[Rezension] Claire Douglas: Vergessen – Nur du kennst das Geheimnis

Kirsty hat den Traum, ein Gästehaus zu führen, also kauft sie sich kurzerhand ein altes Haus in Wales. Doch dann kommt Selena, ihre Cousine, mit der sie sich früher gut verstanden hat. Sie waren fast wie Schwestern – bis ein Vorfall Misstrauen gesät hat. Kirsty ging weg und studierte, Selena hat sie nie wieder gesehen. Hat sie sich verändert oder lügt sie immer noch so schamlos wie damals? Sie ist eine liebende Mutter geworden, kümmert sich rührend um ihre behinderte Tochter. Sie ist von ihrem Mann Nigel geflüchtet, er sei ihr gegenüber gewalttätig, sie müsse weg. Behauptet sie. Als dann Dean auch noch kommt, mit dem Selena früher eine Beziehung hatte, kommt Spannung auf. Kirsty mag ihn nicht, traut ihm nicht mit seinem schelmischen Grinsen, das nie bis zu seinen Augen reicht. Dann beginnt es: welke Blumen liegen vor der Tür, ein Strick hängt eines Tages an der Decke, und dann liegt  plötzlich jemand tot am Fuß der Treppe. Ist dieses Haus verflucht …?


Das dritte Buch von Claire Douglas erschien im April, und ich hätte es fast übersehen. Erst im Mai hab ich mir ihren neuesten Psychothriller geholt, dann lag er noch ein paar Wochen herum, aber dann habe ich mich ins „Vergessen“ gestürzt – ein Titel, der auch als Demenz-Ratgeber funktionieren könnte. Mit Demenz hat dieses Werk aber nichts am Hut; genau genommen auch nichts mit dem Vergessen.

Kirsty hat sich gemeinsam mit ihrer Mutter Carol ein altes Pfarrhaus gekauft und will ihren Traum von einem Gästehaus, einer Pension, verwirklichen. Generell ist es ein guter Zeitpunkt für einen Neuanfang, denn ihr Mann Adrian hat vor einem Jahr versucht, sich das Leben zu nehmen. Ein guter Anlass also für einen Tapetenwechsel. Nach seinem Zusammenbruch versucht sich der ehemalige Rechtsanwalt als Autor – ein Thriller soll es werden. Die Kinder – Evie und Amelia – müssen mit. Dass keine der beiden damit glücklich ist, ist wurscht – mitgehangen, mitgefangen. Und dann kommt auch noch Selena, Kirstys Cousine, mit ihrem Kind – aber dem nicht genug, denn Kirstys Halbbruder und der Ex von Selena checken ebenfalls ein. Das Geschäft brummt, aber mein erster Gedanke war: Solche Familientreffen gehen selten gut – tut es auch hier nicht.

Vor der Leiche kommt der Grusel, denn nicht nur liegt das Pfarrhaus – logischerweise – neben einem Friedhof, sondern es taucht auch eine sonderbare Puppe auf, in die sich Evie – die jüngere der beiden Töchter – sofort schockverliebt. Dass sich dann auch noch ein Gast als Esotante entpuppt, die etwas von schlechter Energie daherbrabbelt, macht die Gänsehaut-Atmosphäre perfekt. Wir finden also gleich mehrere Genres im 464 Seiten starken Buch – später kommt noch ein Whodunit-Aspekt dazu. Denn natürlich ist die Hauptfrage des Thrillers: Wer hat wen die Treppe hinuntergestoßen? Denn dass es ein Unfall war, wird schnell von der Polizei ausgeschlossen. Da ist auch die Leserschaft eingeladen, mitzuraten – als Preis winkt nichts Geringeres als … okay, es gibt nichts. Aber davon immerhin viel.

Das Buch wird in ein Davor und ein Danach geteilt – vor dem Tod und danach. Hier zählen wir jeweils die Tage. Der Prolog bietet dabei ein schönes Foreshadowing, in dem der vermeintliche Unfall schon mal grob skizziert wird. Später lesen wir dieselbe Szene noch mal, nur erfahren wir dann erst, wer das Opfer ist.

