[Rezension] Julie Clark: Der Tausch – Zwei Frauen. Zwei Tickets. Und nur ein Ausweg.

New York, Flughafen JFK: Claire soll nach Puerto Rico reisen, um ihren Mann, einen ehrgeizigen Politiker, beim Wahlkampf zu unterstützen. Doch in Wahrheit will sie nichts als fliehen – vor seinen gewalttätigen Übergriffen und der lückenlosen Kontrolle, die er über sie ausübt. Sie kommt mit Eva ins Gespräch, die bei ihrem schwerkranken Mann Sterbehilfe geleistet hat. Zu Hause in Kalifornien erwartet sie die Polizei. Innerhalb weniger Sekunden beschließen sie, die Bordkarten zu tauschen und sich gegenseitig ein neues Leben zu schenken.

Erleichtert landet Claire in Kalifornien. In Evas Haus gibt es allerdings keine Hinweise auf einen Ehemann. Dann erfährt sie, dass das Flugzeug nach Puerto Rico abgestürzt ist. Und kurz darauf entdeckt sie die vermeintlich abgestürzte Eva in einer Fernsehreportage über das Unglück. Lebendig. Hat sie die Flucht in das Leben einer Anderen am Ende doch nur in eine Falle gelockt? (Offizieller Klappentext)


Claire hat in die Cook-Familie eingeheiratet, eine Familie, die mit den JFKs vergleichbar ist. Sie hat einen Abschluss in Kunstgeschichte und hat bei traditionsreichen Auktionshaus Christie’s gearbeitet. Heute will sie nur noch weg, sie hält die Tyrannei ihres Mannes Rory, der die Tage seine Kandidatur für den Senat bekannt geben will, nicht mehr aus. Sie hat alles organisiert, um sich ein neues Leben aufzubauen – neuer Pass, neuer Führerschein, neue Sozialversicherungsnummer –, doch dann kommt alles anders und sie muss alle Pläne umschmeißen und neu disponieren, denn plötzlich heißt ihr Ziel nicht mehr Detroit, sondern Puerto Rico. Als sie am Flughafen von Eva angesprochen wird, die ihr von ihrem Mann, dem sie vom Leiden erlöst und Sterbehilfe geleistet hat, ändern sich die Pläne noch mal – sie tauschen kurzerhand die Flugtickets und Claire nimmt Evas Identität an. Nun lebt sie in Berkeley, Kalifornien. Doch Eva hat ihr eine falsche Geschichte erzählt, und möglicherweise ist Claire vom Regen in die Traufe gekommen.

Das Cover von „Der Tausch“ erinnert schwer an das von Karen Hamiltons „Perfect Girlfriend“ – der Inhalt wiederum hat mich an „Golden Cage“ von Camilla Läckberg erinnert. Ich will nicht sagen, dass „Der Tausch“ ein feministischer Thriller ist, aber Männer kommen darin nicht wirklich gut weg. Sie werden entweder als dominant, brutal oder einfach als vernachlässigend bzw. überflüssig dargestellt. Das könnte mich als Mann jetzt ärgern, ich könnte eine Hasstirade gegen die Autorin starten – das tue ich aber nicht, weil Clark das alles sehr gut und nachvollziehbar darstellt. Ich bin mir sicher, dass bei den oberen Zehntausend häusliche Gewalt oft vorherrscht. Genau wie bei den unteren Zehntausend und den mittleren Zehntausend und allen anderen Gesellschaftsschichten. Gerade momentan, seit Corona und den ganzen Lockdowns ist das ein Thema. Das Buch ist also dahingehend am Puls der Zeit.

Nicht so am Puls der Zeit ist die Lösung, die die Autorin anbietet, denn einfach abhauen und sich ein neues Leben aufbauen, ist momentan nur schwer drin. Und auch sonst wäre es schwer. Wer würde schon alle Zelte abreißen, seine Freunde, Familie zurücklassen und seinen Tod vortäuschen? Ich wüsste nicht mal, wie man sich einen neuen Pass organisiert. Aber die Thematik ist definitiv eine interessante.

Dazu kommt, dass Julie Clark die Geschichte gut konstruiert und nicht nur Claires Sicht zeigt – Sie gibt auch Eva genügend Raum und erzählt, warum sie eigentlich untertauchen will. Dafür reisen wir in ihren Kapitel in der Zeit ein paar Monate zurück und erfahren, dass sie Drogen hergestellt und verkauft hat. Während Claires Kapitel im Präsens spielen, spielen Evas im Präteritum. Und diese Kapitel, die immer im Wechsel zwischen Eva und Claire spielen, sind so rasant und interessant, dass man kaum aufhören kann zu lesen. Dieses Buch wird völlig zurecht gehyped.

Daten zum Buch 

Autor: Julie Clark
Titel: Der Tausch – Zwei Frauen. Zwei Tickets. Und nur ein Ausweg
Originaltitel: The Flight
Übersetzung: Gabriele Burkhardt
Seiten: 400
Kapitel: 45
Erschienen am: 11. Januar 2021
Verlag: Heyne
ISBN: 978-3453424975
Preis Print: 12,75 Euro
Preis Digital: 9,99 Euro
(Preise können abweichen)

Rezensionsexemplar

[Rezension] Lars Kepler: Der Spiegelmann (Joona Linna — Band #8)

Eine Schülerin verschwindet auf dem Heimweg spurlos. Jahre später wird sie auf einem Spielplatz mitten in Stockholm ermordet aufgefunden. Das Mädchen hängt an einem Klettergerüst. Wer tut so etwas? Kommissar Joona Linna ist von der Kaltblütigkeit des Täters alarmiert. Ein ungewöhnlicher Mord, eine Hinrichtung. Eine Machtdemonstration.
 Das Mädchen ist wahrscheinlich nicht das einzige Opfer. Als es gelingt, einen Mann aufzuspüren, der den Mord gesehen haben muss, ist der Zeuge nicht in der Lage, darüber zu sprechen. So traumatisch sind offenbar seine Erinnerungen. Jonna Linna bittet Erik Maria Bark, den Hypnotiseur, um Hilfe … (Offizieller Klappentext)


