[Rezension] Claire Douglas: Vergessen – Nur du kennst das Geheimnis

Kirsty hat den Traum, ein Gästehaus zu führen, also kauft sie sich kurzerhand ein altes Haus in Wales. Doch dann kommt Selena, ihre Cousine, mit der sie sich früher gut verstanden hat. Sie waren fast wie Schwestern – bis ein Vorfall Misstrauen gesät hat. Kirsty ging weg und studierte, Selena hat sie nie wieder gesehen. Hat sie sich verändert oder lügt sie immer noch so schamlos wie damals? Sie ist eine liebende Mutter geworden, kümmert sich rührend um ihre behinderte Tochter. Sie ist von ihrem Mann Nigel geflüchtet, er sei ihr gegenüber gewalttätig, sie müsse weg. Behauptet sie. Als dann Dean auch noch kommt, mit dem Selena früher eine Beziehung hatte, kommt Spannung auf. Kirsty mag ihn nicht, traut ihm nicht mit seinem schelmischen Grinsen, das nie bis zu seinen Augen reicht. Dann beginnt es: welke Blumen liegen vor der Tür, ein Strick hängt eines Tages an der Decke, und dann liegt  plötzlich jemand tot am Fuß der Treppe. Ist dieses Haus verflucht …?


Das dritte Buch von Claire Douglas erschien im April, und ich hätte es fast übersehen. Erst im Mai hab ich mir ihren neuesten Psychothriller geholt, dann lag er noch ein paar Wochen herum, aber dann habe ich mich ins „Vergessen“ gestürzt – ein Titel, der auch als Demenz-Ratgeber funktionieren könnte. Mit Demenz hat dieses Werk aber nichts am Hut; genau genommen auch nichts mit dem Vergessen.

Kirsty hat sich gemeinsam mit ihrer Mutter Carol ein altes Pfarrhaus gekauft und will ihren Traum von einem Gästehaus, einer Pension, verwirklichen. Generell ist es ein guter Zeitpunkt für einen Neuanfang, denn ihr Mann Adrian hat vor einem Jahr versucht, sich das Leben zu nehmen. Ein guter Anlass also für einen Tapetenwechsel. Nach seinem Zusammenbruch versucht sich der ehemalige Rechtsanwalt als Autor – ein Thriller soll es werden. Die Kinder – Evie und Amelia – müssen mit. Dass keine der beiden damit glücklich ist, ist wurscht – mitgehangen, mitgefangen. Und dann kommt auch noch Selena, Kirstys Cousine, mit ihrem Kind – aber dem nicht genug, denn Kirstys Halbbruder und der Ex von Selena checken ebenfalls ein. Das Geschäft brummt, aber mein erster Gedanke war: Solche Familientreffen gehen selten gut – tut es auch hier nicht.

Vor der Leiche kommt der Grusel, denn nicht nur liegt das Pfarrhaus – logischerweise – neben einem Friedhof, sondern es taucht auch eine sonderbare Puppe auf, in die sich Evie – die jüngere der beiden Töchter – sofort schockverliebt. Dass sich dann auch noch ein Gast als Esotante entpuppt, die etwas von schlechter Energie daherbrabbelt, macht die Gänsehaut-Atmosphäre perfekt. Wir finden also gleich mehrere Genres im 464 Seiten starken Buch – später kommt noch ein Whodunit-Aspekt dazu. Denn natürlich ist die Hauptfrage des Thrillers: Wer hat wen die Treppe hinuntergestoßen? Denn dass es ein Unfall war, wird schnell von der Polizei ausgeschlossen. Da ist auch die Leserschaft eingeladen, mitzuraten – als Preis winkt nichts Geringeres als … okay, es gibt nichts. Aber davon immerhin viel.

Das Buch wird in ein Davor und ein Danach geteilt – vor dem Tod und danach. Hier zählen wir jeweils die Tage. Der Prolog bietet dabei ein schönes Foreshadowing, in dem der vermeintliche Unfall schon mal grob skizziert wird. Später lesen wir dieselbe Szene noch mal, nur erfahren wir dann erst, wer das Opfer ist.

Auch wenn die Geschichte etwas braucht, um in die Gänge zu kommen, entwickelt sich das Buch irgendwann zu einem richtigen Pageturner. Ich habe schon lange nicht mehr so viele Seiten in so wenig Zeit gelesen. Trotzdem bietet „Vergessen“ einen gewissen Tiefgang, Douglas behandelt nämlich ein paar sehr interessante Themen.

Die größte Schwäche sind allerdings die Charaktere, die leider kaum Tiefe bieten, teilweise konnte ich sie nicht mal auseinanderhalten, weil sie sich so ähnlich sind. Auch empfand ich Kirsty als irrsinnig schwachen Charakter und für den Beruf als Pensionsbesitzerin eigentlich ungeeignet. Sie schafft es nicht einmal, einer Gästin zu sagen, dass ihr Hund nicht hierbleiben darf. Abgesehen davon lässt sie ihren Asthmaspray immer irgendwo liegen (das hat zwar auch andere Gründe, aber zumindest gegen Ende fallen diese weg). Ich wurde auch auf dem Buchtitel nicht wirklich schlau, denn mit dem Inhalt hat er recht wenig zu tun.

Gruselfans schlagen zu, aber alles in allem fand ich, dass „Vergessen“ bis dato das schwächste Buch von Claire Douglas ist.