Auch wenn die Geschichte etwas braucht, um in die Gänge zu kommen, entwickelt sich das Buch irgendwann zu einem richtigen Pageturner. Ich habe schon lange nicht mehr so viele Seiten in so wenig Zeit gelesen. Trotzdem bietet „Vergessen“ einen gewissen Tiefgang, Douglas behandelt nämlich ein paar sehr interessante Themen.

Die größte Schwäche sind allerdings die Charaktere, die leider kaum Tiefe bieten, teilweise konnte ich sie nicht mal auseinanderhalten, weil sie sich so ähnlich sind. Auch empfand ich Kirsty als irrsinnig schwachen Charakter und für den Beruf als Pensionsbesitzerin eigentlich ungeeignet. Sie schafft es nicht einmal, einer Gästin zu sagen, dass ihr Hund nicht hierbleiben darf. Abgesehen davon lässt sie ihren Asthmaspray immer irgendwo liegen (das hat zwar auch andere Gründe, aber zumindest gegen Ende fallen diese weg). Ich wurde auch auf dem Buchtitel nicht wirklich schlau, denn mit dem Inhalt hat er recht wenig zu tun.

Gruselfans schlagen zu, aber alles in allem fand ich, dass „Vergessen“ bis dato das schwächste Buch von Claire Douglas ist.

Daten zum Buch 

Autor: Claire Douglas
Titel: VERGESSEN – Nur du kennst das Geheimnis
Originaltitel: Do Not Disturb: Be Careful who You Let Inside
Übersetzung: Ivana Marinović
Seiten: 464
Kapitel: 40
Erschienen am: 27. April 2020
Verlag: Penguin
ISBN: 978-3-328-10546-6
Preis Print: 13 Euro
Preis Digital: 9,99 Euro
(Preise können abweichen)

[Rezension] JP Delaney: Tot bist du perfekt

Tim ist Inhaber von Scott Robotics, einem Silicon-Valley-Start-up, das Roboter herstellt. Tim ist Visionär und ein richtiger Nerd. Doch Tim ist alleine, seit seine Frau Abbie verstorben ist. Deshalb hat er sich jetzt einfach ersetzt, indem er einen Roboter gebaut hat, der aussieht wie sie. Er sieht nicht nur aus wie Abbie, er spricht, denkt und fühlt wie sie – denn es ist der erste Roboter mit Empathie. Diesem wurden alle Informationen zu Abbie eingepflanzt, damit er Abbie zum Verwechseln ähnlich ist. Und beide sind glücklich, sogar Tims autistischer Sohn Danny akzeptiert seine neue Mutter, und so leben die drei relativ glücklich beisammen – bis Roboter-Abbie nicht nur ein geheimnisvolles iPad findet, sondern auch mysteriöse SMS von einem „Freund“ bekommt. Sie beginnt daraufhin, über Realo-Abbie nachzuforschen, und fragt sich bald darauf: Ist Abbie vielleicht gar nicht tot …?


JP Delaney hat sich seit seinem ersten Buch zu einer meiner Lieblingsautoren entwickelt. Er liefert konstant gute Unterhaltung. Nun also erschien sein drittes Buch, worin er eine ganz neue Richtung einschlägt – die wird auf den ersten Blick nicht jedem gefallen, aber Delaney macht es dann doch so, dass sie einer breiten Masse gefallen wird. Oder zumindest könnte.

