tore zur Unterwelt … (Offizieller Klappentext)


„Die stumme Patientin“ war ein Weltbestseller, eigentlich wollte ich ihn auch lesen, weil ich vergangenes Jahr immer wieder darüber gestolpert bin – irgendwann habe ich nicht mehr daran gedacht. Bis letztens, als der Nachfolger kam – „Die verschwundenen Studentinnen“ – und seit ich ihn gelesen habe, bin ich irgendwie froh, dass ich auf „Die stumme Patientin“ vergessen habe.

Mariana ist Gruppentherapeutin in London. Ihre Therapien leitet sie bei sich daheim, ihre Gruppe ist harmonisch, nur Henry bedrängt sie immer wieder; außerdem bildet sie sich ein, dass er manchmal vor ihrem Haus steht und sie beobachtet. Nur gut, dass ihr ihre Nichte und nach dem Tod ihrer Eltern auch Ziehtochter Zoe eine Chance gibt, dem zu entfliehen, denn die ruft sie an und berichtet ihr, dass ihre beste Freundin Tara seit einigen Tagen verschwunden sei. Also packt sich Mariana zusammen und fährt nach Cambridge, wo sie selbst studiert hat und wo sie ihren Mann Sebastian kennen und lieben gelernt hat. Sebastian starb vor eineinhalb Jahren, als die beiden Urlaub auf der griechischen Insel Naxos gemacht haben, bei einem Schwimmgang. Mariana ist bis heute noch nicht über seinen Tod hinweggekommen, und in Cambridge erinnert sie quasi alles an ihn – beste Voraussetzungen also, um einfach mal Detektiv zu spielen. Nicht. So völlig voreingenommen schießt sie sich gleich auf den schillernden Professor Fosca an, der sich wie ein Pascha scheinbar einen Harem mit seinen Lieblingsstudentinnen, die er „Die Mädchen“ nennt, hält. In diesem erlesenen Kreis befinden sich betuchte Studentinnen, die immer um Fosca herum schwirren und ihm zu Füßen liegen. Nach und nach wird eine von ihnen Tod auf dem Unigelände aufgefunden – was ist da los? Miss Marp … ääh Mariana ermittelt – also mehr oder weniger.

Ich habe bei „Die verschwundenen Studentinnen“ – der Titel ist by the way irgendwas, denn die Studentinnen sind keineswegs verschwunden – lange nach einem sympathischen Charakter gesucht und bis zum Ende keinen gefunden. Vielmehr gibt es ein paar markante Figuren wie Fred, der von sich behauptet, in die Zukunft sehen zu können, und Mariana gleich beim zweiten oder dritten Aufeinandertreffen in Cambridge einen Heiratsantrag macht – das ist das, was dem Wort sympathisch wohl am nächsten kommt. Schrullig würde es eher treffen. Professor Fosca sticht ebenfalls heraus mit seiner exzentrischen bis selbstverliebten Art, um den ständig eine Gruppe blutjunger Studentinnen, die er nur „die Mädchen“ nennt, herumscharwenzeln – sympathisch ist der aber keineswegs. Und dann Mariana – tja –, eine Psychotherapeutin, die selber noch lange nicht den Tod ihres Mannes verwunden hat, eine schwierige Kindheit hatte, aber zu Zoe tröstend „Alles wird gut“ sagt, nachdem die ihre Freundin verliert – Glaubwürdigkeit wo bist du?

Alex Michaelides meint über sich selbst, dass er ein ambivalentes Verhältnis zur Psychotherapie hat: „Ich bin im Laufe der Jahre vielen wunderbaren Therapeuten begegnet, aber auch ebenso vielen, die genauso dysfunktional und beschädigt waren wie ihre Patienten“, sagt er etwa dem „Publishers Weekly“ – tatsächlich habe ich selber schon länger den Eindruck, dass viele Menschen Psychologie – ohnehin und vielleicht gerade deshalb ein überlaufenes Studium – studieren, um Lösungen für ihre höchst eigenen Probleme zu suchen. Psychotherapie kann aber auch etwas Helfendes sein, ich spreche da aus eigener Erfahrung. Ich stimme Michaelides da also durchaus zu.