Daten zum Buch 

Autor: Claire Douglas
Titel: VERGESSEN – Nur du kennst das Geheimnis
Originaltitel: Do Not Disturb: Be Careful who You Let Inside
Übersetzung: Ivana Marinović
Seiten: 464
Kapitel: 40
Erschienen am: 27. April 2020
Verlag: Penguin
ISBN: 978-3-328-10546-6
Preis Print: 13 Euro
Preis Digital: 9,99 Euro
(Preise können abweichen)

[Rezension] Lilja Sigurðardóttir: Das Netz (Island-Trilogie – Band #1)

Sonja reist durch halb Europa und hofft, dass sie ihren Sohn Tómas bald zu sich holen kann – oder dass sie ihn zumindest öfter als alle zwei Wochen für ein Wochenende bei sich hat. Aber dazu braucht sie Geld, das sie jetzt als Drogendealerin verdient. Und dann ist da auch noch Agla, mit der sie so etwas wie eine Beziehung hat. Das weiß auch ihr Ex-Mann Adam spätestens seit er die zwei in flagranti erwischt hat. Agla hingegen hat nicht nur das Problem, dass sie nicht zu ihrer lesbischen Seite steht, sondern, dass sie kurz vor einer Anklage wegen Marktmissbrauch steht – Agla ist Top-Managerin einer Bank und mitverantwortlich für den Bankencrash.
Bragi ist Zollbeamter am Flughafen in Reykjavík und ihm fällt Sonja schon länger etwas sonderbar auf. Sie ist etwas zu perfekt – da stimmt doch etwas nicht. Also recherchiert er und beschattet sie irgendwann sogar …


Könnt ihr euch noch an den Bankencrash 2008 erinnern? Lächerlich, angesichts der Corona-Krise. Aber ja, die gabs auch noch, und Lilja Sigurdardottier hat ihr ein Buch gewidmet. Also zumindest hat sie ihr ein paar Kapitel geschenkt, denn es gibt noch ein paar andere Themen in diesem Kleinod von Thriller. „Das Netz“ ist der Auftakt zur Island-Trilogie.

Sonja ist in eine Falle geraten. Eigentlich sollte sie nur einen Botengang nach Dänemark für ihren Scheidungsanwalt þorgeir machen, doch durch ein abgekartetes Spiel von þorgeir wurde sie zur Drogenlieferantin und versucht jetzt verzweifelt, sich aus dieser Falle zu befreien. Sie ist allerdings nicht die einzige Protagonistin, Agla und der Zollbeamte Bragi, der kurz vor seiner Pensionierung steht, bekommen ebenfalls ausreichend Platz in dem Noir-Thriller.

125 Kapitel auf 360 Seiten, das verspricht knackig-kurze Kapitel. Nicht unbedingt immer war es angebracht, ein neues Kapitel zu beginnen, manchmal hätte ein neuer Absatz genügt, denn manchmal schließt das nächste Kapitel nahtlos an das Vorherige an. Aber ich mag so eine enge Kapitelstruktur, denn das verspricht Kurzlebigkeit – und damit kann „Das Netz“ aufwarten, auch wenn die Tiefe zeitweise auf der Strecke bleibt.

Reichlich Platz eingeräumt wird der LGBTQ-Thematik. Während Sonja genau weiß, was sie will und klar zu ihrer neu entdeckten Homosexualität steht, ist Agla unschlüssig und prüde, Sex gibt mit Sonja es nur im Dunklen – und trotzdem fragt sie Sonja immer wieder, ob sie ihr ein Lesbengeheimnis verraten kann. Das ist mitunter einer der interessantesten Aspekte des Buches. Man muss sich dabei auch auf Explizitheit einstellen.

Insgesamt kommt man sehr flott durch „Das Netz“ und es gibt keinerlei Längen – allerdings finde ich das Ende etwas unglücklich, weil nur wenig darauf hindeutet, dass da noch zwei weitere Teile kommen. Weshalb sich meine Motivation auf Teil zwei in Grenzen hält, auch wenn ich das Buch eigentlich ziemlich gut fand. Wer den zweiten Teil dennoch lesen will, kann dies ab dem 13. Oktober 2020 tun. Der Titel lautet „Die Schlinge“.

Daten zum Buch 

Autor: Lilja Sigurðardóttir
Titel: Das Netz
Originaltitel: Gildran
Übersetzung: Anika Wolff
Seiten: 360
Kapitel: 125
Erschienen am: 16. Juni 2020
Verlag: DuMont Buchverlag
ISBN: 978-3832165192
Preis Print: 10 Euro
Preis Digital: 4,99 Euro
(Preise können abweichen)

Rezensionsexemplar

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[Rezension] Camilla Läckberg: Golden Cage – Die Rache einer Frau ist schön und brutal. (Golden Cage Reihe – Band #1)

Faye hat eigentlich alles, sie muss nicht arbeiten, nicht einkaufen gehen, sie muss nur atmen, um zu überleben – bis sie merkt, dass sie mehr will. Vor allem mehr von Jack, ihrem Mann. Jenem Mann, dem sie all das zu verdanken hat. Sie versucht alles, um seine Aufmerksamkeit zu bekommen, doch jeder Versuch scheitert. Gestresst, keine Zeit, keine Lust, Arbeit – das sind seine Ausreden. Als ihre Tochter ihr auch noch sagt, dass ihr Vater gesagt hätte, dass sie fett sei, bricht für Faye eine Welt zusammen. Als sie ihn eines Tages in flagranti mit einer anderen erwischt, wacht sie auf und schwört sich, dass sie Jack brechen wird …


„Golden Cage“ steht schon länger auf meiner to-read-Liste, bereits letztes Jahr habe ich damit gustiert, mir das Buch zu holen, aber irgendwie hat es sich nicht ergeben. Jetzt kommt das Buch als Taschenbuch heraus, mit einem Cover, das das Buch weit besser repräsentiert als das der broschierten Ausgabe. Zeit, zuzuschlagen.

Faye heißt eigentlich Matilda und kommt vom Land. Mit 18 kommt sie von dort nach Stockholm, um an der Handelshochschule zu studieren. Bis sie wieder aufhört damit, denn sie hatte ja nun Jack Adelheim, den smarten Mann mit blauem Blut und einer Firma, die ihn zum Multimillionär gemacht hat – was braucht frau denn mehr? Unabhängigkeit, oder einen Uni-Abschluss zum Beispiel – im Idealfall beides. Aber nein, stattdessen geht Matilda äääh Faye jeden Freitag mit ihrer verhassten Clique essen, wo allerdings höchstens an einem Salatblatt herumgeknabbert wird. Als sie Jack bei einem Seitensprung erwischt, sagt er sofort, dass er sich scheiden lassen will. Und das ist Fayes Startschuss für ein neues Leben.

