[Rezension] Camilla Läckberg: Golden Cage – Die Rache einer Frau ist schön und brutal. (Golden Cage Reihe – Band #1)

Faye hat eigentlich alles, sie muss nicht arbeiten, nicht einkaufen gehen, sie muss nur atmen, um zu überleben – bis sie merkt, dass sie mehr will. Vor allem mehr von Jack, ihrem Mann. Jenem Mann, dem sie all das zu verdanken hat. Sie versucht alles, um seine Aufmerksamkeit zu bekommen, doch jeder Versuch scheitert. Gestresst, keine Zeit, keine Lust, Arbeit – das sind seine Ausreden. Als ihre Tochter ihr auch noch sagt, dass ihr Vater gesagt hätte, dass sie fett sei, bricht für Faye eine Welt zusammen. Als sie ihn eines Tages in flagranti mit einer anderen erwischt, wacht sie auf und schwört sich, dass sie Jack brechen wird …


„Golden Cage“ steht schon länger auf meiner to-read-Liste, bereits letztes Jahr habe ich damit gustiert, mir das Buch zu holen, aber irgendwie hat es sich nicht ergeben. Jetzt kommt das Buch als Taschenbuch heraus, mit einem Cover, das das Buch weit besser repräsentiert als das der broschierten Ausgabe. Zeit, zuzuschlagen.

Faye heißt eigentlich Matilda und kommt vom Land. Mit 18 kommt sie von dort nach Stockholm, um an der Handelshochschule zu studieren. Bis sie wieder aufhört damit, denn sie hatte ja nun Jack Adelheim, den smarten Mann mit blauem Blut und einer Firma, die ihn zum Multimillionär gemacht hat – was braucht frau denn mehr? Unabhängigkeit, oder einen Uni-Abschluss zum Beispiel – im Idealfall beides. Aber nein, stattdessen geht Matilda äääh Faye jeden Freitag mit ihrer verhassten Clique essen, wo allerdings höchstens an einem Salatblatt herumgeknabbert wird. Als sie Jack bei einem Seitensprung erwischt, sagt er sofort, dass er sich scheiden lassen will. Und das ist Fayes Startschuss für ein neues Leben.

Eines vorweg, was mich anfangs ziemlich verstimmt hat. Die Taschenbuch-Ausgabe kommt nicht nur mit einem neuen Cover – was durchaus okay ist –, sondern auch mit neuem Untertitel (der alte: Trau ihm nicht. Trau niemandem.) und neuem Klappentext. Da es der erste Teil einer Reihe ist, musste ich erst mal recherchieren, ob es wirklich der Erste ist. Dabei habe ich leider die ersten Wörter des Klappentextes zum zweiten Teil gelesen, der im August heraus kommt, und mir damit direkt das Ende vom ersten Teil gespoilert. Liebe Verlagsmenschen: Das muss nicht sein.

Gleich zu Beginn lesen wir eine Abhandlung über Pornos in bildhafter Sprache, gefolgt von einer sehr explizit beschriebenen Sexszene zwischen Jack und Faye. Läckberg geizt also keineswegs mit nackten Tatsachen, was bestimmt ein guter Reinkommer ist, in ein Buch, das sowas eigentlich nicht nötig hat, dem es aber auch nicht schadet. In drei Teilen und lediglich vier Kapitel erleben wir die Metamorphose einer unterdrückten Raupe zu einem wunderschönen Schmetterling namens Faye, die mit allen Wassern gewaschen ist und ihre ganz eigene tragische Vergangenheit hat. „Golden Cage“ ist ein zutiefst feministisches Buch und behandelt ähnliche Themen wie Chandler Bakers „Whisper Network“ – da wie dort schlagen die Protagonistinnen weit über die Stränge, was man allerdings auch als literarisches Stilmittel sehen kann.

Auch wenn die Geschichte von „Golden Cage“ in der Schicht der oberen Zehntausend spielt, betreffen die Themen darin auch alle Schichten darunter. Dabei geizt das Buch nicht mit Emotionen – vor allem Wut hat es bei mir ausgelöst. Über Jack, weil er so ein Arschloch ist, aber auch über Faye, weil sie so blind ist. Vor allem, weil wir in Rückblenden auch eine andere Faye kennenlernen, eine selbstbewusste, starke Frau, die genau weiß, was sie will. Am Rande der Handlung spielt auch noch ein Gewaltverbrechen eine Rolle, das am Ende zum Tragen kommt.