Ein schwedischer Thriller wieder mal – back to the roots für mich. Einer der ersten Thriller-Reihen, die ich gelesen habe, spielte in Schweden und hörte auf den Namen Wallander. Die Skandinavier mit ihren haarsträubenden und blutigen Morden – das ist ein Markenzeichen. Lars Kepler bietet aber nicht nur das, sondern macht ein mash up aus Wodunut- und Psychothriller – und das hat mich sofort gehookt. „Der Spiegelmann“ ist der achte Teil der Joona-Linna-Reihe und war der Erste für mich, weshalb ich nicht sagen kann, ob das generell der Kniff der Reihe ist.

Die Geschichte beginnt fünf Jahre vor der eigentlichen Handlung. Eleonora muss zusehen, wie ihre Freundin und offensichtlich ihr love interest in einen Lkw gezogen und entführt wird. Danach erleben wir Martin und seine Tochter* Alice, die angeln gehen. Martin kommt danach mit einem psychischen Schaden ins Krankenhaus – Alice ist wie vom Erdboden verschluckt. Insgesamt spielen sechs von insgesamt 98 Kapitel in der Vergangenheit. Danach dauert es eine Weile, bis Joona Linna – bei dem ich davor dachte, er sei eine Frau, weil Frauennamen in den westlichen Ländern oft mit A enden – endlich auf die Bühne tritt, und noch länger, bis er den Fall übernimmt. Mich würde die Geschichte des gebürtigen Finnen interessieren, aber ehrlich gesagt bezweifle ich, dass ich die anderen sieben Teile nachhole.

Danach rushen wir durchs Buch, als gäbe es keine Geschwindigkeitsbegrenzung, erleben Martin, wie er mehrmals hypnotisiert wird und mit seinen Wahnvorstellungen zurechtkommt. Wir erleben, wie sich Pamela – Martins Frau – selbst diszipliniert und aufhört, Alkohol zu trinken, weil sie Mia adoptieren will. Bis die schließlich auch entführt wird. Und wir erleben die Entführer, die einsam im Nirgendwo leben und sich einen Hort von jungen Frauen hält, weil Cäsar, wie der Täter heißt, zwölf Jünger haben will. Und wir erleben Cäsars Mutter, die christliche Fundamentalistin, die gerne mal gegen die zehn Gebote verstößt und ein Mädchen tötet oder ihr zumindest die Füße absägt, wenn es versucht, zu fliehen.

„Der Spiegelmann“ ist zweifelsohne blutrünstig — oder eben typisch schwedisch. Ich muss das mittlerweile nicht mehr haben, weil es mir allein beim Gedanken daran, dass jemanden die Füße abgesägt werden, alles zusammenzieht, aber der ganze Rest – die Spannung, das Tempo und diese Kurzweiligkeit –, findet man in dieser geballten Form sehr selten.

Iich bin mir nicht sicher, ob es seine leibliche Tochter ist.

Daten zum Buch 

Autor: Lars Kepler
Titel: Der Spiegelmann
Originaltitel: Joona Linna 8
Übersetzung: Susanne Dahmann
Seiten: 624
Kapitel: 98 (+ Epilog)
Erschienen am: 27. November 2020
Verlag: Lübbe
ISBN: 978-3785727041
Preis Print: 21,59 Euro
Preis Digital: 14,99 Euro
(Preise können abweichen)

[Rezension] Alisson Dickson: Die gefährliche Mrs Miller

Phoebe Millers Ehe ist am Ende. Sie verlässt ihr Haus nur noch selten, doch ihr fällt auf, dass seit einer Weile ein alter, rostiger Wagen in ihrer Straße steht. Sie fühlt sich beobachtet, doch warum sollte jemand ausgerechnet sie ausspionieren? Eines Tages zieht nebenan eine neue Familie ein – mit dem achtzehnjährigen Jake, von dem Phoebe sich von Anfang an angezogen fühlt. Die beiden kommen einander näher, und Phoebe achtet nicht mehr auf das verdächtige Auto. Damit aber bringt sie sich in höchste Gefahr …(Offizieller Klappentext)


Phoebe Miller ist das, was man einen klassischen Misanthropen nennt. Sie kann mit anderen Menschen nichts anfangen, ihren Mann Wyatt – seines Zeichens Psychotherapeut – kann sie sowieso nicht ausstehen und rausgehen tut die Tochter des berühmt-berüchtigten Daniel Noble höchst selten. Das alles kommt nicht von ungefähr, denn als Kind hatte sie vier verschiedene Mütter und ihr Vater hat sie vernachlässigt, wo es nur geht. Nur gut, dass er unlängst verstorben ist und ihr ein Millionenerbe hinterlassen hat. Die einzigen Sorgen, die sie hat, ist, dass Wyatt ihr einfach keine Ruhe lässt mit seinem Kinderwunsch – nachdem mehrere In-vitro-Befruchtungen nicht angeschlagen haben, kommt er jetzt mit der Idee, ein Kind zu adoptieren, na Dankeschön. Das ist ja noch besser, wenn jene Frau, die nach dem Frühstück bereits die erste Weinflasche köpft, auch noch ein Kind versorgen muss. Sorge Nummer zwei ist dieses verdammte Auto, das seit Wochen vor ihrem Haus steht. Einfach hingehen und fragen, was los ist? Nö, da müsste sie ja mit anderen Menschen interagieren. Und plötzlich findet sie dann doch gefallen an anderen Menschen, im speziellen an dem jüngst eingezogenen Nachbarsjungen, der bald nach Stanford geht – aber bis dahin ist er eine nette Ablenkung von diesem verdammten Auto.

