[Rezension] Marc Elsberg: Der Fall des Präsidenten

Nie hätte die Juristin Dana Marin geglaubt, diesen Tag wirklich zu erleben: Bei einem Besuch in Athen nimmt die griechische Polizei den Ex-Präsidenten der USA im Auftrag des Internationalen Strafgerichtshofs fest. Sofort bricht diplomatische Hektik aus. Der amtierende US-Präsident steht im Wahlkampf und kann sich keinen Skandal leisten. Das Weiße Haus stößt Drohungen gegen den Internationalen Gerichtshof und gegen alle Staaten der Europäischen Union aus. Und für Dana Marin beginnt ein Kampf gegen übermächtige Gegner. So wie für ihren wichtigsten Zeugen, dessen Aussage den einst mächtigsten Mann der Welt endgültig zu Fall bringen kann. Die US-Geheimdienste sind dem Whistleblower bereits dicht auf den Fersen. Währenddessen bereitet ein Einsatzteam die gewaltsame Befreiung des Ex-Präsidenten vor, um dessen Überstellung nach Den Haag mit allen Mitteln zu verhindern … (Offizieller Klappentext)


Wenn man AutorInnen fragt, woher sie ihre Inspiration nehmen, kommt meistens „Inspiration gibt es überall“ als Antwort. Beim neuen Buch von Marc Elsberg kam eine sehr konkrete Antwort auf Instagram – denn einiges an Inspiration für seinen neuen Bestseller kam aus einer Graphic Novel. Elsberg hielt in einer Insta-Story ein Plädoyer für die bebilderten Bücher. Und mit „Plädoyer“ sind wir auch schon beim Thema: „Der Fall des Präsidenten“ ist nämlich ein Justizthriller, und damit etwas ganz Neues bei Elsberg.

Dana Marin arbeitet für den Internationalen Strafgerichtshof (ICC) in Den Haag und lässt den ehemaligen Präsidenten der USA, Douglas Turner, in Athen verhaften. Ihm werden Kriegsverbrechen in Afghanistan vorgeworfen. Douglas Turner trägt dieselben Initialen wie Donald Trump, und er wird vom amtierenden Präsident Arthur Jones als »grenzdebiler, narzisstischer Mistkerl!« – ähnliche Verbalinjurien hat man auch Trump zugefügt. Zufall? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Für Arthur Jones ist die Verhaftung freilich eine Katastrophe, denn er steht mitten im Wahlkampf, da braucht er es wie ein Krebsgeschwür, dass sein Parteifreund mit schlechten Schlagzeilen im Rampenlicht steht. Dana Marin ist die Protagonistin. Ein Flüchtlingskind, das gemeinsam mit ihrer Mutter aus Sarajevo geflohen ist; ihren Vater musste sie damals zurücklassen, erst später kam er nach. Dana hat sich immer schon für Gerechtigkeit eingesetzt – und diese versucht sie auch jetzt zu erreichen. In Athen ist sie auf sich allein gestellt, ihre Kollegin und Chefanklägerin vom ICC, Maria Cruz, sitzt in Den Haag fest. Keine Fluglinie will sie aus Angst vor Sanktionen seitens der USA fliegen. Dabei geht es keineswegs darum, Turner in Athen zu verurteilen, es ist lediglich eine Vorverhandlung, ob der ICC überhaupt einen Prozess in Den Haag starten darf. Vorgeplänkel also. Allerdings ein wichtiges.

„Der Fall des Präsidenten“ hat so einige Besonderheiten. Nicht nur, dass es Elsbergs erster Justizthriller ist, war es auch mein erstes Buch, in dem Corona erwähnt wurde. Es spielt allerdings nur am Rande eine Rolle, von diversen Maßnahmen – Maske tragen, Abstand halten, Lockdown, etc. – ist keine Rede. Vielleicht gab es diese Maßnahmen zum Zeitpunkt, zu dem Elsberg die jeweiligen Seiten/Kapitel geschrieben hat, noch nicht. Oder Elsberg wollte der Pandemie nicht so viel Platz einräumen, weil wir ohnehin täglich damit konfrontiert werden. Noch etwas ist besonders an dem Buch: Der Titel. Elsbergs frühere Bücher hatten immer ein prägendes Wort – Blackout, Zero, Helix, Gier – und einen Untertitel. „Der Fall des Präsidenten“ hat weder das eine noch das andere. Abgesehen davon wird im Buch gegendert, allerdings nicht konsequent. Einmal heißt es „Demonstranten“, dann liest man wieder die geschlechtsneutrale Version „Demonstrierende“

Warum jetzt plötzlich ein Justizthriller, nachdem Elsbergs Bücher bisher immer in der Technik und Wissenschaft daheim waren? Schon bei „Gier“ behandelte er mit der Wirtschafts- und Finanzkrise ein Thema, das der Politik nahe war – mit „Der Fall des Präsidenten“ rückt er der Politik noch näher; genau genommen ist das Buch ein halber Polit-Thriller. Der Schritt zur internationalen Rechtsprechung ist da nur ein Katzensprung. Auch wenn die Thematik teilweise wie eine Uni-Vorlesung wirkt, weil es zeitweise um den American Service-Members’ Protection Act und den Rom-Statut und was weiß ich für Statuten geht, ist die Atmosphäre eine interessante. Und sie wirkt horizonterweiternd – aber das tun eigentlich alle Texte von Elsberg – auch wenn es nur ein Post auf Instagram ist.

Die Erzählweise finde ich manchmal etwas hektisch. Ohnehin sind die Kapitel nicht sehr lang, trotzdem wechseln die Szenen ständig. Fünf Zeilen Text zu einer Szene – Schnitt zur nächsten Szene – wieder fünf Zeilen – Schnitt – und zur nächsten Szene. Zumindest gefühlt. Das war mir manchmal etwas zu hektisch. Fast cineastisch. Etwas mehr Unaufgeregtheit hätte dem Buch gutgetan.

Daten zum Buch 

Autor: Marc Elsberg
Titel: Der Fall des Präsidenten
Seiten: 608
Kapitel: 98
Erschienen am: 1. März 2021
Verlag: Blanvalet
ISBN: 978-3764510473
Preis Print: 23,55 Euro
Preis Digital:19,99 Euro
(Preise können abweichen)

Rezensionsexemplar

[Rezension] Mo Ruby: Abi 95

Auf dem Friedhof einer westerwälder Kleinstadt findet man bei Erdarbeiten die Leiche einer jungen Frau, die seit ihrem Abiball im Jahr 1995 vermisst wird. Clara Friedrichs, Anwältin und kleine Schwester der ehemals besten Freundin der Toten, reist zur Bestattung an den Ort ihrer Jugend, wo sie erstmals seit 25 Jahren wieder auf die ehemaligen Mitschüler trifft. Zusammen mit dem Journalisten Veit Windeck begibt sich Clara auf Spurensuche in der Vergangenheit und muss schnell erkennen, dass ihr eigenes Schicksal eng mit den damaligen Ereignissen verwoben ist.