Das Buch kennt keine Längen und ich durchgehend spannend und interessant. Unterteilt werden die langen Kapitel (teilweise über hundert Seiten) durch Absätze, nach denen man gerne pausieren kann – aber eigentlich will man das nicht. Leseempfehlung!

Daten zum Buch 

Autor: Camilla Läckberg
Titel: Golden Cage – Die Rache einer Frau ist schön und brutal.
Originaltitel: En bur av guld
Übersetzung: Katrin Frey
Seiten: 384
Kapitel: 4
Erschienen am: 29. März 2020
Verlag: Ullstein
ISBN: 978-3471351734
Preis Print: 17,99 Euro
Preis Digital: 14,99 Euro
(Preise können abweichen)

Rezensionsexemplar

[Rezension] Megan Goldin: The Escape Game – Wer wird überleben?

Vier Menschen, ein Aufzug, kein Entkommen. Vincent ruft sein Team zu einer Teambuildingmaßnahme. Die vier Wall-Street-Banker – Sylvia, Sam, Jules und er selbst – müssen innerhalb einer Stunde versuchen, mithilfe von Rätseln, die sie lösen müssen, aus dem Aufzug zu kommen – der klassische Escaperoom. Die ersten Rätsel sind einfach, die vier sind optimistisch, der klaustrophobischen Atmosphäre bald zu entkommen. Doch dann geht das Licht aus, die Temperatur steigt, und die Stimmung schlägt um. Nach einer Stunde erkennen die vier Banker, dass das kein Spiel ist, sondern eine tödliche Falle …


Für die meisten von uns sind Zahlen ein Buch mit sieben Siegeln, Mathe ein Graus und die Bankenwelt undurchschaubar. Eine Welt, die von alten weißen Männern in Einreihern dominiert wird. Genau dieses Bild zeichnet auch Megan Goldin in ihrem neuestem Thriller, in dem die Wall Street mit all ihren Wirren die Hauptrolle spielt.

Sara Hall ist Teil der Wall Street, sie hat einen der begehrten Arbeitsplätze im Epizentrum der Weltwirtschaft ergattert. Sie wollte ursprünglich Medizin studieren, um ihrem Vater, der sein halbes Leben gesundheitliche Probleme hat, sein Leben voller Arztrechnungen zu erleichtern. Doch das Studium dauert zu lange, und da ihre Mutter plötzlich auch Probleme bekommt und das Geld hinten und vorne nicht mehr reicht, studiert sie Wirtschaftswissenschaften und BWL und heuert an der Wall Street an. Das erste Vorstellungsgespräch ist gelinde gesagt eine Katastrophe, der Personalchef ein sexistisches Arschloch, der nur versucht, seine Quote zu erfüllen. Am Heimweg trifft sie dann Vincent von Stanhope – dem begehrtesten Unternehmen an der Wall Street. Er leitet dort ein Team aus fünf Leuten, Sylvia, Sam, Jules, Lucy und jetzt auch Sara. Sara verdient jetzt richtig viel Geld, reist um die Welt – sie ist eine gemachte Frau. Doch der Preis ist hoch, genau wie der Druck. Freizeit wird zur Mangelware.

Megan Goldin zeichnet ein sehr klares Bild der Wall Street: androzentristisch, geldgeil, sexistisch. Eine Welt, in der auf Vitamin B gesetzt und auf den Gender Pay Gap geschissen wird. Sie bestätigt damit alle Klischees, die wir von der freien Wirtschaft kennen. Und dann – ach ja, da war ja noch was – ist da noch der Thriller. Ein Thriller, der zunächst an alle Dan Browns erinnert – eine Schnitzeljagd ohne Jagd. Und ohne – sind wir ehrlich – Schnitzel. Denn die Rätselrallye endet in einem Gemetzel, das verrät uns schon der Prolog.