Eines vorweg, was mich anfangs ziemlich verstimmt hat. Die Taschenbuch-Ausgabe kommt nicht nur mit einem neuen Cover – was durchaus okay ist –, sondern auch mit neuem Untertitel (der alte: Trau ihm nicht. Trau niemandem.) und neuem Klappentext. Da es der erste Teil einer Reihe ist, musste ich erst mal recherchieren, ob es wirklich der Erste ist. Dabei habe ich leider die ersten Wörter des Klappentextes zum zweiten Teil gelesen, der im August heraus kommt, und mir damit direkt das Ende vom ersten Teil gespoilert. Liebe Verlagsmenschen: Das muss nicht sein.

Gleich zu Beginn lesen wir eine Abhandlung über Pornos in bildhafter Sprache, gefolgt von einer sehr explizit beschriebenen Sexszene zwischen Jack und Faye. Läckberg geizt also keineswegs mit nackten Tatsachen, was bestimmt ein guter Reinkommer ist, in ein Buch, das sowas eigentlich nicht nötig hat, dem es aber auch nicht schadet. In drei Teilen und lediglich vier Kapitel erleben wir die Metamorphose einer unterdrückten Raupe zu einem wunderschönen Schmetterling namens Faye, die mit allen Wassern gewaschen ist und ihre ganz eigene tragische Vergangenheit hat. „Golden Cage“ ist ein zutiefst feministisches Buch und behandelt ähnliche Themen wie Chandler Bakers „Whisper Network“ – da wie dort schlagen die Protagonistinnen weit über die Stränge, was man allerdings auch als literarisches Stilmittel sehen kann.

Auch wenn die Geschichte von „Golden Cage“ in der Schicht der oberen Zehntausend spielt, betreffen die Themen darin auch alle Schichten darunter. Dabei geizt das Buch nicht mit Emotionen – vor allem Wut hat es bei mir ausgelöst. Über Jack, weil er so ein Arschloch ist, aber auch über Faye, weil sie so blind ist. Vor allem, weil wir in Rückblenden auch eine andere Faye kennenlernen, eine selbstbewusste, starke Frau, die genau weiß, was sie will. Am Rande der Handlung spielt auch noch ein Gewaltverbrechen eine Rolle, das am Ende zum Tragen kommt.

Das Buch kennt keine Längen und ich durchgehend spannend und interessant. Unterteilt werden die langen Kapitel (teilweise über hundert Seiten) durch Absätze, nach denen man gerne pausieren kann – aber eigentlich will man das nicht. Leseempfehlung!

Daten zum Buch 

Autor: Camilla Läckberg
Titel: Golden Cage – Die Rache einer Frau ist schön und brutal.
Originaltitel: En bur av guld
Übersetzung: Katrin Frey
Seiten: 384
Kapitel: 4
Erschienen am: 29. März 2020
Verlag: Ullstein
ISBN: 978-3471351734
Preis Print: 17,99 Euro
Preis Digital: 14,99 Euro
(Preise können abweichen)

Rezensionsexemplar

[Rezension] Beate Maxian: Der Tote im Fiaker (Sarah Pauli – Band #10)

Sarah Pauli ist gerade in den achtzehnten Wiener Gemeindebezirk gezogen und zur Chefredakteurin aufgestiegen. Doch deshalb legt sie nicht die Füße hoch und ruht sich auf ihren Lorbeeren aus – ganz im Gegenteil. In Wien wird ein Mann, der gerade am Weg zu einem Termin ist, aus nächster Nähe erschossen, als er gerade aus einem Fiaker steigen will. Neben der Leiche liegt ein Zettel mit einem aufgemalten Taukreuz und einem Kryptogramm. Tatsächlich werden in letzter Zeit in ganz Wien Taukreuz-Graffitis gesprayed – die Chronik-Redaktion des „Wiener Boten“, die von Sarah geleitet wird, will herausfinden, was dahintersteckt. Nebenbei wird sie von Chefermittler Stein damit beauftragt, das Kryptogramm zu entschlüsseln. Die ernüchternde Lösung dessen lautet: Es wird Tote geben …


Grund zum Feiern: Sarah Pauli wird zehn! Also zumindest in der Reihe von Beate Maxian, „Der Tote im Fiaker“ ist nämlich der zehnte Teil rund um die Journalistin Sarah Pauli, die damals mehr oder minder von der Ermordung der Enthüllungsjournalistin Hilde Jahn profitiert und ihren Arbeitsplatz geerbt hat. Nun ist sie in die Chefredaktion aufgestiegen und bearbeitet nach wie vor mysteriöse Mordfälle.

Nun hat sich Beate Maxian eine Wiener Institution als Tatort hergenommen – nämlich die Wiener Fiaker, die seit dem 17. Jahrhundert durch Wien fahren – höchste Zeit also, dass sie Einzug in den Wien-Krimis rund um Sarah Pauli finden. Pauli füllt neben ihrer Tätigkeit als Chefredakteurin auch eine Kolumne über Bräuche und Mythen, sie wird deshalb auch liebevoll „Hexe vom ‚Wiener Boten’“ genannt. Immer wieder stolpert die immer noch junge Journalistin über mysteriöse Mordfälle, die sie zu lösen versucht. Nicht immer geht es ohne Action aus, vor allem in den ersten Teilen der Sarah-Pauli-Reihe begab sich die Protagonistin in lebensgefährliche Situationen – das lässt Maxian im zehnten Band wieder etwas aufleben.