Was geschah tatsächlich in der Nacht des Abi-Balls? Warum ist das Verhältnis zu ihrer Schwester seit diesem verhängnisvollen Abend so gestört? Und warum scheint keiner der damaligen Mitschüler ein ernsthaftes Interesse an der Aufklärung des rätselhaften Falles zu haben? (Offizieller Klappentext)


1995 war ich die meiste Zeit neun Jahre, also noch keine Rede von Abi. An konkrete Ereignisse aus dem Jahr kann ich mich nicht erinnern. Dennoch habe ich die 1990er in guter Erinnerung, was auch der Grund war, warum ich Mo Rubys Rezensionsanfrage innerhalb kurzer Zeit mit Ja beantwortet habe. Ich habe ein Buch erwartet, in dem man immer wieder ins Jahr 1995 zurückreist, und das passiert auch – zumindest im ersten von insgesamt vier Teilen.

Der Journalist Veit Windeck vom „Westerwälder Tagesboten“ bekommt von seinem Chef das Bild einer Leiche, die ein Friedhofswärter ausgebuddelt hat, als dieser ein Grab ausheben wollte, in die Hand gedrückt. Er soll herausfinden, was es damit auf sich hat, warum sie dort lag, und wer sie ist. Wer das rund 20-jährige Mädel ist, kommt schnell heraus, denn die Tote war stadtbekannt. Susanna war eine Schönheit und konnte jeden haben, und genau das nutzte sie auch aus.

Clara ist die zweite Protagonistin. Sie hat es geschafft. Top-Job, Top-Klamotten, Top-Leben – denkste. Tatsächlich hat sie ihren Job und ihren Mann gerade vor ein paar Tagen verloren. Um sich abzulenken, besucht sie ihre Schwester Frederike, mit der sie früher ziemlich dicke war – bis Frederike sie verraten hat, als sie von Daheim auszog. Seitdem besteht eine gewisse Distanz zwischen ihnen. Tatsächlich ist da noch wesentlich mehr zwischen ihnen.

Ich denke, jeder hatte dieses eine Mädel oder diesen einen Jungen in der Schule, die oder der einfach jeden haben konnte. Deshalb wird sich vermutlich jeder von uns mit dem Setting des Buches identifizieren können. Das allein, plus der Spannungsbogen, der direkt im kurzen Prolog gespannt wird, müsste reichen, um den Leser an das Buch zu fesseln. Abgesehen davon ist das Buch eine Zeitreise, denn dieses Buch atmet die 1990er – auch wenn der Haupt-Plot im coronafreien 2019 spielt. Ich hatte einen unglaublichen Spaß mit dem Buch, vor allem, weil man direkt im Prolog auch den passenden Soundtrack in die Hand gedrückt bekommt – R.E.M. Ich habe ab dann R.E.M rauf und runter gehört und es passt zu diesem Buch wie der viel zitierte Arsch auf den Eimer – zumindest bis zur Hälfte des Buches.

Während es im ersten Teil um das Wie und Warum geht, wird das Buch im zweiten Teil zum Whodunit-Thriller. Denn am Ende des ersten Teils gibt es einen neuen Mord und einen Suizid. Es gibt keine Rückblenden mehr und Clara arbeitet nun mit dem Journalisten Windeck daran, die ganzen Todesfälle aufzuklären  – nachdem sie gemeinsam in der Kiste waren. Der zweite Teil wirkt fast wie ein anderes Buch, die erste Leiche rückt in den Hintergrund. Klar gehört alles irgendwie zusammen und es passt auch irgendwie, aber irgendwie dann auch wieder nicht. Dann gibt es noch einen dritten Teil, den man eigentlich auch in den zweiten integrieren hätte können, und schließlich gibt es noch einen vierten Teil, der überhaupt nur aus einem Kapitel besteht – äh, okay?!

Ruby baut sich im ersten Teil eine wunderbare Handlung mit viel Atmosphäre auf, um es im zweiten, dritten und vierten Teil wieder ein bisschen zu zerstören. Das ist schade, denn der erste ist grandios, damit füttert man Leser für potentielle weitere Bücher an, weil vermutlich nicht nur bei mir eine Menge Erinnerungen aus der Vergangenheit hochkommen; und damit verbundene Emotionen. Und wenn eines ein Türöffner und Quotenbringer ist, dann Emotionen. Ich hatte dennoch Spaß mit dem Buch, weil der Schreibstil zum Weiterlesen animiert, aber die Aufbereitung finde ich etwas unglücklich.

Daten zum Buch 

Autor: Mo Ruby
Titel: Abi 95
Seiten: 377
Kapitel: 114
Erschienen am: 17. Januar 2021
Verlag: –;
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Rezensionsexemplar

[Rezension] Peter James: Der absolute Beweis

Die Stimme des Anrufers klang gehetzt, ganz offensichtlich hatte der Mann Todesangst. »Ich versichere Ihnen, ich bin nicht verrückt, Mr. Hunter. Mein Name ist Dr. Harry F. Cook. Ich weiß, dass sich das jetzt verwirrend anhören muss, aber ich habe den 100-prozentigen Beweis für die Existenz Gottes erhalten«.

Fast hätte Investigativ-Reporter Ross Hunter den Anruf nicht entgegen genommen, der so nachhaltig sein Leben verändern sollte. Doch die Stimme von Dr. Harry F. Cook war so eindringlich, dass er sich ihr nicht entziehen konnte. Der Wissenschaftler behauptete, er habe den eindeutigen Beweis für die Existenz Gottes gefunden. Und Ross Hunter sei ein seriöser Reporter, der seine Botschaft in die Welt tragen sollte.
Doch wie würden die Konsequenzen aussehen? Was würde der Vatikan dazu sagen? Die Moslems? Die Hindus? Aber auch für die Atheisten hätte das enorme Konsequenzen, ganz zu schweigen von den Evangelikalen, den Predigern, deren Heilsversprechen ihnen großen Reichtum bescherten. Als Ross Hunter weiter recherchiert, wird ihm schnell klar, dass es einige Menschen gibt, die die Existenz Gottes nicht bewiesen haben möchten und deshalb auch vor Mord nicht zurückschrecken, Harry F. Cook war nur der Erste… (Offizieller Klappentext)


„Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?“ Die Gretchenfrage aus Goethes „Faust“ beschäftigt die Menschheit seit Jahrhunderten – was mich betrifft: Ich glaube nicht an Gott und bin vor elf Jahren aus der Kirche ausgetreten. Dennoch finde ich Religion faszinierend. Ich wurde durch Dan Browns „Sakrileg“ gewissermaßen „thrillerfiziert“, seitdem hat der Vatikan mit seinem Zensuswahlrecht, bei dem unter seinesgleichen ausgemacht wird, wer der neue Papst wird und den die Glaubensgemeinschaft gefälligst zu akzeptieren hat, obwohl sie weiß Gott (!) wie viele Millionen in die katholische Kirche buttert, etwas Faszinierendes für mich. Deshalb habe ich zum neuesten Buch von Peter James gegriffen und wurde nicht enttäuscht – aber auch nicht ganz zufrieden gestellt.