Zwischen der Kapitel im Lift lesen wir immer wieder über Sara Hall in der ersten Person. Wir lesen über ihr Leben und ihrem Werdegang. Neben Sara, Sylvia, Sam, Jules und Vincent lernen wir auch noch Lucy kennen. Sie ist Analystin und hat Asperger – einer Form von Autismus. Und das fand ich interessant, denn auch JP Delaney thematisiert Autismus in seinem aktuellen Buch „Tot bist du perfekt“ sehr stark. Ich frage mich öfter, ob es im Internet ein Bestseller-Forum gibt, in dem sich Autoren über die Themen beraten, die sie in ihren Büchern besprechen wollen. Es ist nicht das erste Mal, dass in aktuellen und mittlerweile nicht mehr so aktuellen Büchern dieselben Themen von verschiedenen Autoren in Szene gesetzt werden.

„The Escape Game“ ist aber nicht nur interessant, sondern auch verdammt spannend. Als Leser will man nicht nur wissen, ob es die vier aus dem Lift schaffen, sondern auch, was dahintersteckt. Ein lesenswertes Buch.

Daten zum Buch 

Autor: Megan Goldin
Titel: The Escape Game – Wer wird überleben?*
Originaltitel: The Escape Game
Übersetzung: Elvira Willems
Seiten: 432
Kapitel: 51
Erschienen am: 2. März 2020
Verlag: Piper
ISBN: 978-3492314794
Preis Print: 8 Euro
Preis Digital: 8,99 Euro
(Preise können abweichen)

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[Rezension] Elizabeth Kay: Sieben Lügen

Mit einer Notlüge beginnt es, dem folgen weitere Lügen und ein Mord. Jane mag ihre beste Freundin Marnie – deren Freund allerdings nicht. Jeden Freitag ist sie bei den Zweien zum Essen eingeladen – manchmal kommt sie mit Begleitung, manchmal ohne. Seit sie ihren Ehemann Jonathan bei einem tragischen Autounfall verloren hat, findet sie keinen festen Freund mehr, weshalb sie sich an Marnie klammert. Doch da ist ihr Freund Charles, der sich zwischen sie drängt – also muss er weg. Doch da hat sie die Rechnung ohne Valerie gemacht. Valerie ist Journalistin und betreibt einen reißerischen Blog, um ihre Karriere voranzutreiben – sie stürzt sich auf Charles‘ Tod und kommt Janes Geheimnis immer näher …


Jeder von uns lügt, bewusst oder unbewusst, das kann keiner abstreiten. Elizabeth Kay hat ein Buch übers Lügen geschrieben, das mit einer Notlüge beginnt und weitere, immer größere Lügen nach sich zieht. Es geht aber auch um Freundschaft, und wie man Freundschaften interpretiert.

Jane und Marnie kennen sich seit achtzehn Jahren, sie lernten sich kennen, als beide elf waren, studierten gemeinsam und lebten zusammen. Bis Jane Jonathan kennenlernte und von heute auf morgen mit ihm zusammenzog. Jane arbeitet bei einem Online-Versandhandel und Marnie ist Videobloggerin. Sie kocht, backt und dreht Videos darüber. Janes Mutter ist dement und ihre Schwester dürfte magersüchtig sein – genau wird das aber nie erwähnt, und ich kenne mich in dem Metier zu wenig – eigentlich gar nicht – aus, um da eine Diagnose zu treffen. Im Prinzip hat Jane außer Marnie niemanden und sie zeigt auch keine Ambitionen, das zu ändern. Eher das Gegenteil ist der Fall, wie man am Beispiel Charles sieht.

„Sieben Lügen“ ist ein Monolog über sieben Lügen, die die Protagonistin – oder ist sie eher eine Antagonistin? – einem anderen Subjekt oder Objekt erzählt. Wem sie es erzählt, kann man nur mutmaßen – ist es ihr Anwalt, ein Stoffteddy oder ihre demente Mutter? –, es kommt erst am Ende heraus. Auch wenn die Geschichte dann nicht mehr zu hundert Prozent stimmig ist, was die Erzählweise betrifft.

Die Geschichte ist definitiv interessant, aber einen Spannungsbogen sucht man lange, denn außer, dass man wissen will, wem sie diesen ellenlangen Monolog erzählt, ist da zunächst nichts. Man muss schon um die 200 Seiten lesen, bis Kay dann doch eine Idee kommt, um etwas Spannung reinzubringen – warum sie diese irgendwann aber doch wieder verwirft, hab ich nicht ganz verstanden. Generell ist das Ende relativ offen, was mich dann etwas unbefriedigt zurückgelassen hat.

