[Rezension] Chandler Baker: Whisper Network

Sloane arbeitet mit ihren Kolleginnen bei Truviv, einem Weltkonzern in Sachen Sportbekleidung. Wie ihre Kolleginnen Grace und Ardie ist auch Sloane Justiziarin. Als der CEO des Unternehmens, Desmond Bankole, überraschend an einem Herzinfarkt stirbt, verdichten sich die Gerüchte, dass der unmittelbare Chef der drei, Chefjustiziar Ames, neuer CEO werden soll. Da wissen die drei Frauen, dass sie das verhindern müssen. Denn ihr unmittelbarer Chef hat einen Hang dazu, Frauen sexuell zu belästigen – vor allem Sloane weiß, wovon sie spricht, er hat es bei ihr selbst getan; und nun schmeißt er sich an die neue in ihrer Abteilung ran, die junge und gut aussehende Kathrine – höchste Zeit, die Reißleine zu ziehen …


Dass sexuelle Belästigung keine Kleinigkeit ist, hat man spätestens am #metoo-Diskurs gemerkt. Schon davor sorgte die #Aufschrei-Debatte, in der Rainer Brüderle – der ehemalige FDP-Minister  – quasi eine Vorreiterrolle einnahm, für Aufsehen. Chandler Baker hat nun ein Buch geschrieben, in dem das Thema wieder aufgegriffen wird – rundherum hat sie einen Thriller gestrickt.

Sloane ist mitnichten der einzige Hauptcharakter der Geschichte, aber man lernt sie am besten kennen. Sie arbeitet schon etliche Jahre bei Truviv und ist mittlerweile Semi Vice President der Rechtsabteilung. Sie ist es auch, die die BAD-Liste organisiert. BAD steht für Begrapscher aus Dallas; darauf befinden sich die Namen jener Menschen, die ihre Finger nicht bei sich lassen können. Ob es nur Menschen in höheren Positionen sind, verrät uns Baker nicht. Sloane schreibt jedenfalls den Namen ihres Chefs Ames drauf und löst damit etwas aus, mit dem sie selber vermutlich nicht gerechnet hat. Wenige Wochen, nachdem sie den Namen auf die Liste platziert hat, fliegt ihr Chef und kommende CEO von Truviv aus dem siebzehnten Stock des Truviv-Gebäudes.

Das Buch beginnt mit dem kürzesten Prolog, an den ich mich erinnern kann; er besteht aus nur einem Satz, der wie folgt lautet: „Hättet ihr doch nur auf uns gehört, dann wäre das alles nicht passiert.“ – kurz und prägnant. Und er macht direkt Lust auf mehr, man freut sich auf das, was da kommen mag – allein, da kommt dann lange nicht viel. Nach einer Weile hab ich mich gefragt, ob da überhaupt noch so etwas wie eine Handlung kommt, denn so etwas wie einen roten Faden findet man lange nicht. Auch das Thema sexuelle Belästigung, um das es ja eigentlich geht, drängt nicht unbedingt in den Vordergrund. Am ehesten merkt man es noch an Sloanes Tochter, die in der Schule von Jungs schikaniert und gemobbt wird. Baker zeigt damit auf, dass nicht mal die Jüngsten von uns vor Sexismus gefeit sind und das Frauenbild quasi vererbt wird und sich im Hirn festsetzt. Dass man das später nur mehr schwer ablegen kann, liegt damit auf der Hand.

Zwischendurch liest man immer wieder Zeugenbefragungen, die uns zumindest darauf hinweisen, dass das auch ein Spannungsroman ist. Und das ist der springende Punkt: „Whisper Network“ ist ein Roman und kein klassischer Thriller – vielmehr ist es irgendwas zwischen feministischem Manifest und Justizthriller.

Wobei feministisches Manifest fast abwertend klingt – so ist es nicht gemeint. Man merkt, dass Chandler Baker das Thema Feminismus und weibliche Emanzipation wichtig ist, das merkt man vor allem hintenraus, wenn die Autorin über die Motive dieses Buches schreibt. Letztendlich ist „Whisper Network“ ein zutiefst persönlicher Roman – und gleichzeitig spricht sie in der Geschichte immer wieder für alle Frauen. Genau aus diesem Grund weiß ich nicht, ob man daraus einen Thriller machen hätte sollen, denn bis hundert Seiten vor Ende ist da recht wenig, was einen packt. Aber vermutlich hat sie sich gedacht, dass man mit einem Thriller wesentlich mehr Leute – vor allem mehr Frauen – erreicht. Auch wenn man die Auflösung der Geschichte als moralisch zumindest zweifelhaft bezeichnen kann.