Ross Hunter ist Investigativjournalist, der zu Beginn des Buches nichts ahnend ins Fitnesscenter geht und kurz darauf zusammenbricht, ohne zu wissen, warum – gut, möglicherweise liegt es daran, dass er sich am Abend zuvor wie jede Woche mit seinen Kollegen nach der Arbeit bei der Zeitung „Argus“ das Hirn hinausgesoffen hat. Aber er glaubt etwas anderes, denn kurz darauf erfährt er, dass sein Zwillingsbruder – den er nie leiden konnte – bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist. Das ist der Aufhänger des Buches, denn kurz darauf ruft Dr. Harry F. Cook bei Ross an und teilt ihm mit, dass er den namensgebenden absoluten Beweis für die Existenz Gottes habe – ein fundamentalistischer Spinner, der in seiner Pension zu viel Zeit hat? Vielleicht. Ross trifft ihn trotzdem und spürt der Sache nach, auch wenn ihm seine Frau Imogen, die ihn während seines Aufenthalts in Afghanistan betrogen hat und jetzt von weiß wem schwanger ist, von diesem Auftrag abrät. Wobei ich mich sowieso von Anfang an gefragt habe, warum er nicht schon längst die Scheidung eingereicht hat, denn so wirklich vertrauen will er ihr ohnehin nicht mehr, seit er sie in flagranti erwischt hat.

Peter James erhielt 1989 tatsächlich einen Anruf von jemanden, der meinte, er hätte den absoluten Beweis für die Existenz Gottes, weshalb er begann, an einem Buch darüber zu arbeiten. Als er bei Dan Browns Megabestseller „Sakrileg“ merkte, dass flotte Thriller über Religionsthemen ein Publikum finden, hat er sich gedacht, dass er ernsthaft weiter daran arbeiten sollte. Das tat er mit Unterstützung seiner Frau. Und herausgekommen ist ein Pageturner, der Spaß macht, wenn man sich einigermaßen für Religion erwärmen kann.

Die Kapitel werden von Datumsangaben eingeleitet, was ich zugegebenermaßen für genau so sinnlos erachte wie Kapiteltitel – ich lese sie zwar, vergesse es aber sofort wieder, weil mir die Handlung wesentlich wichtiger ist. Ross selbst ist weder sympathisch noch unsympathisch – er untersucht das Thema einerseits aus journalistischem Interesse, andererseits aber – und das macht ihn mir dann doch etwas unsympathisch – nur deshalb, weil Cook ihm erzählt hat, dass er ein Medium angerufen hätte. Dieses Medium habe dann plötzlich eine Nachricht von Ross’ verstorbenem Bruder erhalten. Ross agiert also eigentlich aus rein persönlichem Motiv. Und irgendwie kann ich Imogens Vorwurf an Ross, dass er egoistisch sei, nachvollziehen – auch wenn sie mir sonst ziemlich unsympathisch ist. Gegen Ende rutscht die Handlung ins Paranormale ab und hat mich dann etwas an Stephen King erinnert. Gleichzeitig findet der Autor bei der Auflösung einen guten Kompromiss, um keine Menschengruppe zu verärgern (um es mal so vage wie möglich auszudrücken).

An manchen Stellen war mir das Buch etwas zu technisch, und ich fand es auch etwas theatralisch, dass immer gesagt wird, dass Ross die Welt retten will – ich glaube eher, dass das Gegenteil der Fall wäre, wenn die Existenz Gottes bewiesen würde.

Daten zum Buch 

Autor: Peter James
Titel: Der absolute Beweis
Originaltitel: Absolute Proof
Übersetzung: Irmengard Gabler
Seiten: 592
Kapitel: 146 (+ Epilog)
Erschienen am: 24. Februar 2021
Verlag: FISCHER Scherz
ISBN: 978-3651025776
Preis Print: 16,67  Euro
Preis Digital: 4,99 Euro
(Preise können abweichen)

Rezensionsexemplar

[Rezension] Kendra Elliot: Die verschollene Schwester (Columbia River – Band #1)

Vor zwanzig Jahren wurde Emily Mills’ Vater brutal ermordet. Dass der Mörder gefasst wurde, ist kaum ein Trost, denn die Tragödie trieb Emilys Mutter in den Selbstmord und ihre ältere Schwester Tara verschwand über Nacht aus der Stadt.
Als ein Mord mit ganz ähnlicher Handschrift geschieht, ist Emily wieder die Erste am Tatort. Zufall? Agent Zander Wells vom FBI ermittelt. Fasziniert von der zerbrechlichen Emily, taucht er tief in die Geschichte ihrer Familie und die dunklen Geheimnisse der kleinen Stadt ein. Mit lebensgefährlichen Folgen … (Offizieller Klappentext)


Zander Wells ist FBI-Agent in Portland, USA. Gemeinsam mit seiner Kollegin, von der er einmal etwas wollte, die aber demnächst jemand anderen heiraten wird, wird er in ein kleines Kaff gerufen, in dem schon vor 20 Jahren jemand aufgehängt wurde. Jepp, aufgehängt, das klingt nach grauer Vorzeit, in denen Menschen öffentlichkeitswirksam am Galgen ihren Tod fanden. Vor 20 Jahren fand Emilys Vater so seinen Tod, kurz später suizidierte sich auch noch ihre Mutter – und um die Tragödie perfekt zu machen, verschwand ihre ältere Schwester Tara auch noch spurlos. Seitdem wohnt Emily mit ihrer Schwester Madison bei ihren drei Großtanten, die so chaotisch wie Tick, Trick und Track sind – aber ebenso liebenswert. Emily fand das nun getötete Ehepaar Sean und Lindsay. Sean war schwarz und hat ein bekanntes Zeichen des Ku-Klux-Klan in die Stirn geritzt. Ein Mord mit rassistischem Hintergrund oder lediglich ein Ablenkungsmanöver? Zander Wells und seine Kollegin Ava McLane stehen vor einer kniffligen Aufgabe.