Eingebettet ist „Die verschwundenen Studentinnen“ in die Welt der griechischen Tragödie, aus der oft zitiert wird – für mich ein Thema, mit dem ich überhaupt nichts anfangen kann. Michaelides kehrt damit zurück in seine frühen Jahre, als er in Jugendjahren viel Zeit mit der griechischen Mythologie verbracht hat und jetzt selbst mit seinem neuen Buch eine griechische Tragöde auf Speed inszeniert und produziert hat — nach seiner eigenen und moderneren Interpretation. Auch wenn der Speed etwas gebraucht hat, um sich vollends zu entfalten – nämlich bei mir fast 200 Seiten. Vielleicht wegen der allgegenwärtig unsympathischen Charaktere, vielleicht wegen der – für mich – hochtrabenden griechischen Mythologie, vielleicht weil das Buch in einem mir völlig fremden Milieu – der Oberschicht – spielt, aber irgendwie hat es mich lange nicht gepackt; obwohl die Machart an Agatha Christie erinnert und das „Stück“ auf kleiner Bühne – eben Cambridge – spielt. Ebenfalls ratlos ließ mich das Ende zurück, denn das Buch endet mehr oder weniger mitten in der Szene. Ihr müsst letztlich selber entscheiden, ob ihr „Die verschwundenen Studentinnen“ lest oder nicht, mein Fall war es nicht wirklich – und nach dem Ende, war ich auch froh, auf „Die stumme Patientin“ vergessen zu haben.

Daten zum Buch 

Autor: Alex Michaelides
Titel: Die verschwundenen Studentinnen
Originaltitel: The Maidens
Übersetzung: Kristina Lake-Zapp
Seiten: 352
Kapitel: 83 (+Epilog)
Erschienen am: 1. Juli 2021
Verlag: Droemer HC
ISBN: 978-3426282151
Preis Print: 14,71 Euro
Preis Digital: 12,99 Euro
(Preise können abweichen)

Rezensionsexemplar

[Rezension] Sarah Nisi: Ich will dir nah sein

London, Fundbüro des öffentlichen Nahverkehrs. Lester Sharp kümmert sich um herrenlose Fundsachen: Handys, Schlüssel, Portemonnaies – besonders gern um Kleidungsstücke und medizinische Gerätschaften. Er ist auch privat ein Sammler und Sonderling, der sich schwertut mit Frauen und zwischenmenschlichen Beziehungen. Als er der jungen Erin begegnet, weiß er zunächst nicht, wie er sich verhalten soll – findet aber schon bald eine Möglichkeit, ihr nah zu sein. Näher, als es ihr lieb sein kann… (Offizieller Klappentext)


In jedem von uns steckt ein Stalker oder eine Stalkerin. Jeder von uns hat mal einen Namen gegoogelt; entweder eines Akteurs oder einer Akteur:in einer drittklassigen Trash-TV-Sendung oder den eines ehemaligen Schulkollegen oder einer Kommilitonin. Ich habe mir das tatsächlich weitestgehend abgewöhnt, weil ich es nicht richtig finde, im Privatleben mir nicht (mehr) so nahen Menschen herumzustochern. Weil ich selber nicht wollen würde, dass das irgendwer mit meinem Namen macht. Das Internet bietet da einiges an Möglichkeiten. Das ist Chance und Gefahr gleichermaßen. Sarah Nisi zeigt uns in ihrem Debütroman „Ich will dir nah sein“, wie Stalker:innen ticken. Das ist faszinierend – und beängstigend.

Lester arbeitet in einem Fundbüro, er hat also tagtäglich mit privaten Gegenständen von ihm unbekannten Menschen zu tun. Alleine das würde für mich reichen, um ihm abzunehmen, dass er Stalker ist. Er kennt die Namen derjenigen, die die Dinge im Fundbüro abgeben – und er erfährt die Namen der Menschen, die die Dinge verloren haben. Da ist jeglicher Phantasie Tür und Tor geöffnet. Namen führen zu Google, und im Extremfall weiter. Der Extremfall heißt im Buch Erin und ist die neue Nachbarin von Lester; 28 Jahre alt und Balletttänzerin. Lester begehrt sie seit ihrem Einzug, belauscht sie durch die dünnen Wände seines Badezimmers, dessen Renovierung er seit Jahren aufschiebt. Er betritt ihre Wohnung, wenn sie nicht daheim ist, lässt persönliche Gegenstände mitgehen. Trophäen. Jeden Blick von ihr deutet er als Zuneigung, jedes Wort als potenzielle Liebesbekundung. Kranke Menschen haben kranke Gedanken, und das vorherrschende Gefühl, das ich bei seinen Kapitel hatte, war Fremdscham. Seine Kapitel sind so unangenehm, was vielleicht auch die Authentizität derer untermauert.