Was mich leider maßlos aufgeregt hat, waren allerdings die vielen Apostrophfehler, für die weniger die Autorin etwas kann, dafür umso mehr der Übersetzer Rainer Schumacher. Ich bin beileibe kein Grammar Nazi, ich könnte euch nicht mal die Grammatikregeln erklären, ich war in der Schule so schlecht in Deutsch, dass ich regelmäßig fast sitzen geblieben wäre. Irgendwann habe ich ein Gefühl für Grammatik entwickelt und beherrsche zumindest drei Dinge perfekt: die das-/dass-Schreibung, die Beistrich-, und die Apostrophsetzung. Man muss aber nicht mal Perfektionist sein, um zu wissen, dass man bei Namen mit einem S am Ende – wie eben jener von Charles – nicht jegliches Apostroph ignorieren kann. Zum Beispiel bei „Charles‘ Schwester“ oder „Charles‘ Kasten“. Leider fällt mir genau das aber in den letzten Jahren immer öfter auf – egal ob in Büchern oder Qualitätszeitungen.

Das kann man penibel nennen, aber solche Fehler kann ich nicht ignorieren, weshalb sie mir ein sonst solides Buch leider etwas madig gemacht haben.

Daten zum Buch 

Autor: Elizabeth Kay
Titel: Sieben Lügen *
Originaltitel: Seven Lies
Übersetzung: Rainer Schumacher
Seiten: 384
Kapitel: 46
Erschienen am: 28. Februar 2020
Verlag: Lübbe
ISBN: 978-3785726693
Preis Print: 15 Euro
Preis Digital: 6,99 Euro
(Preise können abweichen)

 

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[Rezension] JP Delaney: Tot bist du perfekt

Tim ist Inhaber von Scott Robotics, einem Silicon-Valley-Start-up, das Roboter herstellt. Tim ist Visionär und ein richtiger Nerd. Doch Tim ist alleine, seit seine Frau Abbie verstorben ist. Deshalb hat er sich jetzt einfach ersetzt, indem er einen Roboter gebaut hat, der aussieht wie sie. Er sieht nicht nur aus wie Abbie, er spricht, denkt und fühlt wie sie – denn es ist der erste Roboter mit Empathie. Diesem wurden alle Informationen zu Abbie eingepflanzt, damit er Abbie zum Verwechseln ähnlich ist. Und beide sind glücklich, sogar Tims autistischer Sohn Danny akzeptiert seine neue Mutter, und so leben die drei relativ glücklich beisammen – bis Roboter-Abbie nicht nur ein geheimnisvolles iPad findet, sondern auch mysteriöse SMS von einem „Freund“ bekommt. Sie beginnt daraufhin, über Realo-Abbie nachzuforschen, und fragt sich bald darauf: Ist Abbie vielleicht gar nicht tot …?


JP Delaney hat sich seit seinem ersten Buch zu einer meiner Lieblingsautoren entwickelt. Er liefert konstant gute Unterhaltung. Nun also erschien sein drittes Buch, worin er eine ganz neue Richtung einschlägt – die wird auf den ersten Blick nicht jedem gefallen, aber Delaney macht es dann doch so, dass sie einer breiten Masse gefallen wird. Oder zumindest könnte.

Der Hauptcharakter ist mitnichten Tim, der Visionär aus der Technikschmiede Silicon Valley, dessen Firma mit dem egozentrischen Namen Scott Robotics – Tims Nachname ist Scott – neben Google und Facebook residiert. Der Hauptcharakter von „Tot bist du perfekt“ ist Abbie – sowohl jene Ausführung aus der Vergangenheit, als auch dessen gegenwärtige Version als Roboter. Ihr wurden einige Erinnerungen von der echten – toten – Abbie eingepflanzt – den Rest lernt sie automatisch; es macht klack, und eine weitere Erinnerung ist da. Wie das technisch funktioniert, erklärt uns Delaney nicht – weil er es vermutlich selber nicht weiß. Zumindest lässt die Danksagung das anklingen, in der er einräumt, dass er sich nicht großartig in die Thematik eingelesen hat. Der Thriller passt einfach in die Zeit, also passt das schon, wird er sich gedacht haben – Oberflächlichkeit zieht immer. Das ist opportunistisch, aber clever.