Diese – zumindest im deutschsprachigen Raum – neue Reihe von Kendra Elliot ist ein Spin-off der sehr erfolgreichen und mir trotzdem unbekannten Callahan-&-McLane-Reihe, in der Zander Wells offenbar ein paar Auftritte hat. Und ich habe mich während des Lesens gefragt, warum man fast nichts über Ava erfährt – dafür muss man wohl die oben genannte Reihe lesen. Das ist clever gedacht von Elliot und ihre Stammleser werden dem bestimmt nachkommen – ich allerdings mit ziemlicher Sicherheit nicht.

Das Buch fängt zwar flott und spannend an, und die Familiengeschichte von Emily, Madison und deren Großtanten ist auch interessant – aber die Geschichte wird irgendwann träge und beliebig. Austauschbar. Man kann das Buch schon lesen und es wird durch eine ausgeklügelte Denkweise seitens Kendra Elliot, die auch Psychothriller-Elemente einbaut, nahezu unmöglich, diesen Fall als Leser zu lösen. Das ist schon stark gemacht von der Autorin, aber die Geschichte an sich bietet durch die Charaktere und die Machart abseits von der Auflösung nicht viel Neues.

Was mir ebenfalls etwas sauer aufgestoßen ist, ist, dass die ganzen jüngeren Frauen im Buch alle durchgängig attraktiv und hübsch sind – über die Männer und deren Optik äußert sich Elliot gar nicht. Geschlechtergerechtigkeit perdu, und das im 21. Jahrhundert. Das erinnert schwer an Honeymoon von Harlan Coben, nur dass dessen Buch aus den 1980ern stammt. Das hätte man durchaus moderner gestalten können.

Die Dorfidylle hat allerdings etwas für sich, Gerüchte über einen rassistisch motivierten Mord passen perfekt in solch ein Setting. Auch das Diner, das Emily mit ihrer Schwester betreibt, ist durchaus stimmig und die Familiengeschichte mit der riesigen Villa, in der die drei Großtanten mit ihren Großnichten wohnen und um die sich einige Mythen ranken, verströmt etwas Gruseliges. Das passt alles ganz gut, und trotzdem will nie wirklich eine richtige Atmosphäre aufkommen. Vielleicht kommt die in den nächsten Teilen – es gibt bereits vier, allerdings wurde bis jetzt nur der erste ins Deutsche übersetzt –, hier will es nicht wirklich gelingen.

Daten zum Buch 

Autor: Kendra Elliot
Titel: Die verschollene Schwester
Originaltitel: The Last Sister
Übersetzung: Astrid Becker
Seiten: 373
Kapitel: 39
Erschienen am: 9. Februar 2021
Verlag: Edition M
ISBN: 978-2496705041
Preis Print: 7,99 Euro
Preis Digital: 2,49 Euro
(Preise können abweichen)

Rezensionsexemplar

[Rezension] Lars Kepler: Der Spiegelmann (Joona Linna — Band #8)

Eine Schülerin verschwindet auf dem Heimweg spurlos. Jahre später wird sie auf einem Spielplatz mitten in Stockholm ermordet aufgefunden. Das Mädchen hängt an einem Klettergerüst. Wer tut so etwas? Kommissar Joona Linna ist von der Kaltblütigkeit des Täters alarmiert. Ein ungewöhnlicher Mord, eine Hinrichtung. Eine Machtdemonstration.
 Das Mädchen ist wahrscheinlich nicht das einzige Opfer. Als es gelingt, einen Mann aufzuspüren, der den Mord gesehen haben muss, ist der Zeuge nicht in der Lage, darüber zu sprechen. So traumatisch sind offenbar seine Erinnerungen. Jonna Linna bittet Erik Maria Bark, den Hypnotiseur, um Hilfe … (Offizieller Klappentext)


Ein schwedischer Thriller wieder mal – back to the roots für mich. Einer der ersten Thriller-Reihen, die ich gelesen habe, spielte in Schweden und hörte auf den Namen Wallander. Die Skandinavier mit ihren haarsträubenden und blutigen Morden – das ist ein Markenzeichen. Lars Kepler bietet aber nicht nur das, sondern macht ein mash up aus Wodunut- und Psychothriller – und das hat mich sofort gehookt. „Der Spiegelmann“ ist der achte Teil der Joona-Linna-Reihe und war der Erste für mich, weshalb ich nicht sagen kann, ob das generell der Kniff der Reihe ist.

Die Geschichte beginnt fünf Jahre vor der eigentlichen Handlung. Eleonora muss zusehen, wie ihre Freundin und offensichtlich ihr love interest in einen Lkw gezogen und entführt wird. Danach erleben wir Martin und seine Tochter* Alice, die angeln gehen. Martin kommt danach mit einem psychischen Schaden ins Krankenhaus – Alice ist wie vom Erdboden verschluckt. Insgesamt spielen sechs von insgesamt 98 Kapitel in der Vergangenheit. Danach dauert es eine Weile, bis Joona Linna – bei dem ich davor dachte, er sei eine Frau, weil Frauennamen in den westlichen Ländern oft mit A enden – endlich auf die Bühne tritt, und noch länger, bis er den Fall übernimmt. Mich würde die Geschichte des gebürtigen Finnen interessieren, aber ehrlich gesagt bezweifle ich, dass ich die anderen sieben Teile nachhole.

Danach rushen wir durchs Buch, als gäbe es keine Geschwindigkeitsbegrenzung, erleben Martin, wie er mehrmals hypnotisiert wird und mit seinen Wahnvorstellungen zurechtkommt. Wir erleben, wie sich Pamela – Martins Frau – selbst diszipliniert und aufhört, Alkohol zu trinken, weil sie Mia adoptieren will. Bis die schließlich auch entführt wird. Und wir erleben die Entführer, die einsam im Nirgendwo leben und sich einen Hort von jungen Frauen hält, weil Cäsar, wie der Täter heißt, zwölf Jünger haben will. Und wir erleben Cäsars Mutter, die christliche Fundamentalistin, die gerne mal gegen die zehn Gebote verstößt und ein Mädchen tötet oder ihr zumindest die Füße absägt, wenn es versucht, zu fliehen.

„Der Spiegelmann“ ist zweifelsohne blutrünstig — oder eben typisch schwedisch. Ich muss das mittlerweile nicht mehr haben, weil es mir allein beim Gedanken daran, dass jemanden die Füße abgesägt werden, alles zusammenzieht, aber der ganze Rest – die Spannung, das Tempo und diese Kurzweiligkeit –, findet man in dieser geballten Form sehr selten.