Man kommt sehr flott durch die 400 Seiten, belebt wird das Ganze durch Dialoge, Fließtexte findet man nicht allzu viele. Ich mag das gerne, denn man kann sich beim Lesen zurücklehnen und entspannen. Das Buch lädt aber auch zum Miträtseln ein, Maxian gibt einem auch das nötige Werkzeug zum Lösen der Kryptogramme in die Hand. Was die Taukreuze betrifft, die an diverse Wiener Orte gesprayed werden, musste ich an jenen Schweizer denken, der vor einigen Jahren auf alle erdenklichen Wände das Fantasiewort „Puber“ sprayte – nur dass der Herr nichts mit Religion und noch weniger mit Mord zu tun hatte. Religion spielt tatsächlich eine größere Rolle in dem Buch, das erste Opfer führte zum Beispiel ein Geschäft, das christliche Devotionalien verkaufte. Auch Kirchen spielen im Buch oft eine Rolle.

Die Handlung spielt nicht nur in Wien, für ein paar Kapitel spielt sie auch in Innsbruck – wenn mich nicht alles täuscht, ist das ein Novum in der Sarah-Pauli-Reihe. Generell fällt es auf, dass sich die Reihe enorm weiterentwickelt hat. Sarah ist Chefredakteurin geworden und von Ottakring nach Währing übersiedelt, ihr Bruder ist mittlerweile Arzt und bezüglich seiner Beziehungen zu Frauen sesshaft geworden, und genau deshalb habe ich exakt einen Kritikpunkt am „Toten im Fiaker“: Sarah Pauli hätte im zehnten Teil ihrer Reihe zumindest für einen kurzen Absatz innehalten und an die Frau denken können, der sie das alles zu verdanken hat: Hilde Jahn. Das ist vielleicht ein etwas seltsamer Kritikpunk, aber das hätte ich schön gefunden.

Daten zum Buch 

Autor: Beate Maxian
Titel: Der Tote im Fiaker
Seiten: 400
Kapitel: 38 (+ Epilog)
Erschienen am: 16. März 2020
Verlag: Goldmann
ISBN: 978-3499001444
Preis Print: 10 Euro
Preis Digital: 9,99 Euro
(Preise können abweichen)

[Rezension] Greer Hendricks / Sarah Pekkanen: Die Frau ohne Namen

Jessica schminkt gerade zwei Mädels, die heute Abend noch Party machen wollen, als die zwei von einer Studie sprechen, die eine von ihnen besuchen soll. Doch sie wird dort nicht erscheinen, weil wer kann schon um 8 in der Früh zu irgendeinem Termin, wenn er die Nacht zuvor Party gemacht hat? Dass sie dafür 500 Dollar bekommt, ist der einen egal – nicht so Jessica, die das Geld gut gebrauchen kann. Also abgewartet bis beide im Badezimmer sind, ins Handy der einen gespäht und – zack – am nächsten Tag 500 Dollar eingesackt. Aber kann es so einfach sein? Zunächst schon, denn aus der scheinbar anonymen Fragestunde am PC wird eine Befragung von Angesicht zu Angesicht – und sogar dabei klingelt Jessicas Kasse. Irgendwann muss Jessica einen Test machen – fast schon eine Mutprobe –, bei dem sie einen verheirateten Mann ansprechen und mit ihm flirten soll. Hier beginnt Jessica zu hinterfragen, wie weit diese Studie geht – und ob es überhaupt noch zur Studie gehört …


Das Duo Hendricks/Pekkanen hat sich mit ihrem Debüt „The Wife Between Us“ direkt auf meine imaginäre must-read-Liste geschrieben, was bedeutet, dass ich jedes Buch von ihnen blind kaufen würde. Dieses spannende Buch mit dem WTF-Moment am Ende des ersten Teils wird mir vermutlich immer in guter Erinnerung bleiben. Letztens kam der von mir lange erwartete zweite Thriller mit einem Thema, das es in sich hat.

Jessica ist Ende 20, Kosmetikerin und konstant knapp bei Kasse. Für eine Schminkeinheit bekommt sie 50 Dollar, was an sich nicht wenig ist – wenn man in New York lebt und die Lebenshaltungskosten berücksichtigt, kann man sich aber vermutlich nicht mehr leisten, als ein Apartment, in dem sich überspitzt formuliert innerhalb eines Radius von einem Meter Küche und Klo befinden. Jessica schleicht sich in eine Studie ein, für die sie einmalig 500 Dollar bekommt. Die Studie befasst sich mit Ethik und Moral, wo wir recht schnell zur Frage „Was würdest du alles für Geld tun?“ kommen – und Geld braucht Jessica dringend. Nicht nur für sich, sondern auch für ihre Familie. Sie ist ein gefundenes Fressen für Dr. Shields, jene Psychiaterin, die die Studie betreut.

Es lässt tief blicken, wenn man liest, wie sich Jessica in die Studie von Dr. Shields einschleicht. Solch Chuzpe würden wohl die wenigsten an den Tag legen. Aber sie benötigt das Geld, denn ihre Familie droht, um ihren alljährlichen Florida-Urlaub umzufallen, da ihr Vater gerade seinen Job verloren hat. Und Leo, Jessicas Hund, muss auch versorgt werden – wobei man schon hinterfragen kann, warum man sich in einer Stadt wie New York einen Hund anschafft, noch dazu, wenn man in einer Schuhschachtel wohnt.

Man ist ziemlich schnell in der Geschichte drin, mich hatte sie tatsächlich innerhalb weniger Seiten. Und von einer Studie landen wir innerhalb kürzester Zeit in einer Therapiestunde, denn man merkt, wie sehr Jessica einen Menschen gesucht hat, dem sie sich öffnen kann – denn nicht wenige Dinge belasten die junge Frau mit Hang zu One-Night-Stands.