Doch die Geschichte beginnt 17 Jahre früher, als Lester Medical History (das wird im Buch nicht eingedeutscht) studiert und Shannon kennenlernt, die in einem Filmstudio arbeitet. Die gehörlose Shannon hat zwei Kinder, aber keinen Mann. Immer wieder treffen sich die zwei, kommunizieren mittels Block, Stift und Lippenlesen — bis er mehr von ihr will. Wir blicken im Buch öfter zurück, doch primär findet der Plot in der Jetzt-Zeit statt. Anfangs bin ich nicht leicht ins Buch hineingekommen; der Prolog ist so kryptisch wie Prologe eben manchmal sind, und die erste Hälfte von Kapitel eins zu technisch, weil sie die Arbeit von Lester im Fundbüro beschreibt. Erst bei Kapitel zwei konnte ich connecten, weil es darin um Alltägliches ging. Alltäglichkeiten sind door opener in einem Buch. Doch ab Kapitel zwei wollte ich das Buch nicht mehr weglegen. Der Plot ist so interessant und schnell geschrieben, dass ich am liebsten alles auf einmal lesen wollte. Man tänzelt geradezu wie ein:e Balletttänzer:in leichtfüßig durch die bedeutungsschwangere Handlung.

Neben der Kapitel um den Stalker Lester, bekommen auch Erin und Rhys ihre Kapitel. Rhys ist der Immobilienmakler, der Erin die Wohnung vermittelt hat. Er hat sein ganz eigenes Interesse an Erin, für das er auch gerne auf den Datenschutz pfeift. Doch die Kapitel von Lester sind am interessantesten, weil sie gut recherchiert wirken, weil sie zeigen, wie Stalker denken. Ich glaube, diese Thematik gibt es bei Krimis und Thriller nicht oft, aber Sarah Nisi hat es geschafft, mich mit ihrem Psychothriller in ihren Bann zu ziehen, auch wenn sie am Ende ein paar Fragen offenlässt.

Dass sie so nah an der Wahrheit ist, beweisen auch Erzählungen von Frauen, die auf Twitch streamen. Frauen, bei denen plötzlich Zuschauer vor ihren Wohnungen standen, Frauen, die wegen solcher Menschen mehrmals umziehen oder sogar auswandern mussten. Es ist bizarr und für mich nicht immer nachvollziehbar, wie Menschen ticken. Aber am Ende ist „Ich will dir nah sein“ zum Glück nur ein Buch, das einem verdammt gut die Zeit vertreibt, und ich freue mich jetzt schon auf Nisis nächstes Buch. Vielleicht schafft sie es wieder, ein Thema, das eher am Rande des Thrillermarktes liegt, in den Fokus zu rücken, um aufzuzeigen, dass es uns alle betreffen könnte. Oder uns den Spiegel vorzuhalten – denn wir alle sind potenzielle Stalker.

Daten zum Buch 

Autor: Sarah Nisi
Titel: Ich will dir nah sein
Seiten: 336
Kapitel: 38
Erschienen am: 10. Mai 2021
Verlag: btb
ISBN: 978-3442718917
Preis Print: 12,46 Euro
Preis Digital: 4,99 Euro
(Preise können abweichen)

Rezensionsexemplar

[Rezension] Chevy Stevens: Still Missing – Kein Entkommen

Ein ganz normaler Tag, ein ganz normaler Kunde mit einem freundlichen Lächeln. Doch im nächsten Moment liegt die junge Maklerin Annie O’Sullivan betäubt und gefesselt in einem Lastwagen. Als sie erwacht, findet sie sich in einer abgelegenen, schallisolierten Blockhütte wieder. Ihr Entführer übt die absolute Kontrolle über sie aus. Ein endloser Albtraum beginnt, hinter dem ein noch schlimmerer auf sie wartet … (Offizieller Klappentext)


Annie O’Sullivan ist Anfang 30 und steht mitten im Leben – oder stand. Bis ein Mann sie entführt hat. Den Mann nennt sie in ihrer Erzählung nur Psycho, er selbst nennt sich David, denselben Namen, den Annies Vater bis zu seinem Tod trug. Der Psyco hat Annies Leben nachhaltig zerstört, und die Chancen, dass sie wieder ein normales Leben leben kann – von einer erfolgreichen Karriere, die sie davor hatte, ganz zu schweigen – stehen eher schlecht.