Iich bin mir nicht sicher, ob es seine leibliche Tochter ist.

Daten zum Buch 

Autor: Lars Kepler
Titel: Der Spiegelmann
Originaltitel: Joona Linna 8
Übersetzung: Susanne Dahmann
Seiten: 624
Kapitel: 98 (+ Epilog)
Erschienen am: 27. November 2020
Verlag: Lübbe
ISBN: 978-3785727041
Preis Print: 21,59 Euro
Preis Digital: 14,99 Euro
(Preise können abweichen)

[Rezension] Ruth Ware: Hinter diesen Türen

Es schien der ideale Job zu sein: Rowan Caine ist überglücklich, als sie die Stelle als Kindermädchen in einem einsam gelegenen Haus in Schottland bekommt – bei einer perfekten Familie mit vier Töchtern. Doch in kürzester Zeit wird der vermeintliche Traumjob zum absoluten Albtraum. In dem Haus, das eine denkmalgeschützte Fassade hat und – im krassen Gegensatz dazu – innen mit einer High-Tech-Ausstattung aufwartet, geschehen beängstigende, unerklärliche Dinge. Rowan fühlt sich ständig beobachtet, nicht nur von den Überwachungskameras, die in jedem Zimmer hängen. Auch das Verhalten der Kinder wird immer seltsamer. Bis es einen schrecklichen Todesfall gibt – und Rowan unter Mordverdacht gerät. (Offizieller Klappentext)


Ruth Ware wollte schon immer eines ihrer Bücher in den schottischen Highlands spielen lassen, doch da sich die Bestseller-Autorin mit schottischen Wurzeln beim Polizeisystem Schottlands nicht auskennt, hat sie sich bis jetzt nicht daran getraut. „Hinter diesen Türen“ spielt nun in den Highlands – die Polizei findet dabei nur am Rande statt, denn das Buch folgt den Regeln der alten britischen Schauergeschichten. Doch das Buch lässt deutschsprachige Leser auch an Goethe denken.

Rowan Caine ist hellauf begeistert, als sie im Internet stöbert und die Anzeige sieht, die besagt, dass in den schottischen Highlands eine Nanny gesucht wird. Das Architekten-Ehepaar Sandra und Bill Elincourt haben vier Kinder und ist berufsbedingt oft auf Reisen, weshalb Rowan ihr Glück kaum fassen kann — obendrein ist das Gehalt astronomisch. Von London in die Highlands zu ziehen gleicht zwar einem Kulturschock, aber sie will ja nicht ihr Leben dort verbringen, also bewirbt sie sich. Zumal ihr die Kolleginnen in der Kita, in der sie momentan noch arbeitet, ständig auf den Zeiger gehen. Rowan hat gute Referenzen, von denen auch die Elincourts begeistert sind, weshalb sie sie zu sich aufnehmen. Womit Rowan nicht gerechnet hat, ist die Technik im Haus. Überall hängen Kameras, die Rollos gehen nur über ein Touchpanel auf und zu und selbst die Dusche ist gewöhnungsbedürftig. Dabei sieht das Haus von außen gar nicht so neu aus. Dass das Ehepaar nach nur einem Tag und nicht wie besprochen nach einer Woche zu einer Messe fährt, macht das Ganze nicht besser. Rowan ist völlig überfordert. Nicht nur mit der Technik, in die sie kaum eingewiesen wurde, sondern auch mit den Kindern, die Rowan alles andere als herzlich empfangen.

Zu Beginn des Buches erfahren wir, dass Rowan im Gefängnis sitzt. Sie schreibt einem gewissen Mr Wrexham, seines Zeichens Anwalt. Er soll ihr helfen, sie da rauszuholen, denn sie hat das Kind nicht getötet. Welches Kind? Das ist der Spannungsbogen von „Hinter diesen Türen“, der quasi mit dem ersten Satz gezogen wird. Doch Rowan schreibt Mr Wrexham nicht nur eine Seite, nicht zwei, sondern über 300. Das Buch ist ein einziger Brief, was mich sofort an Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ denken ließ, nur dass das Genre ein ganz anderes ist. Im Englischen heißt das Buch „The Turn of the Key“, was eine Abwandlung von Henry James’ „The Turn of the Screw“ ist. „Hinter diesen Türen“ wirkt wie eine Neuinterpretation von James’ Geschichte – der Originaltitel ist deshalb gut gewählt. Ruth hat sich in ihrem Englisch-Studium allerdings auch auf alte und mittelalte englische Texte spezialisiert – es wäre also ein Wunder, wenn sie „The Turn of the Screw“ nicht kennen würde .

Allerdings ist ihre Interpretation gut umgesetzt, sie vermischt althergebrachtes mit neuem, genau so ist auch das Haus der Elincourts gebaut – ein Teil ist alt, der andere neu. Sie vermengt das alles und präsentiert uns ein Buch, das nicht nur page-turning-Qualitäten hat, sondern auch fabulös durchdacht ist, denn gegen Ende überschlagen sich die Ereignisse und ich saß nicht nur einmal mit offenem Mund da, weil ich nie im Leben mit solchen Enthüllungen gerechnet hätte. Zwischendurch dachte ich schon „Eine Gruselgeschichte – na ja“. Ich war zugegeben etwas skeptisch, weil ich noch nie für Gruselgeschichten empfänglich war. Ich hatte eher damit gerechnet, dass es, wie „Die App“ von Arno Strobel, ein Smart-Home-Thriller ist – ist es teilweise auch, aber nicht nur. Ruth Ware hat „The Turn of the Screw“ gut ins 21. Jahrhundert gebracht – was mir allerdings nicht so gefällt, ist, dass sie die – zugegeben nicht allzu sympathische – Rowan in die Opferrolle drängt. Das ist mittlerweile etwas antiquiert, wenn sie immer wieder James, das „Mädchen für alles“ des Hauses, sucht und sich bei ihm ausheult. Man merkt natürlich ab Seite eins, dass die beiden irgendwann im Bett landen, so laut wie es zwischen ihnen knistert. Abgesehen davon ist „Hinter diesen Türen“ ein gutes Buch, bei dem man allerdings mit einem relativ offenen Ende rechnen muss.