Das ist bei Weitem nicht die ganze Handlung, denn nach rund 200 Seiten nimmt das Buch erst so richtig an Fahrt auf und die Frau, die im Auto vor dem Haus der Millers sitzt, übernimmt eine tragende Rolle – das muss sie, denn sie hat einen Mord begangen. Und um sich zu tarnen, veranstaltet sie eine Scharade sondergleichen. Denn Phoebe Miller ist am Ende des ersten von insgesamt zwei Teilen plötzlich tot, und Nadia, wie die Frau aus dem Auto heißt, will nicht nur den Täter finden – viel Auswahl bleibt bei insgesamt sechs Charakteren nicht –, sie nutzt die Chance kurzerhand dafür, sich eine neue Identität zuzulegen – nämlich die von Phoebe Miller.

„Die gefährliche Mrs Miller“ ist kein Buch, bei dem einem auf den ersten Seiten gleich eine Leiche entgegenfliegt, nein, es dauert eine Weile, bis hier letztlich ein Hybrid aus Psycho- und Whodunit-Thriller entsteht. Aber die ersten 200 Seiten, in denen wir eher einen Roman in Händen halten, sind eminent wichtig für den ganzen Rest. Wie (die echte) Phoebe sich mit der Mutter von Jake anfreundet, wie sie mit Jake eine Affäre beginnt, wie sie durch den Einzug der neuen Nachbarn endlich wieder zu leben beginnt. Und auch die Geschichte der Nachbarn ist wichtig. Die kriselnde Ehe, Geldprobleme – und den ganz eigenen Problemen von Jake sowieso. Das Buch zeigt auch auf, dass Reichtum nicht alles ist und dass reiche Menschen ganz irdische Probleme haben – nur dass das Bankkonto etwas praller gefüllt ist. Zwischendurch gibt es immer wieder kürzere Intermezzo-Kapitel, im ersten Teil aus der Sicht von Nadia — im zweiten Teil aus Sicht des/der Mörder*in von Phoebe.

Als ich den Klappentext von „Die gefährliche Mrs Miller“ gelesen habe, war ich sofort hin und weg. Und als das Buch dann genau das hielt, was der Klappentext versprochen hat, war ich restlos begeistert. Es ist nicht nur interessant, sondern ab einem gewissen Zeitpunkt auch irrsinnig spannend. Wenn ich nicht noch andere Interessen hätte, hätte ich vermutlich ganzen Tag gelesen. Und auch wenn das Ende nicht allzu befriedigend war, war „Die gefährliche Mrs Miller“ eines meiner Highlights in diesem Jahr. Ich hoffe, von Alisson Dickson kommt bald mehr.

Daten zum Buch 

Autor: Alisson Dickson
Titel: Die gefährliche Mrs Miller
Originaltitel: The Other Mrs Miller
Übersetzung: Ulrike Seeberger
Seiten: 384
Kapitel: 26 Kapitel exkl. Intermezzi + Epilog
Erschienen am: 8. Dezember 2020
Verlag: Aufbau Taschenbuch
ISBN: 978-3-7466-3616-0
Preis Print: 9,99 Euro
Preis Digital: 3,99 Euro
(Preise können abweichen)

[Rezension] Jenny Blackhurst: Das Gift deiner Lügen

Im englischen Villenviertel Severn Oaks fühlen sich die Menschen sicher. Wäre da nicht der rätselhafte Tod von Erica Spencer, einer allseits geschätzten Nachbarin, die letzten Herbst bei einer Halloweenparty ums Leben kam. Ein Jahr später ist der Fall längst als tragischer Unfall zu den Akten gelegt, als ein rätselhafter Podcast die Runde macht: Der Mord an Erica Spencer. Wöchentlich postet ein anonymer Absender neue Folgen seiner makabren Sendung, in der er hinter die scheinbar makellosen Fassaden des Ortes blickt und so manches dunkle Geheimnis seiner Bewohner enthüllt. Seine Absicht: Er will den Mörder von Erica entlarven – und ruft ihn damit erneut auf den Plan …(Offizieller Klappentext)


Wir befinden uns also in der exklusiven Villensiedlung im fiktiven Severn Oaks, das sich in der nicht so fiktiven Grafschaft Cheshire in England befindet. Das hat ja schon etwas sehr Exponiertes. Zwölf Häuser befinden sich dort. Wie man da reinkommt? Weiß man nicht. Was es dort sonst noch gibt – Supermarkt, Wald, Kühe –, keine Angabe. Dennoch hat dieses Setting, das mich ein bisschen an „Desperate Housewives“ erinnert, etwas für sich.

Und auch die Idee von „Das Gift deiner Lügen“ ist durchaus okay. Podcasts sind auf der Höhe der Zeit, True-Crime-Podcasts sowieso, Social Media spielt eine Rolle, und reiche Menschen sind ohnehin zu jeder Zeit das personifizierte Böse; aber die Umsetzung – puh. Nicht nur, dass ich die eindimensionalen Charaktere so gut wie gar nicht auseinanderhalten konnte – bis auf Karla waren die für mich alle gleich –, es ist auch noch sterbenslangweilig. Gut, dass die Kapitel so kurz sind, das motiviert mich eher zum Weiterlesen, sonst hätte ich das Buch vermutlich abgebrochen. Man kann nicht mal sagen, wer die Hauptperson ist – klar, die tote Erica, und am Anfang dachte ich, dass sie vielleicht gar nicht tot ist, und am Ende war ich mir auch nicht sicher, aber es stellt sich dann doch recht bald heraus, dass sie vermutlich tot ist. Aber sonst ist der Hauptcharakter eher das Kollektiv der sechs vom Podcast verdächtigten Bewohner von Severn Oaks, von denen einer bei der Helloweenparty vor einem Jahr die lebenslustige und hiesige Heldin Erica aus einem Baumhaus aus fünf Metern Höhe gestoßen haben soll.