Neben der Kapitel, die aus der Sicht Jessicas erzählen, erleben wir auch die Sicht von Dr. Shields, die eine Koryphäe auf ihrem Gebiet zu sein scheint – zumindest drückt das ihr Reichtum aus, den sie zweifelsohne hat. Die Studie wird irgendwann eher nicht mehr mit Forschungsgeldern bezahlt, denn sie dient höchst-privaten Zwecken. Dr. Shields‘ Erzählstrang nimmt eher eine Beobachterrolle ein. Die Psychiaterin erzählt in ihren Kapitel aus der Du-Perspektive und meint mit Du ihre Klientin Jessica – zeitweilig erzählt sie aber auch aus der ersten Person, was sich aber keineswegs mit dem Strang Jessicas beißt, der ebenfalls aus der Ich-Perspektive erzählt. Die Schreibstile der beiden unterscheiden sich grundlegend und es wirkt fast so, als hätten die Autorinnen diese den Milieus der beiden Charaktere angepasst.

Dieser Psychothriller macht Spaß, ist spannend und zu einem guten Teil auch atmosphärisch. Die beiden Hauptcharaktere sind interessant und man will mehr über sie erfahren. Was der Spannung etwas abträglich ist, ist die Tatsache, das relativ schnell klar ist, wer hier welche Rolle einnimmt, auch jeglicher größere Plot-Twist bleibt aus – von solchen wie in „The Wife Between Us“ ganz zu schweigen. Am Ende wartet nicht nur eine, nicht nur zwei, sondern gleich drei Danksagungen. Wer danach noch mehr von Hendricks und Pekkanen lesen will, kann in den Vorgänger reinlesen.

Daten zum Buch 

Autor: Greer Hendricks & Sarah Pekkanen
Titel: Die Frau ohne Namen
Originaltitel: An Anonymous Girl
Übersetzung: Alice Jakubeit
Seiten: 465
Kapitel: 69 (+ Epilog)
Erschienen am: 24. März 2020
Verlag: Rowohlt
ISBN: 978-3499001444
Preis Print: 16 Euro
Preis Digital: 9,99 Euro
(Preise können abweichen)

[Rezension] Vincent Kliesch / Sebastian Fitzek: Die Frequenz des Todes (Jula und Hegel – Band #2)

Cecile ist glücklich mit Jonathan verheiratet, das Glück vollkommen hat ihre gemeinsames Kind Selma, die gerade mal ein paar Wochen alt ist. Jonathan ist Psychiater und vor ein paar Monaten von seiner hauseigenen Praxis im Dachgeschoss ins Souterrain gezogen; das Dach hat er zu einem Kinderzimmer für Selma umgebaut – glaubt zumindest Cecile. Eines Tages wundert sie sich, warum Selma keinen Ton von sich – seltsam, sonst hört man immer etwas von ihr, selbst wenn sie schläft. Als sie in die Wiege blickt, ist da nichts außer Blut. Ein Schock! Wo ist Selma? Sie muss Hilfe rufen, so schnell wie möglich! Also schnappt sie sich Jonathans iPhone und ruft die Feuerwehr, doch ihr Mann reißt ihr das Smartphone aus der Hand und sperrt Cecile oben im Dach ein. Cecile erkennt, dass das Zimmer keineswegs für Selma bestimmt war – es war als Gefängnis für Cecile gedacht …


Endlich ist er da, der von mir heiß erwartete zweite Teil der Auris-Reihe. Was darin passiert, war mir, bevor ich begonnen habe, es zu lesen, eigentlich herzlich egal. Den Klappentext habe ich maximal überflogen. Vincent Kliesch bedeutet high quality – aber irgendwie war in „Die Frequenz des Todes“ der Wurm drin.

Als Protagonistin agiert auch im zweiten Teil wieder die True-Crime-Podcasterin Jula, und irgendwie beschleicht mich das Gefühl, dass Kliesch und Fitzek dieser Art von Podcast zu ungeahnter Popularität verholfen haben – seitdem schießen True-Crime-Podcasts wie Pilze aus dem Boden. Jula ist nach wie vor dabei, das Geheimnis ihres Bruders zu lösen – offiziell ist er tot, am Ende von „Auris“ haben wir allerdings anderes erfahren. Um mehr über den Verbleib von Moritz zu erfahren, muss sie nach wie vor nach Matthias Hegels Pfeife tanzen und soll nachforschen, wo Ceciles Baby hingekommen ist – und das macht sie natürlich bereitwillig.

Eine weitere prägende Rolle spielt Jonathan Dorm, der anfangs einen ziemlich gewieften Eindruck macht, als er einen Polizisten, der zur Psychotherapie verdonnert wurde, zu einem Boxduell herausfordert. Wenn der Polizist Dorm einen Schlag versetzen kann, kann er mit der Therapie aufhören. Allerdings weiß man bei Dorm zunächst nicht, woran man als Leser ist. Er weist so viele Facetten auf, dass man meinen könnte, er sei selbst Opfer einer gespaltenen Persönlichkeit und damit geeigneter Patient für einen Kollegen seiner Zunft. Und das macht ihn interessant.

Wie so viele Fitzeks spielt auch „Die Frequenz des Todes“ in Berlin – klar, Fitzek ist nicht der Autor, aber er hat an dem Buch, wie schon an „Auris“, mitgewirkt. Und Vincent Kliesch ist ja ebenfalls Berliner. Wer mehr über die Schauplätze von Fitzeks Berlin erfahren möchte findet einen spannenden Beitrag darüber im Magazin von Audible.

„Die Frequenz des Todes“ ist abwechslungsreich, aber irgendwie fehlt mir der Flow etwas. Es ist zwar spannend und wenn es darum geht, dass Matthias Hegel anfängt, über Phonetik zu referieren, wird es – trotz trockener Theorie – auch interessant, aber ich vermisse das Verspielte, das Gewitzte, das man aus Klieschs früheren Reihen kennt. Auch den Titel des Buches kann ich nicht ganz nachvollziehen, denn das „Frequenz“ im Titel deutet natürlich einerseits auf die Phonetik hin, aber man könnte es auch so deuten, dass im Buch reihenweise Menschen getötet werden – dem ist nicht so. In Teilen wirkt das Buch wie lieblos hingeklatschte Auftragsarbeit, der jegliche Atmosphäre wie auch Tiefe in der Story fehlt. Erst in den letzten hundert Seiten habe ich eine gewisse Rasanz, die man von Kliesch kennt, vernommen.