Daten zum Buch 

Autor: Ruth Ware
Titel: Hinter diesen Türen
Originaltitel: The Turn of the Key
Übersetzung: Stefanie Ochel
Seiten: 468
Kapitel: 45
Erschienen am: 28. Dezember 2020
Verlag: dtv
ISBN: 978-3423262712
Preis Print: 15,90 Euro
Preis Digital: 12,99 Euro
(Preise können abweichen)

Rezensionsexemplar

[Rezension] Andreas Gruber: Die Knochennadel (Peter Hogart – Band #3)

Eigentlich wollte der Wiener Privatdetektiv Peter Hogart nur einen Kurzurlaub in Paris verbringen. Doch dann verschwinden bei einer exklusiven Auktion in der Opéra Garnier plötzlich seine Freundin, die Kunsthistorikerin Elisabeth, sowie eine mittelalterliche Knochennadel – ein nahezu unbezahlbarer Kunstgegenstand. Wenig später werden zwei Antiquitätenhändler grausam ermordet, und für Hogart beginnt eine fieberhafte Jagd. Denn diese Morde sind nur der Anfang, und Hogart bleibt wenig Zeit, Elisabeths Leben zu retten und das Rätsel um die geheimnisvolle Knochennadel zu lösen … (offizieller Klappentext)


Peter Hogart ist wieder da! Nach zwölf Jahren erschien der dritte Teil der Peter-Hogart-Reihe, nachdem die Vorgänger „Die schwarze Dame“ und „Die Engelsmühle“ vom Goldmann Verlag neu aufgelegt wurden. Das Manuskript dafür lag schon eine Weile in Grubers Schublade, wie er mir vor zwei Jahren in einem Interview verraten hat – dass es solange bis zur Veröffentlichung dauerte, lag an vertraglichen Details.

„Die Knochennadel“ spielt 2 ½ Jahre nach der „Engelsmühle“ und eigentlich wollte Hogart mit seiner neuen Lebensgefährtin Elisabeth und seiner Nichte Tatjana einen gemütlichen Urlaub machen – Elisabeth sollte nur die Versteigerung einer antiken Knochennadel abwickeln und dann sollte es zum Sightseeing gehen – aber natürlich kommt alles anders, denn schließlich schreibt Gruber Spannungsromane und keine Tourismusführer. Elisabeth verschwindet, und irgendwann verschwindet auch noch Tatjana, die 19-jährige Polizeischülerin, die selber mal Detektivin werden will. Blöd gelaufen für den 45-jährigen Versicherungsdetektiven, statt Urlaub gibts einen Arsch voll Arbeit mit ungewissem Ausgang.

Andreas Gruber ist für seine Maarten S. Sneijder Reihe bekannt und ist damit berühmt und erfolgreich geworden. Die Hogart-Reihe ist meiner Meinung nach einer der schwächeren Reihen Grubers, ich kann aber auch verstehen, wenn Gruber mal was anderes als die Sneijder-Reihe schreiben will, denn da erwartet man eine gewisse Qualität, die Gruber natürlich auch liefern will – manchmal geht das aber nicht. Bedeutet aber nicht, dass „Die Knochennadel“ schlecht ist, aber sie ist definitiv anders, Peter Hogart ist nicht so markant, steht meiner Meinung nach nicht mal im Zentrum der Reihe. Es stehen eher die Städte im Mittelpunkt – Prag im ersten Teil, Wien im zweiten und jetzt Paris. Das sind Städte mit Kultur, Geschichte, und ich bin jetzt schon gespannt, wohin es den Versicherungsdetektiven im nächsten Teil verschlägt. Hauptdarsteller ist für mich auch nicht der relativ blasse Hogart, sondern die namensgebende Knochennadel. Die Hogart-Reihe hat durch die Städte und die Kultur auch irgendwie etwas von einem Dan Brown – statt Schweinsschnitzel jagt Hogart aber eher veganes Schnitzel, denn irgendwie fehlt mir etwas bei der Reihe, das ich nicht ganz fassen und benennen kann. Ich habe auch ewig an dem Buch gelesen – insgesamt fast zwei Wochen – und ich war auch froh, als ich endlich durch war. 600 Seiten waren definitiv zu viel, 200 Seiten vor Ende beginnt der Showdown und es zieht sich ab dann so dermaßen in die Länge. Und wenn man glaubt, dass es jetzt erledigt ist, folgt noch ein Showdown. Das ist einfach zu viel – Gruber hätte sich lieber ein paar Ideen für einen etwaigen nächsten Teil aufgehoben.

Was ich auch seltsam fand, war, dass Gruber als Füllelement öfter den Satz „Irgendwo bellt ein Hund“ benutzt hat. Es gibt in einer der großen Bücherforen einen Thread, in denen dokumentiert wird, in welchen Büchern dieser Satz fällt – er ist also fast ein Literatur-Meme — das entbehrt nicht einer gewissen Komik.

Was mir auch sauer aufgestoßen ist, war die gerne benutzte Formulierung „Person xy ist an den Rollstuhl gefesselt“, die Gruber öfter verwendet. An alle Menschen da draußen, die das hier lesen: Schreibt das bitte nicht. Sagt es auch nicht. Streicht es aus eurem Wortschatz, so diese Formulierung sich darin befindet. Wenn man jemanden an einen Rollstuhl fesselt, ist es in erster Linie eine Straftat, falls man nicht gerade auf Bondage steht oder Entfesselungskünstler ist. Anderenfalls befreit den Menschen, falls ihr irgendwen seht, der mit einem Seil oder sonst etwas an einen (Roll)Stuhl gefesselt ist.

Und jetzt ernsthaft: Ein Rollstuhl ist ein Beinersatz, eine Erleichterung im Alltag, und in erster Linie etwas, wofür man dankbar sein sollte, weil man sich damit trotz einer temporären oder permanenten Behinderung bewegen kann. Wenn jemand mit Krücken geht, sagt auch niemand, dass er oder sie an Krücken gefesselt ist. Deshalb sollte man den Rollstuhl positiv konnotieren, denn „an den Rollstuhl gefesselt“ wirkt für mich stigmatisierend und diskriminierend. Es wirkt mitleidserregend, nach dem Motto „Der arme Mensch kann nicht gehen — oje oje“, und das verachte ich zutiefst, weil man nicht arm ist, wenn man im Rollstuhl sitzt. Die Gesellschaft sollte im 21. Jahrhundert  etwas weiter sein. Denkt etwas bunter und nicht so eindimensional.