Daten zum Buch 

Autor: Chandler Baker
Titel:  Whisper Network 
Originaltitel: The Whisper Network
Übersetzung: Astrid Finke
Seiten: 480
Kapitel: 58 (+ Epilog)
Erschienen am: 30. März 2020
Verlag: Heyne
ISBN: 978-3-453-27288-0
Preis Print: 20 Euro
Preis Digital: 15,99 Euro
(Preise können abweichen)

[Kurzrezension] Harlan Coben: Das Spiel seines Lebens – Myron Bolitar ermittelt (Myron Bolitar – Band #1)

Rasches Handeln ist angesagt für den New Yorker Sportagenten Myron Bolitar: Der Vertrag mit dem Profi-Footballspieler Christian Steele steht kurz vor der Unterzeichnung, da wird Christian verdächtigt, seine Verlobte umgebracht zu haben. Allerdings schwört er, von der spurlos verschwundenen Kathy unlängst noch einen Anruf erhalten zu haben. Auch Kathys Schwester Jessica glaubt nicht an die offizielle Version der Polizei. Sie beauftragt Myron Bolitar, eigene Nachforschungen anzustellen. Und das ist ganz in Myrons Sinne, denn der hat wenig Lust, seinen besten Klienten demnächst im Gefängnis zu besuchen … (© Goldmann)


Spannung. Spaß. Sex. Mit dieser Heiligen Dreifaltigkeit lässt sich der erste Teil der Myron-Bolitar-Reihe zusammenfassen. Man kommt gut durch die knapp 400 Seiten und die Dialoge sind äußerst amüsant geschrieben.

Aber die Story dürfte einem feuchten Traum Cobens entsprungen sein, das Frauenbild ist mit der heutigen Zeit nicht mehr vereinbar. Das fiel bei „Honeymoon“ schon auf, „Das Spiel seines Lebens“ kann das allerdings noch mal mit Bravour toppen. Auch das Cover repräsentiert den Inhalt des Buches – in dem es primär um Sport und Sex geht – nicht im Ansatz.

Wenn Harlan Coben nicht einer meiner Lieblingsautoren wäre, bin ich mir nicht sicher, ob ich dieses Buch bis zum Ende gelesen hätte.

Kurzrezensionen sind Rezension, die im Vorfeld eigentlich nicht geplant waren und für die keine Notizen angelegt wurden. Sie entstehen aus dem Stegreif, wenn mir etwas unter den Nägeln brennt.
Daten zum Buch 

Autor: Harlan Coben
Titel: Das Spiel seines Lebens*
Originaltitel: Deal Breaker
Übersetzung: Gunnar Kwisinski
Seiten: 384
Erscheinungsjahr 1. Aufl.: 2001
Verlag: Goldmann
ISBN: 978-3-442-48443-0
Preis Print: 9,99 Euro
Preis Digital: 9,99 Euro
(Preise können abweichen)

*Affiliate

[Rezension] Jean-Christophe Grangé: Die Fesseln des Bösen

In einem Pariser Striplokal wird eine Leiche gefunden, mit der eigenen Unterwäsche erdrosselt und die Mundwinkel sind bis zu den Ohren aufgeschlitzt. Im Rachen wurde ein Stein platziert. Ein Verdächtiger ist mit dem ältlichen Maler Sobieski schnell gefunden – aber der hat ein hieb- und stichfestes Alibi. Da Kommissar Corso aber keinen anderen Verdächtigen findet, hält er an Sobieski als Täter fest – vor allem, weil er eine kriminelle Vergangenheit hat und 17 Jahre im Gefängnis verbracht hat.
Corso hat noch einen anderen Kampf zu bestreiten, nämlich den um seinen Sohn Thaddée – wenn er den Fall löst, stehen die Chancen gut, dass er das alleinige Sorgerecht erhält. Corso kämpft gegen die Zeit, zumal es nicht bei dem einen Opfer bleibt …


Stéphane Corso ist Leiter von Team 1 der Pariser Kriminalpolizei, er selbst ist einer der besten Ermittler der Stadt. Dabei hat er selber eine dunkle Vergangenheit, wuchs im Heim auf, lebte auf der Straße, war drogensüchtig und hat nicht zuletzt einen Mord begangen – bis Catherine Bompart kam, seine heutige Chefin. Sie holte Corso von der Straße, zwang ihn, das Abi zu machen und schickte ihn auf die Polizeischule; im Gegenzug sorgte sie dafür, dass er nicht für den Mord belangt wird. Während es beruflich ziemlich glatt läuft, tut es das privat so gar nicht, denn Corso steckt gerade mitten im Scheidungsprozess mit seiner Frau. Er will das Sorgerecht für seinen Sohn, weil er seine zukünftige Ex-Frau aufgrund ihrer Sadomaso-Neigungen als eine Gefahr für den Zehnjährigen hält.