Karla konnte ich von den anderen fünf noch am ehesten unterscheiden, sie wird meiner Meinung nach am besten eingeführt, aber ich konnte zum Beispiel lange nicht Felicity von der – bis zum Ende für mich komplett farblosen – Miranda unterscheiden. Und mit den Männern fange ich erst gar nicht an. Es hätten auch 36 statt sechs Charaktere sein können – es wäre nicht viel unübersichtlicher gewesen.

Was ich gut gefunden hätte, wäre entweder die Sicht des Täters, oder – noch besser – die der abgängigen Mary-Beth. Oder generell nur eine Sicht, am besten in der ersten Person. Aber so kann das Buch leider nicht an „Mein Herz so schwarz“ anschließen, und kommt nicht mal an „Die stille Kammer“ ran.

Daten zum Buch 

Autor: Jenny Blackhurst
Titel: Das Gift deiner Lügen
Originaltitel: Someone Is Lying
Übersetzung: ?
Seiten: 368
Kapitel: 80 (+ Epilog)
Erschienen am: 30. September 2020
Verlag: Lübbe
ISBN: 978-3-404-17995-4
Preis Print: 11 Euro
Preis Digital: 8,99 Euro
(Preise können abweichen)

 

Rezensionsexemplar

[Rezension] Arno Strobel: Die App – Sie kennen dich. Sie wissen, wo du wohnst

Es klingt fast zu gut, um wahr zu sein. Hamburg-Winterhude, ein Haus mit Smart Home, alles ganz einfach per App steuerbar, jederzeit, von überall. Und dazu absolut sicher. Hendrik und Linda sind begeistert, als sie einziehen. So haben sie sich ihr gemeinsames Zuhause immer vorgestellt.

Aber dann verschwindet Linda eines Nachts. Es gibt keine Nachricht, keinen Hinweis, nicht die geringste Spur. Die Polizei ist ratlos, Hendrik kurz vor dem Durchdrehen. Konnte sich in jener Nacht jemand Zutritt zum Haus verschaffen? Und wenn ja, warum hat die App nicht sofort den Alarm ausgelöst? (Offizieller Klappentext)


Hendrik und Linda leben in einem top-modernen Haus. Man muss keine Türen aufsperren, keine Rollos herunterlassen, keinen Lichtschalter mehr betätigen – alles funktioniert über eine App. Neben dem häuslichen Glück wollen sie jetzt auch das persönliche Glück vervollkommnen, denn in einer Woche will der stellvertretende Chefarzt und Chirurg für Gelenksgedöns (ich hab es mir nicht gemerkt) seine Lebensgefährtin ehelichen. Schnitt: Linda ist irgendwann, als Hendrik zu einem Notfall ins Spital muss, wie vom Erdboden verschluckt. Bei der Polizei wird ihm kein Gehör geschenkt, sie ist der Meinung, dass sie wahrscheinlich einen anderen hat – klingt plausibel, eine Woche vor der Hochzeit. Nicht.

Dieses Buch zu rezensieren, ist nicht einfach – kurzzeitig dachte ich, es wäre einfach, aber hintenraus passieren in „Die App“ doch noch ein paar Dinge, die das Buch in ein freundlicheres Licht tauchen. Positiv hervorzuheben ist, dass Arno Strobel offenbar sein Thema gefunden hat, denn „Die App“ geht thematisch in eine ähnliche Richtung wie „Offline“ – auch die Buchcover sehen seit einem Jahr wesentlich attraktiver aus als die relativ aussagearmen davor. Das Thema Smart-Home ist mehr als interessant, und man kann daraus einiges machen, weil die Thematik an sich schon etwas Gruseliges hat – vor zwanzig Jahren taten wir es noch als Science-Fiction ab, wenn man davon sprach, wie praktisch es nicht wäre, wenn man in die Hände klatsche und das Licht ginge an. Heute sagt man „Alexa, mach das Licht an“ und es werde Licht – allerdings ist es alles andere als neu, aus dem Thema Smart-Home einen Thriller zu machen; Susanne Kliem hat mit „Das Scherbenhaus“ schon ein ähnliches Buch geschrieben. Damals wusste ich noch nicht mal, was Smart-Home überhaupt ist.

Auch das Ende bzw. die Intention von Strobel, das Buch zu schreiben, ist edel und lässt die Taten, die hier passieren, nicht mehr so schlimm erscheinen, weil der Autor ein klares Statement damit setzt. Und auch der Psychothrill ist immens, weil man als Leser irgendwann nicht mehr weiß, was und wem man glauben soll. Das alles ist gut und hat was für sich.

Aber: Es ist langweilig – nicht die Geschichte an sich, aber die Machart. Sie ist viel zu sehr nach Lehrbuch, da ist nichts Außergewöhnliches. Wir haben einen Spannungsbogen, Cliffhanger noch und nöcher, eine Dramaturgie, einen Sidekick und einen Plot-Twist, mit dem ohnehin jeder rechnet. Das war bei „Offline“ ähnlich – das Einzige, was mich überrascht hat, war, dass mich all das nicht überrascht hat. Es kommt zu keiner Zeit Atmosphäre auf, zu keiner Zeit hab ich mir gedacht: „Ich will noch nicht schlafen. Ich will weiterlesen!!“ – es ist leider mehr Reißbrett als Individualität. Auch fehlt mir bei manchen Themen das Hintergrundwissen – zum Beispiel wird öfter der Chaos Computer Club erwähnt, aber nie wird erklärt, was genau dieser tut, was das ist und was er will. Ich kannte den Club zwar vom Namen, das war es dann aber auch. Insgesamt ist „Die App“ ein Thriller mit mindestens einem Thema, aus dem man mehr hätte machen können.