Daten zum Buch 

Autor: Andreas Gruber
Titel: Die Knochennadel
Seiten: 608
Kapitel: 83 (+ Epilog)
Erschienen am: 14. September  2020
Verlag: Goldmann
ISBN: 978-3442490714
Preis Print: 10,99 Euro
Preis Digital: 9,99 Euro
(Preise können abweichen)

[Rezension] Frank Kodiak: Amissa – Die Verlorenen (Jan und Rica Kantzius – Band #1)

In einer regnerischen Herbstnacht werden die Privatdetektive Rica und Jan Kantzius Zeugen eines grauenhaften Zwischenfalls an einer Autobahn-Raststätte: Ein panisches Mädchen rennt direkt auf die Fahrbahn und wird von einem Auto erfasst, jede Hilfe kommt zu spät. An der Raststätte findet sich die Leiche eines Mannes, der das Mädchen offenbar entführt und sich dann erschossen hat.
Die Privatdetektive stellen Nachforschungen an und finden heraus, dass es weitere Teenager gibt, die auf ähnliche Weise kurz nach einem Umzug verschwunden sind. Eine Spur führt zu „Amissa“, einer Hilfsorganisation, die weltweit nach vermissten Personen sucht und für die Rica arbeitet. Plötzlich ist nichts mehr wie es war, und Rica und Jan kommen Dingen auf die Spur, von denen sie lieber nie gewusst hätten. (Offizieller Klappentext)


Das Ehepaar Kantzius hat sich einer Aufgabe verschrieben: Vermisste Menschen finden und heimbringen. Rica arbeitet deshalb bei Amissa, eine Organisation, die von einem reichen Schweizer ins Leben gerufen wurde, dessen Kind selbst mal als vermisst galt. Rica kommt ursprünglich aus der Karibik und hat ihrerseits eine traumatisierende Vergangenheit, von der sie bis heute Albträume hat. Sie ist eine Frau, die mit dem Computer umgehen kann, ein Nerd ist und sich innerhalb kürzester Zeit in andere PCs hacken kann – dafür hat sie keine Ahnung von Popkultur.

Jan ist das Gegenteil von Rica. Der ehemalige Polizist ist – im Gegensatz zu Rica, die klein und schwarz ist – groß und weiß. Er ist fünfzehn Jahre älter als seine Frau und gilt als Ricas Retter. Seine Nemesis ist Arthur König, genannt King Arthur (sein ehemaliger Kollege bei der Polizei), und seine Frau sagt über ihn, dass er seinen Hund Ragna mehr liebt als sie. Das Paar ist wie Yin und Yang — sie ergänzen sich prima.

Zukünftig nehme ich mir vor, etwas mehr zu recherchieren, bevor ich mir ein Buch besorge, denn hätte ich gewusst, dass Frank Kodiak ein Pseudonym von Andreas Winkelmann ist, hätte ich das Buch nicht genommen, denn ich fand „Death Book“ schon fürchterlich – und das hier ist nicht viel besser.

Insgesamt besteht das Buch aus sieben Kapitel – wobei es eher sieben Teile sind, die dann in abgezählte, relativ kurze Zwischenkapitel unterteilt sind. Kurze Kapitel, das wirkt, als könne man das Buch schnell weglesen – nö, kann man nicht. Wenn man noch nie einen Thriller gelesen hat oder selten welche liest, kann man das vielleicht. Ich hingegen lese fast nichts anderes und deshalb fand ich den ersten Teil der Amissa-Reihe mühsam und langweilig. Warum?

Es ist Einheitsbrei, da ist null Innovation. Das ist dasselbe, was wir schon zum drölftausendsten Mal gelesen haben. Ein Buch nach Schema F. Ich habe schon öfter gehört, man könne nicht für den Markt schreiben – doch, kann man. Es gibt Autoren, die genau das tun, die ein Grundgerüst haben und immer nur Namen, Schauplatz und Thema austauschen. Ohne Herz. Ohne Seele. Ohne Leidenschaft. Ohne Verve. Und Winkelmann gehört dazu. Sorry to say, aber das kotzt mich mittlerweile dermaßen an. Ich respektiere jeden Menschen, der es schafft, ein 300-Seiten-Buch zu schreiben, das ist eine riesige Leistung. Sich hinzusetzen, zu tüfteln, zu recherchieren, zu konstruieren. Aber nicht, wenn man einfach nur das Grundgerüst her nimmt und Bausteine austauscht. Das ist für mich keine elf Euro wert, dieses Buch taugt maximal für den Grabbeltisch. Das ist auch eines Bestseller-Autors, der Winkelmann ist, nicht würdig.

Dazu kommt, dass die zwei Protagonisten — Jan und Rica — alles andere als sympathisch sind, was ihre Arbeitsweise betrifft – aber man muss ja edgy sein, sonst ist man nicht cool. Da wird sich in PCs gehackt bis es kein Morgen mehr gibt; da wird nach dem Motto „Der Zweck heiligt die Mittel“ gefoltert, um Informationen zu kommen. Und wenn ein Gegner nervt, wird er kurzerhand umgebracht – teilweise sind die zwei so skrupellos, dass man nicht mehr weiß, wer die Guten und wer die Bösen sind.

Sorry, das war gar nichts.

Daten zum Buch 

Autor: Frank Kodiak
Titel: Amiss – Die Verloren
Seiten: 400
Kapitel: 7 (Unterteilt in etlichen Unterkapiteln)
Erschienen am: 2. November 2020
Verlag: Droemer TB
ISBN: 978-3426307632
Preis Print: 10,99 Euro
Preis Digital: 9,99 Euro
(Preise können abweichen)

Rezensionsexemplat

[Rezension] Roman Klementovic: Wenn das Licht gefriert

Seit 40 Jahren schon ist Elisabeth mit Friedrich verheiratet – glücklich, trotz einiger Schicksalsschläge. Auch seine Alzheimererkrankung kann ihre Liebe nicht erschüttern. Doch eines Abends ist er besonders verwirrt. Während eines TV-Beitrags über den seit 22 Jahren ungeklärten Mord an der besten Freundin ihrer Tochter gibt er Verstörendes von sich. Er erwähnt Details, die er gar nicht kennen dürfte. In Elisabeth regt sich ein schlimmer Verdacht … (Offizieller Klappentext)


Roman Klementovic kannte ich bis jetzt noch nicht. Ein österreichischer Autor, der beim Gmeiner Verlag publiziert. Jener Verlag, bei dem man die Bücher bereits am Buchcover erkennt – der Stil ist immer derselbe –, nur nicht bei diesem Buch, dessen Cover mehr nach Mainstream aussieht – und das völlig zurecht.

„Wenn das Licht gefriert“ beginnt im Jahr 1997, Anna will in ihren achtzehnten Geburtstag hineinfeiern, aber ihr Tod kommt ihr dazwischen, denn sie wird ihre Volljährigkeit nicht mehr erleben. Ihre Eltern, Thomas und Monika, sind verzweifelt, zerbrechen daran, denn selbst 22 Jahre später läuft der Mörder frei herum. Tyrannisiert die Stadt immer noch. Immer wieder greift er Menschen an – auch Elisabeth, Mutter von Annas bester Freundin Valerie, die nach Annas Tod nach London ausgewandert ist.