Wo wir auch schon beim Thema wären, denn Sex im Allgemeinen und SM bzw. Bondage im Speziellen, spielen die Hauptrolle im titelgebenden Fesselspiel. Man erfährt so einiges über die Szene, manches davon will man vielleicht gar nicht so genau wissen. Dabei hat Corso selbst bei den – nennen wir es lusterweiternden – Spielen mit seiner Frau mitgemacht – heute verurteilt er sie dafür. Aber nicht nur das, sondern auch die Kunst ist ein großes Thema im Buch, hier steht der Hauptverdächtige Sobieski im Mittelpunkt, der die Mal- und Fesselkunst gewissermaßen in einer Melange vereint. Für Corso ist der Mann mit dem geschichtsträchtigen Namen von Anfang an schuldig. Beweise? Na ja, nicht so wirklich. Zwar hat der Maler schon vor etlichen Jahren getötet und der Modus Operandi ist ähnlich, aber nicht derselbe. Egal, denkt sich Corso, einmal Mörder, immer Mörder. Vielleicht ist Corso ja doch kein so guter Ermittler.

Ohnehin war er bei dem Fall nur zweite Wahl, denn das Buch steigt erst zwölf Tage nach dem Mord ein, bis dahin hat sich ein anderer die Fingernägel an dem Fall abgebissen und hat schnell gemerkt, dass er ansteht. Dabei sind zwölf Tage ein Klacks, wenn man merkt, wie lange Corso daran arbeitet – die Handlung zieht sich nämlich über fast zwei Jahre. Zwei Jahre in denen wir einiges mit dem Protagonisten erleben, das Konzept des Buches ist nämlich kein schlechtes. Insgesamt ist das Buch in drei Teile unterteilt, sowohl faktisch als auch erzählerisch. Zuerst haben wir einen klassischen Whodunit-Thriller, danach einen Justizthriller, um später wieder einen Whodunit-Thriller zu lesen.

Der stärkste Charakter im Buch tritt für mich erst im zweiten Teil, also nach grob 200 Seiten auf. Claudia Müller ist gebürtige Österreicherin und dreht die nach dem ersten Teil etwas eingeschlafene Handlung mal komplett auf links, um im dritten Teil noch einen viel größeren Plot-Twist einzubauen. Zwischendurch hab ich mir schon gedacht, dass die Handlung vielleicht etwas zu sehr in die Länge gezogen wird und hab dies in einem Update auf Goodreads auch kundgetan, aber in der Nachbetrachtung macht das alles schon Sinn. Als eher schwach hab ich den Hauptcharakter Corso empfunden. Er hatte für mich überhaupt kein Charisma und nichts, was mir längerfristig im Gedächtnis bleiben wird.

Auch wenn die Handlung zwischendrin einen ziemlichen Durchhänger hat und nur dahinplätschert, war ich froh, bis zum Ende durchgehalten zu haben. Zumal das Ende und die Auflösung äußerst interessant sind.

Daten zum Buch 

Autor: Jean-Christophe Grangé
Titel: Die Fesseln des Bösen
Originaltitel: La terre des morts
Übersetzung: Ulrike Werner-Richter
Seiten: 608
Kapitel: 104
Erschienen am: 31. Januar 2020
Verlag: Lübbe
ISBN: 978-3431041293
Preis Print: 16,90 Euro
Preis Digital: 11,99 Euro
(Preise können abweichen)

[Rezension] Tom Bradby: Secret Service – Du kannst keinem trauen

Kate Henderson spioniert. Sie arbeitet beim britischen MI6 und spioniert hier die Russen aus – und die haben großes vor. Denn als Kate mit ihrer Crew in Istanbul ist und einen russischen Oligarchen observiert, erfährt sie durch Zufall, dass der aktuelle Premierminister Großbritanniens an Krebs erkrankt ist. In der Tat tritt er deshalb tags darauf vor die Presse und anschließend zurück. Aber wer wird sein Nachfolger? Eben da kommen die Russen ins Spiel, denn die wollen einen von ihm instruierten Kandidaten an der Spitze sehen. Auch ein gewisser „Viper“ spielt hier eine Rolle – er ist der Mittelsmann zwischen Russland und dem neuen Premier. Da Kate Kontakte nach Russland, wo sie studiert hat, hat, fällt der Verdacht irgendwann auch auf sie  …  Weiterlesen