Ein zweites Thema im Buch ist Autismus, und hier wird es nicht nur persönlich, sondern ausgesprochen sympathisch. Auch hier verweise ich auf die Danksagung. Tims autistischer Sohn Danny hat mich anfangs nur genervt. Nach und nach wurde mir der Junge, der fast ausschließlich in Zitaten aus „Thomas, die kleine Lokomotive“ spricht, immer sympathischer, weil er Ecken und Kanten hat und durch seine Andersartigkeit mehr Charakter als alle anderen Figuren hat. Anders als beim Roboter Abbie hat Delaney hier auch recherchiert. Jahrelang vermutlich – sein Sohn ist nämlich selber Autist. Spätestens hier wird das Buch nicht nur lesenswert, sondern auch sympathisch.

Das Buch beginnt wie die erste „Black Mirror“-Folge aus der zweiten Staffel. Da ihr Freund bei einem Autounfall umkam, bestellt sich die Protagonistin aus der Serie kurzerhand einen Roboter, der aussieht wie ihr Freund. Nach und nach muss sie aber einsehen, dass ein Roboter ihren Freund nicht ersetzen kann. Zumindest der Beginn von „Tot bist du perfekt“ ähnelt der Episode sehr, nur dass Tim sich den Roboter nicht bestellt, sondern selber durch seine Firma bauen lässt. Spätestens da hatte mich das Buch, denn die Episode von „Black Mirror“ hat sich nachhaltig in mein Hirn gebrannt. Danach blicken wir immer wieder zurück zur echten Abbie, als sie in Tims Unternehmen begonnen hat, ihre Ideen – Abbie war Künstlerin – umgesetzt und sich nach und nach in Tim verliebt hat – und vice versa.

„Tot bist du perfekt“ ist definitiv anders. Anders als Delaney andere Bücher. Ich habe es auch nicht als Thriller wahrgenommen, auch wenn Delaney einige Elemente eingebaut hat, die dafür sprechen, manche davon wirken regelrecht hineingezwängt, damit man das Label Thriller rechtfertigen kann. Auch die Erzählweise ist interessant, denn im Roboter-Abbies Strang wird aus der Du-Perspektive erzählt, als wollte Delaney mit dem Leser sprechen. In den Rückschauen zur echten Abbie wird aus der Wir-Perspektive erzählt. So als würde die gesamte Belegschaft von Scott Robotics über Abbie erzählen.

„Tot bist du perfekt“ ist eine interessante Reise und meiner Meinung nach nicht nur JP Delaneys bestes, sondern auch persönlichstes Buch.

Am Ende noch ein kleiner Tipp: Googelt mal Bina48 und schaut ein Video von ihr. Richtig gruselig, aber auch faszinierend.

Daten zum Buch 

Autor: JP Delaney
Titel: Tot bist du perfekt
Originaltitel: The Perfect Wife
Übersetzung: Sibylle Schmidt
Seiten: 448
Erschienen am: 9. März 2020*
Verlag: Penguin
ISBN: 978-3-328-10459-9
Preis Print: 13 Euro
Preis Digital: 3,99 Euro
(Preise können abweichen)

*eBook-Release war ein Monat früher

[Rezension] Pascal Engman: Feuerland (Vanessa Frank – Band #1)

In Schweden werden immer wieder Kinder von der Straße eingesammelt, in ein Flugzeug gepackt und nach Chile geflogen. Dort werden sie aufgeschnitten und ihnen werden die Organe entnommen, die reichen Menschen eingepflanzt werden damit sie noch ein paar Jahre an ihre Lebenszeit anhängen können. Das fällt in Schweden nicht weiter auf, weil es Flüchtlingskinder sind, die zumeist auf der Straße leben. Weniger auf der Straße, sondern eher in der Luft, hängt Vanessa Frank. Sie wurde eben vom Polizeidienst suspendiert, weil sie alkoholisiert hinterm Steuer saß und sich dabei erwischen ließ. Damit das nicht noch mal passiert, hat sie sich eine andere Beschäftigung gesucht – sie betreut unbegleitete Flüchtlingskinder. Darunter Nastasja aus Syrien, die eines Tages spurlos verschwindet …