Trotz der Rasanz hat es auf mich dennoch etwas kurios gewirkt, dass Jula gegen Ende, als es gerade um Leben und Tod geht, tatsächlich noch Zeit findet, eine längere Sprachnotiz für ihren Podcast aufzunehmen – das ist alles, nur nicht realistisch. Vielleicht schneidet das Hörspiel, das parallel bei Audible erscheint, ja besser ab, aber das Buch war jetzt eher semi. Und dennoch werde ich vermutlich auch den dritten Teil lesen. Mal schauen.

Dieser Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit Audible.

Daten zum Buch 

Autor: Vincent Kliesch
Idee: Sebastian Fitzek
Titel: Die Frequenz des Todes
Seiten: 352
Kapitel: 63
Erschienen am: 4. Mai 2020
Verlag: Droemer TB
ISBN: 978-3426307601
Preis Print: 12,99 Euro
Preis Digital: 9,99 Euro
(Preise können abweichen)

Rezensionsexemplar

[Rezension] Chandler Baker: Whisper Network

Sloane arbeitet mit ihren Kolleginnen bei Truviv, einem Weltkonzern in Sachen Sportbekleidung. Wie ihre Kolleginnen Grace und Ardie ist auch Sloane Justiziarin. Als der CEO des Unternehmens, Desmond Bankole, überraschend an einem Herzinfarkt stirbt, verdichten sich die Gerüchte, dass der unmittelbare Chef der drei, Chefjustiziar Ames, neuer CEO werden soll. Da wissen die drei Frauen, dass sie das verhindern müssen. Denn ihr unmittelbarer Chef hat einen Hang dazu, Frauen sexuell zu belästigen – vor allem Sloane weiß, wovon sie spricht, er hat es bei ihr selbst getan; und nun schmeißt er sich an die neue in ihrer Abteilung ran, die junge und gut aussehende Kathrine – höchste Zeit, die Reißleine zu ziehen …


Dass sexuelle Belästigung keine Kleinigkeit ist, hat man spätestens am #metoo-Diskurs gemerkt. Schon davor sorgte die #Aufschrei-Debatte, in der Rainer Brüderle – der ehemalige FDP-Minister  – quasi eine Vorreiterrolle einnahm, für Aufsehen. Chandler Baker hat nun ein Buch geschrieben, in dem das Thema wieder aufgegriffen wird – rundherum hat sie einen Thriller gestrickt.

Sloane ist mitnichten der einzige Hauptcharakter der Geschichte, aber man lernt sie am besten kennen. Sie arbeitet schon etliche Jahre bei Truviv und ist mittlerweile Semi Vice President der Rechtsabteilung. Sie ist es auch, die die BAD-Liste organisiert. BAD steht für Begrapscher aus Dallas; darauf befinden sich die Namen jener Menschen, die ihre Finger nicht bei sich lassen können. Ob es nur Menschen in höheren Positionen sind, verrät uns Baker nicht. Sloane schreibt jedenfalls den Namen ihres Chefs Ames drauf und löst damit etwas aus, mit dem sie selber vermutlich nicht gerechnet hat. Wenige Wochen, nachdem sie den Namen auf die Liste platziert hat, fliegt ihr Chef und kommende CEO von Truviv aus dem siebzehnten Stock des Truviv-Gebäudes.

Das Buch beginnt mit dem kürzesten Prolog, an den ich mich erinnern kann; er besteht aus nur einem Satz, der wie folgt lautet: „Hättet ihr doch nur auf uns gehört, dann wäre das alles nicht passiert.“ – kurz und prägnant. Und er macht direkt Lust auf mehr, man freut sich auf das, was da kommen mag – allein, da kommt dann lange nicht viel. Nach einer Weile hab ich mich gefragt, ob da überhaupt noch so etwas wie eine Handlung kommt, denn so etwas wie einen roten Faden findet man lange nicht. Auch das Thema sexuelle Belästigung, um das es ja eigentlich geht, drängt nicht unbedingt in den Vordergrund. Am ehesten merkt man es noch an Sloanes Tochter, die in der Schule von Jungs schikaniert und gemobbt wird. Baker zeigt damit auf, dass nicht mal die Jüngsten von uns vor Sexismus gefeit sind und das Frauenbild quasi vererbt wird und sich im Hirn festsetzt. Dass man das später nur mehr schwer ablegen kann, liegt damit auf der Hand.

Zwischendurch liest man immer wieder Zeugenbefragungen, die uns zumindest darauf hinweisen, dass das auch ein Spannungsroman ist. Und das ist der springende Punkt: „Whisper Network“ ist ein Roman und kein klassischer Thriller – vielmehr ist es irgendwas zwischen feministischem Manifest und Justizthriller.

Wobei feministisches Manifest fast abwertend klingt – so ist es nicht gemeint. Man merkt, dass Chandler Baker das Thema Feminismus und weibliche Emanzipation wichtig ist, das merkt man vor allem hintenraus, wenn die Autorin über die Motive dieses Buches schreibt. Letztendlich ist „Whisper Network“ ein zutiefst persönlicher Roman – und gleichzeitig spricht sie in der Geschichte immer wieder für alle Frauen. Genau aus diesem Grund weiß ich nicht, ob man daraus einen Thriller machen hätte sollen, denn bis hundert Seiten vor Ende ist da recht wenig, was einen packt. Aber vermutlich hat sie sich gedacht, dass man mit einem Thriller wesentlich mehr Leute – vor allem mehr Frauen – erreicht. Auch wenn man die Auflösung der Geschichte als moralisch zumindest zweifelhaft bezeichnen kann.