Daten zum Buch 

Autor: Arno Strobel
Titel: Die App – Sie kennen dich. Sie wissen, wo du wohnst.
Seiten: 368
Kapitel: 50 (+ Epilog)
Erschienen am: 23. September 2020
Verlag: Fischer
ISBN: 978-3596703555
Preis Print: 15,99 Euro
Preis Digital: 14,99 Euro
(Preise können abweichen)

[Rezension] Chevy Stevens: Still Missing – Kein Entkommen

Ein ganz normaler Tag, ein ganz normaler Kunde mit einem freundlichen Lächeln. Doch im nächsten Moment liegt die junge Maklerin Annie O’Sullivan betäubt und gefesselt in einem Lastwagen. Als sie erwacht, findet sie sich in einer abgelegenen, schallisolierten Blockhütte wieder. Ihr Entführer übt die absolute Kontrolle über sie aus. Ein endloser Albtraum beginnt, hinter dem ein noch schlimmerer auf sie wartet … (Offizieller Klappentext)


Annie O’Sullivan ist Anfang 30 und steht mitten im Leben – oder stand. Bis ein Mann sie entführt hat. Den Mann nennt sie in ihrer Erzählung nur Psycho, er selbst nennt sich David, denselben Namen, den Annies Vater bis zu seinem Tod trug. Der Psyco hat Annies Leben nachhaltig zerstört, und die Chancen, dass sie wieder ein normales Leben leben kann – von einer erfolgreichen Karriere, die sie davor hatte, ganz zu schweigen – stehen eher schlecht.

Annie wurde nach einer Open-House-Besichtigung, die sie als Immobilienmaklerin veranstaltet hat, entführt und in eine Hütte im kanadischen Nirgendwo verschleppt. Ihr Leben war ab dann streng reglementiert. Es gab fixe Zeiten zum Baden, Klogehen, Kochen und Geschlechtsverkehr mit dem Psycho. Sie wurde von ihm jeden Tag gebadet und rasiert. Einen Ständer bekam der Psycho nur, wenn Annie ihm ihre Angst zeigte.

Heute kann sie ohne diese Regeln nicht mehr leben – immerhin lebte sie ein ganzes Jahr nach diesen. Sie kann ihren Beruf nicht mehr ausüben – sie kann gar keinen Beruf mehr ausüben – und die Filmproduzenten rennen ihr die Bude ein, weil sie ihr Leben verfilmen wollen. Abgesehen davon schläft sie in ihrem Schrank, weil sie sich da sicherer fühlt.

„Still Missing“ war ein Buch, das ich schon länger lesen wollte. Mit Chevy Stevens Bücher habe ich schon einige schöne Stunden verbracht – „Ich beobachte dich“ mal ausgeklammert. Und nach Kapitel eins wusste ich, dass „Still Missing“ ein gutes Buch wird. Psychothriller – Ich-Erzählung – perfekt. Auch wenn das Buch ein paar Schönheitsfehler hat – dazu aber später. Die Kapitel werden in Therapiesitzungen unterteilt, zu Beginn einer jeder Therapiesitzung erzählt Annie von ihrem jetzigen Leben – dem Leben nach einem Jahr Martyrium –, ihrem Alltag, um dann überzugehen in das Leben mit dem Psycho. Diese Erzählung ist so intensiv und so hautnah, dass ich sagen würde, dass es einer der heftigsten Psychothriller war, die ich je gelesen habe. Was Annie hier widerfahren ist, wünscht man nicht mal seinem schlimmsten Feind. An dieser Erzählung erkennt man, wie sehr man Menschenleben beeinflussen – ja, zerstören – kann. Und als ich dann das Motiv erfahren habe, war ich nur noch wütend, denn was zur Hölle…

Zum negativen Aspekt, der angesichts des Gesamtwerkes aber marginal ist: Dass Annie darauf besteht, dass die Psychotherapeutin keine Fragen stellt, widerspricht einer Therapie komplett – da kann sie sich auch mit einem Meerschweinchen oder einer Wand unterhalten. Außer sie macht eine Psychoanalyse, was natürlich möglich ist, weil sie die Therapeutin durchgehend Doc nennt. Aber das kommt nicht klar heraus.

Wer Psychothriller mit intensiven und detaillierten Erzählungen mag, sollte sich „Still Missing“ trotz seines Alters von fast zehn Jahren nicht entgehen lassen.

Daten zum Buch 

Autor: Chevy Stevens
Titel: Still Missing – Kein Entkommen
Originaltitel: Still ;Missing
Übersetzung: Maria Poets
Seiten: 416
Kapitel: 26
Erschienen am: 28. Januar 2011
Verlag: Fischer
ISBN: 978-3596187164
Preis Print: 9,99 Euro
Preis Digital: 8,99 Euro
(Preise können abweichen)

[Rezension] Wendy Walker: Die Nacht zuvor

Rosie und Laura sind so verschieden, wie zwei Schwestern nur sein können. Doch sie haben sich ihr Leben lang aufeinander verlassen können. Als Laura nach einem Blind Date spurlos verschwindet, setzt Rosie alles daran, sie zu finden. Irgendetwas muss bei diesem Date furchtbar schiefgegangen sein. Ist Laura in Gefahr – oder auf der Flucht, weil sie selbst etwas Schreckliches getan hat? Denn Laura stand schon einmal unter Verdacht, einen Mord begangen zu haben. Damals fand man keine Beweise gegen sie. Aber die Zweifel blieben. Auch bei Rosie. (Offizieller Klappentext)


Endlich ein neues Buch von Wendy Walker, die mich mit „Kalte Seele. Dunkles Herz:“ schier umgehauen hat. Drei Jahre hab ich nun gewartet, hab immer wieder geschaut, ob ein neues Buch von ihr kommt, wann es kommt. Und jetzt ist es da. Den Klappentext habe ich gar nicht gelesen, war mir egal, denn ich habe ein Urvertrauen in Wendy Walker – und das zurecht.