Pascal Engman hat sich mit „Der Patriot“ einen Namen gemacht. Er hat darin ein aktuelles Thema aufgegriffen, es mit seiner früheren Tätigkeit vermengt – Engman war Journalist, bevor er sich vollends der fiktiven Literatur hingab – und daraus einen formidablen Thriller gezimmert. Jetzt startet er mit seinem zweiten Buch eine Reihe um Vanessa Frank – doch wenn es der Klappentext nicht suggerieren würde, ich hätte nicht sofort damit gerechnet, dass Vanessa Frank der Hauptcharakter des Buches ist, denn wie schon im Patrioten gibt es eine komplexe Erzählstruktur mit vielen Schauplätzen und Charakteren. Interessanterweise verliert man aber nicht den Überblick, obwohl die Charaktere kaum Tiefe haben.

Nun haben wir also Vanessa, die gerade in ein Loch gefallen ist. Nicht nur, dass sie von ihrem Job suspendiert wurde, lebt sie auch gerade in Scheidung, weil ihr Mann – ein erfolgreicher Regisseur – eine andere  (und jüngere) hat. Aber nicht nur das, er hat seine Neue auch noch geschwängert. Grund genug, um sich die Kante zu geben, und sich durch die Welt zu tindern. Als ihr das zu blöd wird, überlegt sie, möglicherweise lesbisch zu werden – Männer sind eh alle scheiße.

Es gibt noch zahlreiche andere Charaktere, aber über die lass ich mich jetzt nicht weiter aus, sonst sitze ich noch drei Tage hier. „Feuerland“ ist der Auftakt zur Vanessa-Frank-Reihe, und spätestens daran erkennt man, dass Vanessa Frank der Hauptcharakter im Buch ist. Dass Engman nach seinem grandiosen Debüt eine Reihe startet, ließ mich jetzt nicht gerade in Euphorie ausbrechen. Wobei ich nicht mal sagen kann, warum. Gefühlt ist es für mich der Weg des geringeren Widerstandes. Man muss sich nicht jedes Mal einen supercoolen, supersympathischen Protagonisten ausdenken (wobei das ohnehin nicht auf Vanessa Frank zutrifft), das Grundsetting steht auch schon mehr oder weniger von Anfang an fest – man muss sich nur ein paar Kniffe, Plot-Twists und ein bisschen Geschichte ausdenken. Aber vielleicht red ich auch gerade kompletten Bullshit. Eh wurscht, nun haben wir halt den Auftakt zu einer Reihe – der ist für sich genommen aber auch alles andere als gut. Warum?

„Feuerland“ hat insgesamt elf Teile mit kurzen bis sehr kurzen Kapiteln, nach jedem Kapitel befinden wir uns bei einem anderen Charakter und meistens auch in einem anderen Land (wir springen immer von Schweden nach Chile und zurück), was bei mir nie einen richtigen Lesefluss entstehen ließ. Da Engman auch mit Cliffhangern zurückhaltend umgeht, kam ich eigentlich nie in einen Flow. Organhandel ist zwar ein wichtiges Thema, aber da es eigentlich nur selten in den Medien vertreten ist, hat es mich nie gecatcht. Zumal Engman den Antagonisten fast sympathischer darstellt als Vanessa Frank. Vielleicht ist das Kalkül, für mich aber alles andere als glücklich.

Für mich war „Feuerland“ um einiges schlechter als „Der Patriot“ und ein alles andere als guter Auftakt zu einer Reihe.

Daten zum Buch 

Autor: Pascal Engman
Titel: Feuerland
Originaltitel: Eldslandet
Übersetzung: Nike Karen Müller
Seiten: 496
Erschienen am: 22. Februar 2020
Verlag: Tropen
ISBN: 978-3608503654
Preis Print: 17 Euro
Preis Digital: 13,99 Euro
(Preise können abweichen)