Annie wurde nach einer Open-House-Besichtigung, die sie als Immobilienmaklerin veranstaltet hat, entführt und in eine Hütte im kanadischen Nirgendwo verschleppt. Ihr Leben war ab dann streng reglementiert. Es gab fixe Zeiten zum Baden, Klogehen, Kochen und Geschlechtsverkehr mit dem Psycho. Sie wurde von ihm jeden Tag gebadet und rasiert. Einen Ständer bekam der Psycho nur, wenn Annie ihm ihre Angst zeigte.

Heute kann sie ohne diese Regeln nicht mehr leben – immerhin lebte sie ein ganzes Jahr nach diesen. Sie kann ihren Beruf nicht mehr ausüben – sie kann gar keinen Beruf mehr ausüben – und die Filmproduzenten rennen ihr die Bude ein, weil sie ihr Leben verfilmen wollen. Abgesehen davon schläft sie in ihrem Schrank, weil sie sich da sicherer fühlt.

„Still Missing“ war ein Buch, das ich schon länger lesen wollte. Mit Chevy Stevens Bücher habe ich schon einige schöne Stunden verbracht – „Ich beobachte dich“ mal ausgeklammert. Und nach Kapitel eins wusste ich, dass „Still Missing“ ein gutes Buch wird. Psychothriller – Ich-Erzählung – perfekt. Auch wenn das Buch ein paar Schönheitsfehler hat – dazu aber später. Die Kapitel werden in Therapiesitzungen unterteilt, zu Beginn einer jeder Therapiesitzung erzählt Annie von ihrem jetzigen Leben – dem Leben nach einem Jahr Martyrium –, ihrem Alltag, um dann überzugehen in das Leben mit dem Psycho. Diese Erzählung ist so intensiv und so hautnah, dass ich sagen würde, dass es einer der heftigsten Psychothriller war, die ich je gelesen habe. Was Annie hier widerfahren ist, wünscht man nicht mal seinem schlimmsten Feind. An dieser Erzählung erkennt man, wie sehr man Menschenleben beeinflussen – ja, zerstören – kann. Und als ich dann das Motiv erfahren habe, war ich nur noch wütend, denn was zur Hölle…

Zum negativen Aspekt, der angesichts des Gesamtwerkes aber marginal ist: Dass Annie darauf besteht, dass die Psychotherapeutin keine Fragen stellt, widerspricht einer Therapie komplett – da kann sie sich auch mit einem Meerschweinchen oder einer Wand unterhalten. Außer sie macht eine Psychoanalyse, was natürlich möglich ist, weil sie die Therapeutin durchgehend Doc nennt. Aber das kommt nicht klar heraus.

Wer Psychothriller mit intensiven und detaillierten Erzählungen mag, sollte sich „Still Missing“ trotz seines Alters von fast zehn Jahren nicht entgehen lassen.

Daten zum Buch 

Autor: Chevy Stevens
Titel: Still Missing – Kein Entkommen
Originaltitel: Still ;Missing
Übersetzung: Maria Poets
Seiten: 416
Kapitel: 26
Erschienen am: 28. Januar 2011
Verlag: Fischer
ISBN: 978-3596187164
Preis Print: 9,99 Euro
Preis Digital: 8,99 Euro
(Preise können abweichen)

[Rezension] Vincent Kliesch / Sebastian Fitzek: Die Frequenz des Todes (Jula und Hegel – Band #2)

Cecile ist glücklich mit Jonathan verheiratet, das Glück vollkommen hat ihre gemeinsames Kind Selma, die gerade mal ein paar Wochen alt ist. Jonathan ist Psychiater und vor ein paar Monaten von seiner hauseigenen Praxis im Dachgeschoss ins Souterrain gezogen; das Dach hat er zu einem Kinderzimmer für Selma umgebaut – glaubt zumindest Cecile. Eines Tages wundert sie sich, warum Selma keinen Ton von sich – seltsam, sonst hört man immer etwas von ihr, selbst wenn sie schläft. Als sie in die Wiege blickt, ist da nichts außer Blut. Ein Schock! Wo ist Selma? Sie muss Hilfe rufen, so schnell wie möglich! Also schnappt sie sich Jonathans iPhone und ruft die Feuerwehr, doch ihr Mann reißt ihr das Smartphone aus der Hand und sperrt Cecile oben im Dach ein. Cecile erkennt, dass das Zimmer keineswegs für Selma bestimmt war – es war als Gefängnis für Cecile gedacht …


Endlich ist er da, der von mir heiß erwartete zweite Teil der Auris-Reihe. Was darin passiert, war mir, bevor ich begonnen habe, es zu lesen, eigentlich herzlich egal. Den Klappentext habe ich maximal überflogen. Vincent Kliesch bedeutet high quality – aber irgendwie war in „Die Frequenz des Todes“ der Wurm drin.