Daten zum Buch 

Autor: Chandler Baker
Titel:  Whisper Network 
Originaltitel: The Whisper Network
Übersetzung: Astrid Finke
Seiten: 480
Kapitel: 58 (+ Epilog)
Erschienen am: 30. März 2020
Verlag: Heyne
ISBN: 978-3-453-27288-0
Preis Print: 20 Euro
Preis Digital: 15,99 Euro
(Preise können abweichen)

[Rezension] Megan Goldin: The Escape Game – Wer wird überleben?

Vier Menschen, ein Aufzug, kein Entkommen. Vincent ruft sein Team zu einer Teambuildingmaßnahme. Die vier Wall-Street-Banker – Sylvia, Sam, Jules und er selbst – müssen innerhalb einer Stunde versuchen, mithilfe von Rätseln, die sie lösen müssen, aus dem Aufzug zu kommen – der klassische Escaperoom. Die ersten Rätsel sind einfach, die vier sind optimistisch, der klaustrophobischen Atmosphäre bald zu entkommen. Doch dann geht das Licht aus, die Temperatur steigt, und die Stimmung schlägt um. Nach einer Stunde erkennen die vier Banker, dass das kein Spiel ist, sondern eine tödliche Falle …


Für die meisten von uns sind Zahlen ein Buch mit sieben Siegeln, Mathe ein Graus und die Bankenwelt undurchschaubar. Eine Welt, die von alten weißen Männern in Einreihern dominiert wird. Genau dieses Bild zeichnet auch Megan Goldin in ihrem neuestem Thriller, in dem die Wall Street mit all ihren Wirren die Hauptrolle spielt.

Sara Hall ist Teil der Wall Street, sie hat einen der begehrten Arbeitsplätze im Epizentrum der Weltwirtschaft ergattert. Sie wollte ursprünglich Medizin studieren, um ihrem Vater, der sein halbes Leben gesundheitliche Probleme hat, sein Leben voller Arztrechnungen zu erleichtern. Doch das Studium dauert zu lange, und da ihre Mutter plötzlich auch Probleme bekommt und das Geld hinten und vorne nicht mehr reicht, studiert sie Wirtschaftswissenschaften und BWL und heuert an der Wall Street an. Das erste Vorstellungsgespräch ist gelinde gesagt eine Katastrophe, der Personalchef ein sexistisches Arschloch, der nur versucht, seine Quote zu erfüllen. Am Heimweg trifft sie dann Vincent von Stanhope – dem begehrtesten Unternehmen an der Wall Street. Er leitet dort ein Team aus fünf Leuten, Sylvia, Sam, Jules, Lucy und jetzt auch Sara. Sara verdient jetzt richtig viel Geld, reist um die Welt – sie ist eine gemachte Frau. Doch der Preis ist hoch, genau wie der Druck. Freizeit wird zur Mangelware.

Megan Goldin zeichnet ein sehr klares Bild der Wall Street: androzentristisch, geldgeil, sexistisch. Eine Welt, in der auf Vitamin B gesetzt und auf den Gender Pay Gap geschissen wird. Sie bestätigt damit alle Klischees, die wir von der freien Wirtschaft kennen. Und dann – ach ja, da war ja noch was – ist da noch der Thriller. Ein Thriller, der zunächst an alle Dan Browns erinnert – eine Schnitzeljagd ohne Jagd. Und ohne – sind wir ehrlich – Schnitzel. Denn die Rätselrallye endet in einem Gemetzel, das verrät uns schon der Prolog.

Zwischen der Kapitel im Lift lesen wir immer wieder über Sara Hall in der ersten Person. Wir lesen über ihr Leben und ihrem Werdegang. Neben Sara, Sylvia, Sam, Jules und Vincent lernen wir auch noch Lucy kennen. Sie ist Analystin und hat Asperger – einer Form von Autismus. Und das fand ich interessant, denn auch JP Delaney thematisiert Autismus in seinem aktuellen Buch „Tot bist du perfekt“ sehr stark. Ich frage mich öfter, ob es im Internet ein Bestseller-Forum gibt, in dem sich Autoren über die Themen beraten, die sie in ihren Büchern besprechen wollen. Es ist nicht das erste Mal, dass in aktuellen und mittlerweile nicht mehr so aktuellen Büchern dieselben Themen von verschiedenen Autoren in Szene gesetzt werden.

„The Escape Game“ ist aber nicht nur interessant, sondern auch verdammt spannend. Als Leser will man nicht nur wissen, ob es die vier aus dem Lift schaffen, sondern auch, was dahintersteckt. Ein lesenswertes Buch.

Daten zum Buch 

Autor: Megan Goldin
Titel: The Escape Game – Wer wird überleben?*
Originaltitel: The Escape Game
Übersetzung: Elvira Willems
Seiten: 432
Kapitel: 51
Erschienen am: 2. März 2020
Verlag: Piper
ISBN: 978-3492314794
Preis Print: 8 Euro
Preis Digital: 8,99 Euro
(Preise können abweichen)

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[Kurzrezension] Harlan Coben: Das Spiel seines Lebens – Myron Bolitar ermittelt (Myron Bolitar – Band #1)

Rasches Handeln ist angesagt für den New Yorker Sportagenten Myron Bolitar: Der Vertrag mit dem Profi-Footballspieler Christian Steele steht kurz vor der Unterzeichnung, da wird Christian verdächtigt, seine Verlobte umgebracht zu haben. Allerdings schwört er, von der spurlos verschwundenen Kathy unlängst noch einen Anruf erhalten zu haben. Auch Kathys Schwester Jessica glaubt nicht an die offizielle Version der Polizei. Sie beauftragt Myron Bolitar, eigene Nachforschungen anzustellen. Und das ist ganz in Myrons Sinne, denn der hat wenig Lust, seinen besten Klienten demnächst im Gefängnis zu besuchen … (© Goldmann)


Spannung. Spaß. Sex. Mit dieser Heiligen Dreifaltigkeit lässt sich der erste Teil der Myron-Bolitar-Reihe zusammenfassen. Man kommt gut durch die knapp 400 Seiten und die Dialoge sind äußerst amüsant geschrieben.