Laura wohnt seit einigen Wochen bei ihrer Schwester Rosie, deren Sohn Mason sie nur Lala nennt. Tante Lala. Laura ist aus New York geflüchtet, hat alle Zelte abgerissen, ihren Job als Analystin aufgegeben. Grund war ihr Freund, den sie nur Arschloch nennt, oder A-Loch, wenn Mason in der Nähe ist. Sie scheint immer an die falschen Männer zu geraten, vor elf Jahre – da war sie 17 – lag ihr Freund plötzlich tot neben ihr. Mit einem Baseball-Schläger erschlagen. Was passiert ist, wer der Täter war, weiß sie nicht – vielleicht war es sogar sie? Nun hat sie ein Date. Mit Jonathan Fields. Als Analystin analysiert sie naturgemäß nicht nur Daten, sondern auch Menschen. Nicht gut. Gar nicht gut. Denn als Laura am nächsten Morgen noch nicht wieder Daheim ist, macht sich ihre Schwester Sorgen.

Ich habe mich durchaus mit Laura identifizieren können, ich glaube, jeder kann das, denn Menschen zu durchschauen ist schwierig. Können wir Menschen vertrauen, selbst wenn man sie jahrelang kennt? Und wenn ja, können wir uns wirklich sicher sein? Vor allem Jonathan Fields war mir unheimlich, es scheint fast so, als könnte er Lauras Gedanken lesen, als würde er Lauras Vergangenheit bereits kennen. Dabei ist er selbst so geheimnisvoll. Alleine damit baut Walker eine Atmosphäre und Spannung auf, die es wert sind, das Buch zu lesen.

Aber auch Rosie bekommt Platz in dem Buch, ihre Kapitel wechseln sich mit denen Lauras ab, dazwischen erleben wir Laura in sehr kurzen Kapitel bei ihrem Psychiater Dr. Brody. Die Kapitel lesen sich wie ein Theaterstück. Rosie ist natürlich verzweifelt, will wissen, wo Laura ist, sucht sie, schaltet die Polizei ein, sucht weiter. Was, wenn ihr etwas zugestoßen ist – oder wenn sie wem etwas angetan hat? Ungewissheit ist grauenhaft.

Und so galoppieren wir durch diesen packenden Psychothriller, denn wir wollen ja selber wissen, was da los ist, was vor elf Jahren passiert ist, wer Jonathan Fields – den Laura in ihren Gedanken übrigens durchgängig beim Vor- und Zunamen nennt – ist, und was da jetzt los ist. Um am Ende zu merken, dass das Buch viel zu schnell ausgelesen ist.

Daten zum Buch 

Autor: Wendy Walker
Titel: Die Nacht zuvor
Originaltitel: The Night Before
Übersetzung: Susanne Goga-Klinkenberg
Seiten: 336
Kapitel: 56
Erschienen am: 18. September 2020
Verlag: dtv
ISBN: 978-3423262538
Preis Print: 15,90 Euro
Preis Digital: 12,99 Euro
(Preise können abweichen)

.[Rezension] Marc Meller: Raum der Angst (Band #1 einer Reihe)

Er nennt sich Janus. Nach dem römischen Gott der Ein- und Ausgänge. Und er kommt in der Nacht. Still, heimlich. In dein Zuhause. Er betäubt dich, nimmt dich mit und schließt dich ein, in einen kalten, dunklen Raum. Um mit dir ein Spiel zu spielen. Sein Spiel. Ein Spiel voller Rätsel. Du hast nur eine Chance diesem Albtraum lebend zu entkommen: Du musst Janus‘ Spiel spielen – und gewinnen. Zum Glück bist du nicht allein. Du hast Mitspieler. Noch denkst du, dass das ein Vorteil wäre. Bis du begreifst: Dieses Spiel erlaubt nur einen Sieger, nicht mehrere, und die Verlierer werden sterben. (Offizieller Klappentext)


Escape-Room-Thriller scheinen momentan in Mode zu sein, erst letztens erschien mit „The Escape Game“ ein solcher – jetzt der erste (?) aus Deutschland. Marc Meller, der eigentlich anders heißt, hat selber ein halbes Jahr in einem Escape Room verbracht, und meint damit das Buch, an dem er ein halbes Jahr gearbeitet hat. Während des Lesens dieses Buches hat mich eine mehrtägige Lesekrise gepackt. Normalerweise lese ich dann etwas anderes und rühre das Buch nie wieder an. Ob das hier auch der Fall war? Mal sehen.

Hannah ist Psychologie-Studentin und jobbt in einer Mexican Bar, um sich etwas dazuzuverdienen. Eines Abends sitzt ein sonderbarer Typ mit Cowboyhut an der Bar, der ständig auf sein Handy starrt. Immerhin gibt er ein üppiges Trinkgeld für das eine Bier, das er an dem Abend getrunken hat. An den restlichen Abend erinnert Hannah sich nicht, und auch der Ort, an dem sie aufwacht, ist ihr unbekannt. Es ist stockfinster und sie muss dringend auf die Toilette – was war passiert?

Meller mischt mehrere Genres, wir finden einen Whodunit-Thriller, in dem sich die Ermittler Eva Dahlhaus und Bernd Kappler um einen Mordfall kümmern. Sie finden einen Busfahrer mit durchtrennter Kehle – die Passagiere des Busses sind weg. Es waren insgesamt sieben, die bei einem Experiment des Psychologie-Professors Andreas Zargert mitmachen sollten – doch der wartet vergeblich auf seine Probanden. Das Experiment, das an solche wie Milgram oder ähnliche Sozialexperimente erinnert, macht das ganze auch irgendwo zu einem Psychothriller. Denn es gibt natürlich trotzdem ein Escape-Room-artiges Experiment, nur nicht jenes von Zargert.