Als Protagonistin agiert auch im zweiten Teil wieder die True-Crime-Podcasterin Jula, und irgendwie beschleicht mich das Gefühl, dass Kliesch und Fitzek dieser Art von Podcast zu ungeahnter Popularität verholfen haben – seitdem schießen True-Crime-Podcasts wie Pilze aus dem Boden. Jula ist nach wie vor dabei, das Geheimnis ihres Bruders zu lösen – offiziell ist er tot, am Ende von „Auris“ haben wir allerdings anderes erfahren. Um mehr über den Verbleib von Moritz zu erfahren, muss sie nach wie vor nach Matthias Hegels Pfeife tanzen und soll nachforschen, wo Ceciles Baby hingekommen ist – und das macht sie natürlich bereitwillig.

Eine weitere prägende Rolle spielt Jonathan Dorm, der anfangs einen ziemlich gewieften Eindruck macht, als er einen Polizisten, der zur Psychotherapie verdonnert wurde, zu einem Boxduell herausfordert. Wenn der Polizist Dorm einen Schlag versetzen kann, kann er mit der Therapie aufhören. Allerdings weiß man bei Dorm zunächst nicht, woran man als Leser ist. Er weist so viele Facetten auf, dass man meinen könnte, er sei selbst Opfer einer gespaltenen Persönlichkeit und damit geeigneter Patient für einen Kollegen seiner Zunft. Und das macht ihn interessant.

Wie so viele Fitzeks spielt auch „Die Frequenz des Todes“ in Berlin – klar, Fitzek ist nicht der Autor, aber er hat an dem Buch, wie schon an „Auris“, mitgewirkt. Und Vincent Kliesch ist ja ebenfalls Berliner. Wer mehr über die Schauplätze von Fitzeks Berlin erfahren möchte findet einen spannenden Beitrag darüber im Magazin von Audible.

„Die Frequenz des Todes“ ist abwechslungsreich, aber irgendwie fehlt mir der Flow etwas. Es ist zwar spannend und wenn es darum geht, dass Matthias Hegel anfängt, über Phonetik zu referieren, wird es – trotz trockener Theorie – auch interessant, aber ich vermisse das Verspielte, das Gewitzte, das man aus Klieschs früheren Reihen kennt. Auch den Titel des Buches kann ich nicht ganz nachvollziehen, denn das „Frequenz“ im Titel deutet natürlich einerseits auf die Phonetik hin, aber man könnte es auch so deuten, dass im Buch reihenweise Menschen getötet werden – dem ist nicht so. In Teilen wirkt das Buch wie lieblos hingeklatschte Auftragsarbeit, der jegliche Atmosphäre wie auch Tiefe in der Story fehlt. Erst in den letzten hundert Seiten habe ich eine gewisse Rasanz, die man von Kliesch kennt, vernommen.

Trotz der Rasanz hat es auf mich dennoch etwas kurios gewirkt, dass Jula gegen Ende, als es gerade um Leben und Tod geht, tatsächlich noch Zeit findet, eine längere Sprachnotiz für ihren Podcast aufzunehmen – das ist alles, nur nicht realistisch. Vielleicht schneidet das Hörspiel, das parallel bei Audible erscheint, ja besser ab, aber das Buch war jetzt eher semi. Und dennoch werde ich vermutlich auch den dritten Teil lesen. Mal schauen.

Dieser Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit Audible.

Daten zum Buch 

Autor: Vincent Kliesch
Idee: Sebastian Fitzek
Titel: Die Frequenz des Todes
Seiten: 352
Kapitel: 63
Erschienen am: 4. Mai 2020
Verlag: Droemer TB
ISBN: 978-3426307601
Preis Print: 12,99 Euro
Preis Digital: 9,99 Euro
(Preise können abweichen)

Rezensionsexemplar

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