[Rezension] Lisa McInerney: Glorreiche Ketzereien

Maureen erschlägt einen Mann, der in ihrer Wohnung steht, und jetzt ist er tot – verdammt, was macht sie jetzt mit der Leiche? Schnell Jimmy Phelan angerufen, der kennt sich mit solchen Sachen aus. Doch der schafft das nicht alleine, also holt er sich Hilfe – aber wen soll er fragen? Klar, die alte Saufnase Tony Cusack, der hat einerseits Zeit und andererseits sechs Kinder. Währenddessen handelt sich Ryan Arger in der Schule ein, aber was interessiert ihn die Schule, er lebt für seine Freundin Karine, die er vergöttert. Doch er lebt für noch etwas – dem Drogenhandel; das kann er, damit kennt er sich aus. Doch eines Abends lädt ihn seine Nachbarin Tara zu ihm ein, eine ehemalige Prostituierte. Am nächsten Tag weiß er nicht mehr viel, aber er ist felsenfest davon überzeugt, dass er mit ihr geschlafen hat. Oje, das gibt Ärger… 
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[Rezension] Yrsa Sigurdardóttir: DNA (Kommissar Huldar & Psychologin Freyja – Band #1)

In Islands Hauptstadt Reykjavik wird eine Frau grausam ermordet, eine ihrer drei Kinder ist währenddessen im selben Zimmer und bekommt alles mit. Damit ist sie eine wichtige Zeugin; aber sie spricht nicht. Damit steht Huldar vor einer kniffligen Aufgabe. Ohnehin kann er nur wenig mit Kindern anfangen, weshalb sich andere damit befassen müssen, Stück für Stück Informationen aus Margrét herauszubekommen.
Wesentlich mehr Informationen hat unwissentlich der Funkamateur Karl, der seine Freizeit damit verbringt, mit Leuten aus der ganzen Welt zu funken. Eines Abends stößt er auf eine Funkerin, die Zahlenkollonnen durchgibt. Karl ahnt nicht, auf welch brisante Infos er hier gestoßen ist, denn die Zahlen sind mit Menschen verbunden – unter anderem mit der Ermordeten … Weiterlesen

[Rezension] Richard Laymon: Das Ende

Sierra County ist ein kleines beschauliches Städtchen in Kalifornien. Mit einer Universität und einem Fluss mit Strand. Der hiesige Sheriff heißt Rusty Hodges, sein Sohn und seine Schwiegertochter sind ebenfalls Gesetzeshüter. Als ein Pärchen, das mit Rusty befreundet ist, eine Kanutour am Fluss machen möchten, stolpern sie am Strand über ein zweites Pärchen – die Frau hat allerdings keinen Kopf mehr und der Mann rennt mit ebendiesem ins Wasser und verschwindet. Bass und Faye, das erste Pärchen, sind schockiert und rufen die Polizei. Hodges und seine Schwiegertochter Pac nehmen sich dem Fall an und befragen die beiden. Alls sie sie später am Tag abermals befragen wollen, sind sie spurlos verschwunden… Weiterlesen

[Rezension] Lisa Jackson: You will pay – Tödliche Botschaft

Vor zwanzig Jahren fand ein christliches Sommercamp in einer Kleinstadt in Oregon statt, mit massig Kindern und Betreuern, die selber kaum dem Kindesalter entwachsen sind. Vor allem die Betreuer verwechseln hier „christlich“ mit „Freiheit“, denn was sie in den Nächten treiben, erinnert eher an ein Musikfestival als an einen Gottesdienst. Als dann plötzlich gleich mehrere Betreuerinnen und ein Stallbursche verschwinden, hörte sich der Spaß allerdings schlagartig auf und das Camp wurde aufgelöst.
Jetzt, zwanzig Jahre später, stößt ein stadtbekannter Wilderer auf Knochen – genau auf dem Areal, auf dem damals das Camp stattfand. Er meldet den Fund einem Detective, der sich der Sache mit seiner Kollegin annimmt. Doch der Detective war damals selbst in eben jenem Camp und weiß wesentlich mehr, als er damals der Polizei sagte … Weiterlesen

[Rezension] Richard Laymon: Das Auge

Melanie spielt gerade in ihrem Orchester ein Konzert, als sie wild zuckend von ihrem Stuhl fällt. Ihr Freund Bodie sieht es vom Zuschauerraum aus und ist entsetzt – aber auch froh, denn das Konzert war alles andere als nach seinem Geschmack. Was war passiert? Melanie hatte eine Vision. Bereits als ihre Mutter verunfallte, hatte sie eine Vision, und deshalb ist sie sich sicher, dass es diesmal ihren Vater erwischt hat und deshalb machen sich die zweivon Phoenix auf nach Beverly Hills.
Pen sitzt derweil in einer Diavorführung, die einfach nur grauenhaft ist, denn es werden tote Menschen gezeigt. Also reißt sie frühzeitig ab, doch Daheim wird es nicht besser, denn sie hat einige Nachrichten auf ihren Anrufbeantworter – von einem Perversen … Weiterlesen