Die Geschichte spielt aus der Perspektive von Elisabeth, die früher Schauspielerin im Theater war. Ihre Imitationen diverser Menschen waren legendär, aber seit das Theater schließen musste, hat sie selbst darauf keine Lust mehr. Sie hat eigentlich alles verloren seit Annas Tod. Valerie weg, Job weg, und ihr Mann Friedrich verfällt seit seiner Alzheimer-Erkrankung zusehends.

Klementovic skizziert den Verfall von Friedrich über mehrere Seiten, ich nehme ihm ab, dass er sich intensiv mit dem Thema Alzheimer auseinandergesetzt hat – es wirkt fundiert. Generell mag ich den Schreibstil des Autors, ich mag, wie er die Story behutsam aufbaut und alles so präpariert, dass am Ende alle Zahnräder ineinandergreifen. Das passt alles, es ist nicht zu viel, und auf gar keinen Fall zu wenig. Er lässt die Geschichte auf einer kleinen Bühne spielen, so klein, dass es hilft, etwas Beklemmung beim Leser aufkommen zu lassen – gleichzeitig gibt er der Geschichte genug Raum zum Atmen. Aber nicht zu viel, denn zum Luftholen ist nicht viel Zeit. Man wird in kurzen Kapiteln durch die Handlung gejagt, man hetzt von einem Cliffhanger zum nächsten, manchmal nützt der Autor sie auch für einen Scherz danach. Man kann lachen, oder einfach weiterlesen. Manchmal habe ich beim Lesen gar nicht alle Wörter mitbekommen, weil ich weiter gehetzt bin. Weiter, immer weiter – Oliver Kahn hätte eine Freude. Und dann ist man am Ende und findet es schade, dass es schon vorbei ist. Das war mein erster Klementovic – aber sicher nicht der letzte.

Daten zum Buch 

Autor: Roman Klementovic
Titel: Wenn das Licht gefriert
Seiten: 349
Kapitel: 79 (+ Epilog)
Erschienen am: 9. September 2020
Verlag: Gmeiner Verlag
ISBN: 978-3839227701
Preis Print: 16 Euro
Preis Digital: 11,99 Euro
(Preise können abweichen)

Rezensionsexemplar

.[Rezension] Marc Meller: Raum der Angst (Band #1 einer Reihe)

Er nennt sich Janus. Nach dem römischen Gott der Ein- und Ausgänge. Und er kommt in der Nacht. Still, heimlich. In dein Zuhause. Er betäubt dich, nimmt dich mit und schließt dich ein, in einen kalten, dunklen Raum. Um mit dir ein Spiel zu spielen. Sein Spiel. Ein Spiel voller Rätsel. Du hast nur eine Chance diesem Albtraum lebend zu entkommen: Du musst Janus‘ Spiel spielen – und gewinnen. Zum Glück bist du nicht allein. Du hast Mitspieler. Noch denkst du, dass das ein Vorteil wäre. Bis du begreifst: Dieses Spiel erlaubt nur einen Sieger, nicht mehrere, und die Verlierer werden sterben. (Offizieller Klappentext)


Escape-Room-Thriller scheinen momentan in Mode zu sein, erst letztens erschien mit „The Escape Game“ ein solcher – jetzt der erste (?) aus Deutschland. Marc Meller, der eigentlich anders heißt, hat selber ein halbes Jahr in einem Escape Room verbracht, und meint damit das Buch, an dem er ein halbes Jahr gearbeitet hat. Während des Lesens dieses Buches hat mich eine mehrtägige Lesekrise gepackt. Normalerweise lese ich dann etwas anderes und rühre das Buch nie wieder an. Ob das hier auch der Fall war? Mal sehen.

Hannah ist Psychologie-Studentin und jobbt in einer Mexican Bar, um sich etwas dazuzuverdienen. Eines Abends sitzt ein sonderbarer Typ mit Cowboyhut an der Bar, der ständig auf sein Handy starrt. Immerhin gibt er ein üppiges Trinkgeld für das eine Bier, das er an dem Abend getrunken hat. An den restlichen Abend erinnert Hannah sich nicht, und auch der Ort, an dem sie aufwacht, ist ihr unbekannt. Es ist stockfinster und sie muss dringend auf die Toilette – was war passiert?

Meller mischt mehrere Genres, wir finden einen Whodunit-Thriller, in dem sich die Ermittler Eva Dahlhaus und Bernd Kappler um einen Mordfall kümmern. Sie finden einen Busfahrer mit durchtrennter Kehle – die Passagiere des Busses sind weg. Es waren insgesamt sieben, die bei einem Experiment des Psychologie-Professors Andreas Zargert mitmachen sollten – doch der wartet vergeblich auf seine Probanden. Das Experiment, das an solche wie Milgram oder ähnliche Sozialexperimente erinnert, macht das ganze auch irgendwo zu einem Psychothriller. Denn es gibt natürlich trotzdem ein Escape-Room-artiges Experiment, nur nicht jenes von Zargert.

Lange dachte ich, das Experiment sei eine hidden challenge und es geht in Wahrheit darum, Hannah aus ihrem Verlies zu befreien, aber nein, die 23-Jährige stößt recht bald zu den sieben und entpuppt sich recht schnell zur Leaderin der Truppe. Dann kam meine Lesekrise, zum ersten Mal seit fast 20 Jahre, plötzlich hatte ich null Bock darauf, ein Buch zu lesen; dachte, das dauert jetzt – wie damals – mehrere Wochen. Dann hätte ich das Buch mit Sicherheit nicht fertig gelesen – aber nach drei Tage war die Lethargie vorbei, ich hab weitergelesen und war sofort wieder drin.

Das Buch ist flott und die Rätsel im Escape Room wirken auch hochwertig in dem Sinne, dass es keine 08/15-Rätsel sind. Im Nachwort erfährt man auch, wieso. Die Charaktere weisen allerdings keine besondere Tiefe auf, das wird aber auch schwer bei solch einer Fülle an Figuren.

Am Ende ahnt man, dass „Raum der Angst“ nicht das einzige Buch von Meller in dem Kosmos bleiben wird. Ich bin schon gespannt, was der Autor uns dann bieten wird.

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Daten zum Buch 

Autor: Marc Meller
Titel: Raum der Angst
Seiten: 385
Kapitel: 54 (+ Epilog)
Erschienen am: 31. August2020
Verlag: Ullstein
ISBN: 9783548063805
Preis Print: 10,99 Euro
Preis Digital: 9,99 Euro
(Preise können abweichen)