Aber die Story dürfte einem feuchten Traum Cobens entsprungen sein, das Frauenbild ist mit der heutigen Zeit nicht mehr vereinbar. Das fiel bei „Honeymoon“ schon auf, „Das Spiel seines Lebens“ kann das allerdings noch mal mit Bravour toppen. Auch das Cover repräsentiert den Inhalt des Buches – in dem es primär um Sport und Sex geht – nicht im Ansatz.

Wenn Harlan Coben nicht einer meiner Lieblingsautoren wäre, bin ich mir nicht sicher, ob ich dieses Buch bis zum Ende gelesen hätte.

Kurzrezensionen sind Rezension, die im Vorfeld eigentlich nicht geplant waren und für die keine Notizen angelegt wurden. Sie entstehen aus dem Stegreif, wenn mir etwas unter den Nägeln brennt.
Daten zum Buch 

Autor: Harlan Coben
Titel: Das Spiel seines Lebens*
Originaltitel: Deal Breaker
Übersetzung: Gunnar Kwisinski
Seiten: 384
Erscheinungsjahr 1. Aufl.: 2001
Verlag: Goldmann
ISBN: 978-3-442-48443-0
Preis Print: 9,99 Euro
Preis Digital: 9,99 Euro
(Preise können abweichen)

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[Rezension] Elizabeth Kay: Sieben Lügen

Mit einer Notlüge beginnt es, dem folgen weitere Lügen und ein Mord. Jane mag ihre beste Freundin Marnie – deren Freund allerdings nicht. Jeden Freitag ist sie bei den Zweien zum Essen eingeladen – manchmal kommt sie mit Begleitung, manchmal ohne. Seit sie ihren Ehemann Jonathan bei einem tragischen Autounfall verloren hat, findet sie keinen festen Freund mehr, weshalb sie sich an Marnie klammert. Doch da ist ihr Freund Charles, der sich zwischen sie drängt – also muss er weg. Doch da hat sie die Rechnung ohne Valerie gemacht. Valerie ist Journalistin und betreibt einen reißerischen Blog, um ihre Karriere voranzutreiben – sie stürzt sich auf Charles‘ Tod und kommt Janes Geheimnis immer näher …


Jeder von uns lügt, bewusst oder unbewusst, das kann keiner abstreiten. Elizabeth Kay hat ein Buch übers Lügen geschrieben, das mit einer Notlüge beginnt und weitere, immer größere Lügen nach sich zieht. Es geht aber auch um Freundschaft, und wie man Freundschaften interpretiert.

Jane und Marnie kennen sich seit achtzehn Jahren, sie lernten sich kennen, als beide elf waren, studierten gemeinsam und lebten zusammen. Bis Jane Jonathan kennenlernte und von heute auf morgen mit ihm zusammenzog. Jane arbeitet bei einem Online-Versandhandel und Marnie ist Videobloggerin. Sie kocht, backt und dreht Videos darüber. Janes Mutter ist dement und ihre Schwester dürfte magersüchtig sein – genau wird das aber nie erwähnt, und ich kenne mich in dem Metier zu wenig – eigentlich gar nicht – aus, um da eine Diagnose zu treffen. Im Prinzip hat Jane außer Marnie niemanden und sie zeigt auch keine Ambitionen, das zu ändern. Eher das Gegenteil ist der Fall, wie man am Beispiel Charles sieht.

„Sieben Lügen“ ist ein Monolog über sieben Lügen, die die Protagonistin – oder ist sie eher eine Antagonistin? – einem anderen Subjekt oder Objekt erzählt. Wem sie es erzählt, kann man nur mutmaßen – ist es ihr Anwalt, ein Stoffteddy oder ihre demente Mutter? –, es kommt erst am Ende heraus. Auch wenn die Geschichte dann nicht mehr zu hundert Prozent stimmig ist, was die Erzählweise betrifft.

Die Geschichte ist definitiv interessant, aber einen Spannungsbogen sucht man lange, denn außer, dass man wissen will, wem sie diesen ellenlangen Monolog erzählt, ist da zunächst nichts. Man muss schon um die 200 Seiten lesen, bis Kay dann doch eine Idee kommt, um etwas Spannung reinzubringen – warum sie diese irgendwann aber doch wieder verwirft, hab ich nicht ganz verstanden. Generell ist das Ende relativ offen, was mich dann etwas unbefriedigt zurückgelassen hat.

Was mich leider maßlos aufgeregt hat, waren allerdings die vielen Apostrophfehler, für die weniger die Autorin etwas kann, dafür umso mehr der Übersetzer Rainer Schumacher. Ich bin beileibe kein Grammar Nazi, ich könnte euch nicht mal die Grammatikregeln erklären, ich war in der Schule so schlecht in Deutsch, dass ich regelmäßig fast sitzen geblieben wäre. Irgendwann habe ich ein Gefühl für Grammatik entwickelt und beherrsche zumindest drei Dinge perfekt: die das-/dass-Schreibung, die Beistrich-, und die Apostrophsetzung. Man muss aber nicht mal Perfektionist sein, um zu wissen, dass man bei Namen mit einem S am Ende – wie eben jener von Charles – nicht jegliches Apostroph ignorieren kann. Zum Beispiel bei „Charles‘ Schwester“ oder „Charles‘ Kasten“. Leider fällt mir genau das aber in den letzten Jahren immer öfter auf – egal ob in Büchern oder Qualitätszeitungen.

Das kann man penibel nennen, aber solche Fehler kann ich nicht ignorieren, weshalb sie mir ein sonst solides Buch leider etwas madig gemacht haben.

Daten zum Buch 

Autor: Elizabeth Kay
Titel: Sieben Lügen *
Originaltitel: Seven Lies
Übersetzung: Rainer Schumacher
Seiten: 384
Kapitel: 46
Erschienen am: 28. Februar 2020
Verlag: Lübbe
ISBN: 978-3785726693
Preis Print: 15 Euro
Preis Digital: 6,99 Euro
(Preise können abweichen)

 

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