Der Hauptcharakter ist mitnichten Tim, der Visionär aus der Technikschmiede Silicon Valley, dessen Firma mit dem egozentrischen Namen Scott Robotics – Tims Nachname ist Scott – neben Google und Facebook residiert. Der Hauptcharakter von „Tot bist du perfekt“ ist Abbie – sowohl jene Ausführung aus der Vergangenheit, als auch dessen gegenwärtige Version als Roboter. Ihr wurden einige Erinnerungen von der echten – toten – Abbie eingepflanzt – den Rest lernt sie automatisch; es macht klack, und eine weitere Erinnerung ist da. Wie das technisch funktioniert, erklärt uns Delaney nicht – weil er es vermutlich selber nicht weiß. Zumindest lässt die Danksagung das anklingen, in der er einräumt, dass er sich nicht großartig in die Thematik eingelesen hat. Der Thriller passt einfach in die Zeit, also passt das schon, wird er sich gedacht haben – Oberflächlichkeit zieht immer. Das ist opportunistisch, aber clever.

Ein zweites Thema im Buch ist Autismus, und hier wird es nicht nur persönlich, sondern ausgesprochen sympathisch. Auch hier verweise ich auf die Danksagung. Tims autistischer Sohn Danny hat mich anfangs nur genervt. Nach und nach wurde mir der Junge, der fast ausschließlich in Zitaten aus „Thomas, die kleine Lokomotive“ spricht, immer sympathischer, weil er Ecken und Kanten hat und durch seine Andersartigkeit mehr Charakter als alle anderen Figuren hat. Anders als beim Roboter Abbie hat Delaney hier auch recherchiert. Jahrelang vermutlich – sein Sohn ist nämlich selber Autist. Spätestens hier wird das Buch nicht nur lesenswert, sondern auch sympathisch.

Das Buch beginnt wie die erste „Black Mirror“-Folge aus der zweiten Staffel. Da ihr Freund bei einem Autounfall umkam, bestellt sich die Protagonistin aus der Serie kurzerhand einen Roboter, der aussieht wie ihr Freund. Nach und nach muss sie aber einsehen, dass ein Roboter ihren Freund nicht ersetzen kann. Zumindest der Beginn von „Tot bist du perfekt“ ähnelt der Episode sehr, nur dass Tim sich den Roboter nicht bestellt, sondern selber durch seine Firma bauen lässt. Spätestens da hatte mich das Buch, denn die Episode von „Black Mirror“ hat sich nachhaltig in mein Hirn gebrannt. Danach blicken wir immer wieder zurück zur echten Abbie, als sie in Tims Unternehmen begonnen hat, ihre Ideen – Abbie war Künstlerin – umgesetzt und sich nach und nach in Tim verliebt hat – und vice versa.

„Tot bist du perfekt“ ist definitiv anders. Anders als Delaney andere Bücher. Ich habe es auch nicht als Thriller wahrgenommen, auch wenn Delaney einige Elemente eingebaut hat, die dafür sprechen, manche davon wirken regelrecht hineingezwängt, damit man das Label Thriller rechtfertigen kann. Auch die Erzählweise ist interessant, denn im Roboter-Abbies Strang wird aus der Du-Perspektive erzählt, als wollte Delaney mit dem Leser sprechen. In den Rückschauen zur echten Abbie wird aus der Wir-Perspektive erzählt. So als würde die gesamte Belegschaft von Scott Robotics über Abbie erzählen.

„Tot bist du perfekt“ ist eine interessante Reise und meiner Meinung nach nicht nur JP Delaneys bestes, sondern auch persönlichstes Buch.

Am Ende noch ein kleiner Tipp: Googelt mal Bina48 und schaut ein Video von ihr. Richtig gruselig, aber auch faszinierend.

Daten zum Buch 

Autor: JP Delaney
Titel: Tot bist du perfekt
Originaltitel: The Perfect Wife
Übersetzung: Sibylle Schmidt
Seiten: 448
Erschienen am: 9. März 2020*
Verlag: Penguin
ISBN: 978-3-328-10459-9
Preis Print: 13 Euro
Preis Digital: 3,99 Euro
(Preise können abweichen)

*eBook-Release war ein Monat früher

[Rezension] Claire Douglas: Still alive – Sie weiß, wo sie dich findet

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