[Rezension] Jean-Christophe Grangé: Die Fesseln des Bösen

In einem Pariser Striplokal wird eine Leiche gefunden, mit der eigenen Unterwäsche erdrosselt und die Mundwinkel sind bis zu den Ohren aufgeschlitzt. Im Rachen wurde ein Stein platziert. Ein Verdächtiger ist mit dem ältlichen Maler Sobieski schnell gefunden – aber der hat ein hieb- und stichfestes Alibi. Da Kommissar Corso aber keinen anderen Verdächtigen findet, hält er an Sobieski als Täter fest – vor allem, weil er eine kriminelle Vergangenheit hat und 17 Jahre im Gefängnis verbracht hat.
Corso hat noch einen anderen Kampf zu bestreiten, nämlich den um seinen Sohn Thaddée – wenn er den Fall löst, stehen die Chancen gut, dass er das alleinige Sorgerecht erhält. Corso kämpft gegen die Zeit, zumal es nicht bei dem einen Opfer bleibt …


Stéphane Corso ist Leiter von Team 1 der Pariser Kriminalpolizei, er selbst ist einer der besten Ermittler der Stadt. Dabei hat er selber eine dunkle Vergangenheit, wuchs im Heim auf, lebte auf der Straße, war drogensüchtig und hat nicht zuletzt einen Mord begangen – bis Catherine Bompart kam, seine heutige Chefin. Sie holte Corso von der Straße, zwang ihn, das Abi zu machen und schickte ihn auf die Polizeischule; im Gegenzug sorgte sie dafür, dass er nicht für den Mord belangt wird. Während es beruflich ziemlich glatt läuft, tut es das privat so gar nicht, denn Corso steckt gerade mitten im Scheidungsprozess mit seiner Frau. Er will das Sorgerecht für seinen Sohn, weil er seine zukünftige Ex-Frau aufgrund ihrer Sadomaso-Neigungen als eine Gefahr für den Zehnjährigen hält.

Wo wir auch schon beim Thema wären, denn Sex im Allgemeinen und SM bzw. Bondage im Speziellen, spielen die Hauptrolle im titelgebenden Fesselspiel. Man erfährt so einiges über die Szene, manches davon will man vielleicht gar nicht so genau wissen. Dabei hat Corso selbst bei den – nennen wir es lusterweiternden – Spielen mit seiner Frau mitgemacht – heute verurteilt er sie dafür. Aber nicht nur das, sondern auch die Kunst ist ein großes Thema im Buch, hier steht der Hauptverdächtige Sobieski im Mittelpunkt, der die Mal- und Fesselkunst gewissermaßen in einer Melange vereint. Für Corso ist der Mann mit dem geschichtsträchtigen Namen von Anfang an schuldig. Beweise? Na ja, nicht so wirklich. Zwar hat der Maler schon vor etlichen Jahren getötet und der Modus Operandi ist ähnlich, aber nicht derselbe. Egal, denkt sich Corso, einmal Mörder, immer Mörder. Vielleicht ist Corso ja doch kein so guter Ermittler.

Ohnehin war er bei dem Fall nur zweite Wahl, denn das Buch steigt erst zwölf Tage nach dem Mord ein, bis dahin hat sich ein anderer die Fingernägel an dem Fall abgebissen und hat schnell gemerkt, dass er ansteht. Dabei sind zwölf Tage ein Klacks, wenn man merkt, wie lange Corso daran arbeitet – die Handlung zieht sich nämlich über fast zwei Jahre. Zwei Jahre in denen wir einiges mit dem Protagonisten erleben, das Konzept des Buches ist nämlich kein schlechtes. Insgesamt ist das Buch in drei Teile unterteilt, sowohl faktisch als auch erzählerisch. Zuerst haben wir einen klassischen Whodunit-Thriller, danach einen Justizthriller, um später wieder einen Whodunit-Thriller zu lesen.

Der stärkste Charakter im Buch tritt für mich erst im zweiten Teil, also nach grob 200 Seiten auf. Claudia Müller ist gebürtige Österreicherin und dreht die nach dem ersten Teil etwas eingeschlafene Handlung mal komplett auf links, um im dritten Teil noch einen viel größeren Plot-Twist einzubauen. Zwischendurch hab ich mir schon gedacht, dass die Handlung vielleicht etwas zu sehr in die Länge gezogen wird und hab dies in einem Update auf Goodreads auch kundgetan, aber in der Nachbetrachtung macht das alles schon Sinn. Als eher schwach hab ich den Hauptcharakter Corso empfunden. Er hatte für mich überhaupt kein Charisma und nichts, was mir längerfristig im Gedächtnis bleiben wird.