Lange dachte ich, das Experiment sei eine hidden challenge und es geht in Wahrheit darum, Hannah aus ihrem Verlies zu befreien, aber nein, die 23-Jährige stößt recht bald zu den sieben und entpuppt sich recht schnell zur Leaderin der Truppe. Dann kam meine Lesekrise, zum ersten Mal seit fast 20 Jahre, plötzlich hatte ich null Bock darauf, ein Buch zu lesen; dachte, das dauert jetzt – wie damals – mehrere Wochen. Dann hätte ich das Buch mit Sicherheit nicht fertig gelesen – aber nach drei Tage war die Lethargie vorbei, ich hab weitergelesen und war sofort wieder drin.

Das Buch ist flott und die Rätsel im Escape Room wirken auch hochwertig in dem Sinne, dass es keine 08/15-Rätsel sind. Im Nachwort erfährt man auch, wieso. Die Charaktere weisen allerdings keine besondere Tiefe auf, das wird aber auch schwer bei solch einer Fülle an Figuren.

Am Ende ahnt man, dass „Raum der Angst“ nicht das einzige Buch von Meller in dem Kosmos bleiben wird. Ich bin schon gespannt, was der Autor uns dann bieten wird.

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Daten zum Buch 

Autor: Marc Meller
Titel: Raum der Angst
Seiten: 385
Kapitel: 54 (+ Epilog)
Erschienen am: 31. August2020
Verlag: Ullstein
ISBN: 9783548063805
Preis Print: 10,99 Euro
Preis Digital: 9,99 Euro
(Preise können abweichen)

[Rezension] Romy Hausmann: Marta schläft

Nadja wünscht sich so sehr mehr Aufmerksamkeit von Laura. Früher waren sie Freundinnen, dann hat sie Gero geheiratet. Gero van Hoven, ihren und Nadjas Chef. Staatsanwalt. Erfolgreich. Und was hat Nadja? Nur ihre Vergangenheit, die düsterer nicht sein könnte. So düster, dass sie ihre Auswirkungen noch heute spürt. Und dann kommt tatsächlich der Tag, an dem Laura Nadjas Hilfe braucht. Nadja springt sofort, will helfen – und dann steht sie vor einer Leiche und einer Menge Blut. Egal, sie nimmt die Zügel in die Hand, entwirft einen Plan. Ab mit der Leiche ins Auto und irgendwo hinbringen. Irgendwo, wo Gero bereits wartet – warum? Wie kann er Bescheid wissen? Er packt sie, sperrt sie in ein Zimmer und bereitet ein tödliches Tribunal vor  …


Bereits Romy Hausmanns erster Thriller hat mich angelacht. Nicht unbedingt wegen des Inhalts, sondern primär wegen des Covers. Diese Schlichtheit ist catchy, und findet sich auch bei ihrem neuesten Werk wieder. Obwohl sich die beiden Covers so ähneln, dass man meinen könnte, die beiden Bücher hingen zusammen, muss ich dementieren – beides sind eigenständige Bücher. Und das ist gut so. Oder auch nicht.

Nadja wacht in einer Tankstelle auf; mit einem Cut auf der Stirn. Sie dachte, sie wäre eine Klippe hinabgestürzt – aber so kompliziert ist es dann doch nicht. Aufstehen, alle Versuche, sie in ein Spital zu bringen, abwehren, und weiterfahren. Die Perücke nicht vergessen, die ihr vom Kopf gerutscht ist. Und weiter geht die Fahrt. Mit Leiche im Kofferraum. Laura wird auch bald beim angestrebten Ziel sein. Aber dort angekommen, wartet die gebürtige Polin vergebens auf sie.

In einem zweiten Erzählstrang lernen wir Nelly kennen. Und mit ihr beginnt auch das Verderben im doppelten Sinn, denn einerseits stirbt sie und zweitens ist sie für die Geschichte so irrelevant, dass ich sie fünfzig Seiten vorm Ende des Buches, als ich begonnen habe, diese Rezension zu schreiben, längst vergessen habe. In meinen Notizen steht noch, dass sie mit ihrem Großvater immer Schwarz-Weiß-Filme geschaut hat — geschenkt.

Insgesamt gibt es drei Erzählstränge, die irgendwann verschwimmen. Die Erzählweise ist komplizierter als nötig – mehr Feuilleton als Hollywood. Als einfacher Mensch ist mir Hollywood doch lieber, obwohl ich alles andere als Cineast bin. Hausmann hat zwar einen flotten Schreibstil, und ich war auch recht schnell durch, aber insgesamt war mir „Marta schläft“ zu verkopft. Auch habe ich nicht ganz verstanden, warum Hausmann irgendwann das Rotlichtmilieu in die Geschichte mit einbaut. Vielleicht um der Geschichte einen verruchten Touch zu verpassen. Na ja.

Ich habe mir das Buch übrigens wegen eines Podcast-Interviews mit Romy Hausmann geholt, in dem sie mir sehr sympathisch und vor allem authentisch vorkam. Sie hat dabei auch über den Schreibprozess ihres ersten Psychothrillers — „Liebes Kind“ — erzählt, wo sie sich tagelang nicht gewaschen hat, um den Schreibfluss nicht zu unterbrechen — diese Offenheit hat mir imponiert. Dennoch wird „Marta schläft“ vermutlich das einzige Buch gewesen sein, das ich von ihr gelesen habe.