Auch wenn die Handlung zwischendrin einen ziemlichen Durchhänger hat und nur dahinplätschert, war ich froh, bis zum Ende durchgehalten zu haben. Zumal das Ende und die Auflösung äußerst interessant sind.

Daten zum Buch 

Autor: Jean-Christophe Grangé
Titel: Die Fesseln des Bösen
Originaltitel: La terre des morts
Übersetzung: Ulrike Werner-Richter
Seiten: 608
Kapitel: 104
Erschienen am: 31. Januar 2020
Verlag: Lübbe
ISBN: 978-3431041293
Preis Print: 16,90 Euro
Preis Digital: 11,99 Euro
(Preise können abweichen)

[Rezension] Tom Bradby: Secret Service – Du kannst keinem trauen

Kate Henderson spioniert. Sie arbeitet beim britischen MI6 und spioniert hier die Russen aus – und die haben großes vor. Denn als Kate mit ihrer Crew in Istanbul ist und einen russischen Oligarchen observiert, erfährt sie durch Zufall, dass der aktuelle Premierminister Großbritanniens an Krebs erkrankt ist. In der Tat tritt er deshalb tags darauf vor die Presse und anschließend zurück. Aber wer wird sein Nachfolger? Eben da kommen die Russen ins Spiel, denn die wollen einen von ihm instruierten Kandidaten an der Spitze sehen. Auch ein gewisser „Viper“ spielt hier eine Rolle – er ist der Mittelsmann zwischen Russland und dem neuen Premier. Da Kate Kontakte nach Russland, wo sie studiert hat, hat, fällt der Verdacht irgendwann auch auf sie  …  Weiterlesen

[Was. Wann. 11/19] Diese Bücher erscheinen im November

Bücher erscheinen immer, den Überblick zu bewahren ist nahezu unmöglich. Nicht so, wenn ihr beim Krimisofa vorbeischaut, denn ab diesem Jahr erscheint immer am Ersten des Monats ein – zumindest grober – Überblick über einige Neuerscheinungen im Krimi/Thriller/Horror-Segment. Ich erhebe keinen Anspruch auf Vollständigkeit, aber zumindest die Mainstream-Verlage sind halbwegs abgedeckt. Über einen Affiliate-Link könnt ihr das jeweilige Buch bestellen. Ihr unterstützt mit einem Kauf das Krimisofa, zahlt aber keinen Cent mehr. Weiterlesen

[Rezension] David Slattery: Der Hochstapler

Er ist gerade auf einer Party, als Rik Wallace ihn bittet, ihn zu schlagen. Er will eigentlich nicht, er kann keiner Fliege was zuleide tun, aber Wallace bedrängt ihn so lange, bis er dann doch zuschlägt. Jetzt liegt Wallace auf dem Parkplatz des Hotels und der Mörder schaut ungläubig auf die Leiche hinunter. Doch kurzerhand nutzt er die Gunst der Stunde, und übernimmt Wallaces Identität samt seines neuen Jobs am hiesigen CAT-College, wo er die Stelle des Professors der Moralphilosophie einnimmt – dass er davor keine Uni von innen gesehen hat, ist egal, man kann sich ja durchmogeln. Doch plötzlich wendet sich das Blatt, denn Wallace wird unfreiwillig Führer einer mordlüsternen Truppe … Weiterlesen

[Rezension] Benedikt Gollhardt: Westwall

Sie wollen es denen da oben zeigen, deshalb bereiten sie einen Anschlag vor. Ira sammelt von der Straße heimatlose Kinder auf und rekrutiert sie für das große Vorhaben. Währenddessen paukt Julia, denn sie will Polizistin werden. Wenn sie nicht gerade am Schießstand steht, pflegt sie ihren Vater, der nach einem Unfall mehr Zeit im Bett als sonst wo verbringt. Deshalb kommt sie auch regelmäßig zu spät zum Unterricht. Zeit für einen Freund hat sie da nicht, das fällt auch ihrer Kollegin Daria auf. Und dann lernt sie Nick kennen; der rettet sie vor dem Fahrkartenkontrolleur, denn sie hat keine Fahrkarte. Die zwei lernen sich näher kennen, und plötzlich findet Julia doch Zeit für die Liebe – bis sie ein Tattoo auf Nicks Rücken entdeckt. Ein riesiges Hakenkreuz…  Weiterlesen