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Daten zum Buch 

Autor: Romy Hausmann
Titel: Marta schläft
Seiten: 400
Kapitel: 73 (+ Epilog)
Erschienen am: 24. April 2020
Verlag: dtv
ISBN: 978-3423262507
Preis Print: 16,90 Euro
Preis Digital: 14,99 Euro
(Preise können abweichen)

[Rezension] Claire Douglas: Vergessen – Nur du kennst das Geheimnis

Kirsty hat den Traum, ein Gästehaus zu führen, also kauft sie sich kurzerhand ein altes Haus in Wales. Doch dann kommt Selena, ihre Cousine, mit der sie sich früher gut verstanden hat. Sie waren fast wie Schwestern – bis ein Vorfall Misstrauen gesät hat. Kirsty ging weg und studierte, Selena hat sie nie wieder gesehen. Hat sie sich verändert oder lügt sie immer noch so schamlos wie damals? Sie ist eine liebende Mutter geworden, kümmert sich rührend um ihre behinderte Tochter. Sie ist von ihrem Mann Nigel geflüchtet, er sei ihr gegenüber gewalttätig, sie müsse weg. Behauptet sie. Als dann Dean auch noch kommt, mit dem Selena früher eine Beziehung hatte, kommt Spannung auf. Kirsty mag ihn nicht, traut ihm nicht mit seinem schelmischen Grinsen, das nie bis zu seinen Augen reicht. Dann beginnt es: welke Blumen liegen vor der Tür, ein Strick hängt eines Tages an der Decke, und dann liegt  plötzlich jemand tot am Fuß der Treppe. Ist dieses Haus verflucht …?


Das dritte Buch von Claire Douglas erschien im April, und ich hätte es fast übersehen. Erst im Mai hab ich mir ihren neuesten Psychothriller geholt, dann lag er noch ein paar Wochen herum, aber dann habe ich mich ins „Vergessen“ gestürzt – ein Titel, der auch als Demenz-Ratgeber funktionieren könnte. Mit Demenz hat dieses Werk aber nichts am Hut; genau genommen auch nichts mit dem Vergessen.

Kirsty hat sich gemeinsam mit ihrer Mutter Carol ein altes Pfarrhaus gekauft und will ihren Traum von einem Gästehaus, einer Pension, verwirklichen. Generell ist es ein guter Zeitpunkt für einen Neuanfang, denn ihr Mann Adrian hat vor einem Jahr versucht, sich das Leben zu nehmen. Ein guter Anlass also für einen Tapetenwechsel. Nach seinem Zusammenbruch versucht sich der ehemalige Rechtsanwalt als Autor – ein Thriller soll es werden. Die Kinder – Evie und Amelia – müssen mit. Dass keine der beiden damit glücklich ist, ist wurscht – mitgehangen, mitgefangen. Und dann kommt auch noch Selena, Kirstys Cousine, mit ihrem Kind – aber dem nicht genug, denn Kirstys Halbbruder und der Ex von Selena checken ebenfalls ein. Das Geschäft brummt, aber mein erster Gedanke war: Solche Familientreffen gehen selten gut – tut es auch hier nicht.

Vor der Leiche kommt der Grusel, denn nicht nur liegt das Pfarrhaus – logischerweise – neben einem Friedhof, sondern es taucht auch eine sonderbare Puppe auf, in die sich Evie – die jüngere der beiden Töchter – sofort schockverliebt. Dass sich dann auch noch ein Gast als Esotante entpuppt, die etwas von schlechter Energie daherbrabbelt, macht die Gänsehaut-Atmosphäre perfekt. Wir finden also gleich mehrere Genres im 464 Seiten starken Buch – später kommt noch ein Whodunit-Aspekt dazu. Denn natürlich ist die Hauptfrage des Thrillers: Wer hat wen die Treppe hinuntergestoßen? Denn dass es ein Unfall war, wird schnell von der Polizei ausgeschlossen. Da ist auch die Leserschaft eingeladen, mitzuraten – als Preis winkt nichts Geringeres als … okay, es gibt nichts. Aber davon immerhin viel.

Das Buch wird in ein Davor und ein Danach geteilt – vor dem Tod und danach. Hier zählen wir jeweils die Tage. Der Prolog bietet dabei ein schönes Foreshadowing, in dem der vermeintliche Unfall schon mal grob skizziert wird. Später lesen wir dieselbe Szene noch mal, nur erfahren wir dann erst, wer das Opfer ist.

Auch wenn die Geschichte etwas braucht, um in die Gänge zu kommen, entwickelt sich das Buch irgendwann zu einem richtigen Pageturner. Ich habe schon lange nicht mehr so viele Seiten in so wenig Zeit gelesen. Trotzdem bietet „Vergessen“ einen gewissen Tiefgang, Douglas behandelt nämlich ein paar sehr interessante Themen.

Die größte Schwäche sind allerdings die Charaktere, die leider kaum Tiefe bieten, teilweise konnte ich sie nicht mal auseinanderhalten, weil sie sich so ähnlich sind. Auch empfand ich Kirsty als irrsinnig schwachen Charakter und für den Beruf als Pensionsbesitzerin eigentlich ungeeignet. Sie schafft es nicht einmal, einer Gästin zu sagen, dass ihr Hund nicht hierbleiben darf. Abgesehen davon lässt sie ihren Asthmaspray immer irgendwo liegen (das hat zwar auch andere Gründe, aber zumindest gegen Ende fallen diese weg). Ich wurde auch auf dem Buchtitel nicht wirklich schlau, denn mit dem Inhalt hat er recht wenig zu tun.

Gruselfans schlagen zu, aber alles in allem fand ich, dass „Vergessen“ bis dato das schwächste Buch von Claire Douglas ist.

Daten zum Buch 

Autor: Claire Douglas
Titel: VERGESSEN – Nur du kennst das Geheimnis
Originaltitel: Do Not Disturb: Be Careful who You Let Inside
Übersetzung: Ivana Marinović
Seiten: 464
Kapitel: 40
Erschienen am: 27. April 2020
Verlag: Penguin
ISBN: 978-3-328-10546-6
Preis Print: 13 Euro
Preis Digital: 9,99 Euro
(Preise